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Medieninformatik-Student mit Visionen. Geht aber trotz Helmut Schmidts eindringlicher Aufforderung deswegen nicht zum Arzt.

Kommunalverwaltungen sollten sich nicht fuer IT-Entwicklung missbrauchen lassen

Bundesarchiv, B 145 Bild-F088837-0009 / Thurn, Joachim F. / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv B 145 Bild-F088837-0009, Berlin, Volksfest, Toiletten-Wagen, CC BY-SA 3.0 DE

„Kommunalverwaltungen sind keine IT-Entwickler“, titelte Sven Hense aus Bonn dieser Tage. Ich war zuerst reflexartig gewillt, ihm zu widersprechen: Ich hatte hier mehrfach gefordert, dass Verwaltungen genau solche Faehigkeiten internalisieren sollen, die man fuer Softwareentwicklung braucht. Und das dann auch anwenden zu koennen:

wenn dieses Digitalisierungszeug endlich mal gelingen soll […] gehoert […] auch passende Kompetenz in der Verwaltung aufgebaut. Muessen zumindest manche VerwaltungsbeamtInnen auch irgendwann mal Cronjobs und Shellscripts einrichten koennen. Muessen dafuer schnell passende VMs fuer die Verwaltung klickbar sein. Muss statt Innovationstheater mit (natuerlich nicht transferierbaren) Leuchttuermen die marode IT-Basisinfrastruktur in einen brauchbaren Zustand versetzt und kontinuierlich weiter gewartet werden koennen. Nicht unbedingt, weil die oeffentliche Hand alles selber machen koennen sollte. Im Gegenteil, moeglichst viel sollte als Commodity klickbar sein. Dafuer muesste man aber wissen, was es alles gibt, und Technikfolgen abschaetzen koennen. Und dafuer hilft es ungemein, mal ellenbogentief in APIs gewuehlt zu haben.

Ich glaube, dass meine Forderung immer noch gilt, und dass Sven Recht hat. Denn er beschreibt ein Modell, das in den letzten Jahren immer beliebter geworden ist: Die Kommunen sollen’s richten, indem sie selber die Loesungen stricken, die es braucht, aber um die sich niemand kuemmert. Also eben nicht nach dem Showing-whats-possible-doing-whats-necessary-Muster, bei dem man zeigt was moeglich waere, als Anlass der zustaendigen Stellen, endlich das zu tun, was es dafuer braucht. Sondern, indem sich Bund und Laender aus der Verantwortung stehlen und die Kommunen tragen die Last – in einem „Wettbewerb der Ideen“, der dazu noch perverse Anreize fuer ziellose Digitalisierungsperformance schafft.

Anstatt die marode IT-Basisinfrastruktur zu staerken, laeuft die Foerderschiene naemlich etwa so: Bund und/oder Laender suchen sich ein aktuelles Hypethema aus, um das man nicht herumkommt. Dafuer ist natuerlich eine „Strategie“ aufzustellen. Leider weiss man selber auch nicht so richtig, was man damit anfangen soll. Also werden Foerdermittel ausgelobt, auf die sich Regionen oder Kommunen doch bewerben moegen, und wenn alles gut geht, wird irgendeine der Foerdernehmerinnen schon etwas abliefern, was man am Ende stolz vorzeigen kann. Man hat was getan, muss sich selber nicht kuemmern, und die auserkorenen Regionen/Kommunen duerfen stolz wie Bolle sein, wie sehr man ihnen zutraut, die Zukunft der Digitalisierung mit passgenauen Leuchttuermen zum neuesten Hype auszuleuchten. Aller Seiten Egos sind gestreichelt, und jetzt muss man nur noch irgendwas entwickeln.

Bloederweise geht es dabei selten um die beklagte marode IT-Basis, die man eigentlich zappelnd und schreiend ins 21. Jahrhundert modernisieren sollte. Mit einer gewissen Weitsicht koennte man die derweil einfach im Vorbeigehen mit Teilen dieser Foerdersumme begiessen, so dass das Geld nicht ganz zum Fenster hinausgeworfen ist. Stattdessen ist meist das Gegenteil der Fall: Die gewuenschten Modellprojekte – egal ob jetzt Digitaler Zwilling, Datenraeume, Datenplattformen oder eine sonstige Mode damit abgefruehstueckt werden soll – muessen gelingen, egal was eine kritisch-unabhaengige Begutachtung ergibt. Damit dieser Eindruck aufrechterhalten werden kann, muessen irgendwelche Datenfluesse, Systeme, sonst etwas an die bestehende Legacy-IT angedengelt werden. Technische Schulden werden damit also nicht abgebaut, sondern weitere Interimsbaracken an das aechzende Gesamthaus genagelt, die irgendwann irgendein armes Team wieder abraeumen muss. Wie es mit Wartung und Unterhalt dieser Systeme aussehen soll, ist ebenfalls unklar. Ich wuerde mittlerweile sagen, dass das in gar nicht so wenigen Faellen unter dem Strich ein Draufzahlgeschaeft wird, weil die langfristigen Folgekosten die kurzzeitige Foerderung uebersteigen werden.

Leider fehlt dafuer aber viel zu haeufig ein verwaltungsinterner Blick auf die systemischen Zusammenhaenge der IT-Landschaft und wohin sie sich entwickeln sollte. Und das liegt nicht einmal daran, dass viele der in den Foerderaufrufen gewuenschten Projekte bei den Kommunen eventuell einfach am falschen Ort sind. Bei den meisten Innovation-durch-Wollen-Projekten, denen ich begegnet bin, haette man mit einem Verstaendnis dafuer, wohin man eigentlich will, gar nicht so wenig bewegen koennen. Dafuer haette es aber der Bereitschaft bedurft, nicht nur Sachmittel fuer externe Beratung und Dienstleistung auszugeben, sondern auch Kompetenz im Stellenplan zu verankern und das auch langfristig weitertragen zu wollen. Die fuer diese Entscheidung zustaendigen Gremien verfuegen aber derzeit meist selbst nicht ueber ein Gefuehl fuer IT-Strategie und Opportunitaetskosten (siehe Biancas aktuelle Kolumne), und so dreht sich das Rad weiter. Und nicht zuletzt scheint es bisweilen auch einfach egal, ob das gewuenschte Produkt architekturell ueberhaupt Sinn und Nutzen ergibt – es ging eigentlich nur um einen Dunkelleuchtturm, der Energie und Aufmerksamkeit aufsaugt und allein dem Status und Ansehen dient.

tl;dr: Es ist ultra hilfreich, Kompetenzen zu internalisieren, die man fuer Entwicklung/Betrieb/Deployment von Software braucht. Allein, um aus diesem Wissen die strategischen Pfade auszuwaehlen, die langfristig den Abbau technischer Schulden ermoeglichen oder zumindest den effizientesten Einsatz von Mitteln bedeuten. Stattdessen lagern Bund und Laender derzeit abstrakte Wunschvorstellungen ueber Giesskannenfoerderung an Kommunen aus, die viel zu oft gar nicht die richtigen Anforderungen skizzieren koennen und politisch gewollte Produkte bauen, die womoeglich sowieso niemandem etwas nuetzen.

Solarcampingbusfahrrad

(Dieser Blogpost datiert als Draft von Anfang Februar 2021 und ich wollte „nur noch“ ein paar illustrierende Bilder machen. Ende November Mitte Juli 2022 ist aber besser als gar nicht.)

Ich spiele seit Beginn der Pandemie mit einem (laut Aufschrift) 100-Watt-Solarpanel herum, an das ich mal guenstig gekommen war. Anfangs habe ich versucht, alte Bleigelakkus damit wiederzubeleben, die waren aber einfach schon jenseits ihrer Lebensdauer angekommen. Also liefen die Experimente mit drei 18650-Zellen in Serie.

Sonniger Herbsttag: Es kommen laut 6-EUR-Messgeraet 75 Wp durch.

Je tiefer ich eingestiegen bin, desto faszinierter bin ich, wie guenstig die notwendigen Komponenten mittlerweile geworden sind. Der PWM-Laderegler zum Experimentieren ist fuer unter 10 EUR inklusive Versand zu haben, bringt gleich auch zwei USB-Ladebuchsen mit und war ganz witzig fuer erste Schritte. Ich hatte mir auch diverse Bauanleitungen fuer selbstgebaute „Powerwalls“ auf 18650er-Basis angesehen, letztlich schien mir das aber alles etwas zu muehsam. Der 2020 ausgedachte Plan war also eher, das Panel mit dem PWM-Regler einfach z.B. bei laengeren Ausfluegen an die Autobatterie des Blauen Bus anzuklemmen, damit man problemlos Handys laden oder ne Kompressorkuehlbox betreiben kann und solche Spaesse, ohne dass die Batterie leerlaeuft.

Nach dem Sommerurlaub 2020 mit dem Blauen Bus fiel mir aber auf, wie gross mittlerweile die Vielfalt bei sogenannten „Solargeneratoren“ geworden ist. Das sind Akkupacks, die mit eingebautem MPPT-Solarladeregler, einem Wechselrichter fuer 230-V-Geraete, und meist noch einer Reihe typischer Anschluesse wie USB-A- und -C-Ladebuchsen, 12V-Hohlstecker und Zigarrenanzuenderbuchse daherkommen. Solche Packs kannte ich vorher z.B. von Goalzero, wo sie gerne mal 800 Euro fuer 500 Wh kosteten – umso angenehmer war ich ueberrascht, dass es mittlerweile eine grosse Vielfalt solcher „Powerstationen“ gibt, mit Preisen typischerweise unter 1 EUR pro Wh Speicherkapazitaet.

51 Watt in der Kueche durchs Dachfenster

Ich bin eine ganze Weile um das Angebot im Netz herumgetigert – die hoechstgelobte Suaoki-Station war leider im Sommer 2020 nicht mehr lieferbar – und irgendwann im Herbst ’20 bei einer Allpowers-Solarpowerbank mit 372 Wh haengen geblieben, als es sie durch Rabatt- und Gutschein- und Preisvorschlag-Senden-Kombination fuer 220 Euro gab. Fuer einen Campingurlaub zum Handys nachladen reicht das glaube ich locker, fuer spassigere Sachen (Freiluft-Beamer-Kino, Oelpumpe der Heizung bei Stromausfall versorgen, PA-Anlage unterwegs betreiben) ist die Kiste vielleicht etwas zu klein dimensioniert. Aber die Entwicklung bleibt ja auch nicht stehen – mal schauen, was es in ein paar Jahren da alles geben wird. Das Gesamtpaket ist so jedenfalls komplett in einer Box, passt zusammen, und vielleicht haette ich sowas im Eigenbau etwas guenstiger hinbekommen – aber garantiert nicht so schnell und sauber und aufeinander abgestimmt.

Spannend wird kuenftig auf jeden Fall die Entwicklungen zu beobachten und was sich da noch tut. 2020 sah es so aus als passiere da viel, auch weil die Geraete als Notversorgung fuer CPAP-Beatmungsmaschinen angepriesen wurden. 2021 schien sich die Szene wieder etwas beruhigt zu haben. Ich bin sehr gespannt, was hier noch mit anderen, zyklenfesteren Batteriechemien (v.A. LiFePO) passieren wird.

Solar mit dem Fahrrad?

Im Hinterkopf rumoren bei mir seither auch die Moeglichkeiten, was denn auf die Weise noch so alles moeglich waere. Auf den langen Ueberland-Radtouren 2013 nach Berlin und 2018 zur Ostsee hatte ich das Handy meistens im Flugmodus und mal hier und da aus der Steckdose geladen, da war nichts mit mobiler Elektrizitaet. Und andererseits reizt mich seit Jahren auch die Vorstellung, einmal eine weitere Tour mit einem groesseren Pedelec oder gar Lasti zu fahren. Einmal „weil’s geht“, natuerlich auch weil’s witzig ist, und als drittes Argument vielleicht auch, weil man mit E-Support auch ein Feldbett unterbringen koennte, fuer richtiges Luxus-Lagern statt am Feldrand auf der Isomatte zu schlafen und nachts Nacktschnecken uebers Gesicht kriechen zu haben 😉

Ich hatte aber lange keinerlei Ahnung, wie man das mit dem Solar-Laden hinbekommen soll. Am Powerpack das 230V-Akkuladegeraet anschliessen ist etwas von hinten durch die Brust ins Auge; und wie man 48V-Packs mit 18VOC-Solarpanels laden soll, hatte ich erst nicht verstanden.

Irgendwann stiess ich dann aber auf eine Solar-Bike-Weitfahr-Challenge, und das hiess ja, dass das irgendwie moeglich sein musste. Wie so oft ging es nun also darum, den richtigen Suchbegriff zu finden, um auf das richtige Geraet zu kommen 😀 Und der richtige Begriff ist hier „MPPT-Boost-Controller“, und in diesem Video wird etwas erklaert, was es damit auf sich hat:

Neben den sehr gelobten „Marken“-Boost-Controllern fuer 200 EUR gibt es naemlich auch welche, die fuer rund 30 EUR aus China zu haben sind. Ich hatte mir im Fruehjahr 2021 einen bestellt, um auszuprobieren, wie gut und wie schnell sich die typische Pedelec-Akkus damit laden lassen. Mit einer Akkuladung lassen sich bei 25 km/h Ueberland und hoher E-Unterstuetzung etwa 25 Kilometer mit dem Armadillo fahren; mit langsamerer Geschwindigkeit und mehr Eigen-Muskel-Einsatz natuerlich entsprechend mehr. Eine Option waere, gemuetlich zu fahren und immer den jeweils anderen Akku aus dem Solarpanel laden zu lassen, wobei selbst zwei 100-Watt-Panel da nicht so furchtbar weit kommen duerften.

Die andere Option (und die Idee gefaellt mir gerade sehr gut) ist, das Panel einfach stationaer aufzustellen und die Lasti-Akkus immer daraus nachzuladen. Praktisch die Idee mit dem E-Fahrzeug als dezentralem Solarspeicher, nur halt aeeeh mit Lastenrad statt Tesla und Zeug. Im Praxistest hat das jedenfalls zumindest beim Armadillo funktioniert. Unnoetig schwierig ist das derweil mit den Bosch-Akkus, die noch irgendwelche Beschaltung im Akkupack haben und mit dem Ladegeraet ueber Steuerleitungen zu kommunizieren scheinen.

PS: Die Welt ist natuerlich klein. Norbert aus der Verschwoerhaus-Ehrenamtstruppe hat auch schon bei dieser Solar-Fahrradchallenge mitgemacht. Haette ich mir ja denken koennen!

Parkraumwandler, selbstgebaut

Seit 2017 gibt es „das kleine Parkraumwunder“, das leider keine eigene Website aber eine Facebook-Fanpage hat. Und seit ich das kenne, bin ich begeistert von dem Teil und moechte das nachbauen: Es ist gemaess StVO ein Handwagen, und weil es so gross und sperrig ist wie ein Auto, muss man es auf der Fahrbahn hinter sich herziehen. Und stellt man es auf einem Parkplatz ab, wird es zum Parklet, das die Nutzung des oeffentlichen Strassenraums wieder fuer Alle zugaenglich macht.

Das Modell ist an einigen Orten mittlerweile nachgebaut worden, und dient seither als einer von vielen Beweisen, wie man angesichts von Klimakatastrophe und ueberfaelliger Mobilitaetswende auch einfach mal selber Hand an die eigene Stadt anlegen und Veraenderung bewirken kann, wenn es sonst niemand tut. Waehrend das „Original“ bis hin zur Lenkaufhaengung aus Holz gebaut ist, gibt es auch Plaene mit einem geschweissten Fahrgestell. Und mit zwei Schubkarrenreifen und ein wenig Holz lassen sich beispielsweise auch kleine fahrbare Pflanzkuebel mit Minisitzbank bauen.

Es gibt dann natuerlich wieder Kleingeister, die sagen, „aber das ist ja gar kein Fahrzeug, das ist ein GeGeNsTaNd!“ und mit dem Abschleppen des Gefaehrts drohen. Die Raumwandler in Graz haben das pfiffig geloest, indem sie ihre Plattform auf jeweils ein Schwerlastenrad aufgebaut haben. Das ist dann definitiv ein Fahrzeug 😉

Abfragen im dezentralen Semantic Web. Oder: Baut viele SPARQL-Endpunkte statt grosser Datenplattformen

Wie Abfragen ueber verteilte Wissensquellen aussehen (nicht eine Super-Datenplattform!), ist in diesem Video von 2018 schoen erklaert (danke MarcelOtto). Ein praktisches Beispiel eines federated query mit Wikidata hatten @saerdnaer und @Wikidatafacts als kleine Fingeruebung fuer den kleineren Massstab bei einem Wikidata-Workshop in Ulm entwickelt.

(quelle:internet)

Ab 09:27 kommt im Video ein anschauliches Beispiel des dahinter liegenden Paradigmenwechsels. Anstelle von Apps, die auf hardcodierte APIs zugreifen muessen (und die dann wieder angeflanscht an zentralisierte Datensilos sind), werden Abfragen im dezentralen Modell lokal synthetisiert. Die notwendigen Daten kommen dann aus denjenigen verteilten Quellen, die fuer genau diese Frage notwendig sind.

In Ergaenzung (und technisch notwenige Voraussetzung) zum auf den Kopf gestellten Nutzungsversprechen von Open Data erlaubt diese Herangehensweise eine Abkehr von zentralisierten Superdatenplattformen. Die bisherige Idee war, dass es ja eine Vielzahl von Fachverfahren gebe, deren Daten in einzelnen Silos liegen. Um das aufzubrechen muessten Verfahren standardisiert werden und alle Daten in ein zentrales Silo anliefern. Was auch bedeutet, dass z.B. einzelne Kommunen oder Bezirke ihre bisherigen Fachverfahren fuer ein Thema aufgeben und sich der Mehrheit anschliessen muesten – und sei es mit Zwang.
Im Gegenmodell waere die interne Datenhaltung oder zumindest das Ergebnis eines ETL-Prozesses der Fachverfahrensdaten ein Knowledge Graph – und ueber verteilte Knowledge Graphs lassen sich wie im Video demonstriert wunderbar Abfragen fahren, nur durch die Magie von 5-Sterne-Daten mit Semantik. Die Bausteine dafuer sind mittlerweile Jahrzehnte alt und gut abgehangen. Und eigentlich passt das auch viel besser in das Modell eines foederalen Staats, der nicht alles von oben her vereinheitlicht und nach oben hin an sich zieht, sondern auf den Ebenen auch Entscheidungsspielraeume laesst.

Lilith Wittmann ist wie immer gleich deutlich radikaler und sagt: Alles bis drei Sterne sollte eigentlich gar nicht mehr zaehlen, wir muessten noch weiter gehen und Open Data erst ab vier Sternen ueberhaupt „zaehlen“ lassen:

Open Data und das auf den Kopf gestellte Nutzungsversprechen

Tori Boeck hatte im Februar einen Artikel ueber ein sich nun seit Jahren hartnaeckig haltendes Muster in der deutschen Open-Data-Szene veroeffentlicht: Alles scheint sich um „Anwendungsfaelle“ zu drehen, und dass die tatsaechliche Nutzung offener Daten (neben der schieren Zahl veroeffentlichter Datensaetze) ein Erfolgskriterium sei.

Toris Post war mir jetzt endlich aufraffender Anlass, verschiedene Textstuecke zusammenzustellen, die ich seit einer Weile vor mir herschiebe, und im Mai war das nun endlich alles so weit, dass ich einen ersten Entwurf beim Kommunalen Open Data Barcamp vortragen konnte. Denn dieser Fokus „die oeffentliche Hand soll Open Data bereitstellen, damit Dritte irgendetwas damit tun“ ist einer der fundamentalsten Missverstaendnisse des letzten Jahrzehnts in dieser Szene. Und ich fuerchte, dieses Missverstaendnis sabotiert seit Jahren die eigentlich anzugehenden Aufgaben.

Eine Quelle dieses Missverstaendnis koennte das typische “Showing what’s possible“-Muster aus dem Digitalen Ehrenamt sein. An einem konkreten Beispiel wird gezeigt, was mit offenen APIs und/oder offenen Daten oder einem besseren User Interface moeglich waere. Dabei ist beinahe egal, ob man nun einen bestehenden Dienst besser macht (wie z.B. kleineanfragen.de das tat), oder ob man an einem ganz konkreten Beispiel (fuer das man irgendwie an Datenpunkte kam) ein anschaulich nutzbares Produkt baut, wie die Trinkwasser-App.

Wolfram Eberius, Cfg-summit-20211127-codefor-berlin-02, CC BY-SA 4.0

Ende November hatten wir im Netzwerk Code for Germany einmal versucht, typische Aktivitaeten der lokalen Open-Data-Arbeitsgruppen einzuordnen, und an vielen Stellen kam dieses „showing what’s possible“ zur Sprache. Menschen machen das aus den verschiedensten Beweggruenden: Weil sie selber einen praktischen Anwendungsfall fuer das Ergebnis haben. Weil sie zeigen wollen, was geht. Oder einfach auch nur aus Spass.

An vielen Orten entstanden genau so vor ca. 10 Jahren die ersten veroeffentlichten Datensaetze. In Ulm hatte die Gruppe Engagierter einzelne Datensaetze per Mail von der Stadtverwaltung erhalten, und beispielsweise die Geodaten der Stadtbezirke selber zum Download und ueber eine CouchDB ausgespielt, und in Click-that-Hood praktisch erfahrbar gemacht.

Andere Staedte sprangen auf den „Trend“ auf. Datensaetze wurden immer noch haendisch herausgesucht und veroeffentlicht – und meist orientierte man sich dabei an den Datensaetzen, die bereits anderswo veroeffentlicht oder gar in einen praktischen Anwendungskontext bezogen wurden. Und nebenbei glaubte man, dass Datenportale hermuessten, Metadatenbeschreibungen fuer jede Excel-Liste im Datenportal wurden umstaendlich gepflegt, und viel dergleichen haendische Arbeit mehr.

Auf der zivilgesellschaftlich engagierten Seite entstand dadurch der empfundene Druck, die bisherigen Konzeptprototypen und Showcases zu „redeployen“. Anderswo gab es nun auch Stadtbezirks-Geoshapes, Trinkwasserinformationen und dergleichen mehr. Also, war die Annahme, muesse man die aktuellen Daten nun auch in einen lokalen Ableger dieser Showcases einpflegen. Gleichzeitig stieg die Erwartung, dass diese Beispielvisualisierungen auch auf lange Frist unterhalten und gepflegt werden wuerden. Und an den Orten, an denen sich niemand auf die aufwaendig bereitgestellten Daten stuerzte, war die Enttaeuschung gross. Denn wofuer macht man sich ueberhaupt den Aufwand?

Tbachner, Container Terminal Dortmund 12.01.2013, CC BY 3.0

Eigentlich seltsam, denn die Metapher ging ja eigentlich schon lange dahin, dass die Bereitstellung offener Daten so etwas wie ein automatisierter Containerhafen werden sollte – derweil die Daten immer noch wie haendisches Stueckgut aus den Fachverfahren und Excel-Listen herausgetragen werden.

Und da sind wir eigentlich am Kernproblem: An viel zu vielen Stellen wird haendisches oder maessig automatisiertes 3-Sterne-Open-Data immer noch als akzeptables Zwischenziel angesehen.

Wir erinnern uns aus dem Covid-Daten-Beispiel: Bis zu 3-Sterne-Daten kommen als CSV daher – ohne Informationen, was eigentlich in welcher Spalte steht und was das sein soll. Ist es ein Datum? Ein Strassenname? Die Zahl der Infizierten am gestrigen Tag? Wenn ich das auswerten will, muss ich das meinem Parser erst einmal haendisch pro Spalte beibringen. Und wenn das RKI die Reihenfolge der Spalten aendert, faellt der Parser auf die Nase.

Ich glaube, dass all das damit zusammenhaengt, dass in der Regel intern gar nicht die Voraussetzungen vorhanden sind, um mit diesen Daten in groesserem Umfang etwas anzufangen. Die Listen sind Datenbasis fuer (haendisch erstellte) Reports, (haendisch erstellte) Schaubilder, aber es sind weder die notwendigen Werkzeuge noch die notwendigen Infrastrukturen vorhanden, um schon verwaltungsintern Daten ueberhaupt strukturiert abzulegen und dann an anderer Stelle damit zu arbeiten – idealerweise mit dem Ziel eines Knowlege Graphs fuer 5-Sterne-Open-Data.

Und gerade weil die notwendige Voraussetzung fuer die Herstellung eines solchen Zustands eine hervorragende IT-Infrastruktur auf dem Stand der Technik ist, muessen wir die bisherigen Herangehensweisen weitgehend auf den Kopf stellen. Bisherige Beispielkataloge, was denn ueberhaupt als Open Data veroeffentlicht werden koennte, orientieren sich meist daran, was anderswo da war. Das waren aber eben entweder die beruechtigten “Low Hanging Fruits”, oder eben Datensaetze fuer die genannten Proofs of Concept. Das ist aber meist komplett losgeloest von einer internen Nutzung, die ueberhaupt erst die Motivation und den Anlass geben koennte, die dafuer notwendigen Strukturen aufzubauen. Idealerweise wuerde eine Strategie nicht damit beginnen, die hunderten Fachverfahren zu kartieren und wie man deren Daten per ETL herauskratzen kann. Sondern (mit einer klaren Strategie zu Linked Open Data im Kopf!) praktische Anwendungsfaelle zu finden, in denen Einheit A intern Daten braeuchte, die Einheit B bislang unstrukturiert ablegt oder auf Zuruf aufbereitet – und dann beginnt, Prozesse fuer die automatische Verdatung zu bauen. Inklusive des Aufbaus der notwendigen Kompetenzen und des Unterbaus, um das selber machen zu koennen oder zumindest den Weg dahin kompetent selbst zu bestimmen. Open Data darf kein Mehraufwand sein, sondern faellt quasi als Abfallprodukt aus besseren Prozessen heraus – wer etwas veraktet, produziert automatisch Linked Data, das bereits behoerdenintern nachgenutzt werden kann. Der Open-Teil ist dann „nur“ noch eine Frage dessen, was nach aussen veroeffentlicht werden soll.

Veranstaltungs-Nachbesprechungen, aber verteilt. Hybrid forever!

Am Donnerstag war eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu „Digitaler Souveraenitaet“, und natuerlich musste ich da unbedingt mal reinschauen. Eigentlich war die in Praesenz in Karlsruhe geplant, und da waere ich auch extra hingefahren. Kurz vorher gab es aber einen Schwenk auf online, und das ermoeglichte auch vielen anderen Leuten aus dem weiteren Civic-Tech-Umfeld, teilzunehmen.

Abgesehen von einigen Seltsamkeiten (siehe Liliths Tweet) war das ein spannender Austausch, und im Chat gab es eine rege Diskussion auch mit Menschen, die offenbar Kommunalbackground hatten. Etwas den Rahmen verschoben hatte die Anwesenheit von MdL Jonas Hoffmann, dessen Forderungen zur Vermarktung oeffentlicher Daten ich hier schon kommentiert hatte. Das loeste natuerlich den Bedarf zu weiterer Diskussion aus – wohlgemerkt leider nicht „auf der Veranstaltung selbst“, denn von den vielen Diskussionsstraengen im Chat wurde nur wenig offiziell ausgewaehlt und besprochen. Aber Liliths gewohnt provokante Art sorgte dafuer, dass wir uns fuer nach der Veranstaltung noch in einem Twitter Space verabredeten und dort auch noch eine Stunde quatschten. Die Aufzeichnung ist auch nachhoerbar (im Tweet verlinkt).

Ich will jetzt gar nicht auf das Fuer und Wider von Twitter Spaces (oder anderen solchen Walled Garden) eingehen. Ich wuenschte, es gaebe mehr Alternativen, aber am Ende wird mir dann wieder unironisch die Forderung nach Digitalkommunismus vorgeworfen.

Was ich viel spannender fand: Jemand meinte im Codeforde-Austauschchat, dass man selber ja nicht nochmal eine Stunde investiert haette fuer so eine Nachbesprechung. Aber andererseits war das ja genau das Format, wie man es frueher in der Hosenwelt nach einer Praesenzveranstaltung gehabt haette mit rumstehen und quatschen. Nur dass es sich jetzt weniger in Teildiskussionsrunden aufteilt – und dass Leute von ganz woanders teilnehmen und mitdiskutieren koennen, die in Praesenz nicht unbedingt dabei sein koennten.

Ich glaube ja zwar nicht an eine Rueckkehr in „ein Leben wie vor der Pandemie“. Hybride Veranstaltungen sollten ganz normal werden. Aber ich baue jetzt schon ein wenig in meinem Kopf Setups, wie wir eigentlich auch bei Teilpraesenz-Veranstaltungen gerade solche Nach-Diskussionsrunden unter Einbeziehung moeglichst vieler nicht-anwesender Dritter technisch gut abwickeln koennen. Im Verschwoerhaus hatte der Verein diesen Winter richtig dick Geld in die Hand genommen, um genau solche hybriden Sachen noch besser abwickeln zu koennen (Symbolbild oben). Und uns ist immer wieder aufgefallen, dass all die praktischen Faehigkeiten aus Congress-Streaming, bisherigen Veranstaltungen und natuerlich den Erfahrungen aus pandemischen Loesungen total viel Wissen und Skills aufgebaut haben, die sich relativ gut auf solche Situationen uebertragen lassen duerften.

Ich wuerde das fuer einen grossen Gewinn halten.

Was tun in Krisen: Technologie ist nicht (immer) die Loesung

Ich sass die letzten Tage – vermutlich wie viele andere – oft doomscrollend die Lage in der Ukraine beobachtend herum. Und das ist der Kern: Man sitzt da, man kann beobachten, aber viele fuehlen sich hilf- und machtlos und wuerden gerne etwas tun.

Das trifft offenbar vor allem gerne die Gruppe von Menschen, die es sonst gewohnt ist, viel Zuspruch und Lob dafuer zu bekommen, mit ihren auf dem Markt gefragten Faehigkeiten Dinge zu entwickeln. Und so scrollen mir regelmaessig Vorschlaege und Ideen durch die Timeline, die sich vor allem um Tech-Solutionismus drehen: Irgendetwas bauen, was helfen kann, oder Technologie ausrollen, die… irgendetwas zum Besseren dreht.

Ich verstehe die reinherzige Motivation dahinter. Man fuehlt sich verpflichtet, etwas zu tun. Und sich in einem schnell zusammengefundenen Team zusammenzutun und die eigenen Faehigkeiten einzusetzen, gibt einem das Gefuehl, einen Beitrag zu leisten und wenigstens nicht nur dabeizustehen und nichts tun zu koennen.

Derweil ist dieses Engagement und diese Geschaeftigkeit in vielen Faellen wenig mehr als Selbstzweck. Er bereitet den dabei Engagierten ein gutes Gefuehl und gegebenenfalls auch tolle Publicity, traegt aber wenig zu einer wirklichen Loesung bei, sondern schadet im Zweifel sogar.
In ganzer Laenge daher ein Twitterthread dazu, um etwas Kontext zu schaffen:

tl;dr: Im Zweifel hilfst du als Tech-Person mit schnoedem Geld und Unterstuetzung bestehender Aktivitaeten und Gruppen mehr, als wenn du jetzt anfaengst, Dinge neu zu erfinden. In ukrainischen Staedten fuellen BewohnerInnen Molotowcocktails, um den Angriff einer mechanisierten Armee abzuwehren. Und tausende junge russische Soldaten, die offenbar weitgehend ahnungslos in einen Krieg geschickt wurden, liegen tot auf Strassen und Feldwegen. Das ist kein Zeitpunkt, um sich als Schreibtisch-Tech-Held zu profilieren.

(PS, heute 15 Uhr Demo in Ulm)

DigSouv als Handlungsfaehigkeit

Ein kleiner Nachtrag zur Digitalen Souveraenitaet: Anne Roth hatte diesen Artikel von 2015 auf netzpolitik.org gefunden, in dem Anna Biselli den damaligen Aufschlag des Bitkom zur „Digitalen Souveraenitaet“ kommentiert.

Spannend finde ich, dass sowohl der Artikel als auch das Bitkom-Positionspapier Fragen ueber den „blumigen“ (netzpolitik) bzw undefinierten (Bitkom) Begriff aufwerfen. Waehrend Biselli aber sogleich die fehlende Erwaehnung von Open Source bemaengelt und die Interpretation ins Spiel bringt, nicht auf „Technologie von US-Firmen“ angewiesen zu sein (territoriale Komponente, check), finde ich die Darstellung des Bitkom total interessant.

DigSouv wird dort naemlich als Handlungs- und Entscheidungsfaehigkeit oder vielmehr -kompetenz dargestellt und in Kontrast sowohl zu Fremdbestimmung als auch Autarkie gestellt. Und wenn man das einmal aus der Denkweise heraushebt, dass es dabei um die Fertigung von Software und Technologie geht, halte ich das nicht einmal fuer ein schlechtes Modell.

Am Beispiel der oeffentlichen Hand hiesse das z.B., dass man einerseits nicht in der Beratertreppe landet (schon die Ausschreibung muss extern vergeben werden, weil im Haus niemand Ahnung von der Materie und von Techstrategie hat), und andererseits auch nicht alle Raeder selbst erfinden will („wir pflegen unsere Datensaetze in einem historisch gewachsenen Gemisch aus Windows Server, einem Rudel Excel-Files und hoffnungslos an den Anforderungen vorbeigehenden On-Prem-Datenbanken“). Vielmehr ist man selber in der Lage, die eigenen strategischen Ziele zu ueberblicken, Baustellen in der Infrastruktur zu erkennen und diese gemeinsam mit kuenftigen Zielmarken abzuhaken.

Das halte ich eigentlich fuer ganz erstrebenswerte Ziele. Vielleicht hilft es ja, das einfach als Handlungs- und Entscheidungskompetenz zu bezeichnen und damit den Ballast des magischen Souveraenitaetsbegriffs ueber Bord zu werfen.

Der Wirtschaftstraum vom Datenraum

Ist das ein Datenraum?
Photograph of the Division of Classification and Cataloging, 1937, gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

In den letzten Jahren begegnet man immer wieder Pressemitteilungen zu „Datenraeumen“. Egal ob „urbaner Datenraum“ oder „Datenraum Mobilitaet“, aus irgendwelchen Gruenden will man nun nicht mehr nur Daten haben, sondern in der schoenen Tradition der Komposita muss man jetzt irgendwas dranhaengen, und jetzt ist es eben ein „Raum“.

Ich habe lange nicht verstanden, was es damit auf sich haben soll, und witzigerweise enden auch Nachfragen, was denn der Unterschied eines Datenraums zu einer Datenbereitstellung ist, oder was einen urbanen Datenraum so urban macht, oft in Handwaving. Urbane Datenraeume sind offenbar deswegen urban, weil sie mit urbanen Datenplattformen passieren. Klar.

Erst die Vorstellung der „Datenraum Mobilitaet“ im Open Transport Meetup im Mai 2021 liess einige Lichter bei mir aufgehen. Und gleichzeitig ergaben auch einige andere Projekte, naja, nicht wirklich einen Sinn, aber ihre Intention wurde mir etwas klarer. Und oh boy, laesst sich die oeffentliche Hand da gerade wieder spektakulaer ueber den Tisch ziehen.

Aus sehr sehr weiter Entfernung klingt die Mischung aus Datenraum und zugehoerigen Datenplattformen gar nicht so ganz verkehrt: Irgendwie (vielleicht magisch) sollen Datenpunkte aus verschiedensten Quellen mittels eines Enterprise Service Bus eingesammelt und vereinheitlicht bereitgestellt werden. Und zweitens soll dieser Datenraum am Ende dann alles koennen: Dort sollen nicht nur Daten der oeffentlichen Hand landen, sondern auch von Unternehmen, von BuergerInnen, alles ist an einem Ort, Rehkitze springen hocherfreut durch die bluehenden Landschaften usw usf.

Bei genauerem Hinsehen stellen sich dann aber einige Fragen:

  • Warum sollte ich als Privatperson oder Unternehmen die von mir erhobenen Datenpunkte auf dieser urbanen Datenplattform veroeffentlichen? Oeffentlich betriebene Internetdienste haben nicht den allerbesten Track Record dafuer, dass sie dauerhaft verfuegbar sind, dass URIs stabil bleiben, dass es keine ueberraschenden Datenreichtuemer gibt, dass Patches schnell eingespielt werden, etc pp.
  • Wie soll denn eine Plattform alles koennen? Also gleichermassen einigermassen statische (versionierte) Datensaetze, aber gleichzeitig auch Zeitreihen z.B. von Sensornetzwerken?
  • Wenn es am Ende (eigentlich logisch und notwendigerweise) sowieso mehrere verschiedene Plattformen fuer verschiedene Zwecke sind: Warum dann nicht gleich in Richtung Semantik und 5-Sterne-Open-Data arbeiten?
  • Und wenn man in Richtung 5-Sterne arbeitet – ist dann ein verteiltes und verlinktes System nicht eh viel gescheiter, und es ginge einzig darum, passende Infrastruktur als Commodity einkaufen zu koennen (wovon auch die oeffentliche Hand profitieren wuerde)?

Das sind zumindest die Fragen, die ich mir parallel bei den Vorstellungen diverser Datenraeume und beim Betrachten von vermeintlich alles koennen sollenden Datenportalen gestellt hatte. Bis es eben bei der Vorstellung des Datenraums Mobilitaet klick machte: Das alles ergibt genau dann einen Sinn, wenn man von einer Annahme ausgeht, die ich gar nie in Betracht gezogen hatte, weil sie so grotesk und hanebuechen ist: Naemlich, dass man irgendwie Eigentum an Daten haben und sichern kann. Im Zweifelsfall per Digitalem Rechtemanagement.

Vielleicht ist daher die Anlehnung an den (physischen) Datenraum auf neutralem Boden im Rahmen eines Konzernverkaufs oder einer Uebernahme abgeleitet: Die oeffentliche Hand soll ein System bereitstellen, in das sie selbst und privatwirtschaftliche Unternehmen Datensaetze einstellen koennen, und dann sollen die Beteiligten auf irgendeine Weise entscheiden koennen, wer Zugriff auf die geteilten Datensaetze bekommt und zu welchem Zweck sie genutzt werden koennen.

Das Framing findet beispielsweise im Rahmen magischer Begriffe wie der „Digitalen Souveraenitaet“ statt: Man moechte die Kontrolle behalten, auch nachdem man etwas veroeffentlicht hat, und diese Kontrolle verleiht einem irgendwie Souveraenitaet. Dass das de facto eben nur mit digitalen Rechteverwaltungsverfahren geht, faellt stillschweigend unter den Tisch. Das ganze Verfahren ist also nicht nur komplett orthogonal zur Weiterentwicklung in Richtung 5-Sterne-Open-Data und den dafuer notwendigen (und nach dem Datenraum-Projekt immer noch nicht hergestellten) Voraussetzungen, sondern es ignoriert auch die komplette DRM-Debatte der 2000er-Jahre. (Es sei ja eh ODRL und kein DRM und das mache es alles besser, naja)

Gleichzeitig werden wieder die Memes der „grossen auslaendischen Konzerne“ ausgepackt, gegen die es sich zu schuetzen gelte. Warum das Problem vor allem in der Herkunft der Konzerne liegen soll und man gleichzeitig gerne Smart-City-Millionen mit inlaendischen Konzernen verbrennt, bleibt unklar.

Viel schlimmer finde ich aber, dass dieses Framing sich offenbar – ebenfalls in kompletter Verkennung der Diskussionen der letzten 15 Jahre – auch allgemein in Debatten ueber Open Data einschleicht. In der oben eingebetteten Rede von Jonas Hoffmann (SPD) zum von der FDP eingebrachten Open-Data-Gesetzesentwurf in Baden-Wuerttemberg (PDF, 17/513) geht es nicht nur auf einmal auch um personenbezogene Daten und Datenschutz, sondern ab 03:20 soll gar „sichergestellt werden“, dass „Open Data nicht nur auslaendischen Konzernen hilft“. Open Data wird rein als Arbeitsplatzmaschine gesehen – und auf einmal sollen ueber rechtliche und technische Konstrukte die gewerbliche Nutzung von Daten eingeschraenkt bzw Geld daraus beschafft werden.

Das ist nicht nur deswegen bemerkenswert, weil der FDP-Entwurf in Abs. 3 des zu schaffenden § 3a ganz ausdruecklich diejenigen Informationen ausnimmt, zu denen ein Zugang erst nach einem Drittbeteiligungsverfahren moeglich waere oder deren Veroeffentlichung Urheberrechte Dritter entgegenstehen. Rein auf Faktendatenebene bleibt dann sowieso nur noch das Datenbankherstellerrecht als Rechtsgrundlage fuer eine Einschraenkung der Nachnutzung – wir hatten das hier bereits. Der Entwurf haette vor allem dafuer gesorgt, dass all die Informationen, die per Landesinformationsfreiheitsgesetz ohnehin auf Anfrage zu veroeffentlichen waeren, nun eben von Anfang an veroeffentlicht werden sollen. Man koennte die Umsetzung des Entwurfs theoretisch Crowdsourcen. Naja.

Zum Anderen aber sind Daten, die nicht fuer jedwede Zwecke frei nutzbar sind, schlicht kein Open Data. Das kann man dann Hoffmann-Daten nennen oder sonst etwas, aber Open Data ist das nicht. Und ich finde es etwas erschreckend, dass wir darueber im Jahr 2022 immer noch diskutieren muessen. (Erneut der Verweis auf den Dateneigentum-Artikel samt zugehoeriger Links)

Die einzigen Profiteure solcher Konstrukte sind a) grosse aus… moment… inlaendische Konzerne, die ums Verrecken Datenhandel mit Faktendaten betreiben wollen, und b) die beteiligten Unternehmen und Berater, die im Rahmen grosser Foerderprojekte an den dafuer noetigen DRM-Verfahren und -Plattformen herumdoktorn. Bezahlt wird das indes aus oeffentlichen Foerdermitteln – und leider lassen sich oeffentliche Stellen dafuer einspannen, diese Projekte voranzutreiben. Waehrend sich die technischen Schulden an anderer Stelle weiter ansammeln, und nichts passiert, um Open Data vernuenftig und automatisiert bereitstellen zu koennen.

Ich kann nur dazu aufrufen, als aufgeklaerte Zivilgesellschaft solche Projekte enorm kritisch zu hinterfragen. Es ist nichts weiter als die kuenstliche Privatisierung von Commons – und das traegt nicht etwa dazu bei, die Marktmacht boeser grosser Konzerne zu mindern, sondern verursacht Kollateralschaeden, die Groessenordnungen ueber dem erwarteten Nutzen liegen.

PS: Es geht auch positiv. Das Badische Landesmuseum hat angekuendigt, die Daten zu 10.000 Objekten aus seiner Sammlung im Sommer unter CC-0 gemeinfreiaehnlich zu veroeffentlichen – 3D-Scans, Audiodateien, PDFs, Bilder, Videos. Die Beteiligten schrieben auf Linkedin sueffisant, dass das 2022 doch Standard sei. Baem.