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„Nachnutzung“ als irrefuehrender Erfolgsindikator bei Freie-Software-Projekten der oeffentlichen Hand

Im August 2025 stolperte ich ueber die Veroeffentlichung „Nachnutzung digitaler Lösungen
statt Modellprojekte“
der Projekte Agora Digitalwende und re:form. Begleitend wurden die Autoren des Papiers vom Handelsblatt zitiert, dass viele gefoerderte Freie-Software-Projekte nie die „Modellkommune“ verlassen wuerden, innerhalb derer sie gefoerdert wurden. Damit, so die Autoren, „verpuffe“ die Wirkung der Foerderung zu haeufig. Es fehle an einer „Nachnutzung“, an der man die Effektivitaet der eingesetzten Foerderung messen koenne.

Screenshot der Titelseite

Witzigerweise bezieht sich sowohl das veroeffentlichte Papier als auch der Handelsblatt-Artikel deutlich auf den intermodalen Routenplaner „stadtnavi“, fuer den die Stadt Herrenberg gefoerdert worden war. „Witzigerweise“, weil stadtnavi direkt auf die von einer oeffentlichen Stelle entwickelte Freie Software digitransit zurueckgeht, die wiederum durch robbi5 aus dem Digitalen Ehrenamt ueberhaupt erst den Weg nach Deutschland gefunden hat – und ich das quasi live miterlebt hatte. Das „Original“ laeuft nach wie vor langfristig und solide in Helsinki; stadtnavi war selber quasi die „Nachnutzung“ einer „Nachnutzung“.
Witzig ausserdem, weil ich selber ein gefoerdertes Projekt begleitet habe, in dem digitransit eine Rolle spielte, und bei dem der forscherische Kernaspekt ueberhaupt gar nichts mit „Nachnutzung“ zu tun hatte, sondern mit dem Ziel eines besseren Lagebilds des Digitalisierungszustands.

Gegenthesen zur „Nachnutzung“: Warum sie oft gar kein sinnvolles Ziel ist, und was bessere Ansaetze sind

Ich wuerde daher gerne ein wenig mit der „Nachnutzung“ Freier Software als Zielmetrik aufraeumen und einige Gegenthesen in den Raum stellen:

  1. Nicht bei jedem Softwaresystem ist es ueberhaupt sinnvoll, dass es anschliessend durch moeglichst viele Kommunen „nachgenutzt“ wird. Im Gegenteil kann es sinnvoller sein, den kommunal durchgespielten Anwendungsfall anschliessend deutlich groesser zu denken und z.B. auf Landesebene auszurollen.
  2. Manchmal kann ein greifbarer Anwendungsfall als Durchstich dazu dienen, die vorhandene IT-Infrastruktur, bestehende Datenfluesse und Bedarfe zur Verbesserung von beiden zu kartieren. Das Projekt ist dann eine Lageerkundung darueber, woran vergleichbare Vorhaben in der Praxis bislang scheiterten und was getan werden muss, um die damit verbundenen Huerden zu beseitigen
  3. In Verbindung von 1. und 2. kann das bedeuten, dass ein getestetes System in der Folge nur von wenigen Traegern betrieben werden muss – willige Kommunen aber wertvolle Erkenntnisse gewinnen koennen, was sie selbst vor Ort und in ihrem Wirkungsbereich tun muessten, um zu dem dadurch entstehenden Oekosystem beitragen zu koennen.
  4. Ganz nebenbei: Stadtnavi ist immerhin nicht nur „Open Source“, sondern Freie Software – das heisst, dass die dort eingeflossenen Foerdergelder zu einem Gemeingut beigetragen haben, das fuer immer als solches erhalten bleiben wird, ohne dass es spaeter einfach privatisiert werden kann.

Insbesondere die Punkte 3 und 4 sind fuer mich moegliche Kernanliegen und Foerderziele. Viele Thesen rund um die Smart-City-Foerderung gehen davon aus, dass Massnahmen auf eine funktionierende, vorhandene IT-Infrastruktur gemaess der anerkannten Regeln der Technik stossen. Meine Praxiserfahrung ist, das man sich von dieser Annahme grusslos verabschieden sollte. Eine der groessten politischen Huerden ist vielmehr, vorhandene technische Schulden und infrastrukturelle Defizite in das mentale Modell der Entscheider*innen als real und akzeptierbar einzubringen. Es ist oft immer noch eine Herausforderung, noetige Haushaltsentscheidungen nicht als optionale Nice-to-have-Massnahmen, sondern als den Abbau eines hochverzinsten Kredits darzustellen. Das ist umso tragischer, da gerade ueber Foerderungen wie im Smart-City-Programm mit ueberschaubarer Kreativitaet die Mittel fuer den weitsichtigen Aufbau bislang fehlender Komponenten haetten eingesetzt werden koennen – aber ueberwiegend nicht wurden.

Zudem geht die ganz praktische Betriebslogik bislang in den meisten Faellen davon aus, dass Softwaresysteme einfach „beschafft“ und viel zu oft von externen Dienstleistern betrieben werden. Zwar sehen die Foerderbedingungen der MPSC-Foerderung „Open-Source-Software“ als Bedingung vor. Gerade die weicheren, sogenannten „permissiven“ Open-Source-Lizenzen (im Gegensatz zu Freie-Software-Lizenzen) ermoeglichen es einem beauftragten Dienstleister jedoch, eine mit seiner Expertise aus dem Auftrag weiterentwickelte Variante eines aus oeffentlichen Mitteln gefoerdertes Systems im Anschluss als Closed-Source-Variante fuer zahlende Kundschaft anzubieten. Die Entwicklung und der Aufbau der Expertise beim Dienstleister wurde zwar aus oeffentlichen Mitteln finanziert, das Endprodukt kann jedoch der Allgemeinheit wieder entzogen werden.

Die Verbindung dieser beiden Straenge sorgt dann fuer die bisweilen etwas hilflos wirkenden Vorschlaege rund um „Marktplaetze“ und aehnliche „klick-dir-dein-Produkt“-Denklogiken. In manchen Konstellationen mag es sinnvoll sein, ein Produkt von einem darauf spezialisierten Dienstleister as-a-Service betreiben zu lassen. Dann sollte umso mehr darauf geachtet werden, dass dieser Dienstleister nicht zur kritischen Abhaengigkeit werden kann.
In vielen anderen Faellen geht es um fundamentale Basisdienste und -infrastrukturen, die manche oeffentliche Stellen selber zu betreiben in der Lage sein sollten. Die dafuer notwendigen Voraussetzungen werden durch Marktplaetze nicht geschaffen. Punkt.

Wie kam eigentlich stadtnavi nach Deutschland?

Stadtnavi Herrenberg im direkten Vergleich mit reittiopas, der Helsinkier digitransit-Instanz – dort sogar mit Ticketing

stadtnavi ist ein direkter Ableger des vom Verkehrsverbund HSL in Helsinki entwickelten digitransit-Projekts. HSL begann um 2014 (PDF), seinen bisherigen Auskunftsdienst durch ein neues Freie-Software-System auf Basis des aus der OpenStreetMap-Welt bekannten OpenTripPlanner zu ersetzen. OpenTripPlanner (OTP) entstand wiederum ab 2009 als Freie Software (unter der LGPLv3-Lizenz) unter Mitwirkung des Portlander Verkehrsverbundes TriMet, der schon eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des offenen Fahrplandatenstandards GTFS gespielt hatte. Ab dem Start der Entwicklung waren aber auch zahlreiche andere Akteure an Bord, die in den ersten Jahren seit Veroeffentlichung des GTFS-Standards Software fuer die praktische Anwendung entwickelt hatten. HSL nutzte fuer digitransit „unter der Haube“ OTP als Routenplaner und verpasste ihm ein total neues Look and Feel und eine deutlich verbesserte Usability.

Die Entwicklung von OTP ab 2009 war mit dem Ziel gestartet, Reiseauskuenfte unter Verknuepfung von OpenStreetMap-Kartendaten und maschinenlesbaren ÖPNV-Fahrplaenen zu ermoeglichen – damals vorwiegend noch mit GTFS-Fahrplandaten, spaeter auch unter Beruecksichtigung der europaeischen Fahrplandatenstandards Netex und SIRI. Fuer letzteres spielte die immer breitere Verwendung von Freier Software wie OTP und digitransit in Skandinavien eine wichtige Rolle. Die dortigen Verkehrsverbuende und Aufgabentraeger arbeiteten in den 2010er-Jahren immer mehr zusammen und ergaenzten sich als „Open Mobility Data in the Nordics“ (ODIN) bei ihren Bestrebungen gegenseitig – das kann man beispielsweise in diesem Positionspapier von 2019 nachlesen. Der norwegische Aufgabentraeger Entur trug in der Folge zur Weiterentwicklung von OTP bei, so dass das System seither auch die europaeischen Datenstandards fuer Auskuenfte verwenden kann.

Das alles passierte wohlgemerkt in einer Zeit, in der oeffentliche Fahrplaene in Deutschland noch Mangelware waren. Im Umfeld von Code for Germany wuchs zwar eine aktive Transit-Hacking-Community, die sich fuer offene Fahrplandaten einsetzte, den Ist-Zustand kartierte und sich auf Veranstaltungen wie den ab 2015 stattfindenden DB-Hackathons vernetzte und austauschte. Bis zum Ende der 2010er-Jahre gab es aber im Gegensatz zu den skandinavischen Laendern in Deutschland keine flaechendeckenden offenen Fahrplandaten – und das, obwohl die EU durch eine delegierte Verordnung einen klaren Zeitplan fuer eine verpflichtende Veroeffentlichung erlassen hatte.

Eine spätere Fassung der Ulmer digitransit-Instanz von Maxi, die den Weg in ein staedtisches Projekt gefunden hatte.

Und damit kommen wir zu der Antwort, wie digitransit nach Deutschland kam und spaeter zu stadtnavi wurde. Maxi aka robbi5, einer der vielen Ehrenamtlichen der deutschsprachigen Transit-Hacking-Community hatte irgendwann das digitransit-Repository auf github gefunden und der Benutzeroberflaeche im Dezember 2016 eine deutsche Uebersetzung hinzugefuegt. Und wie es der Zufall wollte, passierten nacheinander ein paar Zufaelle: Im Januar 2018 kam eine Abordnung mit Stefan Kraus vom „agilen Bauhof“ aus Herrenberg nach Ulm, um sich bei der Ehrenamtscommunity im damaligen „echten Verschwoerhaus“ ueber das freie LoRaWAN-Sensornetzwerk TTN zu informieren. Auch irgendwann 2018 begann robbi5, eine digitransit-Instanz mit Ulmer Fahrplandaten zu befuellen und unter ulm.ententei.ch zu betreiben. Und bei einem neuerlichen Besuch der Herrenberger im Sommer 2018 kam ganz zufaellig nebenbei das Thema auf, dass man in Herrenberg gerne irgendwas mit Mobilitaetsauskuenften machen wuerde, und robbi5 konnte sagen, „ich hab da was fertiges vorbereitet“.
Der Rest ist, wie man gerne sagt, Geschichte. (Mehr dazu u.a. hier, hier oder hier)

17. Januar 2018: Stefan Kraus (vorne rechts) und Co. sind zum ersten Mal am Weinhof – weil sie mitbekommen haben, dass sie im „alten Verschwoerhaus“ Hands-On-Erfahrungen aus dem Digitalen Ehrenamt anstatt von Produkt-Pitches bekommen konnten.

Stadtnavi ist also bereits eine „Nachnutzung“, oder wie man ausserhalb der Verwaltung einen korrekteren Begriff waehlen wuerde: Eine Wiederverwendung der Vorarbeit vieler anderer Akteure, ohne die solch ein Projekt in dieser Form gar nicht moeglich gewesen waere. Viele andere Menschen aus der deutschsprachigen Transit-Bubble haben in der Folge dazu beigetragen, sowohl stadtnavi als auch die anderen Ableger wie BBNavi und Co zu erweitern und auch strategisch ueber die Fortentwicklung der zugrundeliegenden Komponenten nachzudenken.

Das ist auch ein Grund, warum ich nur maessig begeistert ueber das von den Herrenbergern durchgefuehrte Re-Branding von digitransit als „stadtnavi“ war – zwar waren damit auch Anpassungen auf oertliche Beduerfnisse verbunden, ich hatte aber von Anfang an befuerchtet, dass dadurch die Urspruenge und der Geist der internationalen kooperativen Arbeit an etwas Gemeinsamen aus der Wahrnehmung verschwinden koennten.
Zudem – und damit kommen wir zu Punkt 1 meiner Kritik – erweckte das Branding den Eindruck, dass digitransit etwas ist, was sinnvollerweise jede Stadt fuer sich ausrollen sollte. Diesen Eindruck teile ich nicht und ich hielt dieses Framing von Anfang an fuer falsch.

Kritik 1: Lokal ausprobieren, Skalierung durch gemeinsamen Betrieb statt „Nachnutzung“

Ich bin ein grosser Fan, den Zustand der real existierenden Verwaltungsdigitalisierung durch eine Praxis der unterschiedlichen Geschwindigkeiten voranzubringen. Kommunen sollten sich zwar nicht als ausfuehrende IT-Entwicklungsakteure fuer Neues missbrauchen lassen – sie koennen aber zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und die Internalisierung von IT-Architekturkompetenzen mit dem praktischen Rollout bestehender, ausserhalb der deutschen Verwaltung bewaehrter Systeme verbinden.

Das kann auch bedeuten, dass man als Kommune im Rahmen eines Projekts ein System ausrollt und demonstriert – dass dessen langfristiger Betrieb aber eigentlich anderswo viel besser aufgehoben waere. Digitransit ist meines Erachtens ein Paradebeispiel dafuer: Im Idealfall soll ein intermodaler Routenplaner ja kommunen- und regionenuebergreifend funktionieren und Mobilitaet abseits des Rueckgriffs auf ein eigenes Kraftfahrzeug so muehelos wie moeglich machen. Klassischerweise betreiben zwar neben den Aufgabentraegern der Laender auch viele Verkehrsverbuende eigene Mobilitaetsauskuenfte. Sie greifen aber dafuer auf eine gemeinsame, geteilte Informationsinfrastruktur zurueck. Langfristig sehe ich einen sinnvollen Betrieb von Mobilitaets-Auskunftssystemen wie digitransit daher eher auf Landes- oder gar Europaebene – das verwandte Projekt transitious zeigt seit Anfang 2024 auf beeindruckende Weise, wie so etwas aussehen koennte. Und der anfaengliche praktische Rollout sowie die bessere Dokumentation der dafuer notwendigen Voraussetzungen in Herrenberg und Ulm haben dazu gefuehrt, dass auch Aufgabentraeger der Laender auf das System aufmerksam wurden und eine Anwendbarkeit im eigenen Bereich geprueft haben.

Das Branding von stadtnavi als Stadt-System sowie die an manchen Orten immer wieder laut werdenden Rufe nach „Marktplaetzen“, in denen sich eine Kommune eine angepasste White-Label-Loesung bestellen kann, sorgt dagegen eher fuer einen Flickenteppich, in dem zwar die beschworene „Nachnutzung“ stattfindet, aber nur die Dienstleister als Anbieter der Loesung von Skaleneffekten profitieren. Wenn diese Praxis durch Anreize in der Foerderlogik noch weiter befeuert wird, kann zwar die ohnehin aufgeblaehte GovTech-Bubble weiter gefoerdert werden. Eine Entwicklung hin zu einem viel groesser gedachten Oekosystem wird dadurch aber eher verhindert. Die Erfahrungen zeigen, dass das EFA-Prinzip in der Praxis selten funktioniert. Wie man aktuell bei F13 vs. LLMoin vs. BaerGPT sieht, kommt am Ende doch jede Instanz mit einem Not-invented-here-Einwand um die Ecke und moechte lieber „Meines fuer alle“ entwickeln. Das ist bei einem blasenartigen Hype wie LLMs fuer die oeffentliche Verwaltung (siehe auch) moeglicherweise ausgepraegter als bei gut abgehangenen Systemen wie Mobilitaetsauskuenften. Dennoch wirkt es mich auf mich immer wieder so, als wolle man mit auf den Ist-Zustand angepassten Spezialloesungen einfach den Status Quo der bestehenden IT-Infrastruktur beibehalten und um historische Defizite herumentwickeln, anstatt die bestehenden Systeme im Rahmen eines solchen Projekts auf den Stand der Zeit zu heben.

Kritik 2: Freie-Software-Projekte als Lackmustest fuer den Ist-Zustand oeffentlicher IT-Architektur und Datenflussparadigmen

Lernerfolg: Aus verteilten Foerderprojekten heraus entstand 2020 ein Handbuch, wie man digitransit selber mit lokalen Daten zum Laufen bekommen kann.

Die Denkweise, oeffentlich gefoerderte Softwareprojekte als Selbstzweck zu betrachten, der an moeglichst vielen Orten dann „nachgenutzt“ werden soll, vernachlaessigt zudem vollkommen die Idee, solch ein Projekt stattdessen als Analyse- und Lernanlass zu verstehen.

Eine Analogie, die mir dazu einfaellt, ist eine Katastrophen- oder Brandschutzuebung. Im besten Fall kann sie natuerlich unter Beweis stellen, dass die vorab geplanten Ablaeufe gut funktionieren, die Rahmenbedingungen passen, und es keinen Verbesserungsbedarf gibt. Bei einer solchen Uebung jedoch zu erkennen, was nicht funktioniert, wo Annahmen sich als nicht zutreffend herausstellen und welche naechsten Schritte ergriffen werden muessen, ist derweil kein Fehlschlag der Uebung, sondern ein wertvoller Wissenszuwachs.

Es sollte daher als okay und gewollt gelten koennen, am Ende eines Vorhabens nicht etwa ein „nachnutzbares“ Softwaresystem als Ergebnis zu haben, sondern eine Reihe von Erkenntnissen, was fuer einen nachhaltigen Rollout des Systems noch fehlt. Oder, noch besser, bereits im Rahmen des Vorhabens die erkannten Defizite zu adressieren.

Wenn man in der Denklogik einer moeglichst breiten „Nachnutzung“ eines Systems verhaftet bleibt, oeffnet das die Flanke fuer einen Zustand, in dem bei einer Wiederverwendung nicht etwa technische Schulden analysiert und behoben werden, sondern in dem die „Nachnutzung“ darin besteht, um diese Defizite herumzuarbeiten.

Welche Daten-Voraussetzungen braucht es fuer eine laufende digitransit-Instanz? Gar nicht so wenige. Automatisch generiertes Blockdiag-Diagramm aus https://transportkollektiv.github.io/digitransit-setup/installation/overview.html
Statische Fahrplandaten im GTFS-Format sind mittlerweile weit verbreitet. Die Verfuegbarkeit von Echtzeitdaten aus dem oeffentlichen Verkehr und vor allem von GBFS fuer Shared Mobility ist aber bis heute ein ernsthaftes Problem!

Parallel zu Herrenberg hatten wir in Ulm versucht, mittels gleich zweier Foerderprojekte – beide aus den Ehrenamtserfahrungen der Transit-Hacking-Community und durch eine Projekt-Anstellung zweier erfahrener Menschen aus dieser Community hervorgegangen – verschiedene Anschlusspunkte an die real existierenden Voraussetzungen der kommunalen IT-Infrastruktur und noetiger weiterer Akteure praktisch zu testen.

Um intermodales Routing auch mit weiteren Mobilitaetsmodi zu ermoeglichen, setzten wir beispielsweise auf die Idee, die damals in den deutschen Markt draengenden Anbieter von Mikromobilitaet zur Verwendung des internationalen GBFS-Standards zu bringen, der auch von OpenTripPlanner (und damit digitransit) verwendet werden kann. Wir experimentierten fuer ein eigenes Radsharing-System mit der Moeglichkeit fuer Single-Sign-On mittels OAuth mit staedtischen Useraccounts, wofuer leider bis zum Ende des urspruenglichen Verschwoerhaus-Projekts die infrastrukturelle Grundlage seitens der Basis-IT nicht geschaffen werden konnte. Wir analysierten die – abseits der internationalen Standards entwickelten – Datenaustauschformate der deutschen Carsharing-Branche, die seltsame Annahmen ueber Uhrzeiten hatte und bis heute Propaganda verbreitet, dass oeffentlich ausgespielte Fakteninformationen ueber die Position ihrer Fahrzeuge Geschaeftsgeheimnisse sein koennten.

Dass wir das ueberhaupt als staedtische Projekte vorantreiben konnten, hing davon ab, dass Ehrenamtliche aus dem „alten“ Verschwoerhaus ueber Jahre hinweg eine leistungsfaehige Serverinfrastruktur aufgebaut und betrieben hatten, nach der sich viele Kommunen die Finger lecken wuerden, und die wir fuer den Betrieb von digitransit und aller anderer Komponenten verwenden konnten.

Als Ergebnis entstand unter anderem mit den in Herrenberg beteiligten Akteuren ein „Kochbuch“, mit dem damals ein Deployment von digitransit besser dokumentiert wurde. Im Ueberblick der notwendigen Datenfluesse wird grafisch etwas klarer, was alles dazu notwendig ist. Und vor allem auch: An welchen Stellen eine Kommune Wert darauf legen sollte, dass diese Informationen im passenden Aggregatzustand als maschinenlesbare Sachverhaltsdarstellungen wiederverwendbar vorhanden sind.

Hier nur ein Symbolfoto, ohne diesen speziellen Anbieter zu meinen – aber die deutsche Carsharingbranche und ihr Dachverband bcs verbreiten seit Jahren die These, dass es ein Geschaeftsgeheimnis sei, zu wissen, wo dieses Auto steht.

Die deutsche Tourismus-Branche legt z.B. seit einiger Zeit grossen Wert darauf, Touristik-Informationen als Knowledge Graph automatisiert maschinell wiederverwendbar zu veroeffentlichen. Dieselbe Denklogik kann auch fuer viele weitere POI-Informationen angewandt werden, um eine moeglichst einfache Navigation zu Veranstaltungen, Behoerden und vielen weiteren Orten zu ermoeglichen – beispielsweise auch zusammen mit den ueblichen Zustaendigkeitsfindern der oeffentlichen Hand. Dann koennte ich bereits in der Fahrplanauskunft eingeben, dass ich an die Stelle moechte, wo ich meinen Personalausweis verlaengern kann – und bekomme eine Route mit Bus, Bahn, Fahrrad und Ridesharing vorgeschlagen, wie ich dort rechtzeitig eintreffen kann.

Das ist auch angesichts der aktuellen Hypes um Agentic AI und Chatbots spannned: Staatliche Stellen machen sich gerade umfangreich von Hype-Glauben abhaengig. Derweil gaebe es seit rund 20 Jahren die technologischen Voraussetzungen, dass ich die Frage „welche Filme in Originalfassung kann ich mit 30 Minuten Anfahrtszeit mit oeffentlichen Verkehrsmitteln heute abend im Kino anschauen“ deterministisch und mit um Groessenordnungen geringerem Energieaufwand beantworten koennte, als mit dem oft sektenartig wirkenden genAI-Irrsinn.

Eigene Hardware mit virtuellen Maschinen, mit denen man auch umgehen kann, kann das Leben deutlich einfacher machen. CC BY 4.0 Holger Dorn/Jugend hackt, via Wikimedia Commons.

Und gleichzeitig kann dadurch auch in der Tiefe erkundet werden, an welchen Stellen in der kommunalen IT-Infrastruktur derzeit noch Fehlstellen existieren, die es seit Jahren aufzufuellen gaelte. Im besten Fall koennte man diese Fehlstellen – als Freie Software! – im Rahmen eines solchen Projekts als notwendige Projektvoraussetzung schliessen – mit dem angenehmen Seiteneffekt, dass diese geschlossene Luecke gleichzeitig auch einen Stuetzpfeiler fuer viele weitere ohnehin notwendigen Modernisierungsmassnahmen bildet.

Ich habe in der Praxis bislang vorwiegend das Gegenteil erlebt. Aus irgendeinem Grund hat sich insbesondere im Kontext der MPSC der Glaubenssatz durchgesetzt, dass man mit den Foerdermitteln nur Dinge „ausserhalb der Verwaltung“ aufbauen kann. Wenngleich durch die Nutzung von Mitteln aus dem Klima- und Transformationsfonds spaeter(!) vorgegeben wurde, dass man damit nur „Infrastruktur“ aufbauen duerfe, wurde das in der Praxis lediglich dahingehend ausgelegt, dass alle Ergebnisse „Open Source“ (sic!) sein muessen. Dass man diese Massgabe dahingehend interpretiert, die Wiederverwendbarkeit von auf Freier Software basierenden Basisinfrastrukturen und die Dokumentation der dafuer noetigen Schritte damit zu foerdern, habe ich in der freien Wildbahn bislang so gut wie nirgendwo gesehen. Stattdessen wurden enorme finanzielle Mittel zur Beauftragung von Dienstleistern ausgegossen, die dann halt irgendwelche Projekte™ gemacht haben – ohne, dass der Staat dadurch langfristig und nachhaltig etwas jenseits der Powerpoint-Ebene gelernt haette.

Der Fisch stinkt hier vor allem vom Kopf. Alle wohlmeinenden Papiere rund um „Nachnutzung“ adressieren bislang rein gar nicht, dass solche strategischen Entwicklungsstellen idealerweise mit Menschen besetzt werden muessten, deren IT-Kompetenz sich nicht lediglich in MS-Office und vor allem Powerpoint erschoepft.

Kritik 3: Was ist mit dem langfristigen Erkenntnisgewinn?

Diese Kritik folgt logisch aus den Punkten 1 und 2. Erkenntnisse sind erneuerbare Ressourcen: Man kann sie immer wieder aufs Neue haben.

Auf dem Chaos Communication Camp 2023 haben Katharin Tai und ich uns einen Spass daraus gemacht, Kritik an EDV-Projekten der DDR mit Kritik an aktuellen Staats-Digitalisierungsprojekten gegenueberzustellen und das Publikum raten zu lassen, was aus der Zeit 1960–1989 in der DDR stammt und was aktuell ist. Mit Ausnahme weniger Menschen im Publikum, die die aktuellen Kommentare des Normenkontrollrats zum OZG auswendig kannten, lag die richtige Zuordnungsquote der vorgestellten Zitate weit unter der Zufallsgroesse von 50%.

Der Verdacht, aktuelle Digitalisierungsprojekte in der Berliner Bundesrepublik wuerden auf strukturell aehnliche Hindernisse stossen wie die Digitalisierung in der zentralisierten DDR, liegt also nahe. Auch der Blick auf die Kritik an staatlichen Digitalisierungsvorhaben in historischen bundesrepublikanischen Tagungsbaenden aus den 1980er-Jahren liest sich heute immer noch erschreckend aktuell. Analog zu den ehrenamtlich aus der Transit-Bubble zusammengetragenen Antipattern zu Mobilitaetsdaten scheint es also so, als gebe es strukturelle Huerden bei der erfolgreichen Modernisierung der staatlichen Digitalisierung. Aber anstatt die bestehenden Erkenntnisse aufzugreifen und sich an eine tiefergehende Analyse zu machen, versucht man einfach nur, weitere Foerderprojekte in genau dieselben Fallgruben laufen zu lassen, die eigentlich laengst bekannt waeren – bei denen sich aber nie jemand die Muehe gemacht hat, sie zu kartieren.

Hier zeigt sich auch eine weitere systematische Fehlstelle. Gerade die Bemuehungen aus dem Digitalen Ehrenamt heraus – die vielfach davon ausgehen, in der oeffentlichen Verwaltung eine IT-Infrastruktur gemaess der anerkannten Regeln der Technik und durch fachliche Expertise gepraegte IT- und Datenfluss-Vorstellungen vorzufinden – sehen sich seit vielen Jahren damit konfrontiert, mit eigenen, oft prinzipiell durch die Verwaltung schluesselfertig uebernehmbaren Proofs of Concept gar nicht anschlussfaehig zu sein. Wer mehr als fuenf Jahre im Feld unterwegs ist, sieht regelmaessig „neue“ Projekte und Ansaetze an gleichfoermigen Huerden zerschellen, an denen aehnliche Vorhaben bereits Jahre zuvor scheiterten.

ProjectTogether als „Mutterschiff“ von re:form lud beispielsweise 2021–22 zu „Update Deutschland“ ein, einem Hackathon als Fortsetzung des in der Civic-Tech-Szene sehr kritisch beaeugten WirVsVirus-Hackathon (siehe auch hier), bei dem schon aufgrund der Hackathon-Formatierung berechtigte Zweifel am langfristig-nachhaltigen Erfolg bestanden. Bei einer kursorischen Analyse von Aktiven aus der Civic-Tech-Ehrenamtsszene stellte sich auch sehr schnell heraus, dass zu den von den teilnehmenden Kommunen eingebrachten „Challenges“ eine ganze Reihe Herausforderungen zaehlte, die bislang genau deswegen nicht geloest werden konnten, weil seitens der Kommunen für bestehende Beispielimplementierungen aus dem Ehrenamt nicht die notwendigen Voraussetzungen bereitgestellt wurden. Anstatt aus den Erfahrungen auf Basis der Proofs of Concepts Lehren zu ziehen, wurde stattdessen eine weitere Generation Ehrenamtlicher eingeladen, erneut und von Null anfangend gegen die eigentlich schon bekannten Huerden auf staatlicher Seite zu laufen.

Ein riesiges, bislang beinahe vollstaendig ungeschoepftes Potenzial liegt derzeit daher darin, genau diese aus ehrenamtlichen Bestrebungen heraus entstandenen Erfahrungen zu kartieren und die Erkenntnisse der metaphorischen Brandschutzuebungen als Hausaufgaben fuer eine erfolgreiche Verwaltungsdigitalisierung nachzuhalten.
Mein Versuch, die bereits stattgefunden habenden praktischen Rollouts von digitransit als ungeschoepftes Potenzial zur Wissensverstetigung als Aufgabenbeispiel fuer einen Wissens-Nachhaltungsauftrag fuer das damals zu gruendende Dateninstitut zu lancieren, fuehrte lediglich dazu, dass digitransit zu einem weiteren Beispiel eines „Use Case“ fuer das Dateninstitut wurde. Ich hatte anhand des Beispiels davon abgeraten, einfach neue „Use Cases“ durchzuspielen um bereits gemachte Erfahrungen nur nochmal von vorne zu machen, und mein Gegenueber hat daraus lediglich mitgenommen, dass das ja ein toller „Use Case“ waere. Das war hart. Im Arbeitskontext habe ich versucht, das diplomatisch zu umschreiben.

Dieses Vorgehen scheint allgemein beliebt zu sein: Fachlich wirklich tief in der Materie eingestiegene Ehrenamtliche machen Loesungsvorschlaege fuer einen Ausweg aus den real existierenden Defiziten der Verwaltungsdigitalisierung. Die praktische Umsetzung scheitert am Unwillen oder der Handlungsunfaehigkeit der eigentlich zustaendigen oeffentlichen Stellen, die dafuer notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Und anstatt diese Defizite zu beheben, macht man dieselben Erfahrungen einfach wiederholt nochmal (oder stiftet dazu an, sie nochmals zu machen) ohne aus den bereits gemachten Erfahrungen etwas zu lernen. Wie jemand aus dem damaligen Ulmer Projekt sagte: „Lernen durch Schmerzen, nur ohne Lernen“.

Kritik 4: „Open Source“ vs. Freie Software, oder Foerderung der GovTech-Blase vs. Sicherung von Gemeinguetern

Ich muss es offen zugeben: Als ich vor vielen (ueber 20) Jahren den Streit zwischen „Freie Software“ und „Open Source“ kennenlernte, fand ich das verbohrt und ideologisch aufgeladen. Daran duerfte auch einen Anteil haben, dass sich die Freie-Software-Bewegung Richard Stallman als quasi Schutzheiligen auserkoren hat, an dem es eine ganze Litanei zutiefst berechtigter Kritik gibt und der der Idee Freier Software seit Jahren meines Erachtens durch die Gleichsetzung seiner Person mit der Bewegung einen Baerendienst erweist.

Egal, wie man die jeweiligen ideologischen Ziele dieser beiden Stroemungen einordnet, muss man dennoch anerkennen, dass „Open Source“ und die Umarmung der damit verbundenen Softwarelizenzen in den 1990er-Jahren entstanden, um der von der Wirtschaft als zu radikal empfundenen Freie-Software-Bewegung ein schmackhafteres und einfacher wirtschaftlich ausbeutbares Gegenmodell anzubieten. Ganz kurz gesagt ist der Gegensatz dieser: „Freie Software“ verfolgt das Mantra, dass was auf Freier Software aufbaut, auch in der Folge „Frei“ sein muss, also ein Gemeingut. Wer auf die Vorarbeit Anderer aufbaut, soll auch Abwandlungen dieser Vorarbeit stets allen wieder als Freie Software bereitstellen („Copyleft“), sobald diese in irgendeinem Kontext vertrieben wird. „Open-Source“-Software verzichtet auf diesen Gedanken, einmal „Freie“ Software auch als Gemeingut zu erhalten: Wer moechte, kann die Vorarbeit anderer Nutzen, um auf dieser Basis z.B. Software-as-a-Service anzubieten, die nur gegen Entgelt zugaenglich und nutzbar ist. Open-Source-Software und die Vorarbeit anderer ist zwar die Grundlage, und jemand anders kann theoretisch auf derselben Grundlage ein aehnliches Produkt entwickeln, aber die Zusatzentwicklungen auf der Basis dieser Vorarbeit koennen geschlossen und geheim sein.

Im politischen Diskurs werden Freie Software und „Open-Source-Software“ mittlerweile – zu meinem riesigen Bedauern – praktisch gleichgesetzt. Praktisch ist „Freie Software“ der enger gefasste Begriff, der durch seine Lizenzbedingungen sicherstellen wuerde, dass aus oeffentlichen Mitteln gefoerderte Systeme nicht privatisiert werden koennen. In Foerderbedingungen und auch Kommentaren wie dem der Agora Digitalwende ist derweil fast immer nur vom weiter gefassten Begriff der „Open-Source-Software“ der Begriff – also ausdruecklich unter Einschluss von Systemen, deren Weiterentwicklung in der Folge privatisiert werden darf.

Das hat ganz praktische Auswirkungen. Es ist nicht nur denkbar, sondern auch beobachtbar, dass aufgrund dieser Gleichsetzung – und mangelnder internalisierter Steuerungskompetenzen bei der oeffentlichen Hand – sowie der durch Foerderbedingungen entstandenen normativen Attraktivitaet des „Open-Source“-Begriffs Softwaresysteme durch Dienstleister aus oeffentlichen Mitteln unter permissiven Lizenzen bis zu einer gewissen Marktreife entwickelt werden.
Dass fuer das so entwickelte System auch nach Abschluss des Foerderprojekts weitere Anforderungen entstehen, ist keine Ausnahme – auch dies ist ein Problem mangelnder internalisierter Kompetenzen auf staatlicher Auftraggeberseite. Fuer den Anbieter aus der GovTech-Bubble, der oeffentlich finanziert die Basis entwickelt und intime praktische Einblicke in die Beduerfnisse der oeffentlichen Auftraggeber entwickelt hat, ist es auf dieser Basis ein Leichtes, quasi selbstlos und kostenlos Anpassungen der ihm sehr vertrauten Basisplattform zu entwickeln und das resultierende Produkt als SaaS gegen geringe Abonnementgebuehren der oeffentlichen Hand anzubieten.
Die gesamte Grundlagenetwicklung wurde so oeffentlich gefoerdert, letztlich wurde aber nicht etwa ein Gemeingut als Ergebnis geschaffen, sondern das Potenzial einer marktdominierenden Stellung fuer die auf Grundlage der urspruenglich als „Open Source“ entwickelten und danach praktisch privatisierten Dienstleistung. Aufgrund der intensiven Vertrautheit des urspruenglichen Dienstleisters mit der Codeplattform sowie den typischen Anforderungen und den oekonomischen Realitaeten des GovTech-Nischenmarkts ist es auch hoechst unwahrscheinlich, dass irgendein marktbereinigender Konkurrenzakteur die urspruengliche, oeffentlich als „Open Source“ noch verfuegbare Codeplattform konkurrenzfaehig anbieten kann.

(Eigentlich kann man all dies hier zusammenfassen als: Alle beteiligten Akteure spielen hier „Open Source“-Cosplay, waehrend niemand je in der Tiefe darueber nachdenkt, was eigentlich die strategischen Ziele dahinter sein koennten. Der ganze „Digitale-Souveraenitaet“-Bullshit fuegt sich hier nahtlos ein. Aber die kaiserliche Kleidermanufaktur sorgt nach wie vor fuer gar nicht so schlechten Umsatz.)

tl;dr, was lernen wir daraus

Das ist „Nachnutzung“: Die Umwidmung des ehemaligen US-Kasernengelaendes der Wiley-Barracks in Neu-Ulm als neues Stadtquartier. Die Verwendung der ehemaligen Kasernen-Highschool als Keimzelle der Fachhochschule. Bei Software bitte einfach „Wiederverwendung“ sagen, anstatt komisches Parallel-Vokabular einzufuehren. Looniverse, Wiley-Park (Neu-Ulm) Richtung NNW, CC BY 4.0
  1. Kompetenzen internalisieren: Nicht jede Kommune soll alle Dienste selber betreiben. Aber wenn dort Menschen mit der IT befasst sind, die solche Dienste souveraen betreiben koennten, dann haben sie auch ein Verstaendnis von Requirements, Infrastruktur etc, die sie von einem Dienstleister betreiben lassen koennen. Es darf nicht mehr sein, dass Menschen ueber strategische IT-Fragen entscheiden, deren IT-Kompetenzen nicht ueber Office, Powerpoint, Freecell und Taschenrechner hinausgehen.
  2. Wenn diese Kompetenzen vorhanden sind, liegt der groesste Anreiz fuer eine Wiederverwendung im tatsaechlichen Nutzen. Leider hilft aber auch der alleine nichts, wenn fuer den Rollout eines Systems reihenweise Voraussetzungen fehlen. Deswegen sollte man…
  3. Projekte als Lackmustest fuer Infrastrukturen und Datenfluesse durchfuehren: Manchmal liegt der groessere Wert in der Erkenntnis, an welchen Stellen das Projekt bei der Umsetzung Schwierigkeiten bekommt. Weil Daten in der erforderlichen Qualitaet fehlen, weil Infrastrukturvoraussetzungen fehlen oder kaputt sind, etc pp. – und dann muessen diese Maengel konsequent fuer andere nachvollzieh- und umsetzbar beschrieben und als naechste Aufgabe angegangen werden, anstatt um sie herumzuarbeiten und das Projekt als Erfolg zu verkaufen.
  4. Raus aus der Verwaltungsbubble: Das Beispiel Panoramax zeigt, dass ein Freie-Software-Oekosystem gerade dann besonders erfolgreich sein kann, wenn es einen greifbaren Nutzen fuer Nutzende und einen Anreiz fuer Beitragende in und ausserhalb der Verwaltung bietet. Die Gemeinschaft der Entwickelnden beschraenkt sich dann nicht nur auf die wenigen dazu ausgestatteten Inseln innerhalb der Verwaltung, sondern auf ein viel breiteres Oekosystem.

Verwaltungsdigitalisierungsinfluencer vs. ArchitektInnen

Die Videos des „Akkudoktor“ Andreas Schmitz rund um Klein-Photovoltaikanlagen sind in Teilen meines Bekanntenkreis lange Pflichtprogramm. Da nerdet sich jemand richtig tief ins Thema rein (und ist auch schon vom Fach), testet Geraete tiefer auf Herz und Nieren als so manchem Hersteller das lieb ist und macht das derweil, ohne dabei was verkaufen zu wollen – weil er an den damit verbundenen hoeheren Zielen interessiert ist.

Im oben eingebetteten Video teilt er gute und schlechte Erfahrungen im Umgang mit Herstellern und wie das normalerweise mit Influencern und Influencer-Agenturen so laeuft – und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren, dass das in weiten Teilen auch Erwartungshaltung sowie Spannungsfeld zwischen zivilgesellschaftlichem Civic-Tech-Einsatz und Verwaltung – und insbesondere Smart City – widerspiegelt.

Als Gold-Standardfall nennt Schmitz, dass es nach einem von ihm gemeldeten Problem sofort eine Krisensitzung gab, die Entwicklungs-/Engineering-Abteilung einbezogen wurde, er offenbar auch direkten Draht dorthin bekam und er die naechsten Schritte dargelegt bekam, was nun zur Fehlerbehebung passieren wuerde.
Das Negativbeispiel, das bei Influencermarketing normal sei: Man habe nur Kontakt zu einer Influenceragentur. Die hat gar keinen Durchgriff aufs Produkt und bezahlt einen im Zweifelsfall, dass man gefundene Probleme nicht an die grosse Glocke haengt und die Schnauze haelt.

Kommt bekannt vor? Mir schon. Mit dem spannenden Unterschied, dass es die Entwicklungs- und Engineering-Abteilung z.B. in der Smart City meist nie im eigenen Haus gibt. Und es dementsprechend diesen Feedback- und Lösungs-Cycle gar nicht geben kann. Weil quasi jeder Schmarrn von externen Dienstleistern entwickelt wird – die manchmal brauchbares Requirement Engineering vom oeffentlichen Auftraggeber bekommen. Meist aber nicht.

Bei mancher oeffentlichen Stelle wuerde ich mittlerweile aus der Erfahrung im Austausch mit den an der Sache interessierten zivilgesellschaftlichen Engineers (w/m/d) und der behoerdlich eingerichteten Digitalisierungsagentur mittlerweile auch sagen: Das ist mehr Influencer-Agentur denn an der langfristigen Entwicklung interessierte Einheit. Denn sie sind nicht nur von den zu entwickelnden Produkten und Infrastrukturen so weit weg wie die Influencer-Agentur. Sondern ihnen ist im schlimmsten Fall das langfristige ideelle Ziel weniger wichtig als die akute oeffentlichkeitswirksame Darstellung.

Vor dem Hintergrund bin ich gerade auch etwas professionell angepisst vom neuerlichen Vorstoss der Social Entrepreneurs von ProjectTogether, die heute ihr neues rework-Programm vorstellten, mit dem nun alles bei der Verwaltungsdigitalisierung besser werden soll. Nicht nur, dass mir das gesamte Social-Entrepreneur-Wesen von Grund auf unsympathisch ist – ich halte diese Verlagerung von Verantwortung in Startups fuer Teil des Problems, nicht der Loesung. Dazu kommt, dass die Truppe mir mit UpdateDeutschland noch enorm schlecht in Erinnerung ist. Nach dem Event gab es einen Austausch mit Aktiven des Netzwerks Code for Germany, bei dem in kurzer Zeit immer deutlicher wurde, dass der ganzen Veranstaltung kaum vorbereitende Recherche vorausgegangen war, was es bislang schon gab und was weswegen (nicht) funktioniert hatte.

Ich persoenlich haette schon gerne, dass das mit der Verwaltungsmodernisierung was wird. Wenn dann brauchen wir aber mehr Austausch wie den, den Andreas Schmitz beschreibt. Und in vielen Faellen muss dafuer erst einmal die Entwicklungs- und Engineering-Abteilung im Staat erst mal wieder internalisiert und als wichtig eingeordnet werden, anstatt das weiterhin auf Dienstleister auszulagern. Einfach nur dasselbe Silicon-Valley-Cosplay weiter nachzumachen, wird lediglich auch in Deutschland laengst (mehrfach) abgespielte Playbooks nochmal von vorne auffuehren. Dabei den naechsten Schwung ueberzeugter EnthusiastInnen in den Burnout schicken. Denjenigen, die daraus dann eine Buehne machen, hat das bislang selten geschadet. Ich wuerde aber gerne endlich mal wieder die Sache im Vordergrund sehen.

Der GovTech-Campus und der lange Schatten des New Public Management

Der frisch präsentierte Digitalbeirat Ende November 2022 – kann natürlich nichts für den GovTech-Campus

Jetzt will’s die Bundesregierung wissen mit der Digitalisierung. Vergangenen Mittwoch stellte Digitalminister Wissing den Beirat für die Umsetzung der Digitalstrategie vor. Mehrere Ministerien haben Konsultationsprozesse für ihre Digitalvorhaben gestartet – wenngleich vereinzelt wohl nicht allzu umfangreiches Feedback gewollt war. Neben den Digitallaboren, Experimentierräumen und anderen Flaggschiffen existiert zudem seit Anfang diesen Jahres der GovTech-Campus in Berlin. Auf diesen lud der Bundes-CIO Markus Richter unlängst die Podcaster Philip Banse und Ulf Buermeyer ein, die in der Lage der Nation (Ausgabe 313, Kapitel 6 ab 36:53) begeistert von ihrem Besuch dort berichten.

Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens wegen des GovTech-Campus selbst, seiner Organisation als eingetragener Verein, in dem Unternehmen für mehrere tausend Euro Mitglied werden können, und der Tatsache, dass dort Ministerien und privatwirtschaftliche Dienstleister unter demselben Dach sitzen und „gemeinsam“ IT-Dienstleistungen entwickeln. Die Lage hebt das als positives Beispiel hervor.
Zweitens, weil eher im Nebensatz erwähnt wird, dass es seit vielen Jahren auch eine aktive digitale Zivilgesellschaft in diesem Bereich gibt. Die ehrenamtliche Zivilgesellschaft hat im Konzept des GovTech-Campus aber gar keinen Raum, und wird in der Lage auch nur im Rahmen von Hackathons erwähnt, die an den Bedürfnissen vorbei entwickeln würden.

Derweil kann man argumentieren, dass die Situation, in der die öffentliche Hand bei ihren Digitalisierungsbestrebungen stets auf externe Dienstleister angewiesen ist und mit der Zivilgesellschaft allenfalls im Rahmen von Hackathons interagieren kann, eine Konsequenz des New Public Management ist. In diesem Denkmodell wird die Bevölkerung zu „Kund*innen“ des Staats, der sich – auch in genuinen Aufgaben der Daseinsvorsorge – wie ein Unternehmen verhalten soll. Das heißt zum Beispiel, dass Abteilungen sich untereinander ihre Leistungen in Rechnung stellen. Aber auch, dass Leistungen der öffentlichen Hand an Unternehmen oder eigene Gesellschaften ausgelagert werden. Ein Engagement außerhalb dieser Wirtschaftslogik ist gar nicht vorgesehen – das heißt, die umfangreiche praktische Digitalisierungsexpertise aus dem Ehrenamt zerschellt regelmäßig an der staatlichen Organisationspraxis.

Schon für die Anforderungsbeschreibung von Digitalprojekten braucht es externe Beratung

Wünschewand beim OpenCityCamp 2012

Das hatte gerade für die Digitalisierung fatale Folgen. Anstatt IT-Architekturkompetenzen auf allen Ebenen der föderalen Verwaltung aufzubauen, bestimmt seit Jahren eine Reihe externer Dienstleister, wohin der Staat digitalisiert. Was auf den ersten Blick wie eine Effizienzsteigerung klingt – denn natürlich sollen nicht über 11000 Kommunen jeweils ihre eigene Softwarelösungen entwickeln – führte über die Jahre zu einem weitreichenden Kompetenzverlust schon bei der Bestimmung, was eigentlich die Anforderung an die zu bauenden Softwarearchitekturen sind. Als Nebeneffekt kann es dann auch schon einmal vorkommen, dass die beschaffte Software am Ende gar nicht für den gedachten Einsatzzweck taugt und das Projekt für die Katz war. Lilith Wittmann nennt das in ihrer kritischen Besprechung des GovTech-Campus die „Beratertreppe“: Die laufende Externalisierung von Kompetenzen wurde zur selbstverstärkenden Spirale, so dass seit Langem schon für die Erstellung der Ausschreibungen für ein Softwareprodukt externe Beratung herangezogen werden muss.

Diese Erfahrung haben in den vergangenen Jahrzehnten auch immer wieder Ehrenamtliche aus der Zivilgesellschaft gemacht. Analog zur Civic-Tech-Bewegung in den Vereinigten Staaten entstanden in den späten 2000er-Jahren auch in Deutschland Gruppen Freiwilliger, die am praktischen Beispiel aufzeigten, was mit den Mitteln der Informationstechnik eigentlich möglich wäre. Als Instrument der Selbstermächtigung und zivilgesellschaftlichem Gegenstück zu Open Government entstanden Transparenz fördernde Auswertungen offener Daten, aber auch ausgereifte Beispiele, wie die öffentliche Hand ihre Leistungen für die Bevölkerung noch besser benutzbar machen kann.

All diese Gruppen stießen jedoch früher oder später auf die immer selben strukturellen Hürden, wenn es darum ging, dass der Staat ihre Ideen auch aufgreift und sich zu eigen macht. In ihrem Buch „A civic technologist’s practice guide“ beschreibt die ehemalige leitende 18F-Mitarbeiterin Cyd Harell zwei notwendige Schritte für die erfolgreiche Anwendung von Civic Tech: „Showing what’s possible, and doing what’s necessary“. Dieser Pfad, dass Ehrenamtliche aus der Zivilgesellschaft zeigen, was möglich wäre, und der Staat dann das Notwendige tut, um sich diese Beispiele zu eigen zu machen, scheint in Deutschland aber fast nirgendwo vorgesehen zu sein. Meist ist man entweder zivilgesellschaftliche „Kund*in“ des Staats und kann allenfalls im Rahmen von Anhörungen und Feedbackrunden Jahr für Jahr dieselben Post-Its auf Metaplanwände kleben – oder man muss selbst Dienstleister*in werden und sich beauftragen lassen, der eigenen Idee irgendwo im Wildwuchs der Verwaltungs-IT ein Gärtchen bestellen zu dürfen. 

Für gestaltende Zivilgesellschaft ohne wirtschaftliches Interesse gibt es in diesem Denkmodell keinen Raum

kleineAnfragen.de: 2014–2020

Für die Unterstützung der Umsetzer-Rollen gab es über die Jahre verschiedene Ansätze: Inkubatorprogramme, Förderlinien, Kooperationen mit Umsetzungspartnern aus der Wirtschaft. Das waren aber allesamt lediglich unterschiedliche Geschmacksrichtungen entweder von Firmengründungen oder kurz- bis mittelfristigen finanziellen Förderungen, damit Weiterentwicklung und vor allem Wartung und langfristiger Betrieb wenigstens nicht in der Freizeit der Beteiligten passieren musste. Wir haben im Ergebnis bis heute keinen Ansatz, um langfristig einen Pfad zu ebnen, dass die öffentliche Hand selbst fertige, von der öffentlichen Hand direkt übernehmbare Produkte wie kleineanfragen.de auch selber betreiben könnte, und sei es über Konstrukte wie die kommunalen Rechenzentrumsverbünde. An die Stelle von Civic Tech aus einer engagierten Bürgerschaft und einer Verwaltung, die selbst in der Lage ist, aus deren Erfahrungen zu lernen, ist GovTech getreten – also die vollständige Abhängigkeit von Firmen, die teils den Staat als einzigen Kunden für ihre Produkte haben.

Das ist auch eine Erfahrung der Zivilgesellschaft aus jahrelanger Beschäftigung im Austausch mit der Verwaltung – sei es bei selbst organisierten Barcamps oder der Beteiligung an Hackathon-Formaten. Und hier zeigt sich eine weitere problematische Konsequenz dieser Kompetenzauslagerung durch den Staat. Eher im Nebensatz erwähnt Philip Banse, dass es neben dem ebenfalls auf dem GovTech-Campus vertretenen Digital Service des Bunds auch Ehrenamtsnetzwerke wie Code for Germany gebe – aber die würden ja eher Hackathons machen und an den Bedarfen der öffentlichen Hand vorbei entwickeln.

Aus Sprints werden Marathons – aber warum sollen Ehrenamtliche laufen, und nicht der Staat?

Voll gut: Hackathons, um neue Fähigkeiten zu erwerben oder auf politische Missstände aufmerksam zu machen. Eher nicht so gut: Hackathons, um mal eben Aufgaben des Staats lösen zu wollen. Open Knowledge Foundation Deutschland from Deutschland, Jugend hackt Ulm 2018 (46355412802), CC BY 2.0

Indes waren es gerade die Ehrenamtlichen des Code-for-Germany-Netzwerk, die auf den Nachhall des großen Corona-Hackathons der Bundesregierung 2020 in Form einer Wiederentdeckung von Hackathons durch die öffentliche Hand und seinen Partnerorganisationen wie Tech4Germany (aus dem der oben erwähnte Digital Service hervorging) eher verhalten reagierten. Viele der Code-for-Germany-Aktiven haben über die Jahre hinweg Begegnungen mit Hackathonformaten gehabt  – und merkten über die Zeit, dass sie zwar an Erfahrung dazulernten, wie die Verwaltung funktioniert, aber immer wieder auf dieselben Probleme und Hilflosigkeiten dieser Verwaltung stießen, die schon auf den Austauschformaten mehrere Jahre zuvor adressiert werden sollen hätten. Die Erfahrung der Code-for-Germany-Ehrenamtlichen zeige, „dass es weniger um die Prototypen als viel mehr [um] Erkenntnisse auf einer strukturellen Ebene“ gehe, heißt es in einer Handreichung des Netzwerks vom Sommer 2020. 

Zum einen geht es bei Hackathons wegen des immer noch vielfach genutzten Wettbewerbscharakters nämlich viel zu häufig um den Start neuer Projekte. Häufig werden also Ideen neu erfunden, an denen andere Gruppen bereits – beispielsweise aus eigener Betroffenheit – zur Verbesserung einer konkreten Situation gearbeitet haben und nun Unterstützung zur Weiterentwicklung und Wartung gebrauchen könnten. Zum anderen laufen auch die „Verstetigungsprogramme“ bis heute meist auf die finanzielle Unterstützung der Ideengeber*innen oder die Entwicklung der Ideen in ein Geschäftsmodell hinaus. Aus dem Sprint werde ein Marathon, hieß es im Nachgang des Corona-Hackathons – ohne dabei die Frage zu stellen, warum denn nun ausgerechnet die Zivilgesellschaft einen Marathon laufen soll, und nicht der Staat.

Die ausgearbeiteten Lösungen aus dem Digitalen Ehrenamt liegen meist schon vor – haben aber selten Chance, zu verfangen

Austauschformat, 2017. Open Knowledge Foundation Deutschland from Deutschland, Datensummit 2017 – Tag 1 im BMVi (33974368270), CC BY 2.0

Ganz ähnlich lief dies auch ein Jahr später beim „Update Deutschland“-Hackathon, der auch Länder und Kommunen als „Zielgruppe“ identifiziert hatte und mit deren Unterstützung durchgeführt wurde. Der überfällige Aufbruch der Verwaltungsdigitalisierung sollte auch hier aus der Zivilgesellschaft kommen, die aber gleichzeitig unpolitisch von den veranstaltenden Institutionen in Anspruch genommen und in wirtschaftliche Wirkmuster gelenkt werden sollte, wie Daniel Staemmler und Sebastian Berg konstatierten. Bemerkenswert war, dass auch Kommunen an dem Format teilnahmen, die bislang den Input aus der örtlichen Ehrenamtsszene häufig links liegengelassen hatten. Analog zu kleineanfragen.de lagen auf mehrere der bei Update Deutschland gestellten „Challenges“ der teilnehmenden Verwaltungen bereits seit Jahren tragfähige Vorschläge aus der Zivilgesellschaft vor – die aber bislang von der öffentlichen Hand nicht umgesetzt wurden.

So stellte eine Kommune die Herausforderung vor, die Beschlüsse des Gemeinderats „erlebbarer, einfacher auffindbar und transparenter“ zu machen. Das Ratsinformationssystem der Kommune habe in der Regel Schnittstellen, um diese Informationen abrufen und beispielsweise auf einer Karte darstellen zu können. Bei der beschriebenen Schnittstelle handelt es sich um den seit 2012 durch Ehrenamtliche bei Code for Germany entwickelten Standard OParl. Und die Ironie der Challenge ist, dass, wie gerade erst von Nora Titz beschrieben, am Anfang dieser Standardisierung genau solche grafischen Aufbereitungen der Ratsinformationen standen – damals mit Scrapern aus den Informationssystemen extrahiert und beispielsweise auf Karten dargestellt. Die für die Öffentlichkeit nutzbaren, im Ehrenamt entwickelten Frontends für die Auswertung der OParl-Daten konnten bis heute nicht von der öffentlichen Hand übernommen, geschweige denn betrieben werden. Teilweise scheint es ihr schon schwerzufallen, die beim Ratsinformationssystem-Anbieter bestellte OParl-Schnittstelle auch auf ihre korrekte Installation zu überprüfen und abzunehmen. Die OParl-Schnittstelle der Challenge-gebenden Stadt war zum Zeitpunkt des Hackathons gar nicht aktiviert – und ist es auch zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht. Es existiert zwar ein fertiges Validierungsskript, mit dessen Hilfe man die Standardkonformität der Schnittstelle in Minutenschnelle prüfen kann. Um dieses Skript bei der Abnahme im Verwaltungsnetz ausführen zu können, bedarf es aber der internen Fähigkeiten, den Validator auf Verwaltungsrechnern selbst zum Laufen zu bringen. Danach braucht es noch etwas Verständnis, die Ausgaben interpretieren zu können und sich vom Dienstleister nicht einreden zu lassen, dass der Fehler bei einem selber liege. Was engagierten Freiwilligen mit grundlegenden Kenntnissen eine spielerische Fingerübung weniger Minuten ist, stellt die Verwaltung teilweise heute noch vor große Herausforderungen. Der Staat baut hier nicht die notwendigen Kompetenzen in der Breite auf, um die gratis vom Ehrenamt gelieferten Skripte auch selbstbestimmt ausführen zu können. Stattdessen sind diese Ehrenamtlichen letztlich dazu gezwungen, selbst als bezahlte Dienstleister*innen aufzutreten, wenn sie wollen, dass ihre Ideen auch in die Tat umgesetzt werden.

Vorhandenes Wissen aufgreifen und dokumentieren – nach den Bedürfnissen des Ehrenamts!

CC0 Matthias Wörle im Auftrag von Wikimedia Deutschland

Die überstarke Begeisterung des Staats für Hackathons scheint mittlerweile – zum Glück! – endlich abzuflauen. Offen bleibt aber die Frage, wie Ehrenamt und Zivilgesellschaft sich überhaupt wirkungsvoll mit ihrer Expertise einbringen können. Der Anspruch kann dabei nicht sein, auch als Zivilgesellschaft ein Büro am GovTech-Campus zu haben. Schon die Existenz eines GovTech-Marktes ist mehr Indikator eines grundsätzlichen Problems, als dass diesem Markt mit einem Austauschcampus noch niederschwelligerer Zugang geschaffen werden soll. Es kann auch nicht die Aufgabe Ehrenamtlicher sein, werktags mit am Tisch zu sitzen, wenn Vergabeverfahren für staatliche IT-Lösungen nun möglicherweise noch weniger nachvollziehbarer als bisher zwischen Verwaltung und Dienstleistern ausgehandelt werden. Vielmehr geht es darum, den Wissensschatz der ehrenamtlichen Digitalen Zivilgesellschaft aktiv zu suchen und in die Verwaltung selbst zu transferieren. 

Wikimedia Deutschland hat gemeinsam ergänzt um Interviews mit der Deutschen Stiftung für Ehrenamt und Engagement vergangene Woche im Politikbrief „Digitales Ehrenamt: Zivilgesellschaftliche Teilhabe im Digitalen Raum“ sechs Forderungen aufgestellt, wie dieses Engagement besser vom Staat gewürdigt und gefördert werden sollte. Eine der Forderungen ist der systematische Transfer ehrenamtlicher Expertise. Der Staat sollte nicht etwa Dienstleister*innen auf seinen GovTech-Campus zu sich einladen und damit weiter Kompetenzen externalisieren, sondern strategisch interne IT-Fähigkeiten aufbauen. Das vorhandene Wissen im digitalen Ehrenamt muss durch aufsuchende Beteiligung und den Bedürfnissen der Freiwilligen folgend aufgegriffen und dokumentiert werden, um es verwaltungsintern verwendbar und anwendbar zu machen. Damit könnte endlich eine Brücke über die nach wie vor bestehenden Wissensklüfte geschlagen werden – damit kommende Generationen ehrenamtlich Aktiver hoffentlich künftig nicht mehr zu ihrer Frustration auf dieselben strukturellen Hürden stoßen, an denen diese Partizipation bislang scheiterte.

//edit am 24. Januar 2023, Rolle der DSEE im Politikbrief von WMDE korrigiert

Logomachie: Theologisch-korrekte Powerworte und neoliberale Digitalisierungstrategien

Wer schon eine Weile in der Digitalisierungswelt unterwegs ist, stolpert irgendwann ueber die wellenfoermige Mem-artigkeit von Begriffen, die neu im Diskurs verwendet werden und dann eine gewisse Beliebtheit erreichen, bevor sie – eventuell – im Gebrauch wieder abflachen. „Smart“ scheint beispielsweise kaum totzubekommen sein, ist aber lange nicht mehr so hochmodisch, wie es mal war. Aktuell begegne ich immer wieder Begriffen wie „Resilienz“ oder auch der „Digitalen Souveraenitaet“, und ich muss zugeben, dass es mir mittlerweile zunehmend Freude bereitet, zu fragen, wie der gerade gefallene Satz denn formuliert werden koennte, ohne diesen Begriff zu verwenden.

An ein paar Stellen hatte ich vorher bereits Auseinandersetzungen mit dem Mode- bzw. Mem-Aspekt dieses Hypecycle mitbekommen. Klumpp drueckt das einleitend in „Digitalisierte urbane Mobilitaet“ (2016) – genauso snarky wie in weiten Teile des kompletten Dokuments – aus:

Keine lang laufende Diskussion verträgt aber Konstanten bei den verwendeten Begriffen und Begrifflichkeiten, weshalb in einer Zeit der Beschleunigung eben neue Termini erforderlich sind.

Klumpp, Dieter. „DIVSI Studie-digitalisierte urbane Mobilität: datengelenkter Verkehr zwischen Erwartung und Realität.“

Ein fehlendes Puzzlestueck war fuer mich aber die weitgehende Sinn- oder zumindest Definitionsbefreitheit vieler der verwendeten Begriffe: Was heisst denn „Souveraenitaet“ ueberhaupt? Wer ist gegen was „resilient“? Obwohl die Begriffe sehr haeufig und sehr selbstsicher eingesetzt werden, bringen solche Rueckfragen – oder die oben erwaehnte Bitte, den Satz doch mal inhaltsgleich aber ohne dieses Wort zu verwenden – das Gegenueber sehr schnell ins Schwimmen.

Einen ersten Aufhaenger fuer die Einordnung solcher inhaltslosen Begriffe hatte ich vor einigen Monaten in einem Thread von Simon Wardley zum Begriff der „Digitalen Souveraenitaet“ gelesen, der daraus mittlerweile einen lesenswerten Blogpost gemacht hat. Anders als ich – und das ist ja eben typisch fuer diese Interpretationsoffenheit – definiert Wardley den Begriff in einer raeumlichen Abgrenzung des nationalen (oder EU-zentrischen) Protektionismus, die gerade beim weltweiten Internet einfach keinen Sinn ergibt. Im Thread lieferte er aber einen grossen Aha-Moment fuer mich, diese Projektionsflaechenbegriffe einzuordnen:

Replying to @swardley X : How good is the gameplay of digital sovereignty in the West?
Me : Mostly crap. We don’t use maps, we use stories and have endless blah blah sessions of consultants trying to define digital sovereignty. It’s like generals trying to win a war by giving it the right name.

Ein spannendes Faedchen, an dem ich dann sehr lange weiter ziehen und Dinge aufzuppeln konnte, lieferte nun vergangene Woche ein Tweet von Basanta Thapa:

pic.x.com/ujjiijsnpz

Ich habe daraufhin gleich mal das zitierte Paper gesucht und wo es zitiert wird, und bin dabei ueber „Talking about government: The role of magic concepts“ (DOI 10.1080/14719037.2010.532963, ich rate natuerlich dringend davon ab, das z.B. auf SciHub zu suchen) gestolpert. Und das ist einfach wunderbar, weil Pollitt und Hupe darin sehr sueffisant die Rolle und auch die Charakteristika solcher „magischer Worte“ erklaeren. Waehrend man fuer viele Standpunkte oder Thesen einen gegenteiligen Standpunkt formulieren kann, der erstens Sinn ergibt und auch zustimmungsfaehig ist, sind die „magischen Konzepte“ so breit und universell ausgelegt, dass ihre Negation praktisch keinen Sinn ergibt. Sie machen das an den drei Beispielen „Governance“, „Accountability“ und „Network“ fest, auf die das gut zutrifft: „Keine Governance“ mag niemand so recht haben und ist schlecht vorstellbar – aber bei genauerem Hindenken faellt auf, dass auch „Governance“ selbst gar nicht so gut vorstellbar ist, weil es irgendwie alles und nichts ist. Pollitt und Hupe schlagen folgende Charakteristiken fuer solche magischen Worte vor:

1 Broadness. They cover huge domains, have multiple, overlapping, sometimes conflicting definitions, and connect with many other concepts. They have large scope and high valency.

2 Normative attractiveness. They have an overwhelmingly positive connotation; it is hard to be ‘against’ them. Part of this is usually a sense of being ‘modern’ and ‘progressive’ – often replacing something which is now alleged to be out-of-date (e.g. networks replace bureaucracy and/or hierarchy).

3 Implication of consensus. They dilute, obscure or even deny the traditional social science concerns with conflicting interests and logics (such as democracy versus efficiency, or the profit motive versus the public interest).

4 Global marketability. They are known by and used by many practitioners and academics – that is, they are fashionable. They feature frequently in official policy documents, the titles of reform projects and new units in both governmental and university departments. The concepts provide themes for academic conferences, subjects for seminars and titles for journal articles

Pollitt, Christopher, and Peter Hupe. „Talking about government: The role of magic concepts.“ Public Management Review 13.5 (2011): 641-658.

Ich halte es fuer wichtig, diese Begriffe vor allem in der Digitalisierungsdebatte zu dekonstruieren, wo immer wir ihnen begegnen. Erstens – und offensichtlich – weil sie interpretationsoffene Projektionsflaechen sind. In einem Diskurs ueber politische Ziele hilft es ungemein, sich der Bedeutung der gemeinsamen Sprache einig zu sein und eben nicht Schlumpfwoerter wie „smart“ zu verwenden, die lediglich die orthodoxe Rechtglaeubigkeit der aussprechenden Person bekraeftigen sollen.

Wie soll beispielsweise ein Datenethikkonzept dazu fuehren, ethisch mit Daten umzugehen? Welche Definition unethischen Datenumgangs faellt einem ueberhaupt ein, und woraus leitet sich die Ethik denn nun her und in welcher Utopievorstellung von Gesellschaft ist sie begruendet und warum kommt irgendwer auf die Idee, dass es hier eine universelle Vorstellung davon geben koennte? Kann es „ethischen“ Umgang mit Daten durch lokale Definitionen ueberhaupt geben, solange es nebenan Polizeiaufgabengesetze gibt, die sich um diese Ethik wenig scheren, sondern (wie im Fall der Corona-Registrierungszettel) einen konkurrierenden, rechtlich verbrieften Zugriffsanspruch haben, egal wie man selber das dagegen gerne absichern wuerde, fuer eine „ethische“ und vertrauensvolle Handhabung z.B. pseudonymisierter Mobilitaetsdaten? Wenn schon Governance undefinierbar ist, was ist dann Datengovernance? Wer governt denn ueber was, und wo gibt es wieder konkurrierende Akteure (z.B. wieder die Polizei)? Und was bringt mir eine Reflexion ueber Ausschluesse und strukturelle Benachteiligungen, wenn andere da mit reinfunken, die notorisch unreflektiert mit diesen Machtverhaeltnissen umgehen (again)?

Zweitens aber taeuschen viele dieser magical words zwar Universalitaet und auch Neutralitaet vor (“One might say that magic concepts are typical of what social theorists term ‘late modernism’, in the sense that they are of high abstraction and wide generality, and are usually presented as neutral (Scott 1998).”, aus Pollitt&Hupe 2011). Gerade in der Digitalisierungsdebatte kommt jedoch eine Vielzahl der Begriffe aus dem kleinen Woerterbuch des Neoliberalismus (vgl. z.B. Eagleton-Pierce, Matthew. Neoliberalism: The key concepts. Routledge, 2016) und werden ganz nebenbei in Diskursbeitraege eingeflochten – weswegen sich staendige kritische Nachfragen umso mehr lohnen:

Warum sprechen Akteure beispielsweise von Challenges, die es zu loesen gilt? Was waere ein alternativer Begriff und was das Gegenteil? Wie grenzt sich eine Challenge von einer Analyse systemischer Maengel ab, und warum macht man stattdessen lieber die Challenge? Wer oder was ist die Community, wovon waere sie abzugrenzen, wer definiert die Grenzen, und warum ist sie eine eigene Gruppe unter den Stakeholdern? Stellt Partizipation wirklich bestehende Machtverhaeltnisse in Frage und ermaechtigt die Buergerschaft (wer auch immer das sein soll), oder wird der Prozess aus der Machtstruktur heraus gesteuert und legt selber fest, wer eine Stimme hat und wer nicht? Aehnlich auch bei Co-Creation, geht es um “fundamentally changing the relationships, positions and rules between the involved stakeholders” (Voorberg, Bekkers & Tummers, 2015), oder soll eine Checkliste in einem Foerderantrag abgehakt werden? Was heisst es, wenn Verstetigung beispielsweise von Community(sic, klar)-Projekten angestrebt werden soll? Was zum Teufel waere das Gegenteil? Und was genau wird denn verstetigt? Foerdermittel, auf dass die Community (natuerlich nachhaltig) das Projekt auf alle Zeit weiterfuehrt? Quasi die zeitlich unbegrenzte Verstetigung einer Arbeit, die man nie dauerhaft machen wollte, weil man dachte, dass die oeffentliche Hand selber aus dem Quark kommt, das kuenftig besser zu machen? Oder soll das Ziel sein, diese oeffentlichen Aufgaben (am besten noch der Daseinsvorsorge) mit Entrepreneurship in privater Hand durchzufuehren?

Und so weiter.

Vielleicht waere hier mal ein Woerterbuch gut. Oder eben doch ein illustriertes Bilderbuch mit schoenen Metaphern, die diese Begriffsunklarheiten anschaulich aufdroeseln (Danke Julia Barthel fuer die Idee). Und es braucht auch dringend gut verstaendliche Gegenerzaehlungen, die die komplexeren aber eben auch zielfuehrenderen nachhaltigen Ansaetze mindestens ebenso attraktiv machen wie die neoliberalen Gegenstuecke, die gerade durch windelweiche und schoene Worte so leicht verdaulich fuer Entscheidungstraeger:innen sind.

Bis dahin: Bitte kritisch weiterfragen!

//edit: verwirrenden Satz klargestellt, Paper verlinkt. Siehe ausserdem auch anderen Beitrag zu User Centered Design.

Verantwortung internalisieren: Als Verwaltung Software verstehen

Weil ich gerade einen Vortrag über #opensource-Software höre: Die öffentliche Verwaltung mag es Verantwortung zu externalisieren, gerade bei IT-Themen. Diese Denkweise, also dass Verantwortung externalisieren am Ende überhaupt klappt, muss leider erst mal durchbrochen werden.

Unter diesem Tweet sammelten sich einige Antworten, die mir Anlass sein sollen, einmal unsortierte Gedanken der letzten Monate ein wenig zu ordnen. Die meisten Mitlesenden duerften wissen, dass seit ueber 5 Jahren bei Code for Germany (und vielerorts schon viel laenger, und natuerlich nicht nur in Deutschland) ehrenamtliche oertliche Gruppen der oeffentlichen Verwaltung zeigen, was Open Data bringt. Wie man Daten strukturiert. Worin die Vorteile des Ganzen liegen.

Man koennte also sagen: Dass Open Data nuetzlich ist, das daraus tolle Dinge entstehen, dass das ein anstrebenswerter Zielzustand ist und dass 100% Open Data eigentlich spaetestens seit 4 Jahren Status Quo sein sollte, darueber muss man eigentlich nicht mehr diskutieren.

Und dennoch tut sich die oeffentliche Hand offenkundig an sehr vielen Orten immer noch enorm schwer, dies alles in eine Praxis automatisiert bereitgestellter Offener Daten, passender Beschlussgrundlagen und weitsichtiger Beschaffungspolitik zu giessen. Es beschaemt mich, wenn 2020 immer noch Hackathons als neue Massnahme vorgeschlagen werden. Dazu dachte ich sei auch schon das meiste gesagt, aber ergaenzend sei nochmal auf die vielen vielen Beispiele von Jugend hackt verwiesen, die wirklich nun ueber Jahre und hervorragend zeigen, was sich mit Open Data und einer engagierten Zivilgesellschaft machen laesst. Die Frage ist jetzt doch vielmehr, was die naechsten Schritte sind, um die Ideen der Hackathons in der Verwaltung zu verfestigen.

Witzigerweise zeigte gerade ein eher schiefes Beispiel im weiteren Verlauf der Twitterdiskussion worum es eigentlich geht und wo es hakt:

Replying to @knigotnik @ingo_keck @didumdida Ich halte das für ein Quatsch-Argument. Der Staat baut auch nicht selber Autos, auch wenn er sie dringend für die Sicherheit braucht (Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr, Rettungsdienst, …). Kein Beamter muss Vergaser bauen können.

Der Punkt ist natuerlich, dass Kraftfahrzeuge und Vergaser fertig zu kaufende Produkte sind, die selbst fuer den Einsatz im oeffentlichen Dienst passgenau von der Stange gekauft werden koennen. Fuer Spezialanfertigungen – sagen wir mal, Loeschgruppenfahrzeuge – gibt es jahrzehntelang entwickelte Prozesse, Schirrmeistereien und Fachmenschen, die tatsaechlich wissen, welche Ausruestung und Beladung auf das neue Einsatzfahrzeug kommen soll. Und es gibt in der Tat nicht wenige oeffentliche Einrichtungen (ja, ich spreche hier wieder mit der Feuerwehrbrille), die ihre Fahrzeuge selber warten und pflegen. Warum auch nicht.

Auf einer Wardley-Map fuer Datenfluesse, Prozesse und Entwicklungsketten innerhalb der oeffentlichen Verwaltung stuenden aber neben den vielen Bruechen im System jede Menge Komponenten, die entweder aktuell “Custom built” sind oder sich ueberhaupt erst noch in der “Genesis” befinden. Daten werden vielfach noch haendisch per Excel-Export aus Fachverfahren gekratzt und dann mehr oder weniger bereinigt in irgendein Datenportal geschaufelt.

Ueberhaupt: Datenportale. Oder nein, Datenplattformen. Meine Guete. Das ist das Gegenstueck zur Silver Bullet: Wenn man erstmal die Datenplattform hat, dann… ja was dann? Dann ist der Rauskratzprozess der Daten immer noch haendisch. Und was bringt es, wenn das neue Supersystem theoretisch Zeitreihen abbilden kann, wenn innerhalb der Verwaltung niemand da ist, um im Zweifelsfall mittels eines sehr kleinen Shellscripts eine Echtzeit-Datenquelle auch mit der passenden Senke in der Plattform™ zu verbinden? Oder wenn es – noch schlimmer – immer noch keine Ansaetze von Ratsbeschluessen und Grundsaetzen gibt, dass z.B. auf Grundlage von Vergaben entstehende geeignete Daten auch mittels passender Klauseln zu Open Data gemacht werden? Lucy Chambers nennt sowas Upside-Down-Projects: Es soll eine der oberen Schichten im Stack gebaut werden (vielleicht weil das irgendwo in einem Grant Proposal stand), also wird erstmal die Fassade vor dem Fundament gebaut. Oder die uebermaechtige Wasser-Echtzeit-Verbrauchsanzeige, waehrend das metaphorische Wasser noch haendisch im Eimer ins Haus getragen wird. Im schlimmsten Fall hat man nicht mal nen verdammten Eimer.

Und dann sind wir doch relativ schnell wieder bei der Frage, ob die oeffentliche Hand Code anfassen koennen soll. Meine Ueberzeugung: Ja, das sollte sie unbedingt.

Denn, und da sind wir bei einem Knackpunkt fuer mich: Diese Vermittlerrolle, diese Adapterfunktion – Daten aufbereiten, Dinge scrapen, Prozesse bauen – wird bislang viel zu viel vom Digitalen Ehrenamt in Deutschland aufgefangen. Also von all den Menschen, die jetzt immer wieder und immer noch auf Hackathons eingeladen werden, als haetten sie nicht mittlerweile genug damit zu tun, die Proofs-of-Concept aufrechtzuerhalten, was alles moeglich waere, wenn die oeffentliche Hand zumindest in Grundzuegen selber wuesste, wie Code, Datenstandards und IT-Architekturen aussehen.

Paradebeispiele gibt es genug: kleineanfragen.de als Ein-Personen-Projekt, um zu zeigen, wie man solche Dokumente richtig bereitstellt. Einfach nur ein Proof of Concept, seit September 2014(!) bereit zur schluesselfertigen Uebernahme durch die oeffentliche Hand – und nichts dergleichen ist passiert. Im Gegenteil verlassen sich zunehmend JournalistInnen und ParlamentarierInnen auf ein ehrenamtliches Projekt, dem nun seit ueber fuenf Jahren das „offizielle“ Produkt nicht annaehernd gleichziehen konnte (siehe, siehe, siehe). Oder die ganze Geschichte rund um OParl: Ein Datenstandard fuer Parlamentsinformationssysteme, der nur durch massiven persoenlichen Zeitaufwand Ehrenamtlicher entstehen konnte, und fuer den ich bis heute bei keinem Dienstleister eine schicke Auswertung als Ersatz fuer die meist grottigen Ratsinformationssystem-Oberflaechen buchen kann, selbst wenn ich als Kommune Geld darauf werfen wollen wuerde.

Also nein, Software ist kein Auto. (Manche Vergleiche sind aber absurd. Okay.) Aber wenn dieses Digitalisierungszeug endlich mal gelingen soll – und wenn wir die vielen Ehrenamtlichen, die jahrelang gezeigt haben, wo die Reise hingehen kann, endlich aus der nie gewollten Garantenposition herausloesen wollen – gehoert nach dem Pioneer/Settler/Town-Planner-Muster auch passende Kompetenz in der Verwaltung aufgebaut. Muessen zumindest manche VerwaltungsbeamtInnen auch irgendwann mal Cronjobs und Shellscripts einrichten koennen. Muessen dafuer schnell passende VMs fuer die Verwaltung klickbar sein. Muss statt Innovationstheater mit (natuerlich nicht transferierbaren) Leuchttuermen die marode IT-Basisinfrastruktur in einen brauchbaren Zustand versetzt und kontinuierlich weiter gewartet werden koennen. Nicht unbedingt, weil die oeffentliche Hand alles selber machen koennen sollte. Im Gegenteil, moeglichst viel sollte als Commodity klickbar sein. Dafuer muesste man aber wissen, was es alles gibt, und Technikfolgen abschaetzen koennen. Und dafuer hilft es ungemein, mal ellenbogentief in APIs gewuehlt zu haben.

Davon hoere ich auf den ganzen Schlipstraeger-Digitalisierungsgipfeln aber erstaunlicherweise immer noch erstaunlich wenig.

Offene Schnittstellen fuer intermodale Mobilitaet

Die Konsequenz des obigen Zitats finde ich sehr spannend. Mobilitaet in der beschriebenen Form eines gemeinsam gedachten und funktionierenden Systems kann also nur funktionieren, wenn a) ein Anbieter alles aus einer Hand anbietet. Das scheint das Modell zu sein, das einige Verkehrsverbuende fuer sich zu beanspruchen scheinen: Alles soll in ihre App. Und auch einige privatwirtschaftliche Anbieter wollen jeweils marktbeherrschender Platzhirsch werden – denn wenn ihnen die Paymentfunktion gehoert, haben sie den Markt gecornert.

Modell b) waere dagegen, die einzelnen Komponenten fuer Mobilitaet nach den Modellen der Unix-Philosophie oder des Internets zu betrachten: Jede Komponente macht ihren Teil wirklich richtig gut, und laesst sich ueber definierte Schnittstellen zu einem groesseren Ganzen zusammenfuegen.

Die grosse Frage ist in Deutschland seit Jahren, wie man die Schnittstellen in diese Mobilitaet hineinbekommt. Selbst Soll-Fahrplandaten für den ÖPNV sind in Deutschland immer noch Mangelware, und Verbünde preisen ihre architektonischen Inselloesungen zu Echtzeit-Fahrplanauskuenften mit der Marketingluege „Open Services“ an, obwohl sie weder Open noch ein sich in ein Gesamtsystem einbetten lassender Service sind. Und private Mobilitaetsdienstleister nutzen zwar gerne oeffentlichen Raum im Sinne des Gemeingebrauchs fuer ihre Dienste, geben aber im Gegenzug enorm ungern Daten wieder preis.

Max und Consti haben dieser Tage einen laengeren Artikel darueber geschrieben, wie die City of Los Angeles per kommunaler Satzung an dieser Stelle mitbestimmt und den Markt im Sinne des Gemeinwohls steuert. Die Stadt hat sowohl eine Satzung als auch gleich einen passenden Datenstandard verabschiedet, an den sich alle halten muessen, die innerhalb der staedtischen Jurisdiktion Dienste anbieten wollen. Das Motto: Wer hier Geschaefte machen will, muss das auch sozialvertraeglich tun und dafuer Sorge tragen, dass das eigene System sich in das groessere Mobilitaetssystem einbetten laesst.

Im Artikel wird darauf verwiesen, dass Elektrokleinroller jetzt bald auch in Deutschland legal im Strassenverkehr einsetzbar sein werden, und dadurch bald auch Scooter-Sharinganbieter wie Lime und Bird auf den deutschen Markt vordringen werden. Das sei eigentlich der ideale Zeitpunkt, auch in Deutschland kommunale Satzungen zu verabschieden, die sich an der von Los Angeles orientieren.

Mehr Lektuere dazu gibt es im API-Policy-Paper der Transit App, mit einer Menge von Links, die sich zu lesen lohnen.

Von Hackathons und Communityfoerderung

Foto: Sebastián Laraia für Deutsche Bahn / CCBY4.0

Foto: Sebastián Laraia für Deutsche Bahn / CCBY4.0

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Hackathons eine ganz gute Moeglichkeit sind, die eigene Stadt, Behoerde oder Konzern zu oeffnen und sich frischen Wind in die verstaubten Hallen zu holen. Das BMVI lud derletzt zum zweiten Mal zum Data Run, und die Deutsche Bahn hatte gestern den fuenften Hackathon binnen 20 Monaten ueber die Buehne gebracht. Nicht schlecht, koennte man sagen.

Was mir aber schon bei unseren OpenCityCamps auffiel: Nach einer Weile scheint sich das etwas totzulaufen. Die ausrichtende Einrichtung darf von Mal zu Mal neue Datenquellen freischaufeln, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, es bewege sich nichts mehr. Ob diese – muehsam irgendeiner grantelnden Fachabteilung abgetrotzten – Daten dann helfen, tatsaechliche Probleme echter Menschen zu beheben, weiss vorher kein Mensch. Und irgendwann ist auch der Punkt erreicht, an dem die naechsten grossen zu beackernden Baustellen einfach gar nicht mehr an einem 24-Stunden-Hackathon bearbeitet werden koennen.

Vor diesem Hintergrund deswegen mal ein paar halbgare Einwuerfe, was mir die letzten eineinhalb Jahre so durch den Kopf gegangen ist:

  1. Mit das wichtigste Ergebnis einer Open-Data-Veranstaltung ist, dass sich die Teilnehmer*innen live treffen und austauschen. Egal ob Freiwillige mit Ministeriumsleuten, Ministeriumsleute mit Konzernbeschaeftigten oder sonstwas: Diese Aufeinandertreffen motivieren, inspirieren und sorgen fuer die notwendige regelmaessige Hirnbelueftung mit frischen Ideen. Fuer diesen Austausch muss genuegend Zeit und Raum vorhanden sein. Das haben wir als blutjunge Fachschaftler*innen bei der Konferenzorga zwar gelernt, bei Behoerden darf man von dem Wissen aber nicht unbedingt ausgehen 😉
    Hierzu gehoert auch: Wenn ein Ministerium, eine Landeseinrichtung, ein Staedtetag oder sonstwer eine schicke Austauschveranstaltung macht, dann sollte sie unbedingt auch die Freiwilligen aus der Community mit einladen. Die OPEN! hat das nach der Kritik von 2015 dieses Jahr gemacht, das VDV-Verkehrscamp ebenso. Weiter so!
  2. Irgendwann ist jedoch der Punkt erreicht, an dem das klassische Hackathon-Wettbewerbs-Format nicht mehr traegt. Erstens, weil beim Coden immer die Frage im Raum steht, mit welchem Projekt man denn Preise gewinnen kann. Anstelle der Frage, was nuetzlich, wichtig und sinnvoll waere. Zweitens, weil es das Potenzial verschenkt, gemeinsam mit den vielen tollen, kompetenten Leuten mal ein Wochenende lang strategisch wichtige Dinge auszuarbeiten. Mal dieses Werkzeug uebersetzen. Oder dieses Tool schreiben, das es noch nicht gibt und das bisher jedes Mal irgendwie fehlte. Gruppenuebergreifende Metaprojekte, bei denen jede Gruppe einen kleinen Teil fuer das Gesamtprojekt entwickelt
  3. Aus 1) und 2) folgend: Der konsequente naechste Schritt waere, genau solche Zusammenkuenfte zu foerdern. Bei denen nicht kompetitiv Prototypen gebastelt, sondern gemeinsam die Dinge beackert werden, die fuer die Weiterentwicklung von Open Data in Deutschland wichtig sind.
  4. Die Teilnahme an den Aktionen in 3) darf nicht mehr nur auf den Schultern von Leuten mit viel Zeit oder ausreichend Geld oder beidem ruhen. Die Freiwilligen, die sich ein Wochenende um die Ohren schlagen, duerfen nicht auch noch aus eigener Tasche Anreise und Unterkunft bezahlen muessen, oder per Anhalter anreisen und dann irgendwo auf WG-Sofas pennen. Wer quer durch Deutschland zu so einer Aktion reist, gibt fuer solch ein Wochenende je nach Zeit-Geld-Tradeoff irgendwas zwischen 30 und 300 EUR aus. Das kann sich nur eine ueberschaubare Gruppe privilegierter Leute leisten.

An jeder Ecke wird derzeit haufenweise Kohle auf Big Data, Blockchain 4.0 in der Cloud as a Service und andere Ideen mit ueberschaubarer Halbwertzeit geworfen, die aus irgendeinem Berater-Powerpoint gefallen sind. Foerderfunds werden ins Leben gerufen, auf die sich aufgrund der Rahmenbedingungen letztlich eh nur die ueblichen Verdaechtigen bewerben und die Kohle in bekannter Manier zum Fenster rauswerfen.

Ich wage zu behaupten: Die Foerderung von Veranstaltungen wie in 3) beschrieben und die Vergabe von Reisestipendien fuer Open-Data-Aktivist*innen haette ein deutlich besseres Preis-Leistungs-Verhaeltnis. Da wuerde auch wirklich ein Bruchteil der 100 Millionen des BMVI reichen.

Bitte immer alles gleich richtig machen, Verwaltungsinformatikversion

Grossartiger Text von Dan Sheldon, seines Zeichens Digitalstrategiechef im britischen Gesundheitsministerium: Wie mache ich mich als Regierung oder Verwaltung mit IT-Projekten selbst kaputt?. Genuesslich zerlegt er den offenbar in der Verwaltung eingebauten Drang zu immer neuen Portalen, Pseudoclouds, mangelnde Exitstrategien und die kuriose Zuneigung zu allem, worauf „Enterprise“ steht. Leseempfehlung.

Achja, eigentlich wollte ich das schon ewig mal hier lang und breit erklaeren, aber seit 15. Juni bin ich nun auch Teil dieser Verwaltung. Bei der Stadt Ulm. Und es ist ein wenig erschreckend, wie leicht mittlerweile die Erklaerung von der Zunge rollt, warum Kommunen offenbar haeufig kein Devops haben. Dafuer habe ich aufgrund des verlinkten Artikels einen wunderbaren Digitalstrategiegenerator gefunden. Grossartig.