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Hydrantenmapping in OpenStreetMap – Schoener leben mit Fast-Linked-Open-Data

Ich hatte neulich zweieinhalb Wochen Urlaub und bin dabei unvermittelt in eine ganze Reihe von Rabbit Holes gefallen, in die ich mich ueber den Urlaub hinweg reingegraben habe. Das ueberrascht niemanden, die/der mich kennt, aber ich fand die Zusammenhaenge dazwischen so spannend, dass ich das mal aufschreiben wolle.

Alles fing mit einem Abend in der Feuerwehr an. Wir sollten ueber mehrere Abende alle Hydranten im Ortsgebiet anfahren, kontrollieren, spuelen und – wo noetig – Maengel aufschreiben. Fehlt ein Hinweisschild eines Unterflurhydranten, laesst sich ein Hydrant nicht vernuenftig oeffnen – oder aber auch, sind neue hinzugekommen, die wir nicht in unserem Hydrantenplan haben. In einer idealen Welt gaebe es natuerlich einen gut funktionierenden Austausch zwischen Gemeinde, Wasserversorger und Feuerwehr, so dass alle immer denselben Zustand dokumentiert haben. Aber ich muss ja niemandem erzaehlen, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben.

Wo sind Hydranten – von analog zu digital?

Als ich 1999 zur Feuerwehr kam, bestand der Hydrantenplan aus einer fotokopierten Ortskarte, in die mit roter und blauer Farbe die Ueber- und Unterflurhydranten haendisch hineingemalt worden waren. Kurz darauf erstellten zwei Kollegen quasi ein „Lookbook“, in dem jeder der Hydranten mit einem Foto des Umfelds und einer kurzen Beschreibung je eine Karteikarte in einem Ordner bekam, die dann alle alphabetisch nach Strassennamen sortiert waren.

Beide Ansaetze haben Vor- und Nachteile: Bei der Uebersichtskarte sieht man stets den geographischen Kontext – gerade Unterflurhydranten tarnen sich aber gelegentlich recht gut in ihrer Umgebung, so dass man sie nicht immer leicht findet. Das Umfeldfoto hilft beim Auffinden, dafuer kann man ohne eine Kontext-Karte umliegende andere Hydranten uebersehen, die in einer anderen, aber nahen Strasse liegen.

Wegen eines anderen Urlaubs-Rabbitholes kam ich daher recht schnell auf die Idee, Umfeldfotos und Karte mit Koordinaten zu verbinden – und was laege da naeher, als eine gute Vermessung mit Hilfe von OpenStreetMap und Wikimedia Commons!

Die ersten Hydranten habe ich ganz klassisch nur per Smartphone positioniert. Da wir im temporaerhaus aber seit diesem Jahr einen echtzeitkinematikfaehigen simpleRTK2B-GNSS-Empfaenger samt passender Antenne haben, wollte ich das natuerlich etwas genauer haben 😉 Und so kam es zu einem unvorhergesehenen Projekt zwischen temporaerhaus und Feuerwehr Altenstadt.

Und was mappt man da?

RTK-Mapping: Positioniere Antenne ueber Hydranten, warte auf RTK-Fix, trage Position und Tags in OSM ein. Links ein alter Erhard-Ueberflurhydrant, rechts ein Unterflurhydrant.

Eigentlich alles, was in emergency=fire_hydrant auf OSM beschrieben ist. Um moeglichst alles abzudecken, kann man recht einfach zwischen Tags fuer alle Hydranten und Erweiterungen jeweils fuer Ueber- und Unterflurhydranten unterscheiden:

Fuer alle Hydranten

refDie Hydrantennummer auf dem Hinweisschild oder dem Hydranten selbst – sofern vorhanden
fire_hydrant:pressureDas laesst sich quasi nie ermitteln, d.h. hier einfach yes
fire_hydrant:positiongreen fuer Gruenflaeche, lane fuer die Fahrbahn, sidewalk fuer den Gehweg und parking_lot fuer Parkplaetze. Insbesondere bei Unterflurhydranten ist es super gut zu wissen, ob er auf einer Parkflaeche liegt!
water_sourcein der Regel main, also die abhaengige Loeschwasserversorgung
survey:dateDas Datum, an dem du diesen Hydranten eingetragen hast, YYYY-MM-DD
Auf solch einem Hinweisschild ist normalerweise haeufig eine Identfikationsnummer zu sehen. Hier aber leider nicht. Immerhin laesst sich der Leitungsdurchmesser 80 mm durch das „80“ rechts vom „H“ ablesen.

Speziell fuer Unterflurhydranten

fire_hydrant:typeunderground
fire_hydrant:diameterDas ist der Wert auf dem zugehoerigen Hydrantenschild – sofern das vorhanden ist! Falls keines vorhanden ist, siehe…
fire_hydrant:diameter:signed=noWenn kein Hinweisschild vorhanden ist. Dadurch lassen sich auch leicht die Hydranten ohne Schilder spaeter ermitteln

Speziell fuer Ueberflurhydranten:

fire_hydrant:typepillar
couplingsDie Anzahl der Festkupplungen, z.B. 2 oder 3
couplings:typeHier in der Regel storz
couplings:diametersNach den deutschen Kupplungsbezeichnungen, z.B. B;B oder B;B;A oder gar C;C;B (ja, das gibt es, und das festzustellen, ist spannend!)
manufacturer…irgendwann lernt man dann auch die Hersteller anhand der Logos oder Aufschriften zu unterscheiden und kann entweder den Hersteller oder die Wikidata-ID des Herstellers eintragen…
Links ein alter VAG-Hydrant mit „DN 80“ im Guss, rechts ein Erhard-nach-1996-Hydrant mit „DN 80“ auf dem Typenschild – das sagt aber nichts ueber die Versorgungsleitung aus.

Zu beachten bei Ueberflurhydranten: Die haben zwar bisweilen auch einen Rohrdurchmesser angegeben – bei den alten Hydranten im Guss im Hydrantenkoerper, bei den neueren auf den Typenschildern ausgewiesen. Dieser Durchmesser gilt aber nur fuer das Steigrohr, nicht fuer die Wasserversorgung selbst. Im OSM-Wiki wird daher davon abgeraten, diesen Durchmesser als Leitungsdurchmesser zu taggen!

Auch nur eine Karte – aber auswertbar

Darstellung in der OpenFireMap

Zunaechst hat man damit auf den ersten Blick nicht viel gegenueber der alten handgemalten Karte gewonnen: Die Hydranten sind in OpenStreetMap eingetragen, und in Ansichten wie z.B. dem „Humanitaer“-Layer kann man sie in der gerenderten Karte auf openstreetmap.org auch anzeigen – wobei die nicht einmal zwischen Ueber- und Unterflurhydranten in der Darstellung unterscheidet.

Auf OSMHydrant oder der OpenFireMap bekommt man jedoch schon jetzt eine genauere Darstellung und bei OSMHydrant per Klick auf den Hydranten auch weitere Informationen. Damit alleine liesse sich schon auf einem Alarmmonitor im Feuerwehrhaus anzeigen, welche Wasserentnahmestellen es im Umfeld eines Einsatzorts bei einem Brandalarm gibt!

Zu beachten: Die OpenFireMap wird nur woechentlich am Dienstag aktualisiert. Von der Eintragung bis zur Anzeige im Kartenlayer kann also bis zu einer Woche vergehen.

Links ein alter VAG-Hydrant mit nur zwei C-Abgaengen und einem B-Abgang – ungewoehnliche Konstellation, die wir bei der Erhebung „Hutzelmaennchen“ genannt haben. Man beachte die Oeffnungsvorrichtung oben, die nicht einmal einen Sechskant fuer den Hydrantenschluessel Typ B hat. Rechts ein moderner VAG Nova Niro 365 mit zwei B-Abgaengen.

Die eigentliche Magie beginnt aber, wenn man die so hinterlegten Daten weiter direkt aus der Overpass-API auswertet, beispielsweise mit OverpassTurbo. Beispielsweise koennen wir uns alle Unterflurhydranten ausgeben lassen, fuer die wir angegeben haben, dass sie keinen angegebenen Leitungsdurchmesser haben – also das zugehoerige Hinweisschild fehlt:

node["emergency"="fire_hydrant"]["fire_hydrant:type"="underground"]["fire_hydrant:diameter:signed"="no"]({{bbox}});

Genauso koennen wir spaeter so alle Hydranten abfragen, als JSON exportieren und weiterverarbeiten – beispielsweise, um eine Kartei mit einer Karte pro Hydrant daraus zu erstellen. Oder aber auch, um die „besonderen“ Hydranten zu identifizieren, die beispielsweise nur zwei C-Abgaenge haben.

Und auch die Versorgung von Gebaeuden laesst sich dadurch auswerten. OSMHydrant bietet einen ersten Eindruck, indem man dort Umkreise um Hydranten zeichnen kann – das hilft schon fuer einen groben Ueberblick. In der Realitaet lassen sich Schlauchleitungen aber nicht in Luftlinie von einem Hydranten verlegen, sondern muessen Strassen folgen – und koennen z.B. auch nicht einfach eine Bahnlinie queren.

Wunderbar passend bloggte Supaplex030 genau zum Zeitpunkt der Erhebung, wie man solch eine Analyse auch mit dem freien GIS QGIS erstellen und dabei entlang von Strassenzuegen arbeiten kann. So laesst sich beispielsweise pruefen, welche Strecken beispielsweise mit einer oder zwei Einpersonenhaspeln oder dem Rollschlauchmaterial auf einem Loeschfahrzeug entlang kartierter Wege erschliessen lassen – und wo die Strecken zu weit dafuer sind. Ein Bonuslevel waere natuerlich die Verbindung mit einem Digitalen Hoehenmodell, wo eine Haspel nicht mehr so einfach bergauf gefahren werden kann – aber prinzipiell geht auch das 😉

Bonuslevel: Fotos machen!

Ein modernerer Erhard-Hydrant mit zwei B-Abgaengen, Modellserie nach 1996

Was in so einer Karte dann aber noch fehlen wuerde, ist das Umfeldfoto, wie es in der frueheren, mit Word erstellten Kartei zu finden waere. Das koennen wir aber beheben!

Wir haben beim Einmessen auch Fotos eines jeden Hydranten mit der Hauskamera aus dem Technikpool des temporaerhaus gemacht und auf Wikimedia Commons in die Kategorie Fire hydrants in Altenstadt (Iller) geladen, die ich dafuer angelegt hatte. In der OpenStreetMap lassen sich solche Fotos ueber Photo Linking mit Objekten verknuepfen. Hier habe ich jedem Hydranten ueber den Tag wikimedia_commons die jeweilige Datei zugeordnet, z.B. File:2025 Altenstadt (Iller) Hydrant Memminger Straße 54.jpg

Hydranten, die zwar schon vermessen, aber noch nicht mit einem Foto versehen sind, lassen sich natuerlich auch einfach mit Overpass Turbo abfragen – man muss die Suche lediglich erweitern, dass kein wikimedia_commons-Tag vorhanden ist:

node["emergency"="fire_hydrant"][!"wikimedia_commons"]({{bbox}});

Spaeter lassen sich diese Fotos so extrahieren und weiterverwenden. Sowohl Hydranten als auch Gebaeuden liesse sich auch ein URL zu Panoramax zuordnen, einer Freien Alternative zu Google StreetView – damit liesse sich noch mehr Kontext herstellen, aber auch die direkte Ansicht einer Adresse vom Strassenniveau aus waere auf dem Einsatzmonitor moeglich, wenn ein Alarm eingeht!

Und jetzt… verlinkt?

Schon mit diesem Informationsbestand ist deutlich mehr moeglich, als das in den bisherigen Hydrantenkartierungen meiner Feuerwehr der Fall war:

  1. Die Koordinaten sind – vor allem durch die RTK-Vermessung – viel praeziser
  2. Wir haben Metadaten zu den Schildern (oder ihrer Abwesenheit), dem Nenndurchmesser der Zuleitung (sofern erfassbar), den Abgangsgroessen und vielem mehr
  3. Wir koennen diese Informationen automatisiert weiterverarbeiten
  4. Auswaertige Kraefte koennen ohne weiteres auf diesen Bestand in OSM zugreifen
  5. und auch andere MapperInnen koennen dazu beitragen, den Bestand zu verbessern, falls z.B. irgendwo ein Hydrant errichtet wurde, den wir gar nicht auf dem Schirm hatten!

Ein typischer Einwand koennte hier sein, dass ja der Datenbestand in der OSM jederzeit boeswillig veraendert werden koennte. Das ist prinzipiell richtig. In der Realitaet kommt das aber beruhigend selten vor. Dennoch koennte es sinnvoll sein, einen eigenen, geprueften Informationsbestand vorzuhalten – der auch Annotationen haben koennte, die in OSM nicht so gedacht sind.

Ein „Tele-Hydrant“ von Hawle. Der telefoniert nicht etwa, sondern er kommt ohne Standrohr aus: Ein Rohr mit zwei B-Abgängen lässt sich einfach herausziehen.

Man koennte beispielsweise all die eingetragenen und geprueften Koordinaten fuer sich vorhalten und periodisch mit OSM vergleichen: Kam etwas hinzu, wurde etwas veraendert, muss ich das pruefen, um meinen Informationsbestand valide zu halten? Was hierfuer in meiner Gemeinde fehlt, ist eben der ref-Identifier, den OSM hier eigentlich vorsieht. Weder die Hydrantenschilder noch die Hydranten selbst haben irgendwo eine ID angegeben, mit der man den Hydranten identifizieren koennte. Zu pruefen waere hier, ob es irgendwo tatsaechlich eine offizielle Nummer gibt, die man „nur“ anbringen und dann einpflegen muesste.

Man koennte hier natuerlich Wikidata missbrauchen, alle Hydranten dort als Datenobjekte anlegen und das als Identifier nutzen – das hielte ich aber schon fast fuer eine Zweckentfremdung des Projekts. Eine eigene Wikibase-Instanz fuer die Feuerwehr, um den bestaetigten Stand festzuhalten, faende ich… lustig! Das ordne ich mal unter „Seitenprojekt des Seitenprojekts“ ein, wenn mir mal langweilig sein sollte 😀

Spannend finde ich zuletzt aber, dass die gewachsene Cottage Industry rund um „Datenverwaltung in Feuerwehren“ eine sehr unterschiedliche Haltung zu so einer Verlinkung faehrt. Einzelne Softwaresysteme erlauben wohl eine Verbindung zu OSM, andere scheinen darauf zu setzen, dass man z.B. Hydranten rein in ihrem Oekosystem pflegt, auf dass man z.B. eine Tablet-Version ihrer Software kauft, die die Anzeige dieser Daten ermoeglicht. Das Charmante am OSM-Mapping finde ich, dass man damit zumindest nach aussen jegliche dieser Lock-Ins aufbricht: Egal woher eine ueberoertliche Unterstuetzung kommt und welche Systeme sie verwendet: Wenn sie OSM auswerten kann, bekommt sie zumindest die grundlegenden, wichtigen Informationen.

Und das zeigt fuer mich wieder einmal: Die ganzen Loesungen, die auf Vermarktung und Verwirtschaftlichung ausgerichtet sind, machen das Ergebnis meist eher nur shitty. Die Erfassung aller Hydranten in einer – zugegeben, im Kernort nur um die 4000 BewohnerInnen starken – Kommune hat mich einen Mittwochabend und einen Sonntagnachmittag gekostet. Eine Befahrung fuer Panoramax waere an einem weiteren entspannten Nachmittag moeglich und haengt gerade nur daran, dass die 360°-Kamera des temporaerhaus wegen eines Defekts die letzten Wochen ausgefallen war. Wenn wir nur allen Menschen mehr Freizeit ermoeglichen wuerden, waere so viel Cooleres, Besseres moeglich. Und ganz nebenher kann man dabei lernen, verschiedene Hydrantenhersteller auf einen Blick zu erkennen und etwas ueber das Hydrantenkartell zu lernen 😀

Wochenendbeschaeftigung

Typische Wochenendbeschaeftigung: Man nehme ein leerstehendes, verwinkeltes altes Haus, das dieses Jahr noch abgebrochen wird, verneble es bis zur Nullsicht…

0_haus

…nehme sich seine persoenliche Schutzausruestung und passendes Bruchwerkzeug (hier ein neu getestetes Halligan-artiges Zugangswerkzeug, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe)…

1_bruchwerkzeug

…turne damit erst durch den Keller und danach durch das Wohngebaeude, um Personen- und Eigenrettung zu ueben…

2_angriff

…und saue sich ordentlich ein.

3_einsauen

ordentlich! 😀

4_einsauen

Lieblingsansage bei einer Einsatzuebung: Verschlossene Tueren duerfen noetigenfalls gewaltsam geoeffnet werden.

5_gewaltsamer_zugang

Und neue Taktiken kann man dabei sowieso ueben. Hier: Direktzugang ueber die Drehleiter, Schlauchreserve 1 C-Laenge am Wenderohr angeschlossen im Leiternpark ausgebuchtet.

6_techniken_testen

Bonuslevel fuer die Buerobesatzung: Noch so lange in der Einsatzzentrale sitzen, um zur darauf folgenden Verkehrsunfall-Alarmierung in Rekordzeit mit dem Erstangreifer ausruecken zu koennen.

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Wenn die Sirenen heulen

27111H. Mit dieser Tonrufkombination werden im Landkreis Neu-Ulm regelmaessig die Sirenen mit dem Heulton „Warnung der Bevoelkerung“ probeausgeloest – Laien sagen auch „Katastrophenalarm“ dazu. Vier Mal im Jahr macht das die oertliche Leitstelle, zwei Mal im Jahr gibt es landesweite Probeausloesungen, die letzte war gestern.

Und wer meinen Rant in diesem Artikel ueber die antiquierte Bevoelkerungswarnung per Sirene und die Traegheit der Katastrophenschutzbehoerden bei so furchtbar modernen Dingen wie dem Internet nicht so recht glauben schenken wollte, kann sich mal folgendes Video der oertlichen Zeitung ansehen, wie ernst die Neu-UlmerInnen den Heulton nahmen, der sie im Ernstfall vor unmittelbarer Gefahr warnen soll.

Advent, Advent, der Schornstein brennt

Entgegen der Befuerchtungen von H.L. war heute ausnahmsweise nicht der Echtkerzenweihnachtsbaum der Familie L. zu loeschen. Es kam dann aber doch noch zu einem Alarm fuer Kaminbrand mit drei Feuerwehren, Rettungsdienst und Stromversorger-Notdienst und folgenden schoenen Bonmots:

  • „Der OrgL Rettungsdienst vermisst seinen Rettungswagen. Sagt Bescheid, wenn ihr einen findet.“
  • „Auf diesen Stromleitungen, da ist frei Strom drauf“ — „Ja, das wissen wir, Herr Polizeihauptkommissar. Sind doch nur 230 Volt pro Phase.“
  • „Hier ist ein Rettungswagen, der sucht…“ — „warte, den OrgL Rettungsdienst?“
  • „Ein Trupp mit Kettensaegen vor, die Baeume unterhalb des Hauses entfernen, damit die Drehleiter Zugang hat“ — „OOOH, hat’s da Fichten? Ich brauch noch nen Weihnachtsbaum…“
  • (eine Stunde nach Alarm) „Hier kam grad ein Notarzt an, ich glaub ich weiss, wen der sucht. Wo ist eigentlich der OrgL Rettungsdienst?“

Darth-Vader-Geraeuschimitation

Eigentlich bin ich seit 2003 Atemschutzgeraetetraeger in meiner Feuerwehr. Hierzu gehoert es, alle drei Jahre eine arbeitsmedizinische Untersuchung nach dem Grundsatz 26.3 zu machen: Neben einer allgemeinen Untersuchung sowie Seh- und Hoertest wird der Thorax geröntgt, ein Belastungs-EKG gemacht, Urin- und Blutproben genommen.

2009 waere meine turnusgemaesse Untersuchung faellig gewesen… und ich habe sie herausgezoegert. Erst war ich im Nachgang des 4daagse nicht wirklich fit, dann fehlte die Zeit, dann stellte ich fest, dass ich immer mehr Couch-Potato geworden war, und irgendwann gab ich mich mit der Ausrede zufrieden, eh nur noch Verwaltungsdienst zu machen und kaum Atemschutz zu fahren, so dass ich das eh nicht braeuchte. Also kam das „A“ vom Helm und der Codierstecker fuer die Registrierung und Zeitkontrolle fuer AtemschutzgeraetetraegerInnen von der Ueberjacke. Finito.

Irgendwann kam aber der Ehrgeiz wieder, auch mal bei den neu gestalteten Leistungspruefungen unter Atemschutz mitzumachen — und so holte ich mir Ende Mai 2012 mit gerade mal drei Jahren Verspaetung (*hust*) die obligatorischen EKG-Knutschflecke ab.

Der zweite Teil zur Wiedererlangung der A-Zulassung sorgte dann fuer etwas mehr Scheu: Der Durchgang der Atemschutzuebungsstrecke. Nacheinander muessen dort in voller Ausruestung 25 Meter auf der Endlosleiter und wahlweise 35 Huebe am Hammerschlaggeraet oder zwei Minuten lang 400 Watt auf dem Fahrradergometer oder dem Laufband leisten, bevor man mit tiefen Atemzuegen den Puls runterbringt, durch eine simulierte Industrieanlage klettert und dann truppweise in tiefer Gangart durch den verdunkelten und vernebelten „Gitterkaefig“ mit Hindernissen wie beispielsweise einer 2,50 Meter langen Metallroehre krabbelt, durch die man sich im Team gegenseitig durchschieben und -ziehen muss.

Um keine Missverstaendnisse aufkommen zu lassen: Die Scheu betraf nicht die koerperliche Leistung 🙂

Schon in der Ausbildung war ich einer derjenigen, die am Ende der Uebungen noch am meisten Atemluft „uebrig“ hatten. Tiefes, kontrolliertes Atmen ist das Schluesselwort, um die „Verluste“ durch anatomischen und technischen Totraum moeglichst niedrig zu halten und nach intensiveren Belastungen den Puls wieder normalisiert zu bekommen — waehrend bei anderen nach Uebungen oft schon die Druckwarner der Atemschutzgeraete ihre durchdringende „du hast weniger als 55 bar uebrig!“-Warnung pfiffen, hatte ich meistens noch 150 oder noch mehr der urspruenglich 300 bar Flaschendruck uebrig. Irgendwie kann ich das, keine Ahnung warum.

So machte es gestern auch richtig Spass, erstmals seit Jahren wieder ein Geraet aufzuhaben, die Standards abzuwickeln (Kurzpruefung, gegenseitige Kontrolle und Anschluss, immer Kontakt zu einem Stiefel der/des TrupppartnerIn halten, Gangartwechsel etc) und ordentlich durchgeschwitzt aus der Strecke zu kommen. Mit 150 bar Restdruck, waehrend die anderen mit 10, 70 und 90 bar rausgingen. Nicht schlecht 🙂

Nur ein gewaltiger Wermutstropfen truebt die ganze Sache. Zum Streckendurchgang und ueberhaupt zur gesamten Atemschutztauglichkeit gehoert es, die komplette Wangen- und Kinnpartie rasiert zu haben. Klar, denn wie sonst sollte die Atemschutzmaske dicht abschliessen koennen. Und so kam es, dass ich gestern die „wer rasiert, verliert“-Wette vom Mai 2011 endgueltig beendet habe. Ich hab sowas von gewonnen, Dominic :3

Und weil sich einige fragten, wie mein Gesicht denn ohne Bart aussaehe (17 Monate sind ja wirklich eine lange Zeit!), hier ein Vorher-Nachher-Bild:

Was alles gehen wuerde, wenn man wollte

In einem kleinen Haeuschen bei Ulm tickt eine Uhr. Wenn es leise ist, wird das ticken irgendwann ziemlich penetrant. Aber wie das so ist bei regelmaessigen Geraeuschen, gewoehnt man sich irgendwann so sehr daran, dass man es ueberhaupt nicht mehr wahrnimmt.

So geht es vermutlich einer der beiden Bewohnerinnen dieses Hauses. Die andere hoert die Uhr auch nicht. Sie ist naemlich gehoerlos.

Jule bin ich erstmals um 2001 herum in einem Ulmer IRC-Kanal begegnet, und das waren meine ersten Schritte ueberhaupt hin zu Fragen, wie eigentlich Menschen mit Behinderung ihren Alltag erleben. Ich steckte damals mitten in meiner feuerwehrtechnischen Grundausbildung und war ueberrascht, dass Gehoerlose auch einen Fuehrerschein machen koennen — war mir doch immer wieder eingeblaeut worden, dass das Wegerecht im Einsatzfahrzeug einzig und allein dann zum Tragen kommt, wenn zu den Kennleuchten auch das Folgetonhorn zugeschaltet wird. Dass Gehoerlose viel sensibler auf den optischen Reiz der Blaulichter reagieren, fand ich faszinierend.

Etwa in dieser Zeit gingen auch einige Sirenen hier in Sueddeutschland wieder in den Bevoelkerungswarndienst. Der eigentliche Warndienst war in den 1990er Jahren nach Ende des kalten Kriegs aufgeloest worden, und die frueher dem Bund (bzw. der Bundespost) zugeschlagenen Sirenen in kommunale Hand uebergegangen, die die Sirenen meist nur als „Rueckfallebene“ fuer die Feuerwehralarmierung nutzte, wenn aus irgendwelchen Gruenden die stille Alarmierung nicht ausreichen sollte.

Um den Jahrtausendwechsel stellte man aber in Bayern fest, dass man die Sirenen auch in einem gewissen Umkreis um Betriebe mit einem Gefaehrdungspotenzial im Schadensfall wieder zur Bevoelkerungswarnung heranziehen koennte, und so wurden in dieser Zeit viele Sirenen im Landkreis Neu-Ulm (meines Wissens sogar alle) umgeruestet, um per Fernwirkempfaenger auch das Signal „Warnung der Bevoelkerung“ ausloesen zu koennen.

Nun habe ich mit Sirenen so ein bissel ein Problem. Fast alle deutschen Sirenenanlagen greifen auf die E57 zurueck, deren Reichweite in Stadtgebieten oft bei 500 Metern Radius schon an ihre Grenzen stoesst. „Verstaerkersirenen“, um die spaerliche Restbebauung aus Warnamt-Zeiten zu unterstuetzen, wurden quasi nie nachgeruestet. Hinzu kommen dreifach- oder vierfachverglaste Fenster — und wer dann noch einen Film auf der Surround-Anlage ansieht, muss auf eine ruhige Stelle im Film hoffen, um ueberhaupt die Warnung zu hoeren.

Und wer gehoerlos ist, hat ohnehin Pech.

Ein weiterer Nachteil des Sirenenwarnsystems ist, dass ueberhaupt keine Information abseits des „Rundfunkgeraete einschalten!“ uebermittelt werden kann. Selbst dieses „Rundfunkgeraete einschalten“ ist eine reichlich naive Vorstellung. Im Juni 2012 schaltete ein Disponent der hiesigen Leitstelle versehentlich schon in der Nacht zum Samstag die eigentlich fuer den naechsten Mittag geplante Warn-Probealarmierung „scharf“ und loeste so nachts um zwei einen Heulton fuer saemtliche Sirenen im Landkreis aus.

Die ueberraschten Einsatzkraefte im Landkreis konnte der arme Tropf von Disponent zwar direkt nach der Alarmausloesung ueber Funkspruch beruhigen, die Bevoelkerung an sich bekam aber keinerlei Informationen. Das zustaendige Polizeipraesidium Schwaben Sued/West gab immerhin rund 20 Minuten nach dem Alarm eine Sofort-Pressemitteilung heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt habe — bei den lokalen Rundfunkstationen, die kontaktiert werden sollten, wurde aber schlichtweg niemand erreicht, da diese zu so spaeter Zeit ihr Programm allesamt aus der Konserve fahren. Selbst im Realfall haette die Bevoelkerung, pflichtbewusst wie per Sirene aufgefordert das Radio anschaltend, keinerlei weitere Information erhalten.

Endlich also einmal ein Fall, wo Gehoerlose nicht einmal einen Nachteil relativ zu den Hoerenden gehabt haetten.

Die Problematiken der Bevoelkerungswarnung ueber Sirene sind seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten bekannt. In den USA gibt es mittlerweile das weitgehend automatisierte Emergency Alert System, das auch ueber Fernseher oder Wetterfunkempfaenger warnen kann. Der Vorgaenger Emergency Broadcasting System aus dem kalten Krieg war derweil von aehnlichen Erreichbarkeits- und Umsetzungsproblemen in den Rundfunkstationen geplagt, und auch die ausbleibende Warnung/Information per EAS nach dem 11. September 2001 machte auf KritikerInnen keinen guten Eindruck. Immerhin hat das System aber eine Weckfunktion und kann sowohl per Ton als auch per Text Informationen ausgeben. Das sieht dann etwa so aus.

In Deutschland laboriert man derweil immer noch an einem Warnsystem herum, das auch ohne Sirenen auskommt. Das BBK hatte vor rund 20 Jahren begonnen, ein System fuer die Verbreitung von Warnmeldungen per Rundfunk aufzubauen, und SatWaS ist seit 2001/2002 theoretisch auch „fertig“ und sendet munter Testuebertragungen — an angeschlossene, klassische Rundfunkstationen. 2004 gab es einen Feldversuch, SatWaS-Warnungen auch ueber den Zeitzeichensender DCF77 zu uebertragen — meines Wissens wurde nie weiter etwas daraus, die hierfuer herangezogenen ersten 14 Sekundenmarken des Zeitsignals dienen mittlerweile zur (proprietaeren) Uebertragung von Wettervorhersagen fuer hierfuer ausgeruestete Heim-Wetterstationen.

Die DCF77-Uebertragung haette sowieso noch weitere Tuecken gehabt: Innerhalb eines Drei-Minuten-Zeitfensters sollte hier zunaechst eine grobe Region und danach eine feiner aufgeloeste Ortsangabe fuer den Alarm uebermittelt werden. Erstens fehlte hier also wieder jegliche weitergehende Information darueber, welche Art von Warnung hier ausgesprochen werden soll, so dass man wieder von einem weiteren Kanal wie Rundfunk abhaengig waere. Zweitens muesste der Empfaenger zumindest grob den eigenen Standort kennen, um gegebenenfalls einen Weckalarm auszuloesen — oder es wuerde immer alarmiert werden und den Benutzern ueberlassen, herauszufinden, ob sie denn nun gemeint sind.

Per Handy geht so etwas auch: Ein Beispiel ist das vom Fraunhofer FOKUS zusammen mit dem VoeV entwickelte KatWarn, das meines Wissens auch von Jule propagiert wird. Interessierte koennen sich beim System registrieren, das dann im Warnfall eine SMS ausliefert — sofern denn die warnenden Stellen Teil von KatWarn sind. Auch hier wieder das Problem, dass man sich explizit anmelden muss und ein Standortwechsel auf Anwenderseite aktiv gemeldet werden muss.

In Zeiten von Smartphones schlaegt man sich bei solchen Verfahren manchmal schon ein wenig an den Kopf. Ein ueber seinen Standort informiertes Geraet koennte ueber passende Verfahren (Jehova!) Warnmeldungen passend zum Aufenthaltsort gepusht bekommen. Wer meint, das sei ja viel zu modern fuer so richtig behoerdenfeste Spezifikationen: Nichts grundliegend anderes machen beispielsweise OPNV-Busse, wenn sie Echtzeitdaten per VDV-454 mit der Betriebsleitstelle austauschen. Denkbar waere auch eine Anmeldung am jeweils zustaendigen Ort und danach die Auslieferung der Warnungen per SMS statt internetbasierender Nachricht. In jedem Fall ist all dies ein Fortschritt gegenueber der bestehenden Situation.

Ende 2004 hatten einige Kollegen und ich die Idee, die Ausgabe der Warnung einfach seitens der zustaendigen Leitstelle und der Landratsaemter per RSS zu vollziehen. Die ausloesenden DisponentInnen geben ohnehin eine Kurzbeschreibung ein — warum diese nicht an einem zentralen Punkt veroeffentlichen, wo sie auch von Dritten aufgegriffen und syndikalisiert werden kann? Genauso verhaelt es sich beim Landratsamt: Die Katastrophe ist ja in erster Linie ein Verwaltungsakt, der vom Landratsamt vollzogen wird und danach fuer viele hilfreiche Folgen sorgt.

(Exkurs: Wenn also in der Presse die Rede davon ist, dass von offizieller Stelle „Katastrophenalarm ausgeloest wurde“, heisst das in der Regel nichts weiter, als dass der Katastrophenfall erklaert wurde. Das hat in erster Linie Rechtsfolgen, naemlich dass die Landeskatastrophenschutzgesetze angewandt werden koennen. In Bayern fliesst ab diesem Zeitpunkt viel einfacher Geld fuer die Schadensregulierung, aber auch fuer die Verpflegung der eingesetzten HelferInnen. Ausserdem kann in Bayern ab diesem Zeitpunkt einE vorab bestimmte Oertliche EinsatzleiterIn die Fuehrung ueber alle eingesetzten Kraefte zur Gefahrenabwehr uebernehmen. Mit Weltuntergang oder aehnlichem hat dieser Verwaltungsakt eher weniger zu tun, genausowenig ist er ein Verzweiflungsakt. Aber es schreibt sich halt schoen, wenn man keine Ahnung vom Katastrophenschutz hat, und es sorgt fuer Dramatik.)

Bei unserer Idee zur Internet-Veroeffentlichung der Warnung ging es einfach nur darum, einen Anlaufpunkt fuer die Alarmmeldung zu haben: Welche Art von Schadensfall liegt denn vor? Was ist der offizielle Hinweis des Landratsamtes (wenn er denn kommt)? Die Grundidee war klar: Anstelle darauf zu warten, dass der zustaendige Rundfunksender die offizielle Mitteilung an ihm passender Stelle verliest, einfach die offizielle Mitteilung fuer alle BuergerInnen zu jeder Zeit an bekannter Stelle aufrufbar machen.

Solche Veroeffentlichungspunkte gibt es aber kaum. Gestern, bei der Sprengung der Fliegerbombe in Schwabing, fuhr die Feuerwehr offenbar vorab herum und warnte HoergeraetetraegerInnen, diese doch nun herauszunehmen. Per Lautsprecher. Ich bekam beinahe-live eine Audioaufnahme der Durchsage — und verstand maximal die Haelfte davon.

(Ueberhaupt, gestern. Ich bin begeistert. So viel Bilder, Berichte, Videos per Twitter und IRC gestern. Hier ein Sprengvideo, auf dem man auch die Durchsage hoert.

Sprengung der Fliegerbombe / Schwabing, München / 28.8.2012 from Simon Aschenbrenner on Vimeo.

Internet. Hach.)

Jedenfalls.

Wir gingen also mit dieser Idee an die zustaendigen Stellen™. Kreisbrandinspektion und Landratsamt, beispielsweise. Wo man so gar nicht begeistert war. Wie koenne man denn garantieren, dass niemand irgendeine Falschmeldung bekaeme, die jemand anders auf einer passend aussehenden Seite veroeffentliche? Und ueberhaupt, warum sollten da andere diese Meldung uebernehmen duerfen? Am Ende wuerde die ja dann quasi verbreitet, oder so.

Endgueltig die Hutschnur platzte mir irgendwann in einem laengeren Gespraech mit einer Feuerwehrfuehrungskraft auf Kreisebene, mit der ich mich persoenlich eigentlich ganz gut verstehe — die mir aber sehr ausfuehrlich und schmerzhaft erklaerte, warum das nicht funktionieren koenne. Man muesse naemlich Ausfallsicherheit gewaehrleisten koennen, und Fehlalarmsicherheit, und das sei alles nicht so einfach, und es gebe ja jetzt die Versuche ueber DCF, und das Radio sowieso, darauf muesse man sich halt dann auch verlassen.

Das ist also der Grund, warum man auch 2012 noch weiter an SatWaS und alarmierenden Funkuhren herumlaboriert, die dann auch nichts anderes koennen, als zu piepsen, dass irgendwo was ist, wovor gewarnt werden soll. Und mit Sirenen, die einem bedeuten, das Radio einzuschalten, wo dann etwas kommt oder auch nicht.

Traurig.

Epilog.

Auf dem Dach eines Hauses in Japan tickt ein Geigerzaehler. Auch dieses Ticken hoert niemand, denn es macht sich erst gar nicht die Muehe, aus einem Lautsprecher zu kommen, sondern verschwindet in einem Datenlogger.

Hunderte NutzerInnen in Japan hatten nach dem Reaktorunglueck von Fukushima den offiziellen Angaben zur Strahlenbelastung nicht geglaubt — und eigene Messstationen aufgebaut. Dass so tatsaechlich ein relativ dichtmaschiges Messnetz werden wuerde, haette kaum jemand vorher gedacht.

Sind die offiziellen, staatlichen Stellen nicht in der Lage, ihren BuergerInnen zeitnah die Informationen zu liefern, die sie in diesem Moment brauchen, ist das eigentlich ein Indiz dafuer, dass sie sich fuer diesen speziellen Zweck ueberfluessig gemacht haben.

Addendum // Christian Gries berichtet aus Sicht eines Schwabinger Anwohners genau das bekannte Problem: Lautsprecherfahrzeuge fahren ab und zu scheppernd (und nur Deutsch benutzend) vorbei, in Radio und Fernsehen kommt auch nur alle x Minuten irgendetwas und man muss zufaellig gerade davor sitzen, um etwas mitzubekommen. Online-Nachrichtenportale und Twitter waren Informationsquelle der Wahl. Den Schluss, als KatS-Behoerde Twitter und Facebook bespielen zu muessen, teile ich so unmittelbar nicht — gerne aber, einen offiziellen Nachrichtenanlaufpunkt zu haben, der dann per RSS auch Social-Media-Kanaele bespielt.

Die Piraten und die Feuerwehr

Bei der Piratenpartei wird zur vollkommenen Nicht-Ueberraschung aller einmal wieder eine Sau durchs Netzdorf getrieben; dieses Mal heisst sie „Bezahlung von Parteipersonal“. Die ist nicht neu, aber aktuell laeuft sie wieder, seit Johannes Ponader von seinen ParteikollegInnen auf Spendenbasis finanziert werden moechte.

Das schlaegt einige Wellen — nicht zu Unrecht. Aber neben der Frage, ob nun er finanziert werden soll und wie er finanziert werden soll (diese Art von Maezenatentum ist zumindest spannend) stellen auch einige die Frage, ob man fuer parteiliche Arbeit ueberhaupt finanziert werden soll. Ja, sagen die einen, alles andere waere Ausbeuterei. Und die Nein-Sager ziehen bisweilen interessante Vergleiche:

 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ja, das ist bei der Feuerwehr auch so. Ob sich das freiwillige Feuerwehrwesen noch lange in seiner jetzigen Form — insbesondere in Flaechenlaendern wie Bayern — halten koennen wird, halte ich fuer fragwuerdig.

In den 1950ern, als eine Feuerloeschkreiselpumpe mit Abgasstrahler noch mit eines der kompliziertesten Geraete im Feuerwehrdienst war und ein Standard-Loeschangriff aus klassischen drei Rohren von aussen in die Bude spritzte, war das alles noch einfacher. Heutzutage sind hydraulisches Rettungsgeraet, Pressluftatmer, Abseilgeraete, computergesteuerte Schaumzumischanlagen und dergleichen schon lange nicht mehr High-Tech, sondern quasi Standardausruestung. Mittlerweile sorgen allein die Instandhaltungsarbeiten, Fort- und Ausbildungen rund um das Atemschutzwesen in meiner beschaulichen kleinen Feuerwehr fuer einen Aufwand von knapp 600 Personenarbeitsstunden zusaetzlich zu den „normalen“ Aus- und Fortbildungen, Uebungen und Einsaetzen. Aehnlich sieht es bei den Fahrzeug- und Geraetewarten aus, und die umfangreichen Dokumentationspflichten des Feuerwehrkommandos kenne ich aus leidlicher Erfahrung selbst sehr gut.

Dass Boomel ausgerechnet die Feuerwehren, in denen seit Jahren Rufe nach bezahlten Fachwarten oder Aufwandsentschaedigungen laut werden, als Positivbeispiel fuer eine seiner Ansicht nach nicht notwendige Entlohnung von Parteifunktionen heranzieht, finde ich jedenfalls eher belustigend.

(In Baden-Wuerttemberg gibt es solche Entschaedigungen uebrigens vielerorts. Manchmal muss man einfach nur einmal ueber den bayerischen Horizont hinaussehen.)

Sinnvolles fuer die Hosentasche

Irgendwann beginnt man ja, bei den taeglich mitgefuehrten Gegenstaenden vollkommen verrueckt zu werden. Seit ich eine separate Tasche dafuer habe, tummeln sich darin Zahnbuerste, Gaffa, Bahnvierkant/Bauschluessel, Handyladekabel und sonstiges Geraffel, das auch erstaunlich haeufig benutzt wird. Bevor dieses Anhaengsel an meine Umhaengetasche kam, gab es nur zwei Gegenstaende, die ich immer bei mir hatte: Ein Taschenmesser in der Uhrentasche der Hose. Und in jeder Jacke eine Rettungsdecke.

rettungsdecke

„Rettungsdecke“, mag man fragen, „das braucht man doch im Normalfall nie!“

Richtig. Aber gerade im Nicht-Normalfall. Da hilft die. Wenn jemandem mal eben der Kreislauf wegkippt, man irgendwo in der Pampa steht, und der Rettungsdienst dann halt doch mal 10 Minuten braucht. Oder man auf irgendeine Weise unvermittelt zum Ersthelfer wird.

Im Normalfall stoert so ein Teil nicht (ich benutze die Decken auch nicht als psychologische Kruecke, um mir ein gesteigertes Sicherheitsgefuehl zu verschaffen), die Kosten sind bei quasi Null, weil die Teile beim Verbandkastenwechsel staendig anfallen, und im Benutzungsfall bekommt man von der Rettung mit einmal lieb fragen problemlos eine Neue.

Gestern hatten ein Kollege und ich beim Sicherungsdienst des Faschingsumzugs einen 21jaehrigen gerade noch am Kragen packen und aus dem Wasser ziehen koennen, als der orientierungslos in den Bach gefallen war. Zurueck ins Feuerwehrhaus zur weiteren Versorgung war es zum Glueck nicht furchtbar weit, aber als ich den armen Kerl vom Bach in Richtung Feuerwehr schleifte, war der schnelle Griff nach der Rettungsdecke was furchtbar beruhigendes.

Schafft euch so ein Teil an. Wenn ihr’s nie braucht, umso besser.

Bild: Rettungsdecke von eworm, cc-by-nc-sa. Dieser Text steht unter ebendieser Lizenz.

Ulm: Welle seltsamer Schluesse schwappt ueber

„Ulm: Die Welle der Gewalt gegen Hilfskräfte schwappt über“ hiess es gestern beim oertlichen Lokaljournalismusanbieter. Und dieser Text ist in seiner Gesamtheit so merkwuerdig, dass ich ihn hier mal kurz abklopfen moechte.

Inspiriert wurde die oertliche Recherche offenbar durch mindestens zwei Artikel der letzten Tage: Die zitierte Geschichte um einen Nuernberger Rettungssanitaeter, der im Einsatz gebissen wurde, findet sich auch auf sueddeutsche.de (vom 31.08.2011, im swp-Artikel auch verlinkt) und auf bild.de (vom 04.09.2011).

Das gab dann wohl Anlass, einmal in Ulm nachzurecherchieren — die Idee ist nachvollziehbar, der Zusammenhang zwischen dem Artikel und der Ueberschrift vom Ueberschwappen einer Gewaltwelle dagegen so gar nicht. Von Gewalt, auch nur ansatzweise im Umfang wie im Nuernberg-Aufreisser ist naemlich bei den Interviewten nie die Rede:

„Solch extreme Schutzmaßnahmen müssen wir zum Glück noch nicht treffen. Und hoffentlich kommt es auch nie dazu“, sagt Rainer Benedens, Rettungssanitäter des Deutschen Roten Kreuz aus Ulm.

[…]

Die Hemmschwelle, den Rettungsdienst zu rufen, sei gerade bei Jugendlichen gesunken. „Früher hat man seinen zu betrunkenen Kumpel in eine sichere Lage gebracht und auf ihn Acht gegeben, bis er sich erholt hatte. Heute ist ‚Koma-Saufen‘ angesagt und wenn einer zu viel hat, ruft man halt den Rettungsdienst. Problematisch wird es, wenn bei einer Gruppe der zu Behandelnde minderjährig ist und nicht mehr Herr der Lage ist, aber sich weigert mitzukommen. Dann meinen die anderen, helfen zu müssen und uns davon abzuhalten, den Freund mitzunehmen – wenn es dumm läuft artet es aus und es wird bedrohlich. Hier hilft dann nur noch eine Zwangseinweisung mithilfe der Polizeibeamten vor Ort“, erklärt Benedens.

„Es kommt regelmäßig vor, dass Polizeihilfe angefordert wird, weil sich psychisch kranke Personen gegen die Versorgung durch Sanitäter mit Gewalt zur Wehr setzen. Wie oft wir aufgrund willkürlicher Gewalt gegen die Hilfskräfte ausrücken müssen, kann ich nicht sagen, da im System leider nicht erfasst wird, ob der Rettungsdienst bedroht wird oder andere Personen“, sagt Wolfgang Jürgens, Polizeisprecher Ulm.

Wir halten fest:

  • Eingangs werden Eigenschutzmassnahmen wie durchstichsichere Westen fuer Rettungsdienstmitarbeiter beschrieben.
  • Diese Massnahmen sind laut DRK-Rettungsdienst in Ulm nicht notwendig.
  • Das DRK berichtet von einer sinkenden „Hemmschwelle, den Rettungsdienst zu rufen, […] gerade bei Jugendlichen“.
  • Gelegentlich seien alkoholisierte Jugendliche nicht mehr einwilligungsfaehig und muessten „zwangseingewiesen“ werden (gemeint ist wohl polizeiliche Ingewahrsamnahme nach §28 Abs. 1 Ziffer 2b PolG BW)
  • Die Polizei gibt an, regelmaessig angefordert zu werden, wenn sich psychisch Kranke gegen medizinische Versorgung zur Wehr setzen. Diese Baustelle heisst dann aber Psychisch-Kranken-Gesetz oder Unterbringungsgesetz. Diese polizeiliche Hilfe ist das, was z.B. in bayerischen psychiatrischen Kliniken als „Unterbringung nach 10-2“ bekannt ist.
  • konkrete Zahlen ueber polizeiliche Massnahmen gegen BOS-Kraefte liegen der Polizei Ulm nicht vor.

Zwischendurch wird dann von der Verschaerfung des § 113 StGB (Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) erzaehlt, und auch da tut sich erstaunliches auf:

Im Sommer 2010 wurde dann der Paragraf 113 des Strafgesetzbuches verschärft. Seither gilt, wer ‚Widerstand gegen Vollzugsbeamte‘ im Einsatz – auch Feuerwehr und Rettungsdienst – leistet, hat mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren zu rechnen.

Richtig ist: Es gab im Sommer 2010 einen Gesetzesentwurf, der den Strafrahmen auf drei Jahre erhoehen, den Einsatz „gefaehrlicher Gegenstaende“ ebenfalls strafverschaerfend werten und auch Feuerwehr- und Rettungsbedienstete unter Schutz stellen sollte. (An dieser Stelle uebrigens: Feuerwehr und Rettungsdienst sind nach wie vor keine Vollzugsbeamte, und schon gar keine „Hilfskraefte“.)

Beschlossen war dadurch aber noch lange nichts — der Bundesrat hatte beispielsweise moniert, dass Katastrophenschutzkraefte nicht vom Entwurf beruehrt wurden (was dann wieder eine Gegenstellungnahme erforderlich machte), waehrend diverse Strafrechtler nicht ganz zu Unrecht mal laut fragten, ob hier eigentlich zusammen mit dem Strafmass auch gleich das Problem verschaerft werde.

Am 30. Juni 2011 waere dann also eigentlich der Termin fuer den Beschluss des StrRAendG gewesen, das den 113 StGB verschaerft haette. Wurde aber nix draus. Kam wohl die Energiewende dazwischen. Oder die aktuelle Stunde „Einschränkung des Versammlungsrechts durch Massenfunkzellenabfrage“ anlaesslich der polizeilichen Lauschaktion bei den Anti-Nazi-Blockaden in Dresden. Oder wegen etwas ganz anderem, wer weiss.

Was das mit Ulm zu tun hat, weiss ich aber nach wie vor nicht. Vielleicht ist ja die Zahl der psychisch Kranken gestiegen, die renitent werden. Nachdem die Polizei aber keine Zahlen dazu hat (wie das der Artikel zwischen ganz viel Mutmassung ueberraschend ehrlich einraeumt), werden wir das wohl auch nicht herausfinden koennen.

//Nachtrag, 9.9.: Mir ging es nicht darum, hier den Autoren blossstellen zu wollen. Ich habe mich hauptsaechlich darueber geaergert, dass ich nach der ersten Irritation ueber die seltsame Argumentation gerade mal 20 Minuten gebraucht habe, um die passenden Stellen in den jeweiligen Gesetzen und die Beschlusslage zum 113 StGB zu finden — und dass ein kurzer Blick auf den 113 StGB genuegt haette, um festzustellen, dass er bislang noch nicht geaendert wurde. 20 Minuten. Nicht mal so viel Zeit war ein vernuenftiger Artikel wert m(

Update, 9.9., 1500 Uhr

Ich war nicht der einzige, dem die Argumentation etwas seltsam vorkam. Auf Facebook gab es einige Kommentare (danke fuer den Link auf diesen Artikel), und ein namenloser SWP-Facebook-Seitenbetreuer hat eine Ueberarbeitung des Artikels angekuendigt.

Diese Ueberarbeitung besteht, soweit ich das erkennen kann, aus zwei Punkten. Einmal ist das „Ulm:“ aus der Ueberschrift verschwunden, die nun nur noch „Gewaltbereitschaft gegen Rettungskraefte gestiegen“ heisst. Wo das der Fall ist, aund uf welcher Faktenbasis man einen Anstieg gegen Rettungskraefte statistisch belegen kann, bleibt zwar weiter im Dunkel, aber das nehmen wir einfach mal so hin.

Interessant wird es beim woertlichen(!) Zitat des Ulmer Polizeisprechers Wolfgang Juergens, das nun anders lautet als in der ersten Fassung:

„Es kommt regelmäßig vor, dass Polizeihilfe angefordert wird, weil sich Personen gegen die Versorgung durch Sanitäter mit Gewalt zur Wehr setzen.

Vorher stand hier noch, „dass Polizeihilfe angefordert wird, weil sich psychisch kranke Personen gegen die Versorgung“ wehrten. Ob Juergens mit seinem woertlichen Zitat eigentlich die Unterbringung tatsaechlich psychisch Kranker nach dem UBG oder Ingewahrsamname Alkoholisierter nach dem PolG meinte, bleibt leider unklar — im Artikel wurden weder die Aenderungen gekennzeichnet, noch, dass ueberhaupt etwas am Artikel geaendert wurde.

Dafuer blieb dem Artikel der Verweis auf den angeblich schon geaenderten §113 StGB erhalten. Der nach wie vor falsch ist.

Schneller als die Feuerwehr: Internet.

(c) Ernst Frommeld

Der eine oder andere hat es vielleicht mitbekommen, in Altenstadt hatte am Fronleichnamsdonnerstag ein Supermarkt gebrannt. Einsatzstrategisch war die Nummer relativ schnell gelaufen: Sobald ein Supermarkt einmal brennt, ist das Inventar ohnehin als Totalverlust anzusehen, und einige baurechtliche Kniffe, die bei den relativ typischen Standardbauten angewandt werden, machen ein Halten einmal brennender Gebaeude so gut wie unmoeglich. Problematisch sind vor allem die Dachstuehle mit saegerauhen Balken, die mit Nagelplattenbindern zusammengehalten werden — sitzt das Feuer einmal im Dach, breitet es sich rasend schnell aus und sorgt in kuerzester Zeit fuer einen Einsturz der Dachkonstruktion. An einen Innenangriff ist hier nicht zu denken; in der Regel beschraenkt sich die Taktik auf Riegelstellungen gegenueber Nachbargebaeuden und massiven Loeschwassereinsatz in den Brandraum.

(c) Feuerwehr Altenstadt

So war das auch hier: Schon direkt nach der Alarmannahme wurde eskaliert und die sechs Ortsteilwehren fuer die Wasserversorgung hinzualarmiert, und beim Eintreffen an der Einsatzstelle wurde nochmals die Alarmstufe erhoeht und ueberoertliche Hilfe u.a. aus Illertissen hinzugezogen. Und hier ergab sich eine fuer mich ziemlich spannende Anekdote.

Es wurde naemlich auch ein Ansprechpartner des Gasversorgers aus Illertissen hinzugezogen, um die Gaszuleitung sperren zu koennen. Eben dieser Aussendienstler hatte ganz kurz zuvor die Illertisser Feuerwehr mit Sondersignal ausruecken hoeren — wohlgemerkt, die Illertissener wurden knapp sieben Minuten nach dem allerersten Alarm dazualarmiert — und war wohl ganz verwundert darueber, wo es denn nun brennen solle. „In Altenstadt, da brennt ein Supermarkt“ sei wohl die Antwort aus der Familie gewesen. „Hier, da sind schon Bilder“ — aus dem Netz.

Gut, es ist jetzt schon relativ naheliegend, im Jahr 2011 bei einem fuer die Oeffentlichkeit doch recht interessanten Ereignis hinterher Bilder und Videos im Netz zu finden. Auch bei einem Doerfchen mit 5000 Einwohnern. Aber ich war dann doch ueber die Zeitnaehe der ersten Uploads ueberrascht. Ich habe heute auch diverse Bild- und Videoquellen gesichtet, die wir mittlerweile von Anwohnern und Passanten bekommen haben, und die Brandermittler des LKA freuen sich offenbar auch ganz nett darueber, wie zahlreich und aus wie vielen Perspektiven das Geschehen zu sehen ist.

Die grosse Arbeit besteht dann nur noch darin, die einzelnen Schnipsel zeitlich und oertlich zu sortieren.

diretto, anyone? 😉