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Apple-Schlangesteher und politische Demonstrationen

Dass Christopher Lauer die Piraten verlaesst, ist wohl gleichermassen schade wie konsequent — Respekt vor der Geduld, mit der er die staendigen Anfeindungen seiner Person und „den Berlinern“ gegenueber ertragen hat. Vor allem, weil „die Berliner“ tatsaechlich Politik machten und machen. Zum Einen mit dem Mittel der parlamentarischen Anfrage, mit dem „die Berliner“ gerne und oft Stachel im Fleisch des Berliner Senats sind, und zum Einen mit Beitraegen wie dem folgenden:

Addendum: Stefan Koerner hatte Lauer offenbar vorher eine Ordnungsmassnahme aufgedrueckt. Sympathisch. Aber wenngleich der Herr Koerner bislang wenig parlamentarische Politik betrieben hat, gab er eigenen Angaben zufolge ja >100 EUR am Tag fuer die Partei aus, da ist das sicher berechtigt.

Addendum2: Schiedsrichter fordert Videobeweis 😀

Zu Businesskasperei und Open Data

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Vergangenes Wochenende war ich bei Workshops von Code for Germany und Code for All; am Montag startete Code for Germany offiziell; und danach war OKFest in Berlin.
Anlaesslich dieser Veranstaltung wurden Dinge gesagt, getan und geschrieben, die ich nicht unkommentiert stehen lassen moechte.

Erstens.

Ich halte die Initiative „Code for Germany“ fuer wertvoll, auch wenn ich den Namen nicht mag. Wir in Ulm coden nicht „fuer Germany“ und wir coden eigentlich auch nur deswegen „fuer Ulm“, weil wir zufaellig dort wohnen und das das naheliegendste Einsatzgebiet ist.

Der Witz an der Sache ist meines Erachtens genau nicht nur „fuer Ulm“ oder „fuer Germany“ zu entwickeln, sondern die Ideen anderer ueberhaupt erst zu entdecken und auf die eigene Situation anpassen zu koennen – und dass Ideen aus der eigenen Stadt anderswo aufgegriffen werden. Oder dass wir fuer die Ulmer Kita-Karte nun auf einen Kartendienst aus dem Berliner Lab zurueckgreifen konnten (danke, Jochen!)

Und nicht zuletzt habe ich es als unglaublich motivierend empfunden, festzustellen, dass es auch anderswo gleichgesinnte gibt, die fuer dieselben Dinge brennen. Vor allem nicht nur in Berlin.

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Zweitens.

Ich konnte mich schon auf der Launchveranstaltung nicht beherrschen und habe Seitenhiebe auf einen vorangegangenen Redner abgefeuert, der den Hauptvorteil offener Daten darin zu sehen schien, Geschaeftsmodelle zu entwickeln, um die von ihm zitierten 33 Millionen EUR Wert pro Jahr aus den Berliner Daten abzuschoepfen. Wir bei der datalove-Gruppe haben kein Geschaeftsmodell. Wir haben das bislang gemacht, weil es Spass macht, weil wir Probleme loesen und die Welt zu einem besseren Ort machen wollen.

Dass das in die klassische kapitalistische Logik nicht so recht passen will, ist bedauerlich. Den Ausweg sehe ich aber nicht darin, immer noch mehr Startup-Ideen anzukurbeln und aus der Herzenssache einen Brotjob zu machen zu versuchen – und ja, auch ich bin dem Google-Sponsoring fuer codefor.de gegenueber skeptisch, auch wenn ich gerade deutlich zu nuechtern bin, das so auszudruecken wie Stefan Schulz in der FAZ.

Ich fand es aufschlussreich, wie viele der anderen Workshopteilnehmer_innen mir am Wochenende zustimmten, dass der Traum doch eine 20–30h-Woche in einem schoenen Beruf waere, der fuer Wohnung, Essen und Mobilitaet sorgt – und die restliche Freizeit kann dann mit Weltverbesserung gefuellt werden.
Dass so etwas in der Praxis nur einer kleinen Elite vergoennt ist, ist mir schmerzlich bewusst. Aber wenigstens liesse man sich auf diese Tour weder so einfach zum “useful idiot”Âč machen, noch muesste man irgendwelchen Investorengeiern hinterherlaufen. Sondern koennte wirklich an dieser Weltverbesserung arbeiten.

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Weswegen. Drittens.

Ich gerne die Gruppe vorwiegend weisser, maennlicher Informatiker, die zumindest das Ulmer Lab momentan praegen, stark erweitern wuerde – mit der bestehenden Gruppe als Kristallisationspunkt, um den herum neue, interessante Dinge entstehen.

Das Laboradorio Para La Ciudad ist ein herrliches Beispiel dafuer, wie das aussehen kann: Im Vordergrund steht der Lebensraum Stadt und die Menschen, die ihn bewohnen, und sie sind es auch, die ihre alltaeglichen Probleme am besten kennen. Im Idealfall steht hinter allen Projekten auch das Ziel, die BewohnerInnen selbst zur Umsetzung der Loesungen zu ermaechtigen – Code Literacy als Auftrag, angefangen von SchuelerInnen bis ins dritte Lebensalter.

Das wuerde erstens helfen, dass nicht wie bisher alle Projekte auf den Schultern immer derselben wenigen Aktiven ruhen; zweitens deutlich vielfaeltigere Problemlagen erschliessen; und drittens einem deutlich groesseren und breiteren Bevoelkerungsquerschnitt den Zugang zu moeglichen Loesungen verschaffen.

Claus Arndt hat bei sich in Moers bereits ein Schulprojekt angestossen, dessen bisherige Ergebnisse sich spannend anhoeren – so etwas koennte beispielsweise auch in die Ulmer Drei-Generationen-Universitaet passen.

Dahinter wird in den seltensten Faellen ein Business Modell zu finden sein. Aber wenn’s zur Weltverbesserung reicht, waere mir das gut genug.

Âč ich stimme an der Stelle zum vermutlich ersten Mal in meinem Leben Evgeny Morozov zu 🙁

Weit weg mit dem Rad

Vor einigen Jahren stiess ich bei der Suche nach interessanten Radrouten ueber das Radreise-Wiki auf radweit.de von Ulrich Lamm. Die Crux bei vielen Radwanderwegen ist, dass sie oft eine Zusammenstueckelung aus Einzelradwegen sind, die zwar abseits des „normalen“ Autoverkehrs und entlang mehr oder weniger schoenen Landstrichen gefuehrt sind, aber oft nicht fuer direkte Verbindungen zwischen groesseren Staedten taugen; „richtige“ Direkt-Fernwege sind dagegen eher rar gesaet.

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Das EuroVelo-Netz (Wikipedia) koennte man zwar als europaeisches Quasi-Fahrradautobahnnetz bezeichnen, ist aber in vielen Abschnitten noch unvollstaendig und besteht aus vergleichsweise wenigen Achsen durch Deutschland. An Ulm fuehrt beispielsweise nur der EV6 von Saint Nazaire ueber Basel, Passau, Wien, Budapest und Belgrad bis zum Schwarzen Meer entlang, Anknuepfungspunkte an weitere EV-Routen sind aber rar gesaet und mehrere Tagesreisen entfernt. Von Ulm nach Dresden muesste man in diesem „Netz“ beispielsweise erst nach Linz fahren und dort auf den EV7 von Valletta ueber Rom und Salzburg nach Berlin, Rostock, Kopenhagen bis zum Nordkap wechseln.

Ergaenzt wird das EV-Netz in der Theorie durch nationale Routen, in Deutschland das D-Radwegenetz, das abschnittsweise auch mit den EV-Routen identisch ist. Vom Donauradweg (EV6 bzw. D6) koennte man beispielsweise bei Kelheim auf die D11 umsteigen, von wo es ueber Nuernberg und Jena westlich an Leipzig vorbei ueber Berlin bis Rostock ginge, wenn man das wollte. „Direkt“ sind diese Verbindungen aber auch nicht. Abgesehen von dem riesigen Schlenker ueber Kelheim maeandert die D11 hin und her, was einem ordentlich Kilometer unterm Hintern beschert, die man vielleicht nicht unbedingt abstrampeln moechte.

Landstrasse statt Schotterradweg. Hat man trotzdem fuer sich alleine.

Landstrasse statt Schotterradweg. Hat man trotzdem fuer sich alleine.

Die Radweit-Karten loesen diese Probleme fuer viele Routen. Ulrich Lamm hat mit einigen Mitstreiter*innen eine ganz ansehnliche Liste von Direktverbindungen selbst er-fahren, die zwar immer wieder auf das EV- und D-Routennetz zurueckgreifen, ueberwiegend aber wenig befahrenen Landstrassen folgen und somit deutlich Kilometer sparen. Der Fokus liegt auf guten Wegen mit ordentlichem Fahrbahnbelag – Schotterstrecken sind im Gegensatz zu vielen „herkoemmlichen“ Fahrradrouten selten und werden im Kartenmaterial gekennzeichnet; oft gibt es in dem Fall auch Alternativrouten, die je nach Gusto gewaehlt werden koennen. Fuer jede Route gibt es Wegekarten auf Basis topographischer Karten der jeweiligen Landesvermessungsaemter, in der Regel der jeweils passenden TK100. Die jeweiligen Blaetter sind dabei so zusammengestellt, dass entlang der Route „Korridore“ ausgeschnitten und auf ein Gesamtblatt zusammengefuegt werden, so dass eine Strecke von rund 200 Kilometern auf einen DIN-A3-Bogen passt. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, sehe sich einfach mal beispielhaft ein Blatt an, dann wird’s schnell klar 🙂

Neben der guten Streckenkennzeichnung, Hinweisen auf Lebensmittelgeschaeften und Gasthoefen mit Mittagstisch punkten die Radweit-Karten vor allem durch ihre direkte Streckenfuehrung. Waehrend der „offizielle“ Radwanderweg Berlin-Kopenhagen einem beispielsweise allein bis Rostock 377 Kilometer abverlangt, verzichtet die Radweit-Route auf die Umwege durch die Mecklenburgische Landschaft und kommt mit 230 Kilometern aus.

Selbstversuch: Von Ulm beinahe komplett nach Berlin

Ich wollte die Routen schon lange einmal selbst testen, und da eine Uni-Kollegin diesen Sommer zum letzten Mal in Berlin war und dort besucht werden konnte, war schon einmal ein Vorwand gefunden 🙂 Meine Route hatte ich mir folgendermassen zusammengestellt:

Eins vorweg: Ich bin kein hartgesottener Ausdauerradler. Ich habe keine hochgezuechtete Tourenmaschine, stattdessen musste das Tourenrad meines Vaters herhalten – wie sich auf der Reise feststellte, mit verstellter Schaltung und einigen Lagerschaeden :> Wie weit ich kommen wuerde, war vollkommen unklar – Nuernberg hielt ich fuer machbar, Leipzig war das Wunschziel, Berlin beinahe optional.

Um das ueberhaupt zu schaffen, habe ich das Gepaeck so minimal als moeglich gehalten. Radlerhose und Funktionsshirts waren klar, Regenponcho und –hose zum Glueck nicht notwendig (aber trotzdem dabei), und neben „normalen“ Wechselklamotten, Trangia und Essen kamen nur Isomatte, Schlafsack und Tarp mit auf die Reise.

Tag 1 und 2: Ulm-Nuernberg

Der erste Abschnitt der Route folgt grob dem EV6 an der Donau entlang bis Donauwoerth. Man moechte fast sagen, ein perfekter Einstieg: Flach, angenehm und leicht zu fahren, man fliegt nur so dahin. Obwohl ich erst gegen 1700 in Ulm loslegen konnte, kam ich rund 78 Kilometer bis kurz vor Blindheim, bevor die Dunkelheit mich zum Biwak am Feldesrand zwang. Leider merkte ich erst dort, dass ein wichtiges Stueck Equipment fehlte: Mueckenspray :>

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Ab Donauwoerth fuehrt der Weg nach Treuchtlingen, von dort aus grob entlang der Regionalbahnstrecke bis Nuernberg. Bevor man aber in Treuchtlingen ankommt, beginnt erst einmal die Bergwertung. Kaum ist man einen Huegel hinuntergesaust, kommt auch schon der naechste – und das zieht sich den halben Tag so durch. Gegen 1930 war ich nach 144 Kilometern in Nuernberg, entschied mich statt Weiterfahrt und Biwaksuche fuer ein Hostelbett samt Dusche und merkte erst dann, dass ich viel zu wenig gegessen hatte und ich ziemlich kaputt war. Weitere Ernuechterung war, dass es von Nuernberg nach Leipzig noch 327 Kilometer waren und ich fuer Leipzig noch keine Couch-Unterkunft hatte, worauf ich eigentlich gehofft hatte.

Tag 3 und 4: Abkuerzung nach Kronach, von dort aus bis Leipzig

Nachdem ich den Vormittag in Nuernberg verbracht und ueber eine ehemalige Mitbewohnerin der Nachbar-WG angeleiert hatte, vielleicht doch noch eine Couch in ihrer Ex-WG in Leipzig zu bekommen, entschied ich mich, die 129 Kilometer bis Kronach mit dem Zug abzukuerzen und mir damit eine Tagesetappe zu sparen. Gluecklicherweise konnte ich fuer 10 EUR auf dem Wochenendticket einer Jenaerin mitfahren, kam gegen 1500 Uhr in Kronach an und fuhr noch rund 74 Kilometer weit bis ueber die Thueringische Grenze. Dieser Streckenabschnitt ist ebenfalls maessig bergig, und zwischen Steinwiesen und Nordhalben wird aufs Neue klar, warum Radwege minderoptimal sind: Anstatt der Radweit-Route entlang der Bundesstrasse weiter zu folgen, liess ich mich von einem Radwegweiser „Nordhalben“ aus Unachtsamkeit schon in Mauthaus von der Strecke abbringen und zur Trinkwassertalsperre leiten – einen verdammt steilen Berg hinauf. Ich hoffe, den Planer*innen des „Radwegs“ von dort nach Nordhalben nie zu begegnen – mir entgegenkommende Passant*innen suchten entsetzt das Weite, als ich mich lauthals fluchend bei stetigem Gegenwind ueber die Huegel und grobschotterigen Dreckspisten quaelte.

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In Thueringen angekommen geht es ueber die Eisbruecke bei der Bleilochtalsperre – ebenfalls eine ganz ordentliche Tal- und Bergfahrt. Wegen drohenden Regens (der aber nie kam) machte ich es mir kurz noerdlich von Moeschlitz unter dem Tarp gemuetlich. Ohne Muecken.

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An Tag 4 waren alle Plagen des vorigen Tags vergessen, und so ging’s nach dem Fruehstueck recht zuegig bis Triptis zu einer laengeren (Vor-)mittagspause mit Kasslerruecken und Thueringer Kloessen. Ab da fuehrt die Route durch kleine Oertchen wie Muenchenbernsdorf (die sich bei genauerem Hinsehen als Stadt herausstellten), an Gera vorbei durch Zeitz in Richtung Leipzig. Wenn man den vielen historischen Tafeln glauben darf, hat Napoleon 1813 in jedem zweiten Dorf auf der Strecke irgendwelche Paraden abgenommen und an Baeumen gelehnt, die dann prompt eingingen, als er starb. Oder so aehnlich. Tagesbilanz: 143 Kilometer, die wie im Fluge vergingen. Arg viel anderes haette ich auch nicht machen koennen – es war Sonntag, alles hatte zu. Selbst Tankstellen.

Bei Bad Koestritz: Das war mal der Elsterradweg. Bis zum Hochwasser.

Bei Bad Koestritz: Das war mal der Elsterradweg. Bis zum Hochwasser.

Tag 5 und 6: Leipzig nach Berlin

Den halben Tag verbrachte ich durch Leipzig spazierend und mir Dinge ansehend, so dass ich erst gegen 1730 los kam. Immer noch durch ziemlich huegelige Landschaft geht es wahlweise ueber Bad Dueben oder die Muldefaehre Gruna; ich entschied mich fuer die Route ueber Bad Dueben. Nach rund 60 km ist man in Pretzsch angelangt, wo ich mich fuers Biwakieren entschied, weil die Elbfaehre dort nur bis 2100 Uhr faehrt, was knapp geworden waere. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Ich hatte mir offenbar die mueckenreichste Ecke der gesamten Umgebung ausgesucht und die ganze Nacht kein Auge zugetan. Dass sich irgendwann gegen 0200 Uhr Maulwuerfe von unten durch die Isomatte buddeln wollten, tat sein Uebriges. Die Nacht war dementsprechend um 0530 fuer mich vorbei und ich machte mich auf die letzte Tagesetappe.

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Die ist durch immer flacher werdende Landschaften gepraegt – und wenig Sonstigem. Konnte ich auf dem Weg durch Thueringen keine Lebensmittel oder Snacks einkaufen, weil Sonntag war, ging das auf dem Weg durch Brandenburg deswegen nicht, weil es auf der Route schlicht keine Supermaerkte gab. Die Strecke ist angenehm zu radeln und landschaftlich schoen, die wenigen passierenden Autos und der mehrfache Wechsel zwischen Teltow-Flaeming und Potsdam-Mittelmark ist aber so das aufregendste, was einem auf dem Weg passiert 😉

Stimmt natuerlich nicht. Um Beelitz und Michendorf herum faehrt man durch kleine Oertchen, in denen die Leute von kleinen unbeaufsichtigten Staenden weg selbstgemachte Konfitueren, Honig und Gemuese verkaufen, und ab Saarmund merkt man gaaaanz allmaehlich, dass man gaaaanz langsam in den Speckguertel Berlins einwandert. Um 1650 rollte ich von Kleinmachnow nach Berlin-Zehlendorf, und immerhin um 1850 war ich dann auch „schon“ bei HeBu im Wedding angekommen – Tagesetappe 137,4 Kilometer.

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Fazit

Auch als Freizeitradler*in kommt man mit dem Rad deutlich weiter, als man vielleicht denken wuerde. In der Regel hatte ich am Tagesende einen Schnitt um 16 km/h herum auf dem Tacho, normale Reisegeschwindigkeit waren die ueblichen 20 km/h – im Endeffekt war die bewaeltigte Strecke nur eine Funktion aus Sattelzeit und wie viele Anstiege zu bewaeltigen waren. Wer frueh losfaehrt und gemuetlich vor sich hinradelt, schafft selbst mit eingeschobenen Stadterkundungen, Mittagsschlaefchen im Wald (um der Hitze zu entgehen) und Einkaufs-, Einkehr- und Brotzeitpausen mit Leichtigkeit 140 km am Tag. Und haetten die Pedallager nicht bei jedem Tritt laut gekracht, haette ich sicher noch weniger Kraft aufwenden muessen 😉

Wer Lust bekommen hat: Folgende Routen durch Ulm habe ich auf Radweit gefunden:


oder einfach mal auf der Uebersichtsseite stoebern – Ergaenzungen gerne in die Kommentare 🙂

Tag der Befreiung

Es gibt auch nach Jahren immer noch erste Male: Das erste Mal im Treptower Park beispielsweise, und wenn man das am 9. Mai ist, dann hat das Sowjetische Ehrenmal dort nochmal eine ganz andere Wirkung.

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Der ganze Park ist voll russisch sprechender Leute, die beiden knienden Soldaten vor den stilisierten Marmorflaggen von einem Blumenmeer umgeben, und unzaehlige Leute mit schwarz-orangen Schleifen an der Kleidung schreiten ueber das Graeberfeld zur zentralen Statue, die umgeben von Blumen und Wasserglaesern mit darauf drapierten Brotscheiben noch seltsam-brachialer wirkt als sie das vermutlich ohnehin taete.

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Ein ereignisreiches Open-Transit-Wochenende

tl;dr vorneweg: Wir waren am Donnerstag beim DING-Verbund, am Freitag war ich beim VBB in Berlin, und die SWU geben ihre Fahrplaene als GTFS frei. Hurra!

DIVA-Allueren

Auf Einladung von Martin Schiller vom DING waren Fox und ich am Donnerstag beim DING als „unserem“ Nahverkehrsverbund zu Besuch und haben uns deren Software zeigen lassen. In Deutschland gibt es nur wenige grosse Player auf dem Markt fuer Fahrplanungs- und Auskunftssysteme, beispielsweise HaCon (HAFAS) und MentzDV (DIVA und EFA), wobei in BaWue hauptsaechlich DIVA fuer die Fahr-, Dienst- und Umlaufplanung und EFA fuer die elektronische Fahrplanauskunft zum Einsatz kommen.

Und wie das in einem kleinen Markt so ist, reissen die dazu gehoerenden Softwareloesungen nicht gerade vom Hocker. DIVA verwendet in Version 3 als Datenbackend nicht etwa einen Standard wie VDV-45X, sondern ein eigenes Textdateiformat, das ich auch nach laengerem Betrachten noch nicht so recht umrissen habe. In DIVA 4 soll wenigstens eine Datenbank im Hintergrund laufen, auf die neue Version seien bislang aber wohl nur wenige Verkehrsverbuende und -betriebe umgestiegen.

Verkehrsbetriebe benutzen solche Planungssoftware ohnehin erst ab einer bestimmten kritischen Groesse ihres Betriebs. Viele der kleineren Dienstleister verwenden entweder ganz andere Umlaufplanungssoftware, oder machen das gar von Hand oder in Excel. Der „einfache“ Transfer von DIVA zu DIVA kommt hier bei uns nur zwischen Stadtwerken und DING zustande, kleinere Anbieter auf dem Land schicken ihre Plaene im besten Fall per XLS, im schlimmsten in sonstigen semistrukturierten Formaten.

Eine weitere Hoffnung fuer den Export der Fahrplaene nach GTFS war, die Daten aus der Datenhaltung der Elektronischen Fahrplanauskunft (EFA) herauszubekommen. Die ist aber nicht minder
 spannend. Die Dateien sehen wie Binaerblobs aus, und die EFA selbst ist ein Konglomerat zusammengeflanschter Module, die sehr nach historischem Wachstum aussehen. Die Echtzeitauswertung heisst beispielsweise „rud“ und lehnt sich damit noch ans Projekt RUDY an, das 2004 zu Ende ging. Und zwischendrin poppen auf dem Windows-Server-Desktop, auf dem die EFA laeuft, Adobe-Distiller-Fenster auf, wenn irgendjemand einen PDF-Fahrplan erstellt.

Spaetestens an der Stelle stellte ich mir dann schon die Frage, ob man mit geeigneten freien Software-Werkzeugkaesten nicht viel reissen koennte in diesem Orchideensektor 😀

Nichtsdestoweniger, der Ausflug war interessant, und zeigte auch, dass die CSV-Dateien, die wir von den Stadtwerken bekamen, genauso fuer den gesamten Verbund (und einigem haendischen Aufwand) aus DIVA exportiert werden koennten. Das waere aber tatsaechlich nicht unbedingt die Loesung, sondern vermutlich erst der Anfang weiterer Probleme, angefangen vom Unterschied zwischen Planungs- und Repraesentationsliniendarstellungen bis hin zu eindeutigen Schluesseln fuer Haltepunkte.

Ausflug zum VBB und endlich Ulmer GTFS-Daten 🙂

gtfs

Tags darauf hatte die Open Knowledge Foundation zusammen mit dem Verkehrsverbund Berlin/Brandenburg (VBB) zur Projektvorstellung und Nachbesprechung des Hackdays im November 2012 eingeladen. Da unsere Arbeitsgruppe nach wie vor kein Reisebudget oder ueberhaupt irgendwelche Finanziers hat, hiess das also, um 0600 Uhr aufzustehen und mit dem Daumen nach Berlin zu reisen :>

Aufgrund meiner etwas unguenstigen Anreise (siehe Trampbericht unten) kam ich leider erst nach der ersten Projektvorstellungsrunde in den VBB-Raeumen am Bahnhof Zoo an, war aber sehr angetan vom grossen Andrang dort. Neben OKFN und VBB sassen dort Leute von der BVG, jemand von HaCon war eigens angereist, und ich konnte neben „alten Bekannten“ auch endlich mal Michael Kreil und anderen persoenlich die Hand schuetteln.

Eine ganz persoenliche Freude war mir, dort spontan eine Botschaft verkuenden zu koennen, auf die ich lange gewartet hatte: Auf der Anreise bekam ich den Link zum Datenauskunftformular der Stadtwerke Ulm zugeschickt, die wir nun ueber mehrere Monate lang begleitet haben, um ihre Soll-Fahrplaene nach GTFS zu exportieren. Leider mit einem Formular zum verpflichtenden Ausfuellen, aber das war ich dann doch durchaus bereit in Kauf zu nehmen, nachdem im Gegenzug die ODbL als Lizenz gewaehlt wurde 🙂

okfbuero

 

Es werden sich jetzt sicherlich nicht auf einmalℱ tausende EntwicklerInnen auf den Ulmer Fahrplan stuerzen. Auch in Berlin passierten seit der Veroeffentlichung des VBB keine Instant-Wunder. Aber das ist meines Erachtens ein bedeutender Schritt und hoffentlich positive Signalwirkung fuer andere Verkehrsbetriebe, ebenfalls die Daten bereitzustellen.

Dementsprechend haben wir nach der Vorstellung das Ganze noch im OKF-Buero (siehe Bild) mit Mate und spaeter Bier begossen und uns noch solange darueber unterhalten, wie man das Thema weiter beackern koennte (wissenschaftliche Aufarbeitung, Hinweis auf das Kundenbindungspotenzial unabhaengiger Apps), bis ich endgueltig koerperlich so fertig war, dass ich mich endlich mit Gastgeber @_HeBu treffen musste, um unfallfrei ins Bett zu kommen.

(Das wurde dann durch einen Spaetibesuch und tags darauf durch einen Doener- und Spaeti-Besuch erfolgreich unterbunden. Trotzdem Danke, HeBu, fuer die neuerliche Gastfreundschaft und den ausgezeichneten Vanillequark von Butter-Lindner :D)

Trampstatistik

Hinweg:

  • Abfahrt Rosengasse mit der Linie 4 um 0706 Uhr(?), Ankunft Eichenplatz 0716 Uhr, wo nix los war.
  • Eichenplatz ab 0742 Uhr (26 Minuten) mit Margarete ehemals aus der Nachbar-WG, die anbot, mich generell unter der Woche immer um die Zeit auf die Lonetal nehmen zu koennen. Cool.
  • Ankunft auf einer total verlassenen Lonetal Ost um 0759 Uhr. Erst an der Ausfahrt gestanden, dann angequatscht, trotzdem erst um 0900 Uhr weiter (61 Minuten). Dafuer im Geschaeftsauto im Tiefflug, 137 km in 67 Minuten.
  • Kammersteiner Land Sued an 1007 Uhr, wenig los, angequatscht, 1047 mit 120 km/h und haeufigen Raucherpausen weiter (40 Minuten)
  • Taktischen Fehler begangen, nicht waehrend der Mittagessenspause meiner Fahrerin in Frankenwald Ost einen neuen Lift zu suchen.
  • Michendorf SĂŒd an 1605 Uhr, machte mal eben 5:18h fuer 408 km. Trotz guter Unterhaltung etwas schade.
  • Weiter um 1620 (15 Minuten) bis zur U Kurfuerstenstrasse um 1710 Uhr, Fussmarsch bis zum Bf Zoo/VBB.

Rueckweg:

  • Aufbruch bei HeBu mit der S1 ab Wollankstrasse um 1313, S Johannissee an 1400 Uhr. An der Grunewald erst ein wenig rumgeschaut und angequatscht, das lief aber nicht. Also um 1430 mit Schild „Muenchen A9“ ab auf die Rampe, 1440 Lift bekommen 🙂
  • Fraenkische Schweiz/Pegnitz West an 1730 Uhr, d.h. 362 km in 2:50 Minuten und hervorragender Unterhaltung waehrend der Fahrt ueber die Unterschiede zwischen PaedagogInnen und ErzieherInnen 😀
    Sanifair-Gutscheine gegen Burger getauscht, 1750 mit Schild „Ulm“ an die Ausfahrt gestellt, 1804 Lift bis Bahnhof Heidenheim angeboten bekommen. Da sagt man nicht nein 🙂
  • Bf Heidenheim an 1942, 197 km in 1:38h. Das waren rekordverdaechtige 5:12h von Grunewald bis Heidenheim, und selbst mit S-Bahn vorneweg und den 50 Minuten Regionalexpress nach Ulm am Ende gerade mal 45 Minuten langsamer als ein ICE gewesen waere 😀

In der Tretmuehle

Wenn ich hier nachlese, was die letzten Wochen und Monate an Postings kam, koennte man meinen, es passiere so rein gar nichts.

Derweil bin ich Ende April zum ersten Mal nach Berlin getrampt, was einfacher war, als vorher gedacht: Nachmittags um drei mit dem Bus nach Boefingen, von dort mit einem Schild „HDH“ auf die Raststaette Lonetal, und nach vier Autos einen Handwerker gefunden, der mich beinahe bis vor die Haustuere von Gastgeber @_HeBu fuhr. Dann den OpenGLAM-Workshop in der Staatsbibliothek Berlin besucht, bei der Einweihung der Wikimedia-Stockwerksetage Freibier geschnorrt, tags darauf mit den wunderbaren @waxmuth und @presseschauer wunderbaren Kaffee getrunken und abends die Suit-Up-Party im Fotostudio von Anya alias Mina Gerngross im Suit besucht. Und im Flight Suit.

Eine Woche spaeter tat mir Juliane das mit der Berlin-tramperei gleich, waehrend Undine und ich schon mal mit dem Zug vorausgefahren waren und Maria irgendwann nachkam — damit wir alle das myfest in Kreuzberg besuchen, Helfer bei der re:publica sein, diesmal zu dritt in der Undinschen Luxushuette (siehe) crashen, uns verlaufen, und durch tiefgruendige Gespraeche zwischen Maria und plomlompom sowie Trollereien zwischen Undine und erlehmann zu geduldeten Besuchern in #nodrama.de werden konnten. Bild relatiert.

Irgendwo kamen dann noch Besprechungen mit Nahverkehrsbund und Stadtwerken zum Ausbau des Fahrtenangebots zur Universitaet, das OpenCityCamp, die kif 40.0, der Erwerb einer Zuckerwattemaschine (die nun nach vier Wochen kaputt ist), eine unerwartete Einladung zu einem Innovationsworkshop bei Daimler, das SoNaFe an der Uni und zig Kleinigkeiten, Projekte und immer noch offene Arbeiten.

Fragt sich, warum ich nicht mehr darueber schreibe. Und die Befuerchtung ist, in der Tretmuehle gelandet zu sein.

Wie damalsℱ, als ich unglaublich viel Wissen aus dem USENET bekam, aber eben auch unglaublich viel Zeit in das Lesen und Mitdiskutieren steckte. (Ja, die meisten Posts findet man noch. Seid milde. Ich war 13 oder so.) Aehnlich geht es mir gerade mit Twitter: Ich habe regelmaessig 15 Tabs offen, die ich eigentlich auch gerne hier wieder teilen wuerde — nach fuenf Tagen, in denen ich nichts damit anstellte, schliesse ich sie wieder, und gut ist. Seit einigen Wochen komme ich erstmals nicht mehr meiner Timeline hinterher und ueberspringe teilweise ganze Tage — und die gehoerten bisweilen zu den entspanntesten, weil ich einfach nur schoen viel koerperlich arbeiten, Dinge umhertragen, mich im Freien bewegen und mit alten Schleppern herumfahren „durfte“.

Einige Mailinglisten, auf denen ich seit Jahren subskribiert bin, oeden mich derweil tierisch an. Gefuehlt kommt jede Woche eine Diskussion auf, die schon gefuehlt hundert Mal durch ist. Am wenigsten Lust habe ich aktuell auf diverse Piratenlisten. Generell: Die Piraten oeden mich an. Nach den ueber drei Jahren, in denen ich sie beobachte, sind viele immer noch nicht ueber die „aber wir sind fuer Buergerrechte!“-Rhetorik hinausgewachsen. Wahlweise ist die Partei vollkommen reflexionsfrei die einzige freiheitliche, buergerInnennahe, demokratische Partei (und alles andere immer schlecht), oder man solle doch gefaelligst mit- und alles besser machen.

Derweil kann man sich bei den Piraten weiterhin richtig einfach Freunde machen, wenn man irgendwas mit „Femi
“ am Anfang sagt. Die Analyse von Macht- und Herrschaftsstrukturen hoert da auf, wo die eigene Wohnung unueberwacht, die Internetleitung frei und „alles transparent“ ist. Oder so aehnlich. Kackscheisser kommen auf Listenplaetze fuer die Wahl, Leute in Amt und Funktion duerfen froehlich lustige Meinungen zum Nahen Osten, und in diversen Arbeitsgruppen geben sich „Waffenrechtler“ und Geldumordner ein Stelldichein. Mit der Einfuehrung von Bezirks- und Kreisverbaenden werden die Strukturen zudem immer rigider und aus dem sympathischen Chaoshaufen von vor ein paar Jahren zunehmend: Einfach nur eine weitere Partei.

(Mit einigen coolen und wirklich wichtigen Werkzeugen. Zugegeben. Aber einem Facepalmpotenzial, das mich oft nur noch abwinken laesst.)

Was bleibt?

Der Wunsch nach ein wenig Abstand von den meisten Twitter-, Mail und Facebookdebatten der letzten Monate. Um die schoenen Erlebnisse die es gab und hoffentlich weiter geben wird, auch mal richtig ver- und aufarbeiten koennen. Raus aus der Tretmuehle.

Und mehr Cowbell.

Dit is nich Dorf hier.

Soeben erreichte uns folgende Anekdote vom heutigen Nachtmittag: [sic]

Im Empfangswarteraum der Polizeiwache, Abschnitt 51, Wedekindstraße in Friedrichshain, direkt hinterm Berghain gelegen: Ein Mann um die 60 in gebĂŒgelten Jeans und polierten schwarzen Cowboystiefeln und LedermĂ€ppchen unterm Arm spricht einen Beamten in Uniform und mit Irokesenhaarschnitt an.
BĂŒrger: „Bei mir im Haus haben die fĂŒr heute wieder die Walpurgisparty angesagt. Da kommen Hunderte“.
Beamter: „Ja, und?“.
BĂŒrger: „Nun, die spielen ganz scheußliche Musik, die ganze linke Szene trifft sich da. Ist das denn genehmigt?“
Beamter: „Das ist genehmigt“
BĂŒrger (leise): „Aber kann man nichts dagegen machen?“
Beamter: „Was sollen wir denn dagegen machen?“
BĂŒrger: „….“
Beamter: „Dit is eben Berlin, dit is nich Dorf hier.“
BĂŒrger: „Aber die haun doch dann alles kurz und klein“.
Beamter: „Aber wenn die Volksmusik oder Country spielen wĂŒrden, dann wĂ€rs ok fĂŒr sie?“
BĂŒrger: „Nee, ich weiß nich'“
Beamter: „Wie gesagt: Dit is Berlin. Wenn es zu heftig wird ab 22 Uhr, rufen Sie an“
BĂŒger: „Ja, gut“. BĂŒrger geht.

 

Live-Ticker: Wedding: Veranstalter beendet Demonstration – 1. Mai – Berlin – Tagesspiegel.

Nachdem @gruenzeug mit einem Tag Verspaetung in Berlin eintraf, mussten wir uns erst einmal mit dickem Salatbausatzkauf beschaeftigen — und befinden uns aktuell in der etwas absurden Situation, jeweils nur wenige U-Bahn-Minuten von den Maifestspielen in Kreuzberg und Wedding entfernt zu sein, und diese per Ticker zu verfolgen.

Der Aufbau fuer die re:publica ist uebrigens ganz ganz anders als die letzten Jahre. Ich weiss noch nicht so recht, was ich von dem Flair halten soll
 erster Eindruck bisher: Friedrichstadtpalast war repraesentabler. Mal sehen, was der Mittwoch bringt 🙂

Die Weltverbesserer

Wahlweise gerade mal oder schon vor einem Jahr bezeichnete Constanze Kurz alle, die sich mit Datenschutzkritik beschaeftigen, pauschal als Spackos. Einige so Benannte fanden daran gar nicht erst grossen Anstoss, nannten sich fuerderhin die datenschutzkritische Spackeria, trollten das vergangene Jahr ein wenig vor sich hin und haetten sicher gerne auch auf dem 28c3 wieder etwas zum Thema beigetragen. Post-Privacy hatte da aber offenbar thematisch keinen Platz, weswegen kurzerhand als „Ausweichkongress“ am 29.12. die 0. Spackeriade in Laufweite zum c3 auf die Beine gestellt wurde.

Durch glueckliche Zufaelle waere ich zwischen den Feiertagen ohnehin in Dresden statt Ulm gewesen (was mal eben 450 Kilometer Unterschied bedeutet) und hatte zudem sowohl eine Gastgeberin in als auch einen spottbilligen Fahrschein nach Berlin; eventuell verbliebene Argumente gegen einen Abstecher in die Hauptstadt wurden durch einen kurzen Blick auf die Teilnehmerliste atomisiert.

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tl;dr:

Es war eine der angenehmsten Veranstaltungen mit erfrischend unverbohrter Grundhaltung und hervorragender Gespraechskultur, auf der ich seit laengerem war. Und sie hat mich (weiter) nachdenklich gemacht.

Langfassung

Veranstaltungen wie diese leiden immer unter dem Problem, sowohl interessierte Neulinge als auch Fortgeschrittene im Publikum zu haben und diese Luecke auf irgendeine Weise ueberbruecken koennen zu sollen. Wenn ich meiner Gastgeberin glauben darf, hat der Einstieg auch fuer thematische Neueinsteiger ganz gut geklappt: @gedankenstuecke und @philippbayer fuehrten im ersten Vortrag in die entstehenden Problematiken genetischer Sequenzierung ein, bevor @tante noch einmal in den Gegensatz Datenschutz versus Post-Privacy einstieg.

Diese Reihung finde ich retrospektiv gar nicht so seltsam, wie sie mir live vorkam; Das Genomics-Panel umreisst sehr eindruecklich die Problematik, die uns bei konsequenter Fortspielung des Datenschutz-Paradigmas bevorstehen: Wenn ich heute fuer wenig Geld mein Genom sequenzieren lassen und dieses zum Zwecke der Wissenschaft (oder reiner Experimentierfreude) veroeffentlichen kann, ermoegliche ich damit jedermann nicht nur erbliche Krankheitsveranlagungen meiner selbst, sondern zwangslaeufig auch meiner engeren Verwandten daraus auszulesen — selbst dann, wenn ich die nach aktuellem Stand relevanten Sequenzen schwaerzen lasse, heisst das nicht, dass diese Information fuer alle Zeiten uneinsehbar sein werden.

Darum dreht sich auch ein Grossteil der Post-Privacy-Debatte: Wie weit kann die Einzelne gehen, freiwillig hoechstpersoenliche (oder auch ganz banal oeffentliche) Daten digitalisiert zu veroeffentlichen, ohne dabei andere zu beeintraechtigen — und was passiert, wenn das doch geschieht. Eine These ist, dass „die Gesellschaft“ mittelfristig gezwungen werden wuerde, groessere Toleranz gegenueber nicht der Norm entsprechenden Menschen zu ueben, und selbstverstaendlich wurde auf der spack0 auch wieder das Beispiel der Homosexuellen bemueht: Erst das Herstellen von Oeffentlichkeit habe dazu gefuehrt, dass Homosexualitaet mittlerweile enttabuisiert und „normalisiert“ sei.

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Ich wuerde mir wuenschen, hier einmal andere Beispiele zu sehen. Wenn es denn ueberhaupt welche gibt. Und ich wuensche mir eine genauere Betrachtung, ob es diese geforderte Toleranz wirklich geben kann. Ganz so weit ist das mit der Akzeptanz von Homosexualitaet wirklich nicht: Heute noch werden LGBT-Teenager von ihrem Umfeld in den Suizid getrieben. Ich fand es in diesem Zusammenhang geradezu ironisch, dass Erlehmann in seinem und @fotografionas Talk ueber Fickileaks (mehr dazu in warumnicht.so Folge 1) einer Person, die in seinem Beziehungs-Geruechte-Abbildungsgraphen nicht vorkommen wollte, fehlenden Humor unterstellte. Als sei erlehmanns eigenwilliger Humor der einzige, der hier Geltung habe.

(Helga Hansens Vortrag ueber Bullying schlaegt in eine aehnliche Kerbe — habe ich leider nur in der Aufzeichnung gesehen, weil U. und ich ganz dringend etwas essen mussten.)

@acid23 ging abschliessend noch einmal auf die sozialen Aspekte von Post-Privacy ein: Hoehere Transparenz befoerdere das Aufzeigen kultureller und sozialer Unterschiede und erleichtere somit gleichermassen Integration — das vielbeschworene Homosexuellen-Beispiel — aber eben auch Segregation. Er selbst sei immerhin noch in einer mehr oder weniger privilegierten Position: Weiss, maennlich, mit ausreichend Geld ausgestattet, nicht behindert, gebildet — und gerade wegen dieser Position vielfach ohne boese Absicht blind gegenueber oppressiven Verhaltensweisen und Strukturen.

Man kann sich relativ leicht vor Augen fuehren, wie weit diese Privilegien gehen, indem man sich einfach einmal bewusst von ihnen entfernt. Am besten irgendwo auf dem Land in Bayern. Die Fallhoehe kann augenoeffnend sein.

Eines der weniger beachteten Privilegien kann beispielsweise auch schlicht eine belastbare Psyche ohne zu verarbeitende Traumata sein, und ehrlich gesagt haette ich von Christian Bahls vom Verein Missbrauchsopfer gegen Internetsperren in diesem Punkt bei seinem Panel mehr Angriffslust erwartet. Bahls beharrte staendig auf technischem Datenschutz, zu dem ich ihm schoene Anekdoten aus einer nicht genannten Klinik erzaehlen konnte (im Video ab 39:25) — was mir bis zum Ende fehlte, waere die konkrete Schilderung gewesen, was es denn heisst, wenn jemand, der oder die in der Vergangenheit einen absoluten Kontrollverlust ueber den eigenen Koerper, die (nicht nur sexuelle) Selbstbestimmtheit und Vertrauensmechanismen erlitten hat, nun erneut mit noch nicht aufgearbeiteten oder vollstaendig therapierten Traumata konfrontiert wird.Hier einfach mit den Schultern zu zucken hiesse fuer mich, eine wirklich schutzbeduerftige Personengruppe alleine zu lassen.

Klar, „die Gesellschaft muss sich aendern“, das duerfte ohnehin das Credo der gesamten Veranstaltung gewesen sein, aber das sagt sich leicht dahin. Acid sprach von Erklaerbaerismus als Prinzip: Ungleichheiten und oppressive Strukturen wie Alltagssexismus, -rassismus, -ableismus […] nicht mehr einfach hinzunehmen, sondern sich damit (und denen, die sie meist ohne boese Absicht verbreiten) auseinanderzusetzen und aktiv dagegenzusteuern.

Ich bin gespannt. War man in Berlin noch ganz unter sich in flauschiger Atmosphaere, sieht der Alltag in der Provinz immer noch hart aus. Weltverbessern kann bisweilen immer noch so anstrengend sein wie vor 30 Jahren.

Manchmal macht’s aber auch Spass.

Kein Grund also, nicht damit anzufangen.

Ausserdem

Ploms Buch gekauft, mit Widmung und unter Umgehung von Amazon (dies ist ironischerweise ein Affiliate-Link). Festgestellt, dass man ploms Buch mit „plop“ abkuerzen kann. Ekelias getroffen. Von Ekelias befummelt worden (war ganz gut). In pornoeser Wohnung untergekommen (Danke, U.!). Generell, viele Leute erstmals live getroffen und nett gefunden. Irre Vorstellung im Kopf, in Ulm ein Fablab etablieren zu wollen. Generell: Viele irre Vorstellungen im Kopf.

 

Danke, Internet. Danke, ihr Leute darin.

Fotos von naturalismus (1,3) und mir (2,4), cc-by-sa. Dieser Text steht unter ebendieser Lizenz.

Heimliche Spackeria-Suedpiraten

Was klar war: Dass die (Neu-)Ulmer Piraten das Wahlstudio zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin ansehen wuerden. Und dass die Freude gross war, als die ersten Exit-Poll-Werte bekanntgegeben wurden. (Neun Prozent! NEUN PROZENT!!)

Was mich dann ein wenig grinsen liess: Man hatte sich ein videoueberwachtes Cafe fuer die Party ausgesucht :3

(Glueckwunsch nach Berlin. Ganz grosses Tennis!)

//addendum: Auf Nerdcore gibt’s das Bullshit Bingo fuer die morgige Tagespresse. Mal sehen, wie viel davon bei der oertlichen Zeitung auftaucht.

Fazit aus Berlin — #rp11

Impressionen auf der re:publica 2011

((cc) Anja Pietsch/re:publica)

Allgemein

Keine Rants, die gibts anderswo genuegend. Generell: Die re:publica kam mir dieses Jahr deutlich heterogener vor als die vergangenen Jahre, und das Experiment, eine Konferenz fuer die ganze Republik machen zu wollen, strapazierte offenbar einige Nerven. Die Vortraege im Friedrichstadtpalast konnten die Ueberfuellung der Workshops in der Kalkscheune nicht mildern, und so kam man nur durch Zufallsprinzip dort hinein, wo man eigentlich hin wollte.

Digitale Gesellschaft

Hat mir bislang nix getan, auch wenn ich Kritik und Gegenkritik interessiert beobachte. Schauen wir mal, was rauskommt, und wenn sie mir irgendwann mal auf die Fuesse treten sollten, muss ich halt ueberlegen, was ich mache. Konstruktivismus regelt, das kann man mal so mitnehmen — die Energie, die manche darauf aufwenden, das von vorneherein herunterzuputzen, ist mir schlicht zu schade. Schoen beschreiben das Christopher Lauer und Rene Meissner.

Gesehen und gut gewesen

Quo Vadis, Web?

(cc) Jonas Fischer/re:publica

Quo vadis, web? u.a. von Nils Dagson Moskopp, der meinetwegen um sein „gutes“ Gratisessen geprellt wurde und „nur“ das aus der Helferverpflegung bekam. Sehr sehr hybsche Folien (mit Inkscape Slides gemacht), die eigentlich mal eben ein bis zwei der WebEng-Einfuehrungsvorlesungen ersetzen koennten (als ob.) Thematisch insgesamt leider ein viel zu grosses Fass, um das in einer Stunde abarbeiten zu koennen, und erlehmanns Tendenz, thematisch wild zu maeandern, tat das Seine

Machines talking to themselves von Martin Spindler — auch hier wieder eine wunderbare Inspiration fuer „echte“ Motivationsfolien in der UbiComp-Vorlesung.

Of course: we’ve built out the nervous system (the Internet) & now we’re turning it on (sensors). Next we’ll build muscles & activate those.

(https://twitter.com/#!/bopuc/status/42849706392551424)

Erinnernswerte Beispiele: Die „GlowCap“, die mittels GSM-Modul an die Medikamenteneinnahme erinnert und im Zweifelsfall per Telefon die Angehoerigen alarmiert, falls sich nichts ruehrt. Ausserdem: „The Street as platform“ fuer eine Vision ubiquitaerer Systeme.

Die Illusion vom oeffentlichen Raum war eine froehliche Rant- und Bash-Runde, die hauptsaechlich Spass machte. Ich bin gespannt auf die Videoaufzeichnung.

Ebenso von Dezentrales Clustern, gehalten von Stephan Urbach. Sehr inspirierend, mit schoenen Aussagen: AKs sind in der Regel moerderisch schwerfaellig, starr und exklusiv — dezentrale Cluster brauchen einfach nur ein Mission Statement, einen coolen Namen und vor allem Spass fuer alle Beteiligten. Bei Aussagen wie „ich muss nicht immer alles mit allen besprechen“ musste ich irgendwie an gewisse Studierendenvertretungen denken, und wie man so etwas dort einfuehren koennte.

In loser Reihenfolge ausserdem: „Aktivismus im oeffentlichen Raum“ als kurzweiliges Wohnzimmerpanel mit viel Unterhaltung. mixd.tv ist mittlerweile etwas ganz anderes als letztes Jahr und wohl auch weniger auf Konfrontation aus. Und der Stuxnet-Vortrag war trotz fefes Kritik am Referenten nett.

Highlights

"Beyond Medienkompetenz" auf der re:publica 2011

(cc) Anja Pietsch/re:publica

Der Dueck. Klar. Seinen vielverlinkten Auftritt muss man wohl auch hier verlinken, auch wenn ich selbst gar nicht dabei war — dafuer habe ich ihn direkt danach beim Panel mit Joeran erlebt und war recht angetan von der Runde. So haette ich mir die Schule gewuenscht — und auch hier bin ich auf das Video aus dem grossen Saal gespannt. Nicht zuletzt, um es vielleicht einmal ein paar Lehrern vorzuspielen…

Und die Leute?

Ja, deswegen faehrt man ja auf so eine Veranstaltung, wenn man von vorneherein weiss, dass man zwei Drittel der gewuenschten Vortraege nicht sehen koennen wird. Man war in Gespraechen auf dem Hof recht angetan von der Offenheit Ulms in Sachen Open Data, und ich habe jetzt einige Kontakte, mit denen das hoffentlich nun in die Gaenge zu bringen ist. Mehr dazu… morge^w demnaechst.