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Trampen durch Daenemark

Die Tramperei nach Kopenhagen durchzieht sich bislang ziemlich arg mit im Nachhinein nicht ganz so optimalen Entscheidungen.

Die erste war schon einmal, erst waehrend der Woche bei Undine anzufangen, Couchsurfing-Anfragen zu schreiben. Das kostete dort viel Zeit am Rechner und war ausserdem reichlich spaet. Fazit: Niemand kann/will uns so kurzfristig unterbringen.

Fehler Nummer zwei: Am Freitag gab es in Rostock Bier. Viel Bier. Und einen unerwarteten Gast von der Uni Rostock, den wir bei der Bildungsmesse in Ulm kennengelernt hatten. Es war spaet. Echt spaet. Und der Kater am Morgen gross. Und das mit dem „frueh losziehen“ klappte dann auch nicht. Und Kronen hatten wir am Freitag auch noch keine getauscht. Und eine Daenemark-Karte auch dann erst am Samstag morgen gekauft. Und dann den Expressbus zur Faehre (mit Expressbusaufpreis) statt der S-Bahn genommen. Letztlich waren wir erst 1500 Uhr am Faehrhafen, was uns auf die Idee brachte, nur einen Lift bis zur Insel Møn zu suchen und dort auf dem kostenlosen Rastplatz zu campieren. Das so fuer uns schon festgelegt zu haben sollte dann nochmal ein Fehler werden.

Einen Lift von Rostock nach Gedser zu bekommen ist… durchwachsen. Viele haben wohl ihre Tickets online gebucht und eine Personenanzahl draufstehen, was angeblich nix macht, aber offenbar vom Mitnehmen abhaelt. Juliane bekam einen Lift — in einem Zweisitzer bei Thomas, einem redseligen ehemaligen Ostberliner, der auf dem Weg nach Schweden zu seinem selbstgebauten Blockhaus war und eigentlich direkt ueber Kopenhagen fahren wuerde. Aber eben nur mit einem Passagier.
Ich versuchte mein Glueck noch vor der Info/Ticketausgabe, hatte aber keinen Erfolg — also buchte ich ein Fussgaengerticket und versuchte, auf der verspaeteten 1700-Faehre einen Lift zu bekommen. Den bekam ich dann auch direkt nach der ersten Ansprache: Eine Gruppe Theaterleute auf dem Rueckweg aus Berlin war mit einem Bus auf der Faehre und hatte Platz fuer Juka und mich — im Zweifelsfall bis Kopenhagen.

Ich winkte ab — schliesslich hatten wir momentan noch weder Couchsurfinghost noch Hostel in Kopenhagen, und anstatt einfach nach Tipps (oder vielleicht einem Hinterhof fuers Tarp) zu fragen, erzaehlte ich nur vom Plan, bei Farø die Autobahn verlassen und dort lagern zu wollen. So lief das dann auch, und so betraten wir gegen 2000 Uhr zum ersten Mal im Leben daenischen Boden. Ohne eine einzelne Krone in der Tasche.

Dank des dortigen kostenlosen Lagerplatzes (was in Daenemark offenbar wirklich selten ist), brauchten wir auch keine — das Tarp genuegte, um einen Sonnenuntergang ueber der Ostsee betrachten zu koennen, bevor wir einschliefen.

Aus Farø wegzukommen, gestaltete sich dann wieder etwas… schwierig. Das Hitchwiki hatte schon gewarnt; dass es so absurd schlecht sein wuerde, hatte ich aber nicht gedacht. Nach knapp 1:20 h (und einer abgelehnten Gelegenheit nach Rødbyhavn, wo es weiter nach Fehmarn gegangen waere) mit unserem „Anywhere“-Schild (das zumindest Laecheln und Winken provozierte), nahmen wir die Gelegenheit wahr, eine Anschlussstelle weiter nach Sueden zu fahren. Dort ging es ueberraschenderweise schon nach zehn Minuten weiter bis Lellinge, rund 40 Kilometer vor Kopenhagen. Diese Ausfahrt stellte sich wiederum als absoluter Albtraum fuer Tramper heraus: Eine Ampel vor allen Auf- und Abfahrten, keine sinnvolle Stoppmoeglichkeit auf der Auffahrtsrampe, viel Kopfschuetteln. Also beschlossen wir, einfach die paar Kilometer Richtung Strand nach Køge zu wandern — schliesslich stand dort mal das erste daenische Elektrizitaetswerk :>

(und neben einer Aufspannmoeglichkeit fuer unser Tarp gabs’s auch einen Strand. Nicht so toll wie Kopenhagen, zugegeben.)

Die letzten Kilometer heute morgen von Køge nach København liefen dagegen fuer daenische Verhaeltnisse wunderbar: Nach 35 Minuten an der Landstrasse [sic] hatten wir einen Lift direkt bis an die Tuer unseres (schweineteuren, aber ganz okayen) Hostels, der sogar extra noch ein paar Umwege fuhr, um uns erst einmal eine kleine Stadtrundfahrt aus dem Auto bieten zu koennen.

Und hier haben wir heute erst einmal neun Stunden lang getan, was wir am besten koennen.

Gammeln:

Bier trinken:

Schiffe gucken in Verbindung mit Rettungsgedoens (wow!)

Eine ausfuehrliche Stadttour haben wir bereits hinter uns; die paar Kronen, die wir nach einem Tag in Daenemark dann doch abgehoben haben, beinahe ganz fuer Essen und Bier (2 EUR pro 0,5-Liter-Dose! Die spinnen!) ausgegeben — und sind jetzt erst einmal todmuede.

Wie man hier zu sagen pflegt: „Jeg taler ikke dansk!“. Oder so aehnlich.

Mit dem Daumen an die Ostsee

Eigentlich wollte ich schon vergangenen Samstag zu meiner ehemaligen Mitbewohnerin nach Hamburg trampen, um mich tags darauf mit Juka bei Undine in ihrer alten Heimat Rostock zu treffen. Aus Gruenden™ wurde daraus nichts, so dass Juka und ich uns stattdessen Sonntag morgens um 1000 Uhr daran machten, zum ersten Mal zu zweit durch Deutschland zu stoppen.

Los ging’s an der bewaehrten Bus- und Tramphaltestelle Eichberg, wo wir einen neuen persoenlichen Rekord setzten: Ich hatte das Schild „HDH“ noch zusammengefaltet in der Hand und ging ein Stueckchen bergauf, als schon das zweite vorbeifahrende Fahrzeug in die Eisen stieg und uns prompt auf die Lonetal mitnahm. Dort einen Lift zu bekommen, bevor der naechte Bus kommt, ist zwar normal, aber so schnell ging’s dann doch noch nie.

Auf der Lonetal ging es ebenso weiter. Wir hatten uns entschlossen, dieses Mal nicht die FahrerInnen an der Tankstelle anzusprechen, sondern klassisch mit Schild „HH“ am Ende der Raststaette zu stehen, nachdem das beispielsweise beim Herrn Kulla so gut zu funktionieren scheint. Tatsaechlich hielt nach deutlich unter fuenf Minuten ein Rentner mit seinem Kombi auf dem Weg ins Ruhrgebiet, der uns bis Kassel mitnehmen konnte. Getrampt sei er auch, frueher eben, so 1960 herum, mit dem Koefferchen und dem Stockschirm ueber Bruessel bis Paris, wo er und ein Kumpan sich heimlich in ein Zeltlager schlichen, um das Uebernachtungsgeld zu sparen. In den kommenden drei Stunden bekamen wir dann von seiner Arbeit bei Tabak Brinkmann erzaehlt — aus einer Zeit, in der es noch zig Tabakfirmen gab, die jeweils mehrmals im Jahr neue Zigarettenmarken auf den Markt warfen — von denen die meisten wieder eingingen. Zum Tabakhaendlergeschaeft gehoerten damals auch Kongressausklaenge auf der Reeperbahn, bei denen man sich auch mal mit den Kollegen von BAT herrlich beschimpfte. Damals war die Edelwuchs als neue Zigarettenmarke eingefuehrt worden, worauf in der Zeit passende, nach unten zeigende Hinweis-Pfeile ueber den Automatenschaechten hinwiesen. Die BAT-Kollegen seien entsprechend in Aufruhr gewesen, als dann die „Entkleidungskuenstlerin“ ihr Hoeschen ausgezogen und damit einen Pfeil „Neu: Edelwuchs“ zum Vorschein gebracht habe. Im kommenden Jahr haetten die BAT-Kollegen dann mit einer brennenden Zigarette zwischen den Pobacken einer Taenzerin reagiert, was dann den Spruch „Jeder Arsch raucht HB“ provoziert habe.

In Rostock sei unser Fahrer auch schon gewesen: „Das erste Mal ’45, da haben uns die Russen erwischt“. Als „kleiner Butt“ war er zu Kriegsende auf der Flucht aus Ostpreussen gewesen, als sie in Rostock quasi ueberholt und nach Koenigsberg verfrachtet wurden. Dort habe er sich dann als Faehrjunge verdingt, Leute und Material ueber den Pregel gepaddelt und im Winter auch mal den Kahn von Eisscholle zu Scholle huepfend hinter sich von Ufer zu Ufer gezogen. Manche der Geschichten waren augenzwinkernd: Rotarmisten, die im Pregel mit Handgranaten fischten, aber im Gegensatz zu ihm nicht wussten, dass die Fische erst 50 Meter stromabwaerts an die Oberflaeche kommen wuerden — wo er schon wartete und die Beute abkescherte. Bei anderen trauten wir uns nicht so recht, weiter nachzufragen: Wie die, dass sein kleiner Bruder und er haeufiger als Jagdziel fuer Besatzungssoldaten dienten und beispielsweise auf dem stundenlangen Weg zur Gulaschkanone von einem uebenden Kampfflugzeug mit der Bordkanone beschossen wurden und solange von Baumdeckung zu Baumdeckung rennen mussten, bis es dem Piloten langweilig geworden war.

Jedenfalls eine schoene Fahrt, trotz Staus. Keine Ahnung, ob wir speziell ihn ueberhaupt an der Tanke angesprochen haetten.

An der Raststaette Hasselberg kurz vor Kassel fanden wir nach einer Brotzeitpause innerhalb zweier Minuten einen Lift mit einem E-Techniker, der zufaelligerweise auch aus Freizeitvertreib im Tabakbusiness war und auf Festivals Zigaretten aus dem Bauchladen vertickte. Ansonsten unterhielten wir uns noch eine Weile ueber UMTS, LTE und Trinkgebraeuche im Siegerland und Westerwald, bevor das Gespraech langsam einschlief — wir waren langsam muede geworden.

Nach einigen Staus nach dem Maschener Kreuz liessen wir uns um 1800 Uhr an der Raststaette Stilloch absetzen und machten nochmal eine Essenspause und tranken einen Kaffee — was dafuer sorgte, dass wir nicht mehr aus Hamburg herauskamen. Als wir gegen 1900 mit dem „Rostock“-Schild Position an der Ausfahrt bezogen hatten, war die halbe Raststaette leer und auch die Autobahn merklich duenn befahren. Wir versuchten es noch mit einem „Luebeck“-Schild, um ueberhaupt auf der A1 weiterzukommen, aber vergeblich: kurz vor der Raststaette waren mehrere Autos aufeinandergefahren und die Autobahn voll gesperrt worden, so dass nur noch Lokalverkehr direkt vor der Raststaette ueberhaupt auf die Autobahn auffuhr.

Mittlerweile war es deutlich nach 2030 Uhr, ein Ende des Staus nicht in Sicht, und wir auch ein wenig unentschieden, wie wir weiter verfahren sollten. Noch einmal eine halbe Stunde einplanen (2100), um einen Lift zur naechsten Raststaette zu bekommen (2130), dort hoffentlich schnell (2200?) einen Lift bis Rostock finden (2400)? Letztlich riefen wir einfach meine ehemalige Mitbewohnerin an, die uns (eine Stunde Fussmarsch, Bus- und S-Bahn-Fahrt spaeter) auch herzlich empfing, mit Wein abfuellte und uns beherbergte. Danke, Annabelle 🙂

Zweiter Versuch

Am Montag war fuer mich lediglich spektakulaer, dass ich mein Smartphone in einen Zustand brachte, der es nicht mehr booten liess, was sich offenbar nur durch ein Backup loesen laesst, das momentan knapp 900 km entfernt liegt. Ich bin also momentan weder anzurufen, noch kann ich Bilder machen oder E-Mails mobil abrufen und sowas. Abgesehen von den Bildern ist das nach einem Tag Entzug gar nicht mal so bloede.

Von der Stilloch kamen wir mit wechselnden Schildern („Luebeck“, „A1 Nord“, „Weiter“) wieder ewig nicht weiter, also sprachen wir doch Leute an der Tanke an — und bekamen auch gleich einen Lift zur Raststaette Buddikate, wo wir in moderater Zeit (ebenfalls an der Tankstelle wartend) von zwei schwaebischen Lehramtsstudentinnen auf dem Weg nach Greifswald angesprochen wurden, die uns nach ruckzuck vorbeigegangenen 150 Kilometern an der Anschlussstelle Rostock-Sued rauswarfen. Dort hatte uns dann auch das Glueck wieder: Gleich das naechste Fahrzeug nahm uns beinahe direkt ans Ziel in der Kroepeliner-Tor-Vorstadt mit.

Fazit:

  • Reisezeit inklusive 45 Minuten Brotzeitpause und zweier langer Staus bis Hamburg: 8h (Google Maps sagt 6:45h).
  • Schild-stoppen klappt auf der A7 unheimlich gut; aus Hamburg raus nicht so; in MV auf der Landstrasse dann wieder prima.
  • Trotz Ultraleicht-Begeisterung ist mein Rucksack zu schwer.
  • Ehemalige Mitbewohnerin ist fantastisch.
  • Smartphones stinken gewaltig.

Und dann waren da noch…

…das Metalab

Der zweite Hackspace-Besuch in den letzten Monaten. Wir wurden auch gleich herumgefuehrt und bekamen das Whateverlab mit den Rapid-Prototyping-Drucken (RepRap und MakerBot), Lasercutter und CNC-Fraesmaschine gezeigt, haben neue Hackerbrause kennengelernt und sind insgesamt sehr angetan von diesem Labor gewordenen Reaktionsbeschleuniger (vorsichtig ausgedrueckt).

Nebenbei haben wir auch festgestellt, dass das uulm-Logo dem des Metalab recht aehnlich ist, und wurden mit unserer nicht ganz zeitfesten Hinterlassenschaft auch gleich in der offiziellen Metalab-Soup verewigt.

Foto oben: Dodo ist von der Blinkenwall begeisterter, als es auf dem Bild den Eindruck macht.

…Ottakringer Bier

Bier!!!

Schmeckt echt gut und zeigt einem, wie sehr man die heimischen Verhaeltnisse gewohnt ist („Was, ihr knuellt die Dosen zusammen?!?!!?!elf“ — „Ja kloar, sonst bassn die ned in den Misteimer.“)

Wie anders doch das Leben ohne Dosenpfand ist.

Fun Fact: Eine Palette OTK langt vier leicht erkaelteten Mittrinkern genau eine Zugfahrt. Weniger haett’s jedenfalls nicht sein duerfen.

…die Oesterreichische Bundesbahn

Mit Zugtoiletten von Liebherr und Zugbegleitern, die einen amuesiert ansehen, wenn man nachfragt, ob man angesichts der zwischenzeitlich erlittenen Verspaetung den 3-Minuten-Anschluss zum anderen Regionalzug in St. Valentin noch schafft: „Klar“.

Bevor gemunkelt und Zusammenhaenge zu S21 konstruiert werden: Besagte Regionalzuege waren jetzt nicht auf 100% Geschwindigkeit getaktet, und die anderen Bordtoiletten waren noch von der rustikaleren Sorte, die direkt aufs Gleis entleert.

Wieder in Deutschland angekommen wird man uebrigens von anderen Fahrgaesten schief angesehen, wenn man Paletten mit Dosenbier herumschleppt und daraus Skulpturen baut, die man „Kumpelbier“ nennt. (Illustration oben).

…die FSINF

mit Tamara, Stefan, Crispy und wer da noch alles mitgeorgt hat: Danke, die uulm-Abordnung hatte sehr, sehr, sehr viel Spass 😀

Unsere Reise ans Ende des Jahres

Man nehme rund 300 Leute, jeder davon mit einem blauen Armband versehen, die fuenf Checkpoints in einer Grossstadt anlaufen muessen, ohne von den Faengern mit dem roten Armband gefangen zu werden. Wer gefangen wurde, soll selber so viele Laeufer wie moeglich erwischen und sie daran hindern, alle Checkpunkte vor 2200 Uhr zu erreichen, bevor es zur Neujahrsparty geht. Fertig ist die Journey to the End of the Year

Im Mai hatte ich zum ersten Mal von den Journeys to the End of the Night in San Francisco gehoert und wollte so etwas unbedingt in Ulm haben. Zur Silvester-KIF gab es nun die erste Gelegenheit, selber einmal an einer Journey teilzunehmen, um ein Gefuehl fuer das Spiel zu bekommen. Was muss so eine Reise haben, um Spass zu machen? Wie genau funktioniert das? Und vor allem: Funktioniert es ueberhaupt, einfach so etwas zu planen und dann fuer 1900 Uhr alle Interessierten zu einem bestimmten Ort einzuladen?

Ja, und wie das klappt. Wir (auf dem oberen Bild in der Mitte oben vor dem komischen grauen Ding zu sehen) waren wohl acht von weit ueber 100 Laeufern, die angetreten waren, um durch die Stadt zu rennen. Und wenn es am Anfang auch nur wenige vorab bestimmte Chaser waren, die uns alle fangen sollten, war jede Strasse erst einmal eine Gefahrenquelle: Solange drei auf die Karte schauten, suchten die anderen die Umgebung nach verraeterischen roten Armbaendern ab.


Um es gleich vorwegzunehmen: Sich in der Stadt auszukennen und vor allem zu wissen, wie der Nahverkehr funktioniert, hilft ungemein. Insgesamt haben wir wohl deutlich ueber 20 Kilometer zurueckgelegt, wovon aber gut die Haelfte tatsaechlich zu Fuss stattfanden. Demnach fielen wir auch von Checkpoint von Checkpoint immer weiter zurueck.

Ah ja, die Checkpoints. Von einem „Geheimtreffen von Superhelden“ bis zur „Treppe der Narren“ reichten die Tipps, anhand derer man den genauen Ort innerhalb der sicheren Zonen um die Checkpoints finden sollte. Da musste man schon mal eben sein Werkzeug zur Rettung der Welt aus Knete modellieren (Flair, Checkpunkt 1), die neuesten Modetrends herausbekommen (Albertina, Checkpunkt 4) oder einfach nur einen Punsch trinken (Uni Wien, Checkpunkt 2). Waehrend die Kinder sich dann hauptsaechlich dazu verleiten liessen, fuer die Kamera zu rennen (siehe oben), packte Juliane, Dodo, Herrn Kittler und mich irgendwann der Ehrgeiz, und wir wollten tatsaechlich auch im Ziel ankommen.

Stellensweise hatte es auch etwas unwirkliches: Man laeuft in der Gruppe durch ein Wien, das vor Menschen wimmelt — von denen aber jeder ein Gegner sein kann, bis man sich sicher ist, dass er auch kein rotes Band am Arm hat. Das Gefuehl aus Kindertagen, als geheimer Geheimagent inmitten unwissender Zivilisten unterwegs zu sein? Check. Sich in Gassen druecken, um die Ecke spitzeln und jeden Schatten kritisch ansehen? Check. Leichte Paranoia? Check 😀

Unser groesster Gegner war aber nach wie vor die Zeit: Wir waren immer weiter im Verzug, und je mehr andere schon erwischt worden waren, desto mehr Chaser wuerden uns am vorletzten Ziel ins Gehege kommen. Und tatsaechlich warteten sie auch gleich am (noch nicht in der sicheren Zone liegenden) U-Bahnhof, wo wir gleich mal Dodo verloren. Ein Spurt ueber den Bahnsteig zur anderen Seite, zwei weitere Chaser, Herr Kittler und ich geben Fersengeld in die vermeintliche Safezone — werden aber immer weiter verfolgt. Wir schlagen Haken, werden beinahe von einem Taxi ueberfahren, ich kann vor lauter Erkaeltungshusten kaum mehr laufen und druecke mich in einen Hauseingang. Zwei zitternde Minuten spaeter im viel zu hellen Eingang und ein Check mit dem GPS zeigen: Die Verfolger haben die Jagd aufgegeben, und wir sind pruegelbreit direkt von der Safezone weggelaufen.


Journey to the End of the Year auf einer größeren Karte anzeigen

Eine Strasse weiter treffe ich den Kittler wieder und erfahre, dass es auch Juliane erwischt hat und ueberall vor Chasern wimmelt. Ueber Umwege schleichen wir uns in die sichere Zone und sind gegen 2300 Uhr die letzten, die noch eine Unterschrift des vorletzten Checkpoints auf dem Journeyplan erhalten, bevor der Checkpoint schliesst. Unser Beschluss, den relativ kurzen Weg zwischen den beiden letzten Safezones weit zu umgehen, machte uns letztlich zu den einzigen aus unserer Gruppe, die alle Checkpunkte abgeklappert hatte, ohne gefangen zu werden — aber eben erst um 2330 im Ziel waren. Nach der Siegerehrung.

Aber gut. Wir wissen jetzt wie’s geht — vielleicht gibts dann bald auch mal eine Journey in Ulm. Kontakt zu den Wiener Orgas habe ich jedenfalls schon mal aufgenommen.

PS: Das Wiener Neujahrsfeuerwerk vom Dach des TU-Freihauses zu sehen, ist kapital. Das hat dann doch noch gerade so geklappt.

(Fotos [1,2] mit freundlicher Genehmigung von Christian Leitner // komplettes Set auf flickr)

Nijmeegse Vierdaagse: Ein Epilog

Jetzt sind sie alle fertig, die Tagesrueckblicke des Vierdaagse, wenn auch mit Verspaetung. Eigentlich wollte ich immer nur mit einem Tag Verspaetung posten, dazu war ja extra das Netbook dabei, damit vor allem die neugierigen Kameraden zuhause in der Feuerwehr immer up to date sind (Hallo Sylvia :D)

Spaetestens am zweiten Tag fiel das aber flach, weil wir einfach jeden Tag vollkommen am Ende in die Unterkunft kamen und nur noch schlafen wollten. Okay, manches Mal war das eher ein „Ich will sterben, dann hoeren wenigstens die Schmerzen auf!“ 😉 Naechstes Mal wissen wir das besser, und vielleicht sind wir naechstes Mal auch fitter. Ja, „naechstes Mal“. Chris und ich moechten noch einen draufsetzen, ein kroontje voor het kruisje verdienen, und wir haben zwei Interessenten aus unserer Wehr, die naechstes Jahr auch das erste Mal mitmarschieren moechten.

Dann sind wir vielleicht am ersten Abend auch fitter fuer de Waal in vlammen, das grosse Feuerwerk auf der Waal, das sich direkt vor unserer Haustuer abspielte und das anzusehen wenigstens ich auf den Vorplatz zur Waalkade gehumpelt bin. Das hatte ich im urspruenglichen Blogpost auch glatt zu erwaehnen vergessen, wie so vieles andere, das einfach angesichts der vielen Eindruecke der vier Tage irgendwie wieder in Vergessenheit geraten ist. Dafuer unten eingebettet ein kleiner Einblick in das Finale, und hier gibt es auch das komplette Feuerwerk (25 Minuten in HD! Teil2, Teil 3) vom anderen Flussufer aus gefilmt, leider mit ganz leiser Musik. Die war in Wirklichkeit verdammt stark, das eingebettete Video laesst das ein wenig besser erahnen. Das Finale im oben verlinkten dritten Teil lohnt sich auf jeden Fall anzusehen, ich fands stark 🙂

Auf flickr gibt es auch einen Pool „The Nijmeegse Vierdaagse“, in dem auch was von mir gelandet ist, und in dem ich ganz feine Drachenbilder des ersten Tages von jamsklee kite gefunden habe, der aber leider kein Einbetten hier erlaubt. Martinwalkt hat im flickr-Pool natuerlich wie jedes Jahr wieder eine Riesenladung Bilder abgeladen, bevorzugt von huebschen Maedels, die beim 4daagse aber auch wirklich ueberall anzutreffen sind 😀 Martin sind Christian und ich tatsaechlich am Montag begegnet, nur war er zu schnell vorbei, bis ich realisiert hatte, dass der das war.

Weitere Fotos von den Vierdaagsefeesten 2009 gibt es bei Nijmegen Online

Dag van Cuijk: Mit Ach und Krach zur Via Gladiola

Freitag, 24. Juli 2009. Ich liege morgens im Bett und ueberlege mir ernsthaft, ob ich ueberhaupt aufstehen soll. Die ganze Nacht lang hat mein linkes Knie und das rechte Schienbein geschmerzt, und beim Toilettengang fuehlte sich das Knie an, als staechen tausend Messer von der Seite hinein. Andererseits bin ich nun schon 150 Kilometer gelaufen, und wenn ich den heutigen Tag — egal wie — ueberstehe, winkt das Viertageskreuz. Also noch einmal aufraffen.

Am Start treffen wir einen Laeufer aus Sachsen-Anhalt, der heuer das dreizehnte Mal mitlaeuft. Der meint, ich solle einfach draufloslaufen, die Schmerzen ruecken dann irgendwann in den Hintergrund. Genau das passiert auch. Auf den ersten 500 Metern lenken uns wieder die Nachtschwaermer mit Applaus ab, danach trenne ich mich wieder von Christian, da sein (ebenfalls laediertes) Knie noch belastbarer scheint. Wieder geht es durch das Gewerbegebiet in Richtung Sueden, nur sind dieses Mal tatsaechlich auch vereinzelt Zuschauer an der Strecke, die mit Beschallung und Discolichtern anfeuern.

Die ersten zwei Stunden kann ich mich prima ueber eine Gruppe blutjunger britischer KadettInnen ablenken, die schweinische Strophen zum besten geben:

Gesang von allen: „I used to work in Chicago in a large department store / I used to work in Chicago but I don’t work there any more“

SoldatIn: „One day, a lady came in for some nails!“

Alle: „Nails from the store?!“

SoldatIn: „Nails she wanted, a screw she got!“

Alle: „Yaaaaaay!“

SoldatIn: „…I don’t work there any more“

So geht das dann reihum, bis keinem mehr irgendwas versautes einfaellt, danach kommt dann „Lady in Black“, und so kaempft man sich durch. In der Morgendaemmerung ueberholt uns ein Politie-Fahrzeug mit Blaulicht, und aus der anderen Richtung faehrt eine Ambulanz mit Sondersignal vor: Ein Soldat einer anderen britischen Gruppe war zusammengebrochen und muss vom Rettungsdienst versorgt werden.

Direkt nach der Bruecke pausiere ich das zweite Mal und muss wieder mit meinem Knie kaempfen. Sobald ich einige hundert Meter laufe, spuere ich kaum mehr Schmerzen, nach jeder Pause fuehlt sich das Anlaufen aber an wie tausend Messer im Knie. Ein ehemaliger Versorger der US-Armee, mit dem ich mich bei der Pause unterhalten habe, bekommt Mitleid und gibt mir eine 400er-Ibuprofen mit, die ich mir fuer das letzte Stueck am Nachmittag aufbewahren will.

Die kommende Strecke ist unspektakulaer. Ich pausiere wenigstens einmal stuendlich und lege die Beine hoch, zwischen Overasselt und Nederasselt regnet es einmal kurz, ansonsten bleibt es — trotz angezeigter Unwetterwarnungen — trocken und sonnig. In Grave bin ich erleichtert, als ich mir ausrechnen kann, dass ich trotz vieler Pausen insgesamt im Schnitt 4 km/h zurueckgelegt habe. Wenn das so weitergeht, bin ich noch vor 1700 Uhr im Ziel, also eine gute Stunde vor Schluss der Zielregistrierung.

Zwischen Grave und Beers teilen wir uns die Strecke mit den Militaers, und die sind eine willkommene Ablenkung von den Knieschmerzen. Ich ueberlege mir schon, einfach nichts mehr zu trinken, weil das Anlaufen nach jeder Pinkelpause die pure Hoelle ist. „Push! Push! Push a little harder!“ presse ich mantraartig zwischen den zusammengebissenen Zaehnen hervor, einmal eine ganze Stunde lang am Stueck, um mich weiterzutreiben. Dann ist endlich Beers in Sicht, und alle englischsprachigen Militaergruppen posieren fuer Gruppenbilder vor dem mittlerweile mit unzaehligen Truppenaufklebern verzierten Ortsschild.

Zum zweiten Mal fuer heute muessen wir 50er nach Beers noch einmal fuenf Kilometer auf uns alleine gestellt marschieren, bis wir im Hauptort der heutigen Etappe, Cuijk, ankommen. Wie schon die vergangenen Tage donnern immer wieder Jagdflieger in tiefer Gangart ueber unsere Koepfe, heute ueberfliegt uns ausserdem ein AWACS-Flugzeug im tiefen Langsamflug. Ganz schoen beeindruckend. (Video von irgendeiner Bundeswehrkompanie)

Ich schleppe mich in Richtung Cujk, mittlerweile muss ich alle 30 Minuten Pause machen. In Cujk ist die Hoelle los: Die Marschroute geht durch ueber die Strasse gebaute Bierzelte(!), vorbei an jubelnden Menschenmassen. Dieser Tag gehoert uns allen, die noch dabei sind: Der Marschierer aus Sachsen-Anhalt hatte uns erzaehlt, dass man heute quasi alles machen kann und dafuer beklatscht wird: Polonaise durch Cujk, Leuten das Bier wegnehmen, egal. Es geht in Richtung Maas und riesiger Zuschauertribuenen und Livemusik, bevor es ueber eine militaerische Rollstrasse zur Pontonbruecke der Landmacht ueber den Fluss geht. Manche Laeufer sind morgens angeblich so schnell, dass sie an der Maas ankommen, bevor die Bruecke fertig aufgebaut ist. Ich gehoere definitiv nicht dazu, von den 50ern liege ich mittlerweile im hinteren Drittel.

zuschauer

Direkt nach der Maasueberquerung beschliesse ich, den Hulppost im Rastplatz an der Pontonbruecke aufzusuchen. Eine junge niederlaendische Militaeraerztin sieht sich mein Knie und Schienbein an und klaert mich auf, dass der 4daagse einfach „nicht gesund“ sei. Bei mir seien aber vermutlich einfach die Sehnen ueberlastet, sie gibt mir Eisbeutel und nochmal eine 400er-Ibuprofen und den Tipp, dass es jetzt nur noch 16 Kilometer schoene Strecke seien — ins Ziel sollte ich es also schaffen.

Ich mache noch einmal 15 Minuten Pause und kuehle die schmerzenden (und nun auch richtig heissen) Stellen. Trinkwasser auffuellen, Schmerztablette schlucken und auf den Weg. Nach wenigen Minuten sind die Schmerzen kaum mehr zu spueren, die Sonne scheint auf die wirklich herrliche Strecke, und ich fliege mit mindestens 5 km/h dahin und ueberhole sogar reihenweise andere Laeufer. Langsam werden die Zuschauerreihen dichter, in Mook und Molenhoek feuert man uns frenetisch an. Einmal muss der Lauf fuer Querverkehr unterbrochen werden, der niederlaendische Polizist steht zur nebenan abgespielten Sambamusik tanzend auf seiner Plattform und winkt abwechselnd Querverkehr und Laeufer passend zum Takt entlang, ich muss herzhaft lachen.

gladiola

Kurz vor Beginn der Via Gladiola kommen die Schmerzen langsam wieder durch und ich werfe die zweite Ibu ein, die ich morgens von dem Ami bekommen hatte. Jetzt laeuft es sich ohnehin wie im Rausch. Christian und ich waren schon bei der Anreise durch die St. Annastraat gefahren und hatten am Montag schon jede Menge aufgestellter Sofas und per Flatterband abgesteckte Claims gesehen. Nun stehen die Zuschauer hier sechs Reihen tief, halbe Bierzelte sind auf der Mittelinsel aufgebaut, die Menge tobt. Huebsche Maedels verteilen Gladiolen an die Laeufer, und Christian entdeckt den Aufreisser schlechthin: Er will die Blumen nicht mitschleppen und verteilt sie wieder an gutaussehende Niederlaenderinnen am Strassenrand, die ihm dafuer um den Hals fallen. Hundert Meter weiter faellt wieder jemandem auf, dass er ja keine Gladiolen hat, und so beginnt das ganze von neuem.

kapellen

Die Militaergruppen schwenken nun aus, formieren sich neu und marschieren mit Musikkapellenbegleitung in Richtung Zieltribuene. Sambagruppen reihen sich ein und treiben mich mit fetzigen Rhythmen noch einmal an, als es zum Windsprung kommt. Die Gewitterwolken zieht es nun tatsaechlich in Richtung Boden, und auf einmal schuettet es wie aus Kuebeln. Mir ist das egal, nur noch eine halbe Stunde zu laufen, dann bin ich im Ziel. Auch die Zuschauer spannen einfach Schirme auf und trotzen dem Wetter. Zehn Minuten vor dem Ziel reissen die Wolken wieder auf, Sonnenschein. Die Fuesse sind nass, bei jedem Schritt schmatzen die Schuhe. Egal. Vorbei an den grossen Tribuenen, vorbei an den letzten Zuschauern, noch eine Kurve, dann kommt der Wedren, 1610 Uhr. Eigentlich koennte ich sofort rechts abbiegen und zu meiner Zielregistrierung gehen, aber nichts da: Ich laufe noch die 30 Meter extra, um unter dem grossen „Finish“-Banner durchzulaufen. Dann ab zur Zielregistrierung, anstehen, den anderen in der Schlange gratulieren, Karte abscannen lassen, gratulieren lassen, Kreuz bekommen.

finish

Ich wanke zurueck zur Unterkunft, breit grinsend, das Kreuz am Laufhemd. Christian liegt schon oben, wir gratulieren uns (grinsend) ich gehe duschen (grinsend), falle auf Bett (grinsend). Nur zwei Stunden ausruhen, dann in die Stadt, aufs Zomerfeest, mich feiern lassen.

Aber dann loest der Koerper die Schuldscheine ein, die er die letzten vier Tage ausgestellt hat. Gegen 2100 Uhr wache ich auf und will mich aus dem Bett schwingen — nichts geht mehr. Wir liegen beide in unseren Betten und wissen gar nicht, wie wir uns hinlegen sollen. Alles schmerzt. Wir lachen uns gegenseitig aus, wenn wieder einer mit den Zaehnen klappert, weil die Cool-Salbe so kalt ist, oder weil der andere vor Schmerzen wimmert.

Egal.

Auf der Heimfahrt ertappen wir uns dabei, wie wir Plaene schmieden, was man alles besser machen koennte, „das naechste Mal“.

„Das naechste Mal“?

Ja. So ein Kroenchen auf dem Kreuzchen, das waere ja was.

Dag van Groesbeek: Ich mag nicht mehr

Donnerstag, 23. Juli 2009. Fuer heute ist wieder Regen angekuendigt, wieder hat es ueber 80% Luftfeuchtigkeit, zum Glueck bei angenehmen Temperaturen, wieder geht es morgens erst einmal zwei Stunden lang durch das oede Gewerbegebiet in Richtung Sueden. Meine Idee mit dem langsamen Laufen habe ich aufgegeben, ich marschiere wieder mein eigenes Tempo, moechte aber haeufige Pausen einlegen. Anfangs ist das Christian noch ganz Recht, nach drei Stunden sind ihm die stuendlichen Unterbrechungen aber zu viel und wir trennen uns wieder. Eine Pause in Mook wird mir dann zum Verhaengnis: Ich ueberdehne mein linkes Bein, sofortige stechende Schmerzen im Knie sind die Folge. Vorsichtiges Anlaufen, es geht noch, tut aber weh. Nun gut.

Mitbewohner Marwin hat uns morgens noch einmal ordentlich motiviert. Sobald wir in Groesbeek angekommen seien, haetten wir das Kreuz quasi schon in der Tasche — der Rest gehe dann im Flug, und der vierte Tag sei sowieso ganz etwas anderes. Das spornt an, und so haenge ich mich bei der obligatorischen 10-km-Extrarunde an zwei Polizisten aus NRW, die einen ordentlichen Schritt vorgeben. Ottersum markiert die Halbzeit der Extrarunde, und kurz vorher kommt er nun endlich tatsaechlich, der schon die letzten beiden Tage vorhergesagte Wolkenbruch. Es schuettet aus Kuebeln, und trotz Poncho ist binnen weniger Minuten meine Hose ab dem Knie patschnass. Schlimmer noch ist, dass ich meine Laufschuhe nie auf ihre Eignung fuer Maersche im Regen getestet habe. Das luftige Obermaterial ist naemlich ganz toll atmungsaktiv, dafuer sickert mir aber nun das Wasser in die Socken. Egal. Nur bis Groesbeek kommen, von da ab geht ja alles von selber. So bescheisst man sich selbst, und es funktioniert tatsaechlich.

regen

Der Weg bis Groesbeek ist die Hoelle. Die Socken sind langsam aber sicher vollkommen durchnaesst, jeder Schritt tut nun an den Ballen und Zehen weh. Endlich in Groesbeek angekommen goenne ich mir doch noch einmal eine Pause, und nachdem ich nun schon ueber zwei Stunden durch den Regen marschiert bin, beschliesse ich, die Socken zu wechseln, bevor es auf den Zevenheuvelenweg geht. Heute ist naemlich Tag der Bergwertung — auf der folgenden Strecke warten vier ganz schoene Anstiege auf uns, bevor wir in die passend benamste Ortschaft Berg en Dal kommen.

Die neuen Socken sind natuerlich auch in kuerzester Zeit durch und durch nass, und langsam fuehle ich Scheuerstellen an den Zehen, die im bloedesten Fall heute abend dicke Blasen bedeuten. Mir tut alles weh: Das Knie, die Fuesse, es ist kalt, es regnet immer noch Bindfaeden, mir rollen vor Zorn und Schmerzen die Traenen herunter. Dann, kurz vor dem ersten Anstieg, geschieht das Wunder: Es hoert zu regnen auf, und nach wenigen Minuten reisst der Himmel auf und die Sonne scheint. Rechts und links des Anstiegs stehen hunderte Menschen, mit Wohnwaegen, Musikbeschallung und Gurkenscheibchen, die uns anfeuern. Von hinten kommt eine Gruppe englischer Soldaten, „we eat hills! we eat hills! we eat hills!“, danach nochmal Air Cadets: „Push! Push! Push a little harder, Push! Push! Push a little harder…“. Ich lasse mich von diesem Mantra anstecken und von der klatschenden Menge ueber den Huegel tragen, und ueber den naechsten sowieso. Psychospielchen: Nur noch zwei Stunden laufen, dann sind 150 Kilometer geschafft, und der vierte Tag, den bekommen wir auch noch hin. Irgendwie.

Besonders die Abstiege von den Huegeln sind die Hoelle. Beim Bremsen schmerzt das linke Knie wie Feuer, und die gewechselten Socken haben einen verdammt engen Bund, der rechts staendig am Schienbein reibt. Ich stake mehr als ich laufe, durch Berg en Dal, am kanadischen Soldatenfriedhof vorbei, noch einen Huegel, dann kommt fast schon Nijmegen. Dort saeumen wieder Menschenmassen die Strassen, die ich aber nicht mehr wahrnehme, ich will nur noch ins Ziel, dann nach Hause, duschen und ins Bett. Wie ein Roboter tapse ich die letzten 45 Minuten der Route zu Ende, um 15.20 Uhr bin ich im Ziel. Auf dem Heimweg hole ich mir noch ein Menue und einen Becher Extra-Eis zum Kuehlen des Knies bei McDonalds, ich fuerchte naemlich langsam, zu wenig zu essen: Heute waren es nur zwei Sandwiches und zwei Muesliriegel. Fuer den Heimweg habe ich am ersten Tag unter 10 Minuten benoetigt, heute sind es inklusive McD-Bestellung fast 40. Dann endlich Dusche, Salbe, Bett. Ich will nicht mehr.

Dag van Wijchen: Koerperliche Grenzen

Mittwoch, 22. Juli 2009: Der zweite Tag der Nijmeegse Vierdaagse ist traditionell der Tag mit der hoechsten Ausfallquote, und auch 2009 sind am Mittwoch 1.784 Laeufer nicht ins Ziel gekommen. Das liegt einerseits an der sehr undankbaren Strecke und andererseits an den Laeufern, die nach dem ersten Tag die Nase voll haben und morgens gar nicht erst wieder antreten.

Wir sind natuerlich m0rgens wieder dabei und haben uns auch vorgenommen, aus den Fehlern vom Vortag zu lernen. Wir wollen ein wenig das Tempo reduzieren, um unsere Kraefte zu schonen. Das ist gar nicht so leicht getan wie gesagt. Sobald die Militaergruppen dazustossen, muss ich mich sehr beherrschen, um nicht automatisch in deren Gleichschritt einzufallen, wenn sie mit Gesang an mir vorbeiziehen. Und noch etwas ist tueckisch: Immer wieder ueberholen mich morgens auf der eintoenigen Strecke durch das Gewerbegebiet Nijmegens kleine, zierliche Frauen. Der innere Macho verlangt natuerlich sofort, das nicht auf sich sitzen zu lassen. In Wahrheit handelt es sich bei diesen Maedels aber gar nicht um Menschen. Frauen muessen naemlich nur 40 Kilometer am Tag laufen, um das Viertageskreuz zu erhalten. Diese harmlos wirkenden Gestalten mit den Knackpos koennen demzufolge nur Laufmaschinen sein. Ach was, Kampfroboter, die mir die Energie stehlen moechten. Also Kopf runter und innerlich eines der vielen englischen Marschlieder singen, die ich gestern gehoert habe („The enemy’s lying in his blood… in the morning…“). Christian moechte doch ein etwas schnelleres Tempo vorlegen, und so trennen wir uns schon an der ersten

Die Strecke geht mit furchtbar schlechter Zuschauerbeteiligung durch die Vororte Nijmegens nach Westen an die Maas und (alleine fuer die 50er) durch ein ausgestorben wirkendes Niftrik. Hier scheint der Hund begraben, mir tun die Oberschenkel weh, und ich habe bald schon keine Lust mehr — die heutige 50er-Extrastrecke raubt mir komplett die Motivation. Die kommt zum Glueck zumindest ansatzweise in Wijchen wieder, das im Gegensatz zu Niftrik vor Zuschauern nur so ueberquellt. Eine Niederlaenderin erklaert mir spaeter, dass die Niftriker alle nach Wijchen gehen, weil dort alle Marschrouten zusammen durch den Ort gehen. Das ergibt Sinn.

Meine Tags zuvor mit Blasenpflastern behandelten Fuesse melden sich mittlerweile wieder. Das klingt nun seltsam, aber ich habe Blasen an den Blasen. Waehrend des Laufens ist das nicht mal schlimm, aber nach jedem Neubeginn schmerzt das wie die Hoelle. Mittlerweile habe ich mehrere andere Laeufer in Adiletten und Holzschuhen(!) gesehen und frage mich ernsthaft, wie die das durchhalten.

nijmegen

Nijmegen will und will nicht naeherkommen. Wegen meiner Oberschenkelschmerzen mache ich nur noch ganz kurze Schritte und werde regelmaessig von anderen Laeufern angesprochen, ob es mir gut gehe. Ich nicke verbissen und laufe weiter. Um 1510 ist dann endlich auch diese Etappe vorbei, und angesichts meiner Hoellenblasen lasse ich diese erst einmal beim Roten Kreuz behandeln.

Waehrend der drei Stunden Wartezeit auf die Blasenbehandlung unterhalte ich mich mit einem Schotten, der den 4daagse schon einige Male mitgelaufen ist. Der beruhigt mich, als ich laut meine Befuerchtung aeussere, zu schlecht trainiert zu haben: „Nothing can prepare you for something like this.“ Er erklaert mir auch, dass meine Schmerzen von uebersaeuerten Sehnen herruehren und zeigt mir Dehnuebungen, die ich zukuenftig bei Pausen und am Abend nach der Dusche machen soll. Der naechste Tag werde auch deutlich abwechslungsreicher werden, beruhigt er mich, und am vierten Tag laufe ohnehin alles wie von selber. Hoffen wir das mal.

blasenpflaster

Das Blasenbehandlungszelt ist krass. Rund 75 Behandlungsliegen stehen bereit, auf denen die Laeufer ihre Blasen desinfiziert, punktiert, entleert und mit Leukoplast abgeklebt bekommen. Beim Anblick meiner Karwendsmaenner pfeift der Rot-Kreuz-Mann erst einmal anerkennend. Meine Blasenpflaster seien schon okay, die seien aber einem Event wie diesem hier nicht gewachsen. Ich nicke und grinse innerlich, weil der Pflasterhersteller den 4daagse sponsort und auch auf der Brust der Rodes-Kruis-Shirts aufgedruckt ist. Nach einer Stunde stechen, ausdruecken und kleben geht es mir gleich schon viel besser. Zurueck zur Unterkunft, dort Christian beruhigen, der sich angesichts meiner fuenf Stunden Verspaetung schon Sorgen gemacht hat, und angesichts der guten Tipps und der zu erwartenden schoenen Donnerstagsroute nach einer heissen Dusche zufrieden ins Bett.

Zum Glueck weiss ich noch nicht, was Donnerstag wirklich auf mich wartet.

Dag van Elst: Die ersten 50 Kilometer sind die einfachsten

Dienstag, 21. Juli 2009. Um 0230 Uhr ist fuer uns die Nacht vorbei — keiner kann mehr schlafen. Also aufstehen, fertig machen und auf zum Fruehstueck. Unten sitzen schon zwei der Niederlaender, die ebenfalls die 50 laufen. Marwin schaetzt, so gegen 1230 im Ziel zu sein. 8,5 Stunden fuer 50 Kilometer. Heftig. Dementsprechend haengt er uns auch schon beim Marsch zum Wedren, den Startplatz, beinahe ab, vorbei an (immer noch) laermenden Bars und gespenstisch stillstehenden, eigens fuer den 4daagse aufgebauten Freiluftdiscos. Unterwegs sehen wir jede Menge junge Leute, die aus den diversen Bars und Discos wanken, und fragen uns, warum wir uns das eigentlich antun. Egal. Auf zum Wedren.

startplatz

15 Minuten zu warten. Irgendwo weit vorne vor den drei (vier?) Starttoren spielt eine Sambakapelle, es wird viel geklatscht und gesungen: Volksfeststimmung. Dann ist es endlich 0400 Uhr, der Startschuss, lauter Jubel, und langsames Vordraengen bis zum Start, wo der Barcode der Laeuferkarte abgelesen wird. Jetzt ist auch klar, wohin die jungen Leute aus den Bars gegangen sind: Den ersten Kilometer saeumen beidseitig zwei Reihen von Jungs und Maedels, die uns begeistert anfeuern, veel succes wuenschen und an die ganz harten Laeufer Bier verteilen. So wird das auch die kommenden Tage sein: Wenn wir etwas spaeter zum Wedren laufen, treffen wir schon die ersten After-Party-Start-Zuschauer, und wenn wir bejahen, dass wir lopen gehen, gibt’s Glueckwuensche oder Beifall. Krass.

In totaler Dunkelheit geht es durch den Nordteil Nijmegens ueber die Waalbruecke in Richtung Arnhem. Natuerlich nicht auf direktem Weg, sondern ueber die nordoestlich gelegenen kleinen Doerfer. Und dort ist schon jetzt alles auf der Strasse: Die Anwohner der Route haben Gartenstuehle und Tische in den Garten oder vor den Zaun gestellt und verteilen Kaffee und Tee. Alle paar Haeuser steht eine Musikanlage oder sogar ein eigener DJ unter einem Pavillon und sorgt fuer Stimmung. Kleine Kinder stehen mit Tellern und Schuesseln am Strassenrand und bieten uns Gurkenscheibchen und Suessigkeiten an oder wollen moeglichst allen unter succes!-Rufen High-Fives geben. So etwas baut natuerlich auf, und so marschieren wir zuegig weiter nach Norden.

zwischendurch

Bald zweigt die 40-Kilometer-Route von der 50er-Route ab, und es marschieren tatsaechlich einige 40er-Laeufer mit ihren weissen Lanyards um den Hals links weg, obwohl die erst eine Stunde nach den 50ern gestartet sind. Nun gilt es zwei Stunden lang die zusaetzlichen zehn Kilometer zu marschieren, durch die eher spaerlich mit Zuschauern bestueckten Vororte von Arnhem. Dann ist aber auch das ueberstanden, und wir treffen in Elst — dem Hauptort der ersten Etappe — auf um so groessere Menschenmassen. Musikkapellen spielen, ganze Grundschul- und Kindergartenklassen stehen am Strassenrand und wollen bei uns einschlagen, und im Ortskern stehen Zuschauer aller Altersgruppen dicht gedraengt. Irgendetwas scheint ausserdem in den hollaendischen Tomaten zu sein, das die Maedels dort besonders huebsch macht, so kommt es uns jedenfalls vor. Von denen dann auch noch bejubelt zu werden gibt natuerlich den Extraschub, und so machen wir uns auf, die letzten Kilometer gemeinsam mit den 40ern und 30ern sowie den Militaergruppen zu bewaeltigen.

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Ein paar Kilometer vor Nijmegen geht mir langsam die Puste aus, ich muss noch einmal die Wasserflasche an einem der Gartenschlaeuche fuellen, die viele Hausbesitzer hierfuer ueber ihren Zaun gehaengt haben. Christian hat ein schnelleres Tempo drauf und moechte besser nicht aus seinem Trott kommen, also trennen wir uns kurz nach Oosterhout. Inzwischen ist es heiss, sehr heiss, und der Rest des Weges geht ziemlich eintoenig und ohne viele Zuschauer ueber den Damm an der Waal entlang. Die Bruecke ist schon in Sicht, nur will sie einfach nicht naeher kommen. Ich haenge mich hinter zwei norwegische Soldaten, die relativ langsam marschieren, nehme den Kopf runter und schalte das Hirn aus.

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Ab der Bruecke wird es dann wieder besser: Zuschauer, Musik, Applaus, also noch einmal die Zaehne zusammenbeissen und die letzten Meter zum Wedren marschieren. Um kurz nach 1400 Uhr bin ich im Ziel – 50 Kilometer in zehn Stunden. Abends geht es noch einmal durch die Stadt, ein wenig umsehen und neue Blasenpflaster kaufen. Die sind auch noetig: Meine Laufschuhe sind prima fuer Distanzen bis 35 Kilometer, darueber hinaus gibt’s Blasen aussen an der Ferse. Die werden nun einmal abgeklebt und dann geht’s ab ins Bett – um 2100 Uhr, begleitet von Jammern ueber die schmerzenden Beine und der rhetorischen Frage, ob wir am zweiten Tag tatsaechlich noch einmal antreten sollen. Schau mer mal.

Aufgeregt wie kleine Schulbuben: d-1 und d0

Unglaublich, wie oft man doch unterwegs heutzutage an Internet kommt. Aber der Reihe nach.

Christian hatte mich puenktlich 45 Minuten vor der abgemachten Zeit am Treffpunkt in Koblenz erwartet, was nur geruechtehalber auf seine Fahrweise zurueckzufuehren ist. Von dort aus waren es auch nur wenige Kilometer bis zu unserer Zwischenstation in Wittlich, wo wir bei einem Bekannten Chris‘ Vaters unterkamen, der dick im Erdbeerstandbusiness unterwegs ist. Man kann uebrigens zu dritt locker eineinhalb Erdbeerkuchen vertilgen, das wissen wir spaetestens seit gestern. Mir wuerden Erdbeeren vermutlich zu den Ohren herauskommen, wenn ich die Dinger jeden Tag ab 0400 Uhr sehen muesste, aber bei Familie Linden lebt man die Erdbeere. Oder so aehnlich.
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Lindensche Erdbeerverkaufsstaende findet man auch in Bernkastel-Kues, dem idyllischen Tourismusparadies an der Mosel. Die Wortwahl ist bewusst getroffen, denn ein Touristenparadies sieht fuer mich anders aus — mir als Klischeetourismushasser kam das eher vor wie die Vorhoelle fuer alle Individualreisende. Fehlte nur noch ein Scheiterhaufen aus Lonely Planets. Ansehnlich ist es dort schon, man muesste nur etwas gegen die vielen Reisegruppen tun, am besten mit einem Flammenwerfer. Aber egal.

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Nach einem hervorragenden Braten verzogen wir uns dann in die eigens fuer die polnischen Plantagenpflueckhilfen bereitgestellte Wohnung — und konnten nicht einschlafen. Unsere Unterkunft ist mitten im Stadtzentrum, zwischen Waal und dem Startpunkt am Wedren gelegen, und uns plagte die Vorstellung, dort nicht einmal zum Ausladen halten zu koennen, oder ewig weit zum Parken aus der Stadt fahren zu koennen und dann vielleicht keinen Bus zurueck zu erwischen und dann nicht bis um 1700 Uhr zur Einschreibung am Wedren zu sein und ueberhaupt PANIK!!!!111 (Raimar kennt das von mir). Also um 0700 Uhr losfahren, damit wir auch trotz eventueller Staus rechtzeitig dort sein wuerden.

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Und nun sitzen wir hier in dem Haeuschen am Klokkenberg, das wir zusammen mit vier anderen Wandereren komplett fuer uns haben — Gastgeberin Joyce schlaeft die naechsten Tage naemlich bei ihrem Freund, ein paar Haeuser weiter. Krass. Die Einschreibung hat wunderbar geklappt und wir haben auch schon zumindest einen Teil der Volksfestatmosphaere hier mitbekommen.

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Achja, und einen heftigen Platzregen. Also so richtig heftig. Ich hoffe instaendig, dass das Wetter uns die naechsten Tage gnaedig gestimmt ist, und wir weder mit Hitze noch mit Unwettern zu kaempfen haben. Christian auch 😀

Morgen geht es um 0320 Uhr los. Daumen druecken.