Mit dem Daumen an die Ostsee

Eigentlich wollte ich schon vergangenen Samstag zu meiner ehemaligen Mitbewohnerin nach Hamburg trampen, um mich tags darauf mit Juka bei Undine in ihrer alten Heimat Rostock zu treffen. Aus Gruenden™ wurde daraus nichts, so dass Juka und ich uns stattdessen Sonntag morgens um 1000 Uhr daran machten, zum ersten Mal zu zweit durch Deutschland zu stoppen.

Los ging’s an der bewaehrten Bus- und Tramphaltestelle Eichberg, wo wir einen neuen persoenlichen Rekord setzten: Ich hatte das Schild „HDH“ noch zusammengefaltet in der Hand und ging ein Stueckchen bergauf, als schon das zweite vorbeifahrende Fahrzeug in die Eisen stieg und uns prompt auf die Lonetal mitnahm. Dort einen Lift zu bekommen, bevor der naechte Bus kommt, ist zwar normal, aber so schnell ging’s dann doch noch nie.

Auf der Lonetal ging es ebenso weiter. Wir hatten uns entschlossen, dieses Mal nicht die FahrerInnen an der Tankstelle anzusprechen, sondern klassisch mit Schild „HH“ am Ende der Raststaette zu stehen, nachdem das beispielsweise beim Herrn Kulla so gut zu funktionieren scheint. Tatsaechlich hielt nach deutlich unter fuenf Minuten ein Rentner mit seinem Kombi auf dem Weg ins Ruhrgebiet, der uns bis Kassel mitnehmen konnte. Getrampt sei er auch, frueher eben, so 1960 herum, mit dem Koefferchen und dem Stockschirm ueber Bruessel bis Paris, wo er und ein Kumpan sich heimlich in ein Zeltlager schlichen, um das Uebernachtungsgeld zu sparen. In den kommenden drei Stunden bekamen wir dann von seiner Arbeit bei Tabak Brinkmann erzaehlt — aus einer Zeit, in der es noch zig Tabakfirmen gab, die jeweils mehrmals im Jahr neue Zigarettenmarken auf den Markt warfen — von denen die meisten wieder eingingen. Zum Tabakhaendlergeschaeft gehoerten damals auch Kongressausklaenge auf der Reeperbahn, bei denen man sich auch mal mit den Kollegen von BAT herrlich beschimpfte. Damals war die Edelwuchs als neue Zigarettenmarke eingefuehrt worden, worauf in der Zeit passende, nach unten zeigende Hinweis-Pfeile ueber den Automatenschaechten hinwiesen. Die BAT-Kollegen seien entsprechend in Aufruhr gewesen, als dann die „Entkleidungskuenstlerin“ ihr Hoeschen ausgezogen und damit einen Pfeil „Neu: Edelwuchs“ zum Vorschein gebracht habe. Im kommenden Jahr haetten die BAT-Kollegen dann mit einer brennenden Zigarette zwischen den Pobacken einer Taenzerin reagiert, was dann den Spruch „Jeder Arsch raucht HB“ provoziert habe.

In Rostock sei unser Fahrer auch schon gewesen: „Das erste Mal ’45, da haben uns die Russen erwischt“. Als „kleiner Butt“ war er zu Kriegsende auf der Flucht aus Ostpreussen gewesen, als sie in Rostock quasi ueberholt und nach Koenigsberg verfrachtet wurden. Dort habe er sich dann als Faehrjunge verdingt, Leute und Material ueber den Pregel gepaddelt und im Winter auch mal den Kahn von Eisscholle zu Scholle huepfend hinter sich von Ufer zu Ufer gezogen. Manche der Geschichten waren augenzwinkernd: Rotarmisten, die im Pregel mit Handgranaten fischten, aber im Gegensatz zu ihm nicht wussten, dass die Fische erst 50 Meter stromabwaerts an die Oberflaeche kommen wuerden — wo er schon wartete und die Beute abkescherte. Bei anderen trauten wir uns nicht so recht, weiter nachzufragen: Wie die, dass sein kleiner Bruder und er haeufiger als Jagdziel fuer Besatzungssoldaten dienten und beispielsweise auf dem stundenlangen Weg zur Gulaschkanone von einem uebenden Kampfflugzeug mit der Bordkanone beschossen wurden und solange von Baumdeckung zu Baumdeckung rennen mussten, bis es dem Piloten langweilig geworden war.

Jedenfalls eine schoene Fahrt, trotz Staus. Keine Ahnung, ob wir speziell ihn ueberhaupt an der Tanke angesprochen haetten.

An der Raststaette Hasselberg kurz vor Kassel fanden wir nach einer Brotzeitpause innerhalb zweier Minuten einen Lift mit einem E-Techniker, der zufaelligerweise auch aus Freizeitvertreib im Tabakbusiness war und auf Festivals Zigaretten aus dem Bauchladen vertickte. Ansonsten unterhielten wir uns noch eine Weile ueber UMTS, LTE und Trinkgebraeuche im Siegerland und Westerwald, bevor das Gespraech langsam einschlief — wir waren langsam muede geworden.

Nach einigen Staus nach dem Maschener Kreuz liessen wir uns um 1800 Uhr an der Raststaette Stilloch absetzen und machten nochmal eine Essenspause und tranken einen Kaffee — was dafuer sorgte, dass wir nicht mehr aus Hamburg herauskamen. Als wir gegen 1900 mit dem „Rostock“-Schild Position an der Ausfahrt bezogen hatten, war die halbe Raststaette leer und auch die Autobahn merklich duenn befahren. Wir versuchten es noch mit einem „Luebeck“-Schild, um ueberhaupt auf der A1 weiterzukommen, aber vergeblich: kurz vor der Raststaette waren mehrere Autos aufeinandergefahren und die Autobahn voll gesperrt worden, so dass nur noch Lokalverkehr direkt vor der Raststaette ueberhaupt auf die Autobahn auffuhr.

Mittlerweile war es deutlich nach 2030 Uhr, ein Ende des Staus nicht in Sicht, und wir auch ein wenig unentschieden, wie wir weiter verfahren sollten. Noch einmal eine halbe Stunde einplanen (2100), um einen Lift zur naechsten Raststaette zu bekommen (2130), dort hoffentlich schnell (2200?) einen Lift bis Rostock finden (2400)? Letztlich riefen wir einfach meine ehemalige Mitbewohnerin an, die uns (eine Stunde Fussmarsch, Bus- und S-Bahn-Fahrt spaeter) auch herzlich empfing, mit Wein abfuellte und uns beherbergte. Danke, Annabelle 🙂

Zweiter Versuch

Am Montag war fuer mich lediglich spektakulaer, dass ich mein Smartphone in einen Zustand brachte, der es nicht mehr booten liess, was sich offenbar nur durch ein Backup loesen laesst, das momentan knapp 900 km entfernt liegt. Ich bin also momentan weder anzurufen, noch kann ich Bilder machen oder E-Mails mobil abrufen und sowas. Abgesehen von den Bildern ist das nach einem Tag Entzug gar nicht mal so bloede.

Von der Stilloch kamen wir mit wechselnden Schildern („Luebeck“, „A1 Nord“, „Weiter“) wieder ewig nicht weiter, also sprachen wir doch Leute an der Tanke an — und bekamen auch gleich einen Lift zur Raststaette Buddikate, wo wir in moderater Zeit (ebenfalls an der Tankstelle wartend) von zwei schwaebischen Lehramtsstudentinnen auf dem Weg nach Greifswald angesprochen wurden, die uns nach ruckzuck vorbeigegangenen 150 Kilometern an der Anschlussstelle Rostock-Sued rauswarfen. Dort hatte uns dann auch das Glueck wieder: Gleich das naechste Fahrzeug nahm uns beinahe direkt ans Ziel in der Kroepeliner-Tor-Vorstadt mit.

Fazit:

  • Reisezeit inklusive 45 Minuten Brotzeitpause und zweier langer Staus bis Hamburg: 8h (Google Maps sagt 6:45h).
  • Schild-stoppen klappt auf der A7 unheimlich gut; aus Hamburg raus nicht so; in MV auf der Landstrasse dann wieder prima.
  • Trotz Ultraleicht-Begeisterung ist mein Rucksack zu schwer.
  • Ehemalige Mitbewohnerin ist fantastisch.
  • Smartphones stinken gewaltig.

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