Petitionen und Gegenpetitionen fuer die Katz

Kurz vor Weihnachten machte mich @susannebutz immer wieder auf etwas namens #idpet aufmerksam: Eine „Petition“ auf openpetition.de, die sich gegen die Thematisierung von Homosexualitaet im Lehrplan 2015 Baden-Wuerttembergs richtet. Weite Verbreitung fand das offenbar nicht, hauptsaechlich waren das Tweets von Nele Tabler, die in Windmuehlenkaempfen gegen die Betreiber der Plattform anging, die sich weder an der Petition an sich noch an den vielen widerlichen Kommentaren stoerten – alles hier nachzulesen.

Nachdem das Thema langsam Einzug auch in die klassischen Medien fand, dauerte es nicht lange, bis jemand™ – gegen den Willen von Nele und ihren MitstreiterInnen – eine „Gegenpetition“ startete, ausgerechnet auf derselben Plattform, die kein Problem damit hatte, dass dort verlangt wurde, „Schwule am Kran aufzuhaengen“, und bei der sich auch jedeR mit jeder beliebigen Mailadresse und jedem beliebigen Namen eintragen und andere einladen kann.

Konstantin Goerlich hat aufgeschrieben, warum das nicht der Bringer ist. Von der absoluten Unverbindlichkeit solcher Sammlungen ueber die Nicht-Unterschrift, die dort geleistet wird, bis hin zum Verpuffen von Einsatz durch sowas:

(In den meisten Fällen) wertvolle Energie für bürgerschaftliches Engagement wird einfach so verbraucht. Erst wird “unterschrieben”, dann werden Freunde und Bekannte per E-Mail und sozialmedial darüber in Kenntnis gesetzt. Und man hat richtig was getan. Ganz mutige “unterzeichnen” öffentlich. (Oder ganz dumme, wie die inzwischen mutmaßlich über 100.000 Leute, die sagen “Seht her, ich stehe mit meinem Namen für Hass, Homophobie und Menschenfeindlichkeit!”) Und dann ändert sich auf Grund der ersten zwei Probleme: genau gar nichts.

Und nicht zuletzt:

Ich möchte, daß alle lieben können, wen sie wollen, ohne dafür auch nur einen Millimeter bewertet zu werden. Und dafür müssen wir mehr mit Menschen sprechen. Auch und besonders mit denen, die auf die Hetzpetition hereingefallen sind. Dafür gibt es, das sollte bis hier hin klargeworden sein, mehrere Gründe: Die Hetze selbst wie auch ihren aktionistischen Verbreitungsweg über eine Petition, die normalerweise nichts aus-, hier aber Schaden anrichtet. Bei  der Gelegenheit ließe sich dann auch mal wieder diskutieren, auf welchem Weg zu welcher Form direkter Demokratie wir sein wollen. Sie ist gut, wenn sie aktiviert und vernetzt. Aber sie ist schlecht, wenn sie irgendwo zwischen Shitstorm und Pogrom Hass säht.

PS: Die Ulmer #idpet-Unterschriften findet man derzeit auf Seite 106. Leider relativ viele mir bekannt klingende Namen :/

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , , | 1 Antwort

Aktuelles zur Klobuerstenlage

An wem das vorbeigegangen ist: In groesseren Teilen Hamburgs wurde von der Polizei (mit Unterstuetzung der Presse, die alles, was die Polizei sagte, ungeprueft weitertrug) sowas wie ein Notstand ausgerufen. Abend fuer Abend fahren dort martialische Robocop-Gruppen auf, kontrollieren alles, was irgendwie „links“ aussieht, was genervte AnwohnerInnen dazu brachte, sich selbst moeglichst konspirativ zu kleiden und von der Polizei in flagranti mit den absurdesten „gefaehrlichen“ Gegenstaenden „erwischt“ zu werden – die politische Auseinandersetzung war derweil einfach muessig (via)

Und weil das Bild eines vollgepanzerten Polizisten, der einem an einen Bus gehaltenen Hoodietraeger eine Klobuerste aus dem Hosenbund zieht, so furchtbar mem-tauglich ist und dabei das Bild der „linken Gewalttaeter“ herrlich konterkariert, gibt es seitdem abendliche Spontandemos, auf denen Klobuersten und Slogans wie „Neumann wegbuersten“ in die Luft gereckt werden – und Kissenschlachten stattfinden.

Unserioes?

Nein, genau richtig, findet Michael Bueker:

Eine Kissenschlacht ist das beste, was in dieser politischen Situation passieren konnte. Spaß ist im Angesicht von Repression ein Aufbegehren, eine Entwaffnung, ein Ausdruck von Selbstsicherheit und Selbstbestimmung. Eine Kissenschlacht ist der Inbegriff eines Kampfes ohne Verletzte, einer Auseinandersetzung ohne bösen Willen und einer entspannten Atmosphäre.

[…]

Es geht um eine Machtdemonstration, die einschüchtern soll und zu ihrer eigenen Legitimation eine Gefahr heraufbeschwört, die kaum vorhanden ist. Es geht um Menschen, die sich nicht mehr trauen, Küchenmesser oder Sportgeräte in ihrem eigenen Stadtteil zu transportieren, weil sie zufällig dunkle Kleidung haben. Es geht um Personalienkontrollen einer verdächtigen Menschenansammlung – die an einer Bushaltestelle wartet (kein Scherz

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , , | Kommentieren

Linkschleuder

(via)

Why The World Needs OpenStreetMap

Every time I tell someone about OpenStreetMap, they inevitably ask “Why not use Google Maps?”. From a practical standpoint, it’s a reasonable question, but ultimately this is not just a matter of practicality, but of what kind of society we want to live in. I discussed this topic in a 2008 talk on OpenStreetMap I gave at the first MappingDC meeting. Here are many of same concepts, but expanded.

How a developer learned not to be racist and sexist

I’m a developer. A few years ago, I moved to a new city and met some new friends who talked about racism and sexism more than I had ever thought about before. At first I was uncomfortable and didn’t like a lot what they were saying – and I definitely didn’t like when they told me something I said was racist or sexist. Then I remembered that I’m a developer, and I’m good at figuring out unfamiliar systems. So here’s what I did.

(via)

Das rhetorische Quartett – zu spaet fuer Weihnachten, aber eine nette Idee. (via)

Why are software development estimates regularly off by a factor of 2–3 times? – Vergleich mit einer kleinen Wanderung entlang der US-Westkueste. (via)

Data Structure Visualizations – von verketteten Listen bis Algorithmen wie Dijkstra. (via)

Aufrecht in den Untergang

Die meisten Wahlanalysen gehen von der Grundfrage aus, aus welchen Gründen es der Partei bei der jeweiligen Wahl nicht gelungen ist, eine entsprechende Wählerschaft zu mobilisieren. Diese konformistische Herangehensweise ist zunächst durchaus angebracht, schließlich ist es Sinn und Zweck der Parteien im vorgefundenen Parlamentarismus Einzug ins Parlament zu halten. Gleichzeitig bleiben die Erkenntnisse einer auf die jeweilige Mobilisierungsfähigkeit gerichteten Sichtweise jedoch recht beschränkt: Der o. g. Sinn und Zweck der Parteiarbeit wird eben vorausgesetzt und anerkannt. Ausgeblendet wird dabei die Frage, wozu es überhaupt eine Partei wie die Piraten braucht, vor allem, wenn ihr Ziel wirklich nur die Teilnahme am parlamentarischen Prozess sein soll.

(via)

Nachtrag, urspruenglich vergessen:
A Speck in the Sea – He spent 12 hours in open water as the Coast Guard looked in the wrong place. How did he survive?

Gaensehaut. (via)

In Allgemein veröffentlicht | Kommentieren

Mein erster c3

Ich weiss nicht genau, wie es dazu kam, dass ich bislang noch nie auf einem Chaos Communication Congress war – vermutlich wegen der frueher immer so schnell ausverkauften Tickets, vielleicht aber auch wegen meiner etwas ambivalenten Einstellung zum CCC.

Weil mich diverse Leute auf Twitter unter anderem mit Schlafplatz und Rueckfahrmoeglichkeit ueberredet hatten, doch noch spontan hinzufahren, trampte ich also am 28. noch kurzentschlossen hin.

Duschen in der Post-Snowden-Aera

Es war wohl genau der richtige Zeitpunkt, zum ersten Mal auf den Congress zu gehen. Selbst die absurdeste Verschwoerungstheorie verblasste angesichts der Snowden-Enthuellungen – und die politischen Akteure, von der Bundesregierung bis zu den Menschen, mit denen man taeglich interagiert, hielten die Fuesse still. Selbst die schwaerzesten Ueberwachungsdystopien stellten sich als offenbar gar nicht einmal so weit hergeholt heraus – und kaum jemanden ausserhalb der Netzempoereria schien es zu interessieren. Auf einmal war das fundamentale Selbstverstaendnis der Hackerszene erschuettert, und gleichzeitig wirkte es so, als sei jegliche noch so absurde Ueberwachungsdystopie der breiten Masse relativ egal. @mspro, @343max, eine von beiden leider sehr haeufig nicht zu Wort gelassene @schwarzblond und @tante haben das im WMR76 besprochen, und letzterer fasst das auch noch einmal in seinem Blog zusammen:

Now it is very important to understand the situation that the scene is in: Snowden’s leaks have basically proven every lunatic conspiracy theory about surveillance to be true. Algorithms and technologies believed to be a working protection against secret services and their attention melted away like ice in the summer sun. The fundamental uniting beliefs of the hacker subculture were no longer valid: Hackers are not smarter than the NSA workers, the government does actually employ competent people (and provides them with the resources to get some work done) and technology will not save us. The whole hackers as high priests and superheroes of the digital age died faced with the reality of secret services with limitless resources. How do you react to that?

Es schien, als seien auf diesem Congress zwei Stroemungen vertreten gewesen. Die eine versuchte, die nicht-technische Seite der Snowden-Enthuellungen zu beleuchten: Wie Staatlichkeit, Dienste und Gesellschaft ineinanderhaken und selbst die beste Technik nichts nuetzt, wenn das Gegenueber™ unlimitierte Ressourcen hat, diese zu brechen. Sehr empfehlenswerte Vortraege hierzu fand ich No Neutral Ground in a Burning World, und fuer die historische Perspektive Policing the Romantic Crowd. Genauso passt auch Bullshit Made in Germany – als Realitaetscheck, wie politische Entscheidungsprozesse de facto laufen, und wie wenig das mit Sachverstand und Expertise zu tun haben muss, sobald man nur Macht hat.

Auf der anderen Seite finden sich nach wie vor Stimmen, die davon ueberzeugt sind, diese Probleme technisch loesen zu koennen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Soeben haben die Snowden-Leaks gezeigt, dass wir es hier mit politischen und sozialen Problemen zu tun haben, das Gegenueber quasi unlimitierte Ressourcen hat und der breiten Masse die technischen Loesungen in der Praxis nicht taugen – und der Vorschlag sind weitere technische Loesungen. Das ging vom Vorschlag vollkommener Anonymitaet auch bei oeffentlichen Veranstaltungen bis zu Talks, deren Kombination von Technik-Experten-Ueberheblichkeit mit Politikagnostik mir koerperliche Schmerzen bereitete.

Ich weiss ehrlich gesagt auch noch nicht so recht, was ich davon halten soll, wenn auf derselben Veranstaltung Kryptographie und TLS fuer alles gefordert wird und im naechsten Talk hochgerechnet wird, fuer wie viel Grad Erderwaermung eingeschaltete Krypto in Smart Meters wegen des Energiemehrverbrauchs bei laufender Kryptographie sorgen wird. Aber es passt in das von mir wahrgenommene Selbstverstaendnis des Clubs: Man selbst gehoert zu „den Guten“, Die Anderen™ sind Die Boesen™. Die Anderen™ haben ausserdem keinen technischen Sachverstand, d.h. wenn Die Anderen™ tatsaechlich einmal die Methoden benutzen, die man selber vorschlaegt, ist das natuerlich auch nicht recht.

Das alles ist ein Grund mehr, warum ich mich ueber Seitenhiebe wie im (leider noch nicht online sehbaren) Vortrag von @evacide gefreut habe. Glen Greenwald hatte in seiner Keynote berichtet, wie er beinahe nicht an die Snowden-Materialien gekommen war, weil ihm der E-Mail-Verschluesselungsworkflow von PGP zu kompliziert und undurchschaubar war. Und wie er sich nach Anleitung in TrueCrypt eingearbeitet hatte und seine sich nach Spielereien damit angeeigneten Kenntnisse stolz Poitras und Snowden vorgefuehrt hatte – die dann lapidar meinten, „klar, das ist ja so entworfen, dass dein kleiner Bruder damit umgehen kann“. Mit der sinngemaess wiedergegebenen Botschaft von @evacide: “You can be good at what you’re doing, but there is no need to be a jerk about it”.

Vielleicht lernt das der CCC ja auch irgendwann.

(Ich wuerde mir ja einmal anstelle der immer noch schroecklicheren und furchtbareren Ueberwachungsdystopien tatsaechlich einmal eine Utopie als positiven Gegenentwurf wuenschen, auf die man zustreben kann. Und ich meine damit keine Worthuelsen und Allgemeinplaetze wie „Freiheit“. Danke nochmal an @tante fuer die gefuehlt 6h Quatschen in der Villa Straylight als Alternative zur Fnord News Show, die mir halfen, das Problem nochmal weiter geistig auszuformen.)

Nachgeplaenkel und Trampbericht

Um 1500 Uhr stand ich mit ausgestrecktem Daumen an der Tramphaltestelle. Um 2000 Uhr war ich ganze 100 km weiter bis zur Ellwanger Berge gekommen und hatte leichte Zweifel, ob ich angesichts der bis unters Dach vollbeladenen Urlaubsheimkehrer ueberhaupt noch nach Hamburg kommen wuerde.

Die Erloesung kam dann aber in Form eines Sprinters voller Balkan-Wurstwaren, dessen Fahrer gerade auf dem Rueckweg zu seiner Firma – in Hamburg – war. Fuer die naechsten 6,5 Stunden tuckerten wir also mit 120 km/h in Richtung Hamburg, unterhielten uns ueber seine Firma (die leider nicht mehr nach Ulm liefert), Studienbedingungen und Bierpreise in Skandinavien.

Und weil ich die letzten 2,5 Stunden den Sprinter bei stroemendem Regen selbst lenkte, waehrend mein Fahrer eine Muetze Schlaf nachholen konnte, durfte ich die Kiste nicht nur direkt vors CCH fahren, sondern bekam auch noch 1160 Gramm Wurstwaren geschenkt :D Vielen herzlichen Dank nochmal – und danke an muthan fuer die Uebernachtungsmoeglichkeit :)

Ausserdem: Was mich auch jetzt noch beeindruckt, sind das Ambiente und die Professionalitaet, mit der diese Veranstaltung abgewickelt wird. Gefuehlt drei Viertel der mir bekannten Leute, die ich traf, waren „Angel“ – also freiwillige Helfer, die trotz bezahlten Tickets dazu beitragen, dass der Congress gelingt. Sofakante beschreibt, wie sich das von ihrer Seite aus angefuehlt hat – mich beeindruckte vor allem der Respekt, der den „Engeln“ sowohl seitens der Gaeste als auch von der Organisation aus entgegengebracht wurde. Ein angenehmer Kontrast zur Helferarbeit bei der re:publica, fuer die man zwar freien Eintritt bekommt, aber selten Verantwortung.

Nachtrag: Noch mehr Ansehempfehlungen bei Anne Roth, samt Bildern der absolut wahnsinnigen Lounge.

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , | Kommentieren

Female Geeks und Marktwirtschaft

via @aetherlift (bzw @tante), eine kleine Abhandlung, warum es marktwirtschaftlich logisch ist, auf Zockerinnen zu scheissen und pinkes Lego einzufuehren:

Why Marketers Fear The Female Geek | Howtonotsuckatgamedesign.com.

Executive Summary:

Why would you settle for 50% returns, when you could just exclude women and get 80%?

You tell the members of your target group, that they are superior to those who are excluded.

Segregate. Create a new brand, exclusively for women. Paint it pink.

We can also capitalize on the resentment and low self-esteem of women, that we created ourselves by pushing our “men are superior to women” narrative.

In Allgemein veröffentlicht | Kommentieren

LaTeX-Projekte mit latexmk automatisieren

Nachdem ich vorhin naiverweise einen etwas umfangreicheren LaTeX-Bauprozess (zwei Versionen desselben Dokuments, jeweils mit Bibliographie) „mal eben“ mittels eines Makefiles automatisieren wollte, stiess ich ueber stackoverflow auf latexmk.

latexmk -pdf v1.tex v2.tex

reicht an der Stelle schon, um beide Versionen zu aktualisieren, ggf. auch mit bibtex-rerun und zweimaligem Neukompilieren. Leider wird hier immer doppelt kompiliert, offenbar weil beide Versionen dieselben Kapitel einbinden, die dann fuer die jeweils andere Version seit der letzten Kompilierung aktualisiert erscheinen, aber was solls. Besser als ein Makefile.

Was mir besonders gut gefaellt ist dieser Tipp:

Daher öffne ich für latexmk immer eine Konsole, navigiere mich in das betreffende Verzeichnis und starte latexmk von dort mit folgendem Befehl:

latexmk -pvc -pdf Dateiname.tex

Ab diesem Moment muss ich mein LaTeX-Dokument nur neu speichern und es entsteht ein neues pdf.

Funktioniert wunderbar, wenngleich auch nur mit einer Quelldatei. Schreiben was man will, speichern, und schon wird die neue Ansicht als PDF in evince geladen.

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt | 2 Antworten

Verstaendnislosigkeit

Ich habe gestern im Bus die Twitter-Berichte rund um die Rote-Flora-Demo in Hamburg mit einer gewissen Ernuechterung verfolgt. Daniel Broeckerhoff trifft mit seiner Einschaetzung fuer mich vollkommen ins Schwarze. Mit Linksammlung fuers Weiterlesen.

Addendum: Birgit Rydlewski (MdL) mit einem Teilnahmebericht.

Addendum 2 mit weiteren Stimmen: „Gummigeschosse und Fuehrerscheinentzug statt Loesung sozialer Probleme“ (Telepolis) und „Es gibt einen von der Polizei entfachten Zorn, der sich dann manchmal entlaedt“ (DLF)

 

In Allgemein veröffentlicht | Kommentieren

Wenn “Life Hacking” nur mit der richtigen Hautfarbe funktioniert

Passend zur Debatte von neulich verbreitet sich gerade ein Artikel in den sozialen Diensten: When “Life Hacking” Is Really White Privilege:

James Altucher thinks he has written an article about “getting everything you want.” He has actually written an article about white privilege. (And probably class privilege, and male privilege, and maybe some others.)

You know that fun game you play at Chinese restaurants, where you add “in bed” to everybody’s fortune? You will achieve great success this year … in bed.

I have a related suggestion for Altucher’s article. Just add “if you’re white” or “because I’m white” to each generalization or anecdote in the article. For instance:

“I find when you act confused but polite then people want to help if you’re white. There was a line behind me. I wasn’t fighting or angry. So there was no reason for anyone to get angry at me, because I’m white.”

In Allgemein veröffentlicht | Kommentieren

„In Deutschland, entschuldigen Sie, aber das ist Wahnsinn.”

Ich hatte ja bisher Island fuer das „digitalste Land Europas“ (wie auch immer man das auch messen/definieren wollte) gehalten, und anfangs beim Radiobeitrag des Deutschlandfunks auch Island  verstanden – es ging aber um Estland. In Tallinn beispielsweise findet man keine Internetcafes – weil es ueberall freies WLAN gibt, denn Zugang zum Internet ist dort ein Grundrecht.

Der dort interviewte estnische Praesident Toomas Hendrik Ilves erzaehlt zwar am Ende auf mich etwas seltsam wirkende Dinge ueber europaeische Clouds, vorher zieht er aber ganz ordentlich vom Leder:

Ich finde in den meisten Staaten bewegt sich die Diskussion auf dem Niveau von digitalen Analphabeten. In Deutschland, entschuldigen Sie, aber das ist Wahnsinn.

[…]

Wenn ich mir die Äußerungen aus den europäischen Hauptstädten anhöre, die die USA wegen dieser Sachen verurteilen, sage ich: Ihr versteht nicht, worum es geht. Das Problem ist, dass die IT-Revolution zu spät kam, als dass die Leute, die heute in politischer Führung sind, da noch mitkommen könnten, und deshalb kam es nach der Snowd[e]n-Geschichte zu all diesen albernen Äußerungen. Jetzt sind wir über die Aktivitäten der NSA und des GCHQ in Großbritannien informiert worden, aber ich wäre wirklich überrascht,  wenn Europa eine weiße Weste hätte und nur die USA die Bösen sind. Die Europäer überwachen das Netz ebenfalls. Es gibt natürlich andere Staaten, die machen noch weitaus mehr. Russland hat offiziell verkündet, dass die gesamte Telekommunikation in Sotschi überwacht wird.

Hoerenswerter Beitrag.

In Allgemein veröffentlicht | Kommentieren

Hautfarbe ist nicht egal

 

Als ich heute morgen aufwachte, steckte Twitter gerade wieder einmal in einer Diskussion rund um Blackface. Bei „Wetten Dass“ sollten fuer die Saalwette Menschen als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivfuehrer auftauchen – und die Jims sich ausdruecklich mit Schuhcreme oder Kohle das Gesicht schwaerzen, was Spiegel Online folgendermassen kommentiert:

Gruseligerweise ist es eine Marionette, die verfügt: “Jim Knopf muss natürlich geschminkt sein, schwarze Farbe oder Schuhcreme, ganz egal!” Warum das nun? Weil es womöglich nicht genug Schwarze in Augsburg gibt? Weil echte Augsburger unmöglich eine schwarze Hautfarbe haben können?

Auf die Beschwerden, warum man sich beim ZDF nach den juengeren Debatten immer noch auf sowas einlaesst (weitergehende Literatur siehe dort), kamen – wie immer – gleich wieder die Apologeten, fuer die die Kritik an Blackface dasselbe wie Rassismus sei, genau wie die Genderdebatte Sexismus und die Sache mit dem Paprikaschnitzel… ach lassen wir das.

Ja, die Figur „Jim Knopf“ hat dunkle Haut. Ja, in einer idealen Welt ist die Hautfarbe eines Menschen egal. In dieser idealen Welt leben wir aber nicht. Das ist der Punkt.

Wie sich das aeussert, ist in einem sehr empfehlenswerten Longread auf Nachtkritik dargelegt – zwar hauptsachlich auf die Situation an deutschen Theatern hin ausgerichtet, aber hoffentlich dem Verstaendnis der aktuellen Situation hilfreich, weil er sehr ausfuehrlich darauf eingeht, was Rassismus eigentlich bedeutet:

Der humanistisch gebildete, Menschen verschiedenster Herkunft zu seinem Freundeskreis zählende und in Political Correctness ebenso wie in Fremdsprachen bewanderte deutsche Durchschnittsbürger unterliegt immer wieder dem grausamen Irrtum, Rassismus sei ein Phänomen, das sich ausschließlich im Denken und Handeln Keulen schwingender Neonazis und rechtsextremer NPD-Volksverhetzer offenbart. Dieser Glaube ist genauso falsch wie fatal; da sich kein zivilisierter Mensch den oben genannten Gruppen zuordnen würde, schon gar nicht als Kunstschaffender mit bildungspolitischem Auftrag, können alle folgerichtig niemals Rassisten sein. Dem zugrunde liegt der unerschütterliche Glaube, um rassistisch zu denken und zu handeln bedürfe es eines bösartigen und vor allem bewusst gefassten Entschlusses. Dem ist nicht so.

Tatsächlich sind rassistisch motivierte, verbale und handgreifliche Gewalttaten, im Vergleich zum tagtäglich praktizierten, ihre Wirkung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft entfaltenden, strukturellen und institutionellen Rassismus, die Ausnahme. Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln, genauso wie man kein Frauenhasser sein muss, um Frauen zu diskriminieren. Rassistische Strukturen werden von denen, die sie geschaffen haben, als normal empfunden, genauso wie die ungleiche Behandlung von Frauen lange Zeit gesellschaftlich sanktioniert war. Das, und nur das, ist der Grund, warum struktureller und institutioneller Rassismus in diesem Land nicht auch konsequent als solcher benannt wird: weil er Normalität ist. Für Schwarze und Weiße gleichermaßen. Dieses kann bewusst oder unbewusst, in bester Absichten oder aus bösartigen Motiven heraus geschehen – im Ergebnis und in der Konsequenz ist und bleibt es für die Betroffenen: Rassismus.

Es hilft eben nicht allein die Einsicht, dass man fast ueberall Auslaender ist, oder die Behauptung, dass man selbst Hautfarbe ja „nicht sehen“ und stattdessen alle gleich behandeln wuerde. Das ist ein hehres Anliegen, und ich kaufe den Menschen, die so etwas von sich behaupten auch durchaus ab, dass sie davon tatsaechlich ueberzeugt sind.

Wie weit wir von der Wunschvorstellung entfernt sind, dass Hautfarbe wirklich keine Rolle spielt, zeigt naemlich genau wieder die Wetten-Dass-Situation. In der fuer die Lukas-Verkleidung die passende Muetze, ein Blaumann und ein Halstuch reicht – waehrend Jim Knopf zwar eigentlich auch ganz spezifische Kleidung traegt, hier aber vor allem die „andere“ Hautfarbe wichtig ist, wie in Alis Afrika-Blog beschrieben:

Wenn man sich die Bedingungen durchliest, dann fällt als erstes auf, dass Jim Knopf gleich zu Beginn über seine Hautfarbe markiert wird, und zwar ausschließlich. Damit Jim Jim sein kann, muss er geschminkt sein. Damit Lukas Lukas sein darf, reicht es vollkommen aus, wenn er entsprechende Kleidung anzieht. Einmal mehr wird deutlich, dass weiße Haut in Deutschland als Normalzustand angesehen und dadurch unsichtbar wird. Wäre dem nicht so, hätte es auch bei Jim gereicht, eine blaue Hose, ein rotes Oberteil und eine Mütze zu verlagen; Requisiten übrigens, die die meisten Menschen mitgebracht haben, obwohl davon überhaupt nicht die Rede war.

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , , | Kommentieren
Statistical data collected by Statpress SEOlution (blogcraft).