Was alles gehen wuerde, wenn man wollte

In einem kleinen Haeuschen bei Ulm tickt eine Uhr. Wenn es leise ist, wird das ticken irgendwann ziemlich penetrant. Aber wie das so ist bei regelmaessigen Geraeuschen, gewoehnt man sich irgendwann so sehr daran, dass man es ueberhaupt nicht mehr wahrnimmt.

So geht es vermutlich einer der beiden Bewohnerinnen dieses Hauses. Die andere hoert die Uhr auch nicht. Sie ist naemlich gehoerlos.

Jule bin ich erstmals um 2001 herum in einem Ulmer IRC-Kanal begegnet, und das waren meine ersten Schritte ueberhaupt hin zu Fragen, wie eigentlich Menschen mit Behinderung ihren Alltag erleben. Ich steckte damals mitten in meiner feuerwehrtechnischen Grundausbildung und war ueberrascht, dass Gehoerlose auch einen Fuehrerschein machen koennen — war mir doch immer wieder eingeblaeut worden, dass das Wegerecht im Einsatzfahrzeug einzig und allein dann zum Tragen kommt, wenn zu den Kennleuchten auch das Folgetonhorn zugeschaltet wird. Dass Gehoerlose viel sensibler auf den optischen Reiz der Blaulichter reagieren, fand ich faszinierend.

Etwa in dieser Zeit gingen auch einige Sirenen hier in Sueddeutschland wieder in den Bevoelkerungswarndienst. Der eigentliche Warndienst war in den 1990er Jahren nach Ende des kalten Kriegs aufgeloest worden, und die frueher dem Bund (bzw. der Bundespost) zugeschlagenen Sirenen in kommunale Hand uebergegangen, die die Sirenen meist nur als „Rueckfallebene“ fuer die Feuerwehralarmierung nutzte, wenn aus irgendwelchen Gruenden die stille Alarmierung nicht ausreichen sollte.

Um den Jahrtausendwechsel stellte man aber in Bayern fest, dass man die Sirenen auch in einem gewissen Umkreis um Betriebe mit einem Gefaehrdungspotenzial im Schadensfall wieder zur Bevoelkerungswarnung heranziehen koennte, und so wurden in dieser Zeit viele Sirenen im Landkreis Neu-Ulm (meines Wissens sogar alle) umgeruestet, um per Fernwirkempfaenger auch das Signal „Warnung der Bevoelkerung“ ausloesen zu koennen.

Nun habe ich mit Sirenen so ein bissel ein Problem. Fast alle deutschen Sirenenanlagen greifen auf die E57 zurueck, deren Reichweite in Stadtgebieten oft bei 500 Metern Radius schon an ihre Grenzen stoesst. „Verstaerkersirenen“, um die spaerliche Restbebauung aus Warnamt-Zeiten zu unterstuetzen, wurden quasi nie nachgeruestet. Hinzu kommen dreifach- oder vierfachverglaste Fenster — und wer dann noch einen Film auf der Surround-Anlage ansieht, muss auf eine ruhige Stelle im Film hoffen, um ueberhaupt die Warnung zu hoeren.

Und wer gehoerlos ist, hat ohnehin Pech.

Ein weiterer Nachteil des Sirenenwarnsystems ist, dass ueberhaupt keine Information abseits des „Rundfunkgeraete einschalten!“ uebermittelt werden kann. Selbst dieses „Rundfunkgeraete einschalten“ ist eine reichlich naive Vorstellung. Im Juni 2012 schaltete ein Disponent der hiesigen Leitstelle versehentlich schon in der Nacht zum Samstag die eigentlich fuer den naechsten Mittag geplante Warn-Probealarmierung „scharf“ und loeste so nachts um zwei einen Heulton fuer saemtliche Sirenen im Landkreis aus.

Die ueberraschten Einsatzkraefte im Landkreis konnte der arme Tropf von Disponent zwar direkt nach der Alarmausloesung ueber Funkspruch beruhigen, die Bevoelkerung an sich bekam aber keinerlei Informationen. Das zustaendige Polizeipraesidium Schwaben Sued/West gab immerhin rund 20 Minuten nach dem Alarm eine Sofort-Pressemitteilung heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt habe — bei den lokalen Rundfunkstationen, die kontaktiert werden sollten, wurde aber schlichtweg niemand erreicht, da diese zu so spaeter Zeit ihr Programm allesamt aus der Konserve fahren. Selbst im Realfall haette die Bevoelkerung, pflichtbewusst wie per Sirene aufgefordert das Radio anschaltend, keinerlei weitere Information erhalten.

Endlich also einmal ein Fall, wo Gehoerlose nicht einmal einen Nachteil relativ zu den Hoerenden gehabt haetten.

Die Problematiken der Bevoelkerungswarnung ueber Sirene sind seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten bekannt. In den USA gibt es mittlerweile das weitgehend automatisierte Emergency Alert System, das auch ueber Fernseher oder Wetterfunkempfaenger warnen kann. Der Vorgaenger Emergency Broadcasting System aus dem kalten Krieg war derweil von aehnlichen Erreichbarkeits- und Umsetzungsproblemen in den Rundfunkstationen geplagt, und auch die ausbleibende Warnung/Information per EAS nach dem 11. September 2001 machte auf KritikerInnen keinen guten Eindruck. Immerhin hat das System aber eine Weckfunktion und kann sowohl per Ton als auch per Text Informationen ausgeben. Das sieht dann etwa so aus.

In Deutschland laboriert man derweil immer noch an einem Warnsystem herum, das auch ohne Sirenen auskommt. Das BBK hatte vor rund 20 Jahren begonnen, ein System fuer die Verbreitung von Warnmeldungen per Rundfunk aufzubauen, und SatWaS ist seit 2001/2002 theoretisch auch „fertig“ und sendet munter Testuebertragungen — an angeschlossene, klassische Rundfunkstationen. 2004 gab es einen Feldversuch, SatWaS-Warnungen auch ueber den Zeitzeichensender DCF77 zu uebertragen — meines Wissens wurde nie weiter etwas daraus, die hierfuer herangezogenen ersten 14 Sekundenmarken des Zeitsignals dienen mittlerweile zur (proprietaeren) Uebertragung von Wettervorhersagen fuer hierfuer ausgeruestete Heim-Wetterstationen.

Die DCF77-Uebertragung haette sowieso noch weitere Tuecken gehabt: Innerhalb eines Drei-Minuten-Zeitfensters sollte hier zunaechst eine grobe Region und danach eine feiner aufgeloeste Ortsangabe fuer den Alarm uebermittelt werden. Erstens fehlte hier also wieder jegliche weitergehende Information darueber, welche Art von Warnung hier ausgesprochen werden soll, so dass man wieder von einem weiteren Kanal wie Rundfunk abhaengig waere. Zweitens muesste der Empfaenger zumindest grob den eigenen Standort kennen, um gegebenenfalls einen Weckalarm auszuloesen — oder es wuerde immer alarmiert werden und den Benutzern ueberlassen, herauszufinden, ob sie denn nun gemeint sind.

Per Handy geht so etwas auch: Ein Beispiel ist das vom Fraunhofer FOKUS zusammen mit dem VoeV entwickelte KatWarn, das meines Wissens auch von Jule propagiert wird. Interessierte koennen sich beim System registrieren, das dann im Warnfall eine SMS ausliefert — sofern denn die warnenden Stellen Teil von KatWarn sind. Auch hier wieder das Problem, dass man sich explizit anmelden muss und ein Standortwechsel auf Anwenderseite aktiv gemeldet werden muss.

In Zeiten von Smartphones schlaegt man sich bei solchen Verfahren manchmal schon ein wenig an den Kopf. Ein ueber seinen Standort informiertes Geraet koennte ueber passende Verfahren (Jehova!) Warnmeldungen passend zum Aufenthaltsort gepusht bekommen. Wer meint, das sei ja viel zu modern fuer so richtig behoerdenfeste Spezifikationen: Nichts grundliegend anderes machen beispielsweise OPNV-Busse, wenn sie Echtzeitdaten per VDV-454 mit der Betriebsleitstelle austauschen. Denkbar waere auch eine Anmeldung am jeweils zustaendigen Ort und danach die Auslieferung der Warnungen per SMS statt internetbasierender Nachricht. In jedem Fall ist all dies ein Fortschritt gegenueber der bestehenden Situation.

Ende 2004 hatten einige Kollegen und ich die Idee, die Ausgabe der Warnung einfach seitens der zustaendigen Leitstelle und der Landratsaemter per RSS zu vollziehen. Die ausloesenden DisponentInnen geben ohnehin eine Kurzbeschreibung ein — warum diese nicht an einem zentralen Punkt veroeffentlichen, wo sie auch von Dritten aufgegriffen und syndikalisiert werden kann? Genauso verhaelt es sich beim Landratsamt: Die Katastrophe ist ja in erster Linie ein Verwaltungsakt, der vom Landratsamt vollzogen wird und danach fuer viele hilfreiche Folgen sorgt.

(Exkurs: Wenn also in der Presse die Rede davon ist, dass von offizieller Stelle „Katastrophenalarm ausgeloest wurde“, heisst das in der Regel nichts weiter, als dass der Katastrophenfall erklaert wurde. Das hat in erster Linie Rechtsfolgen, naemlich dass die Landeskatastrophenschutzgesetze angewandt werden koennen. In Bayern fliesst ab diesem Zeitpunkt viel einfacher Geld fuer die Schadensregulierung, aber auch fuer die Verpflegung der eingesetzten HelferInnen. Ausserdem kann in Bayern ab diesem Zeitpunkt einE vorab bestimmte Oertliche EinsatzleiterIn die Fuehrung ueber alle eingesetzten Kraefte zur Gefahrenabwehr uebernehmen. Mit Weltuntergang oder aehnlichem hat dieser Verwaltungsakt eher weniger zu tun, genausowenig ist er ein Verzweiflungsakt. Aber es schreibt sich halt schoen, wenn man keine Ahnung vom Katastrophenschutz hat, und es sorgt fuer Dramatik.)

Bei unserer Idee zur Internet-Veroeffentlichung der Warnung ging es einfach nur darum, einen Anlaufpunkt fuer die Alarmmeldung zu haben: Welche Art von Schadensfall liegt denn vor? Was ist der offizielle Hinweis des Landratsamtes (wenn er denn kommt)? Die Grundidee war klar: Anstelle darauf zu warten, dass der zustaendige Rundfunksender die offizielle Mitteilung an ihm passender Stelle verliest, einfach die offizielle Mitteilung fuer alle BuergerInnen zu jeder Zeit an bekannter Stelle aufrufbar machen.

Solche Veroeffentlichungspunkte gibt es aber kaum. Gestern, bei der Sprengung der Fliegerbombe in Schwabing, fuhr die Feuerwehr offenbar vorab herum und warnte HoergeraetetraegerInnen, diese doch nun herauszunehmen. Per Lautsprecher. Ich bekam beinahe-live eine Audioaufnahme der Durchsage — und verstand maximal die Haelfte davon.

(Ueberhaupt, gestern. Ich bin begeistert. So viel Bilder, Berichte, Videos per Twitter und IRC gestern. Hier ein Sprengvideo, auf dem man auch die Durchsage hoert.

Sprengung der Fliegerbombe / Schwabing, München / 28.8.2012 from Simon Aschenbrenner on Vimeo.

Internet. Hach.)

Jedenfalls.

Wir gingen also mit dieser Idee an die zustaendigen Stellen™. Kreisbrandinspektion und Landratsamt, beispielsweise. Wo man so gar nicht begeistert war. Wie koenne man denn garantieren, dass niemand irgendeine Falschmeldung bekaeme, die jemand anders auf einer passend aussehenden Seite veroeffentliche? Und ueberhaupt, warum sollten da andere diese Meldung uebernehmen duerfen? Am Ende wuerde die ja dann quasi verbreitet, oder so.

Endgueltig die Hutschnur platzte mir irgendwann in einem laengeren Gespraech mit einer Feuerwehrfuehrungskraft auf Kreisebene, mit der ich mich persoenlich eigentlich ganz gut verstehe — die mir aber sehr ausfuehrlich und schmerzhaft erklaerte, warum das nicht funktionieren koenne. Man muesse naemlich Ausfallsicherheit gewaehrleisten koennen, und Fehlalarmsicherheit, und das sei alles nicht so einfach, und es gebe ja jetzt die Versuche ueber DCF, und das Radio sowieso, darauf muesse man sich halt dann auch verlassen.

Das ist also der Grund, warum man auch 2012 noch weiter an SatWaS und alarmierenden Funkuhren herumlaboriert, die dann auch nichts anderes koennen, als zu piepsen, dass irgendwo was ist, wovor gewarnt werden soll. Und mit Sirenen, die einem bedeuten, das Radio einzuschalten, wo dann etwas kommt oder auch nicht.

Traurig.

Epilog.

Auf dem Dach eines Hauses in Japan tickt ein Geigerzaehler. Auch dieses Ticken hoert niemand, denn es macht sich erst gar nicht die Muehe, aus einem Lautsprecher zu kommen, sondern verschwindet in einem Datenlogger.

Hunderte NutzerInnen in Japan hatten nach dem Reaktorunglueck von Fukushima den offiziellen Angaben zur Strahlenbelastung nicht geglaubt — und eigene Messstationen aufgebaut. Dass so tatsaechlich ein relativ dichtmaschiges Messnetz werden wuerde, haette kaum jemand vorher gedacht.

Sind die offiziellen, staatlichen Stellen nicht in der Lage, ihren BuergerInnen zeitnah die Informationen zu liefern, die sie in diesem Moment brauchen, ist das eigentlich ein Indiz dafuer, dass sie sich fuer diesen speziellen Zweck ueberfluessig gemacht haben.

Addendum // Christian Gries berichtet aus Sicht eines Schwabinger Anwohners genau das bekannte Problem: Lautsprecherfahrzeuge fahren ab und zu scheppernd (und nur Deutsch benutzend) vorbei, in Radio und Fernsehen kommt auch nur alle x Minuten irgendetwas und man muss zufaellig gerade davor sitzen, um etwas mitzubekommen. Online-Nachrichtenportale und Twitter waren Informationsquelle der Wahl. Den Schluss, als KatS-Behoerde Twitter und Facebook bespielen zu muessen, teile ich so unmittelbar nicht — gerne aber, einen offiziellen Nachrichtenanlaufpunkt zu haben, der dann per RSS auch Social-Media-Kanaele bespielt.

Ein Gedanke zu „Was alles gehen wuerde, wenn man wollte

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