Die Weltverbesserer

Wahlweise gerade mal oder schon vor einem Jahr bezeichnete Constanze Kurz alle, die sich mit Datenschutzkritik beschaeftigen, pauschal als Spackos. Einige so Benannte fanden daran gar nicht erst grossen Anstoss, nannten sich fuerderhin die datenschutzkritische Spackeria, trollten das vergangene Jahr ein wenig vor sich hin und haetten sicher gerne auch auf dem 28c3 wieder etwas zum Thema beigetragen. Post-Privacy hatte da aber offenbar thematisch keinen Platz, weswegen kurzerhand als “Ausweichkongress” am 29.12. die 0. Spackeriade in Laufweite zum c3 auf die Beine gestellt wurde.

Durch glueckliche Zufaelle waere ich zwischen den Feiertagen ohnehin in Dresden statt Ulm gewesen (was mal eben 450 Kilometer Unterschied bedeutet) und hatte zudem sowohl eine Gastgeberin in als auch einen spottbilligen Fahrschein nach Berlin; eventuell verbliebene Argumente gegen einen Abstecher in die Hauptstadt wurden durch einen kurzen Blick auf die Teilnehmerliste atomisiert.

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tl;dr:

Es war eine der angenehmsten Veranstaltungen mit erfrischend unverbohrter Grundhaltung und hervorragender Gespraechskultur, auf der ich seit laengerem war. Und sie hat mich (weiter) nachdenklich gemacht.

Langfassung

Veranstaltungen wie diese leiden immer unter dem Problem, sowohl interessierte Neulinge als auch Fortgeschrittene im Publikum zu haben und diese Luecke auf irgendeine Weise ueberbruecken koennen zu sollen. Wenn ich meiner Gastgeberin glauben darf, hat der Einstieg auch fuer thematische Neueinsteiger ganz gut geklappt: @gedankenstuecke und @philippbayer fuehrten im ersten Vortrag in die entstehenden Problematiken genetischer Sequenzierung ein, bevor @tante noch einmal in den Gegensatz Datenschutz versus Post-Privacy einstieg.

Diese Reihung finde ich retrospektiv gar nicht so seltsam, wie sie mir live vorkam; Das Genomics-Panel umreisst sehr eindruecklich die Problematik, die uns bei konsequenter Fortspielung des Datenschutz-Paradigmas bevorstehen: Wenn ich heute fuer wenig Geld mein Genom sequenzieren lassen und dieses zum Zwecke der Wissenschaft (oder reiner Experimentierfreude) veroeffentlichen kann, ermoegliche ich damit jedermann nicht nur erbliche Krankheitsveranlagungen meiner selbst, sondern zwangslaeufig auch meiner engeren Verwandten daraus auszulesen — selbst dann, wenn ich die nach aktuellem Stand relevanten Sequenzen schwaerzen lasse, heisst das nicht, dass diese Information fuer alle Zeiten uneinsehbar sein werden.

Darum dreht sich auch ein Grossteil der Post-Privacy-Debatte: Wie weit kann die Einzelne gehen, freiwillig hoechstpersoenliche (oder auch ganz banal oeffentliche) Daten digitalisiert zu veroeffentlichen, ohne dabei andere zu beeintraechtigen — und was passiert, wenn das doch geschieht. Eine These ist, dass “die Gesellschaft” mittelfristig gezwungen werden wuerde, groessere Toleranz gegenueber nicht der Norm entsprechenden Menschen zu ueben, und selbstverstaendlich wurde auf der spack0 auch wieder das Beispiel der Homosexuellen bemueht: Erst das Herstellen von Oeffentlichkeit habe dazu gefuehrt, dass Homosexualitaet mittlerweile enttabuisiert und “normalisiert” sei.

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Ich wuerde mir wuenschen, hier einmal andere Beispiele zu sehen. Wenn es denn ueberhaupt welche gibt. Und ich wuensche mir eine genauere Betrachtung, ob es diese geforderte Toleranz wirklich geben kann. Ganz so weit ist das mit der Akzeptanz von Homosexualitaet wirklich nicht: Heute noch werden LGBT-Teenager von ihrem Umfeld in den Suizid getrieben. Ich fand es in diesem Zusammenhang geradezu ironisch, dass Erlehmann in seinem und @fotografionas Talk ueber Fickileaks (mehr dazu in warumnicht.so Folge 1) einer Person, die in seinem Beziehungs-Geruechte-Abbildungsgraphen nicht vorkommen wollte, fehlenden Humor unterstellte. Als sei erlehmanns eigenwilliger Humor der einzige, der hier Geltung habe.

(Helga Hansens Vortrag ueber Bullying schlaegt in eine aehnliche Kerbe — habe ich leider nur in der Aufzeichnung gesehen, weil U. und ich ganz dringend etwas essen mussten.)

@acid23 ging abschliessend noch einmal auf die sozialen Aspekte von Post-Privacy ein: Hoehere Transparenz befoerdere das Aufzeigen kultureller und sozialer Unterschiede und erleichtere somit gleichermassen Integration — das vielbeschworene Homosexuellen-Beispiel — aber eben auch Segregation. Er selbst sei immerhin noch in einer mehr oder weniger privilegierten Position: Weiss, maennlich, mit ausreichend Geld ausgestattet, nicht behindert, gebildet — und gerade wegen dieser Position vielfach ohne boese Absicht blind gegenueber oppressiven Verhaltensweisen und Strukturen.

Man kann sich relativ leicht vor Augen fuehren, wie weit diese Privilegien gehen, indem man sich einfach einmal bewusst von ihnen entfernt. Am besten irgendwo auf dem Land in Bayern. Die Fallhoehe kann augenoeffnend sein.

Eines der weniger beachteten Privilegien kann beispielsweise auch schlicht eine belastbare Psyche ohne zu verarbeitende Traumata sein, und ehrlich gesagt haette ich von Christian Bahls vom Verein Missbrauchsopfer gegen Internetsperren in diesem Punkt bei seinem Panel mehr Angriffslust erwartet. Bahls beharrte staendig auf technischem Datenschutz, zu dem ich ihm schoene Anekdoten aus einer nicht genannten Klinik erzaehlen konnte (im Video ab 39:25) — was mir bis zum Ende fehlte, waere die konkrete Schilderung gewesen, was es denn heisst, wenn jemand, der oder die in der Vergangenheit einen absoluten Kontrollverlust ueber den eigenen Koerper, die (nicht nur sexuelle) Selbstbestimmtheit und Vertrauensmechanismen erlitten hat, nun erneut mit noch nicht aufgearbeiteten oder vollstaendig therapierten Traumata konfrontiert wird.Hier einfach mit den Schultern zu zucken hiesse fuer mich, eine wirklich schutzbeduerftige Personengruppe alleine zu lassen.

Klar, “die Gesellschaft muss sich aendern”, das duerfte ohnehin das Credo der gesamten Veranstaltung gewesen sein, aber das sagt sich leicht dahin. Acid sprach von Erklaerbaerismus als Prinzip: Ungleichheiten und oppressive Strukturen wie Alltagssexismus, -rassismus, -ableismus [...] nicht mehr einfach hinzunehmen, sondern sich damit (und denen, die sie meist ohne boese Absicht verbreiten) auseinanderzusetzen und aktiv dagegenzusteuern.

Ich bin gespannt. War man in Berlin noch ganz unter sich in flauschiger Atmosphaere, sieht der Alltag in der Provinz immer noch hart aus. Weltverbessern kann bisweilen immer noch so anstrengend sein wie vor 30 Jahren.

Manchmal macht’s aber auch Spass.

Kein Grund also, nicht damit anzufangen.

Ausserdem

Ploms Buch gekauft, mit Widmung und unter Umgehung von Amazon (dies ist ironischerweise ein Affiliate-Link). Festgestellt, dass man ploms Buch mit “plop” abkuerzen kann. Ekelias getroffen. Von Ekelias befummelt worden (war ganz gut). In pornoeser Wohnung untergekommen (Danke, U.!). Generell, viele Leute erstmals live getroffen und nett gefunden. Irre Vorstellung im Kopf, in Ulm ein Fablab etablieren zu wollen. Generell: Viele irre Vorstellungen im Kopf.

 

Danke, Internet. Danke, ihr Leute darin.

Fotos von naturalismus (1,3) und mir (2,4), cc-by-sa. Dieser Text steht unter ebendieser Lizenz.

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Ein Trackback

  • Von In der Tretmuehle | stk am 4. Juli 2012 um 18:06 Uhr veröffentlicht

    [...] Kreuzberg besuchen, Helfer bei der re:publica sein, diesmal zu dritt in der Undinschen Luxushuette (siehe) crashen, uns verlaufen, und durch tiefgruendige Gespraeche zwischen Maria und plomlompom sowie [...]

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