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Hydrantenmapping in OpenStreetMap – Schoener leben mit Fast-Linked-Open-Data

Ich hatte neulich zweieinhalb Wochen Urlaub und bin dabei unvermittelt in eine ganze Reihe von Rabbit Holes gefallen, in die ich mich ueber den Urlaub hinweg reingegraben habe. Das ueberrascht niemanden, die/der mich kennt, aber ich fand die Zusammenhaenge dazwischen so spannend, dass ich das mal aufschreiben wolle.

Alles fing mit einem Abend in der Feuerwehr an. Wir sollten ueber mehrere Abende alle Hydranten im Ortsgebiet anfahren, kontrollieren, spuelen und – wo noetig – Maengel aufschreiben. Fehlt ein Hinweisschild eines Unterflurhydranten, laesst sich ein Hydrant nicht vernuenftig oeffnen – oder aber auch, sind neue hinzugekommen, die wir nicht in unserem Hydrantenplan haben. In einer idealen Welt gaebe es natuerlich einen gut funktionierenden Austausch zwischen Gemeinde, Wasserversorger und Feuerwehr, so dass alle immer denselben Zustand dokumentiert haben. Aber ich muss ja niemandem erzaehlen, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben.

Wo sind Hydranten – von analog zu digital?

Als ich 1999 zur Feuerwehr kam, bestand der Hydrantenplan aus einer fotokopierten Ortskarte, in die mit roter und blauer Farbe die Ueber- und Unterflurhydranten haendisch hineingemalt worden waren. Kurz darauf erstellten zwei Kollegen quasi ein „Lookbook“, in dem jeder der Hydranten mit einem Foto des Umfelds und einer kurzen Beschreibung je eine Karteikarte in einem Ordner bekam, die dann alle alphabetisch nach Strassennamen sortiert waren.

Beide Ansaetze haben Vor- und Nachteile: Bei der Uebersichtskarte sieht man stets den geographischen Kontext – gerade Unterflurhydranten tarnen sich aber gelegentlich recht gut in ihrer Umgebung, so dass man sie nicht immer leicht findet. Das Umfeldfoto hilft beim Auffinden, dafuer kann man ohne eine Kontext-Karte umliegende andere Hydranten uebersehen, die in einer anderen, aber nahen Strasse liegen.

Wegen eines anderen Urlaubs-Rabbitholes kam ich daher recht schnell auf die Idee, Umfeldfotos und Karte mit Koordinaten zu verbinden – und was laege da naeher, als eine gute Vermessung mit Hilfe von OpenStreetMap und Wikimedia Commons!

Die ersten Hydranten habe ich ganz klassisch nur per Smartphone positioniert. Da wir im temporaerhaus aber seit diesem Jahr einen echtzeitkinematikfaehigen simpleRTK2B-GNSS-Empfaenger samt passender Antenne haben, wollte ich das natuerlich etwas genauer haben 😉 Und so kam es zu einem unvorhergesehenen Projekt zwischen temporaerhaus und Feuerwehr Altenstadt.

Und was mappt man da?

RTK-Mapping: Positioniere Antenne ueber Hydranten, warte auf RTK-Fix, trage Position und Tags in OSM ein. Links ein alter Erhard-Ueberflurhydrant, rechts ein Unterflurhydrant.

Eigentlich alles, was in emergency=fire_hydrant auf OSM beschrieben ist. Um moeglichst alles abzudecken, kann man recht einfach zwischen Tags fuer alle Hydranten und Erweiterungen jeweils fuer Ueber- und Unterflurhydranten unterscheiden:

Fuer alle Hydranten

refDie Hydrantennummer auf dem Hinweisschild oder dem Hydranten selbst – sofern vorhanden
fire_hydrant:pressureDas laesst sich quasi nie ermitteln, d.h. hier einfach yes
fire_hydrant:positiongreen fuer Gruenflaeche, lane fuer die Fahrbahn, sidewalk fuer den Gehweg und parking_lot fuer Parkplaetze. Insbesondere bei Unterflurhydranten ist es super gut zu wissen, ob er auf einer Parkflaeche liegt!
water_sourcein der Regel main, also die abhaengige Loeschwasserversorgung
survey:dateDas Datum, an dem du diesen Hydranten eingetragen hast, YYYY-MM-DD
Auf solch einem Hinweisschild ist normalerweise haeufig eine Identfikationsnummer zu sehen. Hier aber leider nicht. Immerhin laesst sich der Leitungsdurchmesser 80 mm durch das „80“ rechts vom „H“ ablesen.

Speziell fuer Unterflurhydranten

fire_hydrant:typeunderground
fire_hydrant:diameterDas ist der Wert auf dem zugehoerigen Hydrantenschild – sofern das vorhanden ist! Falls keines vorhanden ist, siehe…
fire_hydrant:diameter:signed=noWenn kein Hinweisschild vorhanden ist. Dadurch lassen sich auch leicht die Hydranten ohne Schilder spaeter ermitteln

Speziell fuer Ueberflurhydranten:

fire_hydrant:typepillar
couplingsDie Anzahl der Festkupplungen, z.B. 2 oder 3
couplings:typeHier in der Regel storz
couplings:diametersNach den deutschen Kupplungsbezeichnungen, z.B. B;B oder B;B;A oder gar C;C;B (ja, das gibt es, und das festzustellen, ist spannend!)
manufacturer…irgendwann lernt man dann auch die Hersteller anhand der Logos oder Aufschriften zu unterscheiden und kann entweder den Hersteller oder die Wikidata-ID des Herstellers eintragen…
Links ein alter VAG-Hydrant mit „DN 80“ im Guss, rechts ein Erhard-nach-1996-Hydrant mit „DN 80“ auf dem Typenschild – das sagt aber nichts ueber die Versorgungsleitung aus.

Zu beachten bei Ueberflurhydranten: Die haben zwar bisweilen auch einen Rohrdurchmesser angegeben – bei den alten Hydranten im Guss im Hydrantenkoerper, bei den neueren auf den Typenschildern ausgewiesen. Dieser Durchmesser gilt aber nur fuer das Steigrohr, nicht fuer die Wasserversorgung selbst. Im OSM-Wiki wird daher davon abgeraten, diesen Durchmesser als Leitungsdurchmesser zu taggen!

Auch nur eine Karte – aber auswertbar

Darstellung in der OpenFireMap

Zunaechst hat man damit auf den ersten Blick nicht viel gegenueber der alten handgemalten Karte gewonnen: Die Hydranten sind in OpenStreetMap eingetragen, und in Ansichten wie z.B. dem „Humanitaer“-Layer kann man sie in der gerenderten Karte auf openstreetmap.org auch anzeigen – wobei die nicht einmal zwischen Ueber- und Unterflurhydranten in der Darstellung unterscheidet.

Auf OSMHydrant oder der OpenFireMap bekommt man jedoch schon jetzt eine genauere Darstellung und bei OSMHydrant per Klick auf den Hydranten auch weitere Informationen. Damit alleine liesse sich schon auf einem Alarmmonitor im Feuerwehrhaus anzeigen, welche Wasserentnahmestellen es im Umfeld eines Einsatzorts bei einem Brandalarm gibt!

Zu beachten: Die OpenFireMap wird nur woechentlich am Dienstag aktualisiert. Von der Eintragung bis zur Anzeige im Kartenlayer kann also bis zu einer Woche vergehen.

Links ein alter VAG-Hydrant mit nur zwei C-Abgaengen und einem B-Abgang – ungewoehnliche Konstellation, die wir bei der Erhebung „Hutzelmaennchen“ genannt haben. Man beachte die Oeffnungsvorrichtung oben, die nicht einmal einen Sechskant fuer den Hydrantenschluessel Typ B hat. Rechts ein moderner VAG Nova Niro 365 mit zwei B-Abgaengen.

Die eigentliche Magie beginnt aber, wenn man die so hinterlegten Daten weiter direkt aus der Overpass-API auswertet, beispielsweise mit OverpassTurbo. Beispielsweise koennen wir uns alle Unterflurhydranten ausgeben lassen, fuer die wir angegeben haben, dass sie keinen angegebenen Leitungsdurchmesser haben – also das zugehoerige Hinweisschild fehlt:

node["emergency"="fire_hydrant"]["fire_hydrant:type"="underground"]["fire_hydrant:diameter:signed"="no"]({{bbox}});

Genauso koennen wir spaeter so alle Hydranten abfragen, als JSON exportieren und weiterverarbeiten – beispielsweise, um eine Kartei mit einer Karte pro Hydrant daraus zu erstellen. Oder aber auch, um die „besonderen“ Hydranten zu identifizieren, die beispielsweise nur zwei C-Abgaenge haben.

Und auch die Versorgung von Gebaeuden laesst sich dadurch auswerten. OSMHydrant bietet einen ersten Eindruck, indem man dort Umkreise um Hydranten zeichnen kann – das hilft schon fuer einen groben Ueberblick. In der Realitaet lassen sich Schlauchleitungen aber nicht in Luftlinie von einem Hydranten verlegen, sondern muessen Strassen folgen – und koennen z.B. auch nicht einfach eine Bahnlinie queren.

Wunderbar passend bloggte Supaplex030 genau zum Zeitpunkt der Erhebung, wie man solch eine Analyse auch mit dem freien GIS QGIS erstellen und dabei entlang von Strassenzuegen arbeiten kann. So laesst sich beispielsweise pruefen, welche Strecken beispielsweise mit einer oder zwei Einpersonenhaspeln oder dem Rollschlauchmaterial auf einem Loeschfahrzeug entlang kartierter Wege erschliessen lassen – und wo die Strecken zu weit dafuer sind. Ein Bonuslevel waere natuerlich die Verbindung mit einem Digitalen Hoehenmodell, wo eine Haspel nicht mehr so einfach bergauf gefahren werden kann – aber prinzipiell geht auch das 😉

Bonuslevel: Fotos machen!

Ein modernerer Erhard-Hydrant mit zwei B-Abgaengen, Modellserie nach 1996

Was in so einer Karte dann aber noch fehlen wuerde, ist das Umfeldfoto, wie es in der frueheren, mit Word erstellten Kartei zu finden waere. Das koennen wir aber beheben!

Wir haben beim Einmessen auch Fotos eines jeden Hydranten mit der Hauskamera aus dem Technikpool des temporaerhaus gemacht und auf Wikimedia Commons in die Kategorie Fire hydrants in Altenstadt (Iller) geladen, die ich dafuer angelegt hatte. In der OpenStreetMap lassen sich solche Fotos ueber Photo Linking mit Objekten verknuepfen. Hier habe ich jedem Hydranten ueber den Tag wikimedia_commons die jeweilige Datei zugeordnet, z.B. File:2025 Altenstadt (Iller) Hydrant Memminger Straße 54.jpg

Hydranten, die zwar schon vermessen, aber noch nicht mit einem Foto versehen sind, lassen sich natuerlich auch einfach mit Overpass Turbo abfragen – man muss die Suche lediglich erweitern, dass kein wikimedia_commons-Tag vorhanden ist:

node["emergency"="fire_hydrant"][!"wikimedia_commons"]({{bbox}});

Spaeter lassen sich diese Fotos so extrahieren und weiterverwenden. Sowohl Hydranten als auch Gebaeuden liesse sich auch ein URL zu Panoramax zuordnen, einer Freien Alternative zu Google StreetView – damit liesse sich noch mehr Kontext herstellen, aber auch die direkte Ansicht einer Adresse vom Strassenniveau aus waere auf dem Einsatzmonitor moeglich, wenn ein Alarm eingeht!

Und jetzt… verlinkt?

Schon mit diesem Informationsbestand ist deutlich mehr moeglich, als das in den bisherigen Hydrantenkartierungen meiner Feuerwehr der Fall war:

  1. Die Koordinaten sind – vor allem durch die RTK-Vermessung – viel praeziser
  2. Wir haben Metadaten zu den Schildern (oder ihrer Abwesenheit), dem Nenndurchmesser der Zuleitung (sofern erfassbar), den Abgangsgroessen und vielem mehr
  3. Wir koennen diese Informationen automatisiert weiterverarbeiten
  4. Auswaertige Kraefte koennen ohne weiteres auf diesen Bestand in OSM zugreifen
  5. und auch andere MapperInnen koennen dazu beitragen, den Bestand zu verbessern, falls z.B. irgendwo ein Hydrant errichtet wurde, den wir gar nicht auf dem Schirm hatten!

Ein typischer Einwand koennte hier sein, dass ja der Datenbestand in der OSM jederzeit boeswillig veraendert werden koennte. Das ist prinzipiell richtig. In der Realitaet kommt das aber beruhigend selten vor. Dennoch koennte es sinnvoll sein, einen eigenen, geprueften Informationsbestand vorzuhalten – der auch Annotationen haben koennte, die in OSM nicht so gedacht sind.

Ein „Tele-Hydrant“ von Hawle. Der telefoniert nicht etwa, sondern er kommt ohne Standrohr aus: Ein Rohr mit zwei B-Abgängen lässt sich einfach herausziehen.

Man koennte beispielsweise all die eingetragenen und geprueften Koordinaten fuer sich vorhalten und periodisch mit OSM vergleichen: Kam etwas hinzu, wurde etwas veraendert, muss ich das pruefen, um meinen Informationsbestand valide zu halten? Was hierfuer in meiner Gemeinde fehlt, ist eben der ref-Identifier, den OSM hier eigentlich vorsieht. Weder die Hydrantenschilder noch die Hydranten selbst haben irgendwo eine ID angegeben, mit der man den Hydranten identifizieren koennte. Zu pruefen waere hier, ob es irgendwo tatsaechlich eine offizielle Nummer gibt, die man „nur“ anbringen und dann einpflegen muesste.

Man koennte hier natuerlich Wikidata missbrauchen, alle Hydranten dort als Datenobjekte anlegen und das als Identifier nutzen – das hielte ich aber schon fast fuer eine Zweckentfremdung des Projekts. Eine eigene Wikibase-Instanz fuer die Feuerwehr, um den bestaetigten Stand festzuhalten, faende ich… lustig! Das ordne ich mal unter „Seitenprojekt des Seitenprojekts“ ein, wenn mir mal langweilig sein sollte 😀

Spannend finde ich zuletzt aber, dass die gewachsene Cottage Industry rund um „Datenverwaltung in Feuerwehren“ eine sehr unterschiedliche Haltung zu so einer Verlinkung faehrt. Einzelne Softwaresysteme erlauben wohl eine Verbindung zu OSM, andere scheinen darauf zu setzen, dass man z.B. Hydranten rein in ihrem Oekosystem pflegt, auf dass man z.B. eine Tablet-Version ihrer Software kauft, die die Anzeige dieser Daten ermoeglicht. Das Charmante am OSM-Mapping finde ich, dass man damit zumindest nach aussen jegliche dieser Lock-Ins aufbricht: Egal woher eine ueberoertliche Unterstuetzung kommt und welche Systeme sie verwendet: Wenn sie OSM auswerten kann, bekommt sie zumindest die grundlegenden, wichtigen Informationen.

Und das zeigt fuer mich wieder einmal: Die ganzen Loesungen, die auf Vermarktung und Verwirtschaftlichung ausgerichtet sind, machen das Ergebnis meist eher nur shitty. Die Erfassung aller Hydranten in einer – zugegeben, im Kernort nur um die 4000 BewohnerInnen starken – Kommune hat mich einen Mittwochabend und einen Sonntagnachmittag gekostet. Eine Befahrung fuer Panoramax waere an einem weiteren entspannten Nachmittag moeglich und haengt gerade nur daran, dass die 360°-Kamera des temporaerhaus wegen eines Defekts die letzten Wochen ausgefallen war. Wenn wir nur allen Menschen mehr Freizeit ermoeglichen wuerden, waere so viel Cooleres, Besseres moeglich. Und ganz nebenher kann man dabei lernen, verschiedene Hydrantenhersteller auf einen Blick zu erkennen und etwas ueber das Hydrantenkartell zu lernen 😀

Wetterstation im Rathauspark Wien: Turmfoermig mit einem umlaufenden Dach, unter dem Dach drei runde Messinstrumente fuer Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit

Smart-City-Bullshit: Messen, dass es heiss ist, ohne Aussicht auf Besserung

Titelbild: Gugerell, Wien 01 Rathauspark db, CC0 1.0

Es ist Mittwoch Abend, ich sitze nach einem wahren Backofentag am offenen Fenster, und draussen hat es immer noch ueber 30 Grad. Parallel titelt der Standard, dass die Revitalisierungs- und Begruenungsmassnahmen in Paris einen fuehl- und auch messbaren Unterschied ausmachen: In den Quartieren, wo aus Parkplaetzen Baumpflanzungen gemacht wurden, „Gartenstrassen“ entstanden, Fassaden und Daecher begruent wurden, liegt die Temperatur um 1 bis 4 Grad unter den Temperaturen in den Quartieren, wo das noch nicht geschehen ist.

Waehrenddessen glueht draussen (metaphorisch!) der Asphalt. Was noch mehr glueht ist meine Abneigung und Verachtung gegen Smart-City-Bullshit, und die Situation heute ist wieder mal ein Anlass, zu erzaehlen, warum.

Ich bin immer noch der Ueberzeugung, dass kaum ein Foerderprojekt mehr langfristigen Flurschaden fuer Digitalisierung, aber auch fuer Beteiligung angerichtet hat als die „Modellprojekte Smart Cities“. Das kann man an vielen Beobachtungen festmachen, aber geradezu frappierend ist der Umgang der „Smart Cities“ mit Klimawandel und städtischer Hitze.

Irgendetwas mit Hitze und Hitzeplan und Hitzeinseln zu machen ist tatsaechlich so etwas wie ein Pattern in Smart-City-Vorhaben, mit eigenem Artikel beim „Smart City Dialog“. Muenster, Dortmund, Dresden, Solingen, (natuerlich auch) Ulm und viele weitere Staedte haben irgendwelche Klimasensorik ausgebracht. Dagegen waere eigentlich auch gar nichts einzuwenden, wenn das ganz klassisch ein Vorhaben einer BuergerInnen-Bewegung waere, die mit solider Datenbasis dem nicht-handelnden Staat in den Hintern treten und ihn dazu bewegen wollte, endlich einmal das Richtige und Gebotene zu tun.

Aber, das ist ja der Punkt: Wer hier misst ist die Verwaltung, ist der Staat selbst. Und wozu? Die Bevoelkerung und vulnerable Gruppen sollen fruehzeitig vor zu erwartender starker Hitze gewarnt werden koennen. Man wolle Hitzeinseln identifizieren. Die Messungen sollen irgendwie analysiert werden, hier und dort wird (natuerlich) „KI“ erwaehnt, irgendwas soll dann in einen „Hitzeplan“ einfliessen, und natuerlich gibts Dashboards und Apps. Am Ende soll dann irgendwie evidenzbasiert entschieden werden, wie mit Hitze weiter verfahren werden soll.

Was dann natuerlich sofort die Frage aufwirft, warum man denn nicht laengst bekannter Evidenz folgt und, sagen wir mal, verdammt nochmal grossraeumig Flaechen entsiegelt und die Stadt begruent, ihr verdammten Smart-Shity-Powerpoint-Kackbratzen. Die geforderte Evidenz faende man z.B. in Santamouris (2004), dass man Daecher begruenen koennte, oder Bernatzky (1982!), dass ein kleiner staedtischer Park die Temperatur um 3–3,5°C senkt.

Wo sind also nun die Ergebnisse? Was ist in der Zwischenzeit „evidenzbasiert“ passiert? Sind denn mehr Baeume gepflanzt, Fassaden und Daecher begruent worden durch die „smarte“ Messung? Oder wenigstens gezielter? Oder sind die ganzen Sensornetzwerke nur das moderne Gegenstueck zur klassischen Outdoor-Wetterstation beim Optiker an der Wand oder an irgendeiner oeffentlichen Saeule, wo man nun nicht mehr nur draufschauen und sagen kann „tatsaechlich, es ist echt heiss!“, sondern das geht auch vom Smartphone aus? Und „vulnerable Gruppen“ bekommen dann eine Push-Notification „servus, du kannst draussen fei grad nicht ueberleben, bleib lieber drin“ und das war’s?

Ich mag den Begriff „un-formation gathering“ fuer dieses Muster – in dem Artikel auf „KI“ gemuenzt, aber 1:1 passend fuer Smart-City-Uebersprungshandlungen:

Many […] applications promise to generate new insights, may it be regarding forest health, biodiversity indicators or crop quality. Yet, in most cases of possible protective climate or biodiversity action we as humanity already have sufficient scientific actionable insight. Getting more information is never bad, but the grave implications of AI use might not justify mere theoretical curiosity. Such research could even have a delaying effect, if decision-makers use it to wait for more detailed but practically meaningless results. I call these kinds of results, i.e. the information produced by an obsessive focus on getting more data – without taking action on the sufficient knowledge already available – unformation, which must be called out and prevented, especially when used as pretext for inaction.

Es ist natuerlich einfacher, Mehrheiten fuer den Rollout irgendwelcher „smarter“ Sensorik zu gewinnen als fuer harte Fragen, z.B. welche Parkplaetze wegfallen sollen. Und perfiderweise nimmt man gleichzeitig einer widerstaendigen Zivilgesellschaft den Wind aus den Segeln: Anstatt dass diese selbstbestimmt(!) Zahlen, Daten und Fakten zu den Auswirkungen ueberhitzender Staedte sammelt und endlich Taten einfordert, wird sie durch „Beteiligung“ zu Tode umarmt, denn sie macht ja beim staatlichen Projekt mit und gibt ihm den Anschein zivilgesellschaftlicher Legitimation.

Und andersherum wird auch nicht eine konkrete Massnahme durch Messungen begleitet, um spaeter nachweisen zu koennen: Wir haben Dinge getan, und jetzt koennen wir auch durch Messungen nachweisen, wie die Wirkung aussieht. Das waere ja auch fein. Aber es wird gemessen, anstatt die konkreten wirksamen Massnahmen anzugehen. Auch nicht spaeter, nach einer initialen Messung der Ausgangslage. Es gibt nur ein diffuses Versprechen, dass irgendwann, irgendwas passieren koennte.

Wie im Artikel zu „un-formation gathering“ beschrieben: Es wird Zeit, solche Uebersprungshandlungen zu benennen und stets nachzubohren, welche der laengst als wirksam bekannten Massnahmen denn nun in Folge stattgefunden haben. Es nicht durchgehen zu lassen, dass die Smart-Shitty-Abteilung die Haende in Unschuld waescht, weil „sie sammelt ja nur Daten“ und fuer die Umsetzung seien andere zustaendig.

Menschen, die auf Rankings starren

Jetzt hab ich aus Anlass nochmal die Bewertungskriterien des Bitkom-Smart-City-Index genauer angesehen, und das sagt eventuell viel mehr über den Bitkom aus als über die ausgewürfelte Rankingliste 😀

Seit letztem Herbst schwanke ich zwischen „ich sollte unbedingt endlich mal was zum Bitkom-Smart-City-Index schreiben“ und „das ist doch eigentlich offensichtlich und macht gar keinen Spass“. Jetzt gab es aber ein Update des Rankings, das herumgereicht wird, und das nehme ich jetzt einfach mal zum Anlass, auszusprechen:

  1. Der Bitkom-Smart-City-Index ist methodisch schwach
  2. die Rangfolge der Staedte darin hat kaum Aussagekraft
  3. als Indikator taugt er eigentlich nur, um vor den Leuten zu warnen, die ihn fuer bare Muenze halten.

Im besten Fall kann man ihn verwenden, um (bei einem genuegend schlechten Abschneiden) mehr Umsetzung vor Ort zu fordern – im schlimmsten Fall lenkt er (wie so vieles in dem Bereich) von den eigentlichen Baustellen ab. Dazu leidet er unter dem (typischen) Dashboard-Problem, dass er dazu verleitet, rein auf die Indikatoren hin zu optimieren, damit das Ranking besser wird. Da Ranking und tatsaechliche Problemloesung aber wenig miteinander zu tun haben, ist das im besten Fall nur schaedlich.

Was ist das ueberhaupt

Der sogenannte „Index“ wird seit 2019 vom Branchenverband Bitkom herausgegeben und soll nach eigenen Angaben „alle deutschen Großstädte in Punkto Digitalisierung“ vermessen. Im Bericht von 2019 wird einleitend ein Kapitel „Methodik“ vorgestellt, das die Bewertungskriterien etwas genauer erklaert als der Bericht von 2020.
Auffallend ist dabei:

  1. wie oberflaechlich die gewaehlten Kriterien sind
  2. dass sich die Kriterien teilweise ueber die Erhebungsjahre hinweg aendern und nicht direkt nachvollziehbar ist, ob sich eine veraenderte Einstufung in einer Kategorie auf eine tatsaechliche Veraenderung vor Ort zurueckfuehren laesst oder die Kriterienaenderung selbst
  3. dass die Zusammenhaenge einer strategischen, strukturellen Integration von Digitalisierungsmassnahmen sich kaum im Index wiederfinden

So ist die Bezahlung per Karte oder e-Payment bei Behoerdengaengen eine eigene Kategorie, nicht aber die Integration in Online-Verfahren. Generell scheint das gesamte Thema OZG und vor allem die dafuer notwendige Tiefenintegration der erforderlichen Massnahmen keinerlei relevante Rolle zu spielen: Nicht nur die Bezahldienste stehen komplett losgeloest von moeglichen Onlinedienstleistungen da, auch die Online-Terminvergabe fuer notwendige Amtstermine luemmelt im Methodenkapitel unmotiviert zwischen den Stuehlen. Weniger als 10 der 575 OZG-Leistungen spielen eine Rolle fuer den Index. Es wird dabei nicht erklaert, warum es gerade diese sind. Theoretisch koennte eine Kommune hunderte OZG-Dienstleistungen im hoechsten Reifegrad anbieten und trotzdem schlecht abschneiden, wenn es eben nicht gerade die ausgewaehlten sind.

Gleichzeitig ist eine ganze Reihe der Indikatoren Hype-getrieben. Wer Chatbots zum gaehnen findet, nicht der Show wegen automatisierte Fahrzeuge im ÖV (de facto wohl eher auf abgesperrten Teststrecken) testet, oder den Nutzen eines „Smart City Dashboard“ in Frage stellt (was zur Hoelle auch immer das konkret sein soll), bekommt im Ranking weniger Punkte. Ob das ein Indiz fuer Nicht-Smart-heit ist, oder ob es einfach eine solide Einschaetzung ist, welche Sau man nicht durchs Dorf mitreiten will, kann man sich dabei selber ueberlegen. Nur wer auf der Sau sitzt, kann aber auf eine Spitzenposition hoffen – und die pauschale Zusammenfassung der Bereichspunktzahlen macht es fuer Dritte praktisch unmoeglich, nachzuvollziehen, welche fehlenden Punkte jetzt dem Verzicht auf den Hype geschuldet sind.

Wirklich seltsam wird es aber, wenn man sich die Bewertungen einzelner Staedte in den Kategorien genauer betrachtet, die man selber zu bewerten in der Lage ist. Im Bereich „City-App“ bekommt die Stadt Ulm beispielsweise 66,67 von 100 moeglichen Punkten, und ich habe keine Ahnung, warum – die App ist nun bald 10 Jahre alt, was man recht deutlich sieht. Viel spannender faende ich ja an der Stelle als Indikatoren fuer eine „smarte“ Stadt, wie viele der dort gesammelten Informationen auch als Open Data ueber standardisierte Schnittstellen verfuegbar sind, aber naja. Wie viel die 66,67% fuer die City-App jetzt fuer die Gesamtwertung des Bereichs Verwaltung ausmachen, konnte ich indes nicht nachvollziehen – die Gesamtwertung scheint noch irgendwie gewichtet zu sein und ist nicht der Durchschnitt der Einzelwerte. Auch die Gewichtung selbst und die Begruendung dafuer sind nicht transparent nachvollziehbar. Ich hatte mir beispielhaft die bewerteten Teile hoch gerankter Staedte angesehen um die Bewertung nachvollziehen zu koennen, und habe z.B. bei der Stadt Aachen eine, hm, witzige Website gefunden, die kein TLS macht und OSM-Kartentiles von Wikimedia einbindet. Welche Rolle das fuer das Abschneiden hat, ist nicht klar.

Ich haette im Bereich Verwaltung auch gerne im Detail gesehen, wie die Maengelmelder bewertet werden, und wie ueberhaupt dieser Bereich bewertet werden soll. Geht es um bruchfreie Prozesse bis zu den ausfuehrenden Stellen? Sollen moeglichst alle gemeldeten Maengel schnell auf gruen/erledigt geschaltet werden (selbst wenn die zugrunde liegenden gemeldeten Maengel gar nicht erledigt sind)? Allein an diesem Beispiel zeigt sich schnell, wie tief man eigentlich in die Thematik eintauchen muesste, um ueberhaupt ein halbwegs realitaetsnahes Bild des tatsaechlichen notwendigen strukturellen Unterbaus als auch nur annaehernden Indikator fuer „Smartness“ zeichnen zu koennen. Ich habe ernsthafte Zweifel, dass der hierfuer notwendige Aufwand in die Erstellung des Index fliesst. Vielfach scheint hier auf ein freiwilliges Selbst-Reporting der Staedte gesetzt worden zu sein, was eher ein Indiz fuer gute Oeffentlichkeitsarbeit waere.

Im Bereich „IT und Kommunikation“ kommen wir zu einem immer wiederkehrenden Thema der Erhebung: Arbitraere Bewertungsschwellen, und nichtssagende Faktoren. „Public WLAN“ wird in die drei Bereiche Abdeckung, Verfuegbarkeit (hier ist unklar, ob in Abgrenzung zur Abdeckung z.B. ein Servicelevel gemeint ist) und „Begrenzung“ eingeteilt, wobei bei letzterem nicht aus dem Bericht hervorgeht, was genau damit gemeint ist. Vermutlich scheint aber eine Datenraten- oder Zeitlimitierung gemeint zu sein, denn wenn man sich die erhobenen Staedte betrachtet, bekommen reihenweise Staedte Top-Scores, die auch 2020 immer noch ohne Not vorgeschaltete Captive Portals fuer ihr Public WLAN betreiben. Meines Erachtens ist ein CaPo (bzw. wann es endlich abgeschafft wurde) derweil ein hervorragender Negativindikator fuer Leistungs- und Modernisierungsfaehigkeit. Witziges Kriterium waere z.B. auch, in welcher Frist man wenn man wollte einen Dienst wie eduroam ausgerollt bekaeme. Oder wie gut die dahinterliegende Infrastruktur skaliert. Aber auch hierfuer ist die gewaehlte Erhebung viel zu oberflaechlich.

Bei IoT-Netzwerken sieht die Bewertung aehnlich ausgewuerfelt aus. Hier haben sich 2019 zu 2020 offenbar auch die Kriterien geaendert: 2019 waren es die Anzahl der LoRaWAN-Gateways pro km² und ob es eine offizielle TTN-Community gibt. 2020 stehen „LoRaWAN (Gateways, offizielle Community)“ und „Narrowband IoT“ als Kriterien in der Liste. Fuer 2019 habe ich nicht einmal eine detaillierte Auflistung der gewerteten Punkte gefunden, hier gibt es im offiziellen Bericht nur eine Sammel-Punktzahl pro Bereich. Allein die Existenz einer oertlichen TTN-Community heisst aber nicht, dass es vor Ort einen intensiven Austausch mit z.B. der Stadt oder der Wirtschaft gibt. Es soll oertliche TTN-Communities geben, die sich intensiv ueberregional vernetzen, und wo man dennoch die oertliche Wirtschaft regelmaessig zum Jagen tragen muss, wenn es um die praktische Umsetzung von IoT jenseits von Buzzwords geht. Und dafuer, ob es vor Ort NB-IoT gibt, kann eine Stadt herzlich wenig – und wieso sollte sie auch, wenn es ein gutes freies LoRaWAN vor Ort gibt, das allen Menschen zur Verfuegung steht?

Damit sind wir dann auch bei der Reihe weiterer Faktoren, fuer die eine Stadt wenig kann und die noch absurder wirken. So wird die reine Existenz privatwirtschaftlicher Bike- oder Scooter-Sharing-Dienste in der Stadt bepunktet. Viel viel spannender waere hier, ob und wie die Staedte hier die Integration der Dienste in intermodale Auskuenfte als Open Data sicherstellen (wird nicht bepunktet, es gibt nur den Abschnitt „intermodale App“, auch wenn das die 181. Closed-Source-Wollmilchsau-App ohne jegliche Interoperabilitaet sein soll) oder ob sie die Statistikdaten gemaess MDS bekommen und auswerten (nirgendwo als Kriterium zu finden). Das waeren wirkliche Indikatoren fuer die Apdation datengetriebener Methodik. Aber nein, es reicht offenbar, einen Smart-Parking-Dienst irgendwo zu kaufen, um „Smart“ zu sein.
Dieser Tenor setzt sich auch im Abschnitt „Gesellschaft“ fort. Allein die Existenz eines CCC-Erfa, Code-for-Germany-Labs oder einer GI-Ortsgruppe(?) werden bepunktet. Es ist dabei egal, ob und wie Stadt und diese Zivilorganisationen miteinander interagieren – wer einen Erfa hat, bekommt Punkte. Ich fuehle mich auch hin- und hergerissen, ob ich mich ueber das Indikator-Kriterium „Existenz eines CfG-Labs“ freuen soll. Einerseits ist es schoen, dass dieses Engagement hier als wichtig hervorgehoben werden soll. Andererseits gilt genauso der Punkt dass die Interaktion zwischen Verwaltung und CfG der ausschlaggebende Punkt ist; und zudem gibt es auch Organisationsformen ausserhalb von CfG, die aequivalent wirken koennen. Die wesentlichen Grundsteine im Austausch zwischen Stadt und unserer Open-Data-Truppe wurden zwischen 2010 und 2014 gelegt – also noch bevor es CfG gab. Aus genau dieser Zeit stammt denn auch noch das Open-Data-Portal der Stadt Ulm, auf dem auch seit Jahren kaum viel mehr an Daten gelandet ist, und das muehsam haendisch gefuettert wird, anstatt automatisch – dem Bitkom reicht das fuer 90 von 100 Punkten, und wer mir erklaeren kann, warum, bekommt ein Eis von mir.

Es ist eigentlich muessig, weiter ueber dieses „Ranking“ zu schreiben, und es macht mir auch maessig Spass, weil die komplette Methodik intransparent und praktisch ueberhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Die wirkliche Aussagekraft des Rankings erschliesst sich mir ueberhaupt nicht. Es handelt sich praktisch durchgehend allenfalls um Indizien, die Grundlage einer genaueren Beschaeftigung der tatsaechlichen Umsetzung in den jeweiligen Staedten sein koennten. Diese zu „Indikatoren“ hochzustilisieren halte ich fuer unlauter, und Staedte auf Basis solch einer kruden und teilweise ausgewuerfelt wirkenden Bewertung in eine Rangliste einzugruppieren macht die Liste faktisch wertlos. Wir sollten ihr eigentlich keine Bedeutung beimessen. Insofern liefert sie aber letztlich dann doch fatale Indikatoren: Wie viele Entscheider:innen und auch Journalist:innen solch einen „Index“ gar nicht fachlich zu bewerten in der Lage zu sein scheinen und ihn fuer bare Muenze nehmen. Schade drum.

Bits und Baeume 2018

Ich fahre gerade (wegen koerperlicher Angeschlagenheit und des weiten Weges etwas verfrueht) von der Bits-und-Baeume-Konferenz aus Berlin zurueck nach Ulm, und wollte noch ein paar der Gespraeche und Gedanken festhalten, die wir in den letzten 48h hatten.

@bits_und_baeume@mastodon.bits-und-baeume.org

@bitsundbaeume

Zusammenfassung von #bitsundbaeume? 😀 Gerade diese Zeichnung im Helfer*innenraum entdeckt pic.x.com/agtjrvm12g


Die Idee der Konferenz war, die jeweiligen Bubbles aus $irgendwas_mit_Digitalisierung und $Nachhaltigkeit zusammenzuwerfen – um die Ueberschneidungen beider Themenfelder aufzuzeigen und die Menschen zusammenzubringen. Ich war offen gestanden anfangs etwas skeptisch, ob es das jetzt wirklich braucht. Nach dem Wochenende kann ich aber ganz im Gegenteil sagen: Das braucht es.

Die Veranstaltung besetzt eine Luecke, die von anderen Konferenzen und Congressen bislang eher maessig ausgefuellt wird. Ich fand es immer wieder schoen, eben nicht zum zehnten Mal dasselbe zu hoeren, sondern deutlich andere Stimmen, die den eigenen Horizont erweitern und zum Nachdenken anregen. Kam ich mir in den letzten Monaten auf anderen Veranstaltungen haeufig wie so ein Mini-Moechtegern-Extremist vor, der den Technozentrismus in der Smart-City-Diskussion infrage stellt und nach der gesellschaftlichen Rolle der technischen Loesungen fragt, fuehlte ich mich dort wie ein Digitale-Werkzeuge-Apologet, der immer wieder ins Achtung gestellt wurde. Weil die grundsaetzlichen Fragen noch viel weiter draussen sind, und ich in letzter Zeit auf ganz anderen Diskussionsebenen unterwegs war.

Das tat enorm gut.

Wir sprachen heute mittag auch ueber die Atmosphaere in den schick umdekorierten Hallen der TU: Die war ruhig, entspannt, unpraetentioes – und vor allem offenbar vollkommen trollfrei. Das tat auch gut. Vielleicht liegt’s am ausschliesslich veganen Essen, wer weiss :>

Ich konnte nur einen Bruchteil der Sessions live oder durch Erzaehlungen miterleben, das VOC hat aber wieder einmal grossartige Arbeit geleistet und die Vortraege Minuten nach Abschluss der Zeitslots ins Netz gestellt. Bislang kann ich Bits und Raeume hervorheben, und die Podiumsdiskussion „mit Digitalisierung zur Verkehrswende“, in der mal eben die Zerschlagung von VW gefordert wurde. Leon Kaiser brachte ausserdem in seinem Beitrag im Pecha-Kucha-Format Sporangium einen soliden Achtminueter ueber die De-Bullshitifizierung der Blockchain (Direktlink). Den Rest muss ich erst alles noch selber erst einmal nachsehen 😀

(Exkurs: Am Ende des Sporangium ertoente auf einmal naeherkommender Gesang aus den Hallen, was das Publikum immer ratloser machte – das stellte sich als das Berliner Heimatjodelduo Esels Albtraum heraus, die spaeter auch noch Stuecke wie den Bullenjodler im Lichthof auffuehrten :D)

Ich war selber auch eingeladen worden, zusammen mit Eva Blum-Dumontet (Privacy International) und Sybille Bauriedl (Europa-Universitaet Flensburg) „Reclaim the Smart City“ zu fordern und anschliessend auf dem Panel zu diskutieren. Ich sag mal so: Das hat geerdet. Ich habe die ganze Geschichte, was wir da in Ulm eigentlich mit der gar-nicht-so-smarten-City machen (und die ich jetzt seit zweieinhalb Jahren immer noch nicht hier niedergeschrieben habe), in den letzten Monaten fast immer nur anderen Kommunalmenschen oder gar Geschaeftsleuten erzaehlt, die selber gerne irgendwas mit Smart City machen wuerden. Das hat meine Koordinaten offenbar ganz ordentlich verschoben, und beim auszugsweisen Nachschauen dessen, was ich da gesagt habe, ist mir dieser offensichtliche engstirnige Verwaltungswicht ganz schoen peinlich.
Insofern danke v.A. an Sybille Bauriedl fuer die deutliche Zielrejustierung, worum’s eigentlich geht, und die kritischen Nachfragen aus dem Publikum. Und danke auch fuer das sehr direkte und offene Feedback nach dem Vortrag, dass sich mein Part im Vortrag sehr nach Selbstbeweihraeucherung angehoert habe. Ich muss diese Geschichte umbauen, die groesseren Ziele und auch viel mehr die vielen tollen Menschen in unserer lokalen Community in den Vordergrund stellen. Und ich muss wohl auch wieder haeufiger auf solche Veranstaltungen gehen, um mich vom Stadt-Alltag nicht allzusehr glattschleifen zu lassen.

Andersherum wuerde mich echt interessieren, ob die Rejustage auch bei anderen stattgefunden hat. Die „Facebook-Zerschlagen-Kampagne“ fuehlte sich ein wenig arg nach Hackerfolklore an. Datenschutz ist fuer die uebergeordneten Ziele halt ebensowenig Selbstzweck wie die Digitalisierung fuer die lebenswerte Stadt. Naja.

Es bleiben Dank und Glueckwunsch fuer ein gelungenes Konferenzformat, das fuer mich Anstoss zu viel Nach- und Weiterdenken war. Und ich bin gespannt, was aus den teilweise absurden Vernetzungsgelegenheitem am Rande noch wird 😉

PS: Es gab Baumkletterkurse! Mit Robin Wood! Wie geil ist das!

(hab mich nicht getraut. naja und ich hab den termin verschlafen)

Dystopien bauen

Ich durfte heute an einem Workshop zur Stadtentwicklung bei uns im Verschwoerhaus teilnehmen, und habe dabei eine fuer mich neue Methode kennengelernt, die ich unbedingt festhalten moechte – weil ich sie erfrischend anders fand und sie mir nach anfaenglicher Verwirrung geradezu diebische Freude bereitet hat.

Es ging – natuerlich – mal wieder um die Stadt der Zukunft, und die vom BBSR beauftragten Agenturen hatten vorher schon sogenannte Trendmolekuele entwickelt. Wenn ich das richtig verstanden habe, sind das Verkettungen einzelner Elemente, beispielsweise das Zusammenspiel von Civic Tech/„Open-Bewegung“, Kooperation von Verwaltung und BuergerInnen, Digitalem Ehrenamt, aber auch von Misstrauen gegenueber Eliten im Gesamtbild „Autoritaetsverlust der Eliten“. Klang ganz stimmig, teilweise ein wenig Buzzwordig, aber gut.

Wir sollten uns also Gedanken ueber eine Zukunftsstadt machen, z.B. eine wie Ulm, im Jahr 2050. Und das hier bekamen wir vorgesetzt (stichwortartiger Auszug):

Public Private Campus

  • Unistadt mit High-Tech-Unternehmen
  • Unternehmen investieren in Infrastruktur, erwarten dafuer ein unternehmensfreundliches Umfeld
  • oeffentliche Dienste sind quasi durchgehend obsolet oder privatisiert
  • Grenzen zwischen Verwaltung und Wirtschaft sind praktisch aufgeloest
  • Eigene Kryptowaehrung (natuerlich :D)
  • Viel Automatisierung, aber weniger qualifizierte Menschen bekommen auch ab und zu mal Jobs ab

Ich fragte mich ja erst, ob wir hier eigentlich verarscht werden sollen. Company Towns als Zielvision eines Gruppenprozesses? Inklusive Scrip als Kryptowaehrungsbullshit? Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Debatten? Wer hat denn da Lack gesoffen?!

Je mehr wir aber die Ideen umherwarfen, wie das Stadtquartier 2050 aussehen koennte (wir hatten den real existierenden Neuen Eselsberg als Beispiel), desto mehr kam ich in die Rolle hinein – und habe mit der Gruppe nach und nach quasi alles eingeworfen, was man so von Omni Consumer Products oder sonstiger dystopischer 1980er-Jahre-SciFi kennt. Die Quartiersbetriebsgesellschaft weist den fleissigen hochqualifizierten Beschaeftigten Wohnraum zu, haelt alles wunderbar sauber, organisiert sogar das verbliebene Ehrenamt mit (Wohlfuehlen durch soziales Engagement as a Service!), belohnt erwuenschtes Verhalten mit kostenlosem Netflix, etc. pp.

Im Nachgespraech waren wir Teilnehmende uns uneins, wie wir uns mit dem Format fuehlen sollten. Manche fanden das Szenario beklemmend und fragten nach dem Zweck, das so auszurichten. Ich hatte waehrend des Workshops immer wieder die ModeratorInnen deswegen geloechert, und an den richtigen Stellen ein Zwinkern als Antwort bekommen – und fand die Idee grandios. Denn: Der Hochglanz-Zukunftsvisionen gibt es ja nun wirklich schon genug. Egal ob das Le Corbusier war, oder die autogerechte Stadt, oder Grosswohnsiedlungen: Auf dem Papier sah das ja immer alles erstmal gut aus. Und bei den vorgestellten Szenarien konnte ich mir ganz problemlos vorstellen, dass die mal im Jahr 2000 mit einer Hochglanzbroschuere und grossen Erwartungen ihren Anfang gemacht haben koennten. Bevor sie eben nach und nach in so ein Huxley-Bilderbuchszenario abgedriftet sind.

Im Laufe des Nachgespraechs wurde dann auch allen klargemacht: Ja, genau das ist das Prinzip. Dinge so ueberspitzen, dass auch wirklich allen klar wird, dass diese Idee unerwuenschte Seiteneffekte haben wird – und welche Strukturen ursaechlich dafuer verantwortlich sein koennten. Eine Sensibilisierung fuer die Macht- und Strukturdynamiken, die man sonst bei der tollen Planstadt-Vision einfach ignoriert und 30 Jahre spaeter beissen sie einen in den Arsch. Ich fuehlte mich immer wieder auch an Towards a new Hacker Ethic erinnert, speziell die von Parrish postulierten neuen Leitfragen darin.

Ich wuerde das Konzept gerne mal im Kontext Smart City spielen. Und bin auch gespannt auf die Idee, diese Szenarien auch tatsaechlich in die Form eines Spiels zu giessen: StadtplanerInnen und IT-Buzzword-Ninjas sitzen im Pen-and-Paper-Rollenspielmodus zusammen und bekommen Quests nach dem Strickmuster „Der Lizenzvertrag fuer deine Cisco-Sensorinfrastruktur laeuft aus. Wuerfle fuer den Weiterfuehrungspreis“ gestellt 😉

 

PS: In unserer OCP-Stadt war nicht alle Hoffnung verloren. Ein moegliches Themenfeld war „Jugendhaus“, und ich habe einfach mal postuliert, dass das OCP-Jugendhaus von den nonkonformistischen Jugendlichen einfach links liegen gelassen wird – die sind naemlich auch 2050 so, wie Jugendliche schon immer waren: Sie finden scheisse, was ihre Eltern machen, schaffen sich ihre eigenen Freiraeume. Und eine kleine, aber wichtige Gruppe davon zieht nachts durch die Strassen, sabotiert mit umgebauten Mikrowellen die Quartiers-Sicherheitsinfrastruktur, laesst der Campuspolizei die Luft aus den Golfwagen und konsumiert illegalisierte Substanzen.

The kids will be alright.

Lieber Clever als Smart: Civic Tech fuer Menschen

Drei (plus x) Lese- und Ansehempfehlungen, die mir gestern nach und nach in den Twitterfeed gepurzelt sind und ebenfalls zur Frage passen, wie Civic Tech weitergesponnen werden kann.

Erstens das Boston Smart City Playbook, das schon gleich mit einem Kracher anfaengt:

The age of the “Smart City” is upon us!

It’s just that, we don’t really know what that means. Or, at least, not yet.

So far, every “Smart City” pilot project that we’ve undertaken here in Boston has ended with a glossy presentation, and a collective shrug. Nobody’s really known what to do next, or how the technology and data might lead to new or improved services.

Es folgt ein Rant ueber Vertriebsdrohnen von „Smart City“-Verkaufsbueros, eine Rueckbesinnung auf die Menschen, um die’s gehen soll, dass es nicht noch eine Plattform braucht (!!! zefix!!!), und dass im Zweifel eine „Clevere“ Stadt besser ist als eine „Smarte“: Mit einem Prototypen, einer intelligenten Strassenlaterne. Kleinen Spielplaetzen, die spaeter vielleicht hochskaliert werden, wenn sie sich bewaehren. Anstelle von Alles-oder-nichts-Megaprojekten.

Zweitens The Engine Room’s Advent Calendar mit einem Lesetipp fuer jeden Tag. Beispielsweise, dass „Startup-Kultur“ eine denkbar depperte Denkweise und Rahmenbedingung fuer gesellschaftsveraendernde Projekte ist. Dass „Innovation“ vollkommen ueberbewertet ist und „Wartung und Unterhalt“ eigentlich die wichtigeren Buzzwords sein sollten. Oder dass im Westen nach wie vor nicht-wohlhabende nicht-weisse Nicht-Akademikerinnen (hier: spezifisches Femininum) vergleichsweise wenig von Civic Tech haben.

Um Ausschluesse geht es – drittens – auch in Programming is Forgetting: Towards a New Hacker Ethic. Der etwas mehr als 20minuetige Vortrag (siehe oben) ist hier komplett transkribiert und lohnt sich zu lesen, gerne auch haeppchenweise. Am Beispiel einer Anekdote um die juengst mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichneten Margaret Hamilton zerlegt Allison Parrish Stueck fuer Stueck die „Hackerethik“, wie sie Steven Levy 1984 in seinem Buch “Hackers” dargestellt hatte. Nach einem Exkurs ueber soziale Kontexte stellt sie den urspruenglichen Lemmas jeweils eine Frage gegenueber. Und ich finde sie grossartig:

allison-parrish-programming-forgetting-26

(danke @lorz und @mjays fuer die Links. Ich weiss leider nicht mehr, von wem ich den Vortrag retweeted bekam.)