Es gibt keinen deutschen Obama

Jetzt auf einmal versucht man sich gegenseitig zu ueberbieten. Die SPD mit walhkampf09.de, die Union mit team2009.de. Die Parallelen zur erfolgreichen Barack-Obama-Kampagnenseite will mal wohl auch gar nicht leugnen.

Alle deutschen Kampagnenableger haben aber etwas gemeinsam: Sie kommen zu spaet, und sie funktionieren nicht. Oder, polemischer gesagt, sie sind allesamt scheisse.

Da wird ein bissel getwittert, aweng geyoutubt, und eine Facebook-Seite hat man auch. Aber alles sieht so halbherzig aus, als habe man eben gesehen, dass dieser Obama das doch auch so gemacht hat, und dann muesse das doch auch bei der SPCDU funktionieren. Dass das eben nicht so einfach geht, weiss man doch eigentlich spaetestens seit dem missglueckten „Yes we can“ von Hubertus Heil, oder?

Vom Zufall zum Internet-Underdog

Thorsten Schaefer-Guembel war der erste Politiker, der es bisher geschafft hat, „richtig“ im Internet zu mobilisieren. Und das, wenn man mal ganz ehrlich ist, vollkommen ohne Grund. Weiss irgendjemand aus dem Stegreif, fuer was TSG steht? Was ihn so besonders macht, wenn man einmal davon absieht, dass er im Vergleich zu Roland Koch das geringere Uebel ist?

Ich auch nicht.

Der komplette multimediale TSG-Wahlkampf konnte eigentlich nur im Kielwasser der Obamanie so funktionieren. Und geplant war sie ja schon gleich dreimal nicht, erst durch Achim Schaffrinna vom Design-Tagebuch und die Wiederentdeckung seines als Witz gedachten Logos wurde aus dem „Milchbubi, den man damals auf dem Pausenhof verhauen haette“ (Quelle nicht mehr auffindbar) ein Quasi-Spitzenkandidat, ein Internet-Underdog. Ueberzeugend ist anders — Carta geht einen Schritt weiter und vergleicht TSG eher mit Palin als mit Obama. Recht haben sie.

Wo bleibt der „richtige“ Multimediawahlkampf?

Jetzt koennte man meinen, mit einer ordentlichen Kampagne haette das sicher funktioniert, und die aktuelle Schwierigkeit liege ja auch darin, dass die zwei Regierungsparteien nicht einfach mal parallel zum Regierungsgeschaeft zwei Jahre emotionalen Wahlkampf wie in den USA fahren koennen.

Das Problem ist: Wer sollte diese Kampagne durchfuehren?

Im Vorfeld der bayerischen Kommunalwahlen trat man an mich heran, ob ich denn nicht einige der Kommunalpolitiker unterstuetzen koenne. Nein, wollte ich nicht, da die Zeit knapp und das Kampagnenbudget quasi nichtexistent war. Aber Tipps gab ich gerne: WordPress als CMS aufsetzen, die Kandidaten stellen sich darauf vor und kommentieren das aktuelle kommunale politische Geschehen.

Herausgekommen sind am Ende die furchtbarsten Flyer, die ich jemals gesehen habe, und eine im Wesentlichen komplett dysfunktionale Website a la Frontpage Express. Man hatte ja schliesslich eine „Designerin“ im Kandidatenteam.

Dieses Denken scheint sich komplett von der Kommunal- ueber die Kreis-, Bezirks- und Landespolitik bis zum Bund durchzuziehen. Transparente Politiker (in welcher Form auch immer) sind die Ausnahme. Und damit beginnt die eigentliche Crux.

The medium is not the message

Ein multimedialer Wahlkampf gleich welcher Art ist immer nur der Nachrichtenkanal. Man stelle sich vor, auf die obamanatische Tour haette man in den USA einen Politiker vom Kaliber Kurt Beck beworben. Um Himmels Willen. Damit solch ein Wahlkampf funktioniert, bedarf es eines Hoffnungstraegers, eines glaubwuerdigen, vertrauenswuerdigen und charismatischen Kandidaten, dem man zutraut, etwas zu veraendern — change —, dem man Glauben schenken kann — we can believe in —, der einen hoffen laesst, endlich einmal einen Politiker vor sich zu haben, der nicht opportunistisch der Parteimeinung hinterherlaeuft — hope —.

Aus dem Stegreif wuerde mir bei all diesen Kriterien hoechstens der Stroebele einfallen. Der Rest? Die Wahlkreise Ulm und Neu-Ulm werden von Ekin Deligoez (Gruene), Hilde Mattheis (SPD), Dr. Georg Nuesslein (CSU) und Annette Schavan (CDU) vertreten. Von Frau Schavan habe ich auf Anfragen grundsaetzlich nie eine Antwort bekommen. Hilde Mattheis war im September 07 noch vollkommen gegen Onlinedurchsuchungen, stimmte aber letztendlich fuer genau dieselben Durchsuchungen im BKA-Gesetz — Begruendung schwammig. Dr. Georg Nuesslein haelt gerne lange Reden, in denen er viel spricht und wenig sagt, er will keine Anfragen auf abgeordnetenwatch beantworten und bedankt sich „fuer Ihre E-Mail“, wenn ich ihm einen Brief schreibe. Bleibt allein Frau Deligoez, aber die Gruenen sind ja auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Diese Profillosigkeit, das staendige Hin- und Herschwenken, Opportunismus und Eigennutz sind es letztendlich, die einen Obama-Wahlkampf in der Bundesrepublik vollkommen aussichtslos machen. Und das traurige ist, dass das nicht besser wird, wie Klaus Jarchow auf medienlese.com so sehr lesenswert eroertert hat: In Deutschland wird nicht derjenige zum Bundeskanzlerkandidaten, der revolutionaere Ideen hat und die Massen begeistern kann, sondern jemand, der die Ochsentour an allen moeglichen Parteifunktionaeren vorbei nach oben geschafft hat.

Das ist meines Erachtens gar nicht mal so gut fuer die Demokratie.

10 Gedanken zu „Es gibt keinen deutschen Obama

  1. Pascal

    Wenn du Hans-Christian Ströbele von den Grünen meinst dann geb ich dir zwar Recht, insofern dass er ein guter Politiker ist, mit seinen 70 Jahren taugt der aber als Hoffnungsträger auch nur bedingt.

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  2. stk Beitragsautor

    …was es nicht einfacher macht.

    Ich merke gerade, dass ich mich mal wieder in Rage geschrieben hatte, was der Message aweng abtraeglich ist, die da waere: Es ist doch letztenendes scheissegal, dass die Kampagnen allesamt abgekupfert, zu spaet, zu halbherzig und zu droege sind — es gibt einfach keinen passenden Kandidaten, den man derart auch pushen koennte. Ich hoffe also, dir doch keinen Herzinfarkt bereitet zu haben ;->

    In der Gesamtheit ist das ebenso desillusionierend wie die Tatsache, dass es einer Spasspartei wie der FDP bedarf, um CDU/CSU zurueck in die Schranken des Rechtsstaats zu verweisen.

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  3. marcus

    Hi,

    du hast geschrieben:

    „[…] sondern jemand, der die Ochsentour an allen moeglichen Parteifunktionaeren vorbei nach oben geschafft hat. Das ist meines Erachtens gar nicht mal so gut fuer die Demokratie.“

    Wieso ist das deines Erachtens nicht so gut für die Demokratie?

    Gruß Marcus

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  4. stk Beitragsautor

    @Marcus: Siehe den von mir verlinkten Medienlese-Artikel. Shooting-Stars, die durch Inhalte begeistern, gibt es quasi nicht — weil sie erst einmal an der bestehenden Parteiobrigkeit vorbei muessen, und dabei verlieren sie leider zu oft ihr Profil. Uebrig bleibt im Auge des Betrachters derselbe alte Parteienkluengel.

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  5. marcus

    Hmm… Also ich kann dem so nicht unbedingt zustimmen. Ich merks doch schon im kleinen an der SL dass man nicht einfach populistische Wünsche verfolgn kann sondern sich immer viel Gedanken um Umsetzung und Konsequenzen und leider auch um Bürokratie machen muss.

    Klar sollen die Leute ihr Profil behalten und sicherlich kann man auch hier — oder sollte zumindest auch hier mit Inhalten glänzen. Trotzdem bin ich der Meinung dass insbesondere die Leute die „diese Ochsentour“ mitmachen und danach noch was zu bieten haben die wirklich guten und interessanten Kandidaten sind. Denn was nützt uns jemand mit Illusionen der diese „Ochsentour“ nicht hat machen müssen und zur Strafe dann im Amt des Bundeskanzlers oder was weiß ich auf die Schnauze fällt? Die Obama-Vision halte ich für sehr einfälltig und insbesondere für Wunschdenken. Es ist eine fahrlässige Vereinfachung zu glauben dass man mit Charisma alles richten könnte.

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  6. stk Beitragsautor

    Moment. Der Weg in die StuVe und auch in die SL ist vergleichsweise laecherlich flach. Hier muessen keine fuenf Stufen durchlaufen werden, um an der „Spitze“ der studentischen Mitverwaltung zu sitzen. Frag mal jemanden, der es zu einem Posten im Kreis- oder Landtag geschafft hat.

    Was Charisma und Co. angeht, liest du Dinge in meinen Beitrag, die ich nicht geschrieben habe.

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  7. marcus

    Also den Vergleich mit der SL hab ich so ja explizit auch nicht angestellt. Ich meinte bloß dass selbst bei der nicht vergleichbaren SL Sache Populismus nicht drin ist — aber genau dass erscheint mir die Alternative zu sein: Ochsentour oder Populismus, beides hat seine Vor und Nachteile, ich bin dann ganz klar für die Ochsentour. Aber mag sein dass das jetzt eine starke Vereinfachung ist und ich es zu leicht konstruiere.

    Daher: Wie soll es denn deiner Meinung nach sein? Der verlinkte Artikel weiß darauf nämlich auch keine Antwort.

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  8. stk Beitragsautor

    Das Problem, das ich in dieser Ochsentour sehe, ist eine Desillusionierung des Waehlers, der unter dem Eindruck steht, er koenne ohnehin nur aus Kandidaten auswaehlen, die der „eingesessenen Parteiobrigkeit“ passen. Das meine ich.

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  9. marcus

    Das mag durchaus sein dass es diesen Eindruck bei Wählern gibt und das ist Schade, ob vermeidbar weiß ich nicht. Was sollte nun aber anders gemacht werden?

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  10. stk Beitragsautor

    Ich habe kein Allheilrezept. Aber waere es nicht schoen, wenn endlich mal jemand zur Wahl stehen wuerde, der begeisterungsfaehig ist? (Also im Sinne von „kann die Waehler mit einem klaren Konzept und einer starken Persoenlichkeit begeistern“).

    Das Problem ist wohl vielmehr, dass solche Leute in der Regel in der Wirtschaft landen. Weil sie dort mehr bewegen koennen. Bittersuesse Ironie.

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