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„Nachnutzung“ als irrefuehrender Erfolgsindikator bei Freie-Software-Projekten der oeffentlichen Hand

Im August 2025 stolperte ich ueber die Veroeffentlichung „Nachnutzung digitaler Lösungen
statt Modellprojekte“
der Projekte Agora Digitalwende und re:form. Begleitend wurden die Autoren des Papiers vom Handelsblatt zitiert, dass viele gefoerderte Freie-Software-Projekte nie die „Modellkommune“ verlassen wuerden, innerhalb derer sie gefoerdert wurden. Damit, so die Autoren, „verpuffe“ die Wirkung der Foerderung zu haeufig. Es fehle an einer „Nachnutzung“, an der man die Effektivitaet der eingesetzten Foerderung messen koenne.

Screenshot der Titelseite

Witzigerweise bezieht sich sowohl das veroeffentlichte Papier als auch der Handelsblatt-Artikel deutlich auf den intermodalen Routenplaner „stadtnavi“, fuer den die Stadt Herrenberg gefoerdert worden war. „Witzigerweise“, weil stadtnavi direkt auf die von einer oeffentlichen Stelle entwickelte Freie Software digitransit zurueckgeht, die wiederum durch robbi5 aus dem Digitalen Ehrenamt ueberhaupt erst den Weg nach Deutschland gefunden hat – und ich das quasi live miterlebt hatte. Das „Original“ laeuft nach wie vor langfristig und solide in Helsinki; stadtnavi war selber quasi die „Nachnutzung“ einer „Nachnutzung“.
Witzig ausserdem, weil ich selber ein gefoerdertes Projekt begleitet habe, in dem digitransit eine Rolle spielte, und bei dem der forscherische Kernaspekt ueberhaupt gar nichts mit „Nachnutzung“ zu tun hatte, sondern mit dem Ziel eines besseren Lagebilds des Digitalisierungszustands.

Gegenthesen zur „Nachnutzung“: Warum sie oft gar kein sinnvolles Ziel ist, und was bessere Ansaetze sind

Ich wuerde daher gerne ein wenig mit der „Nachnutzung“ Freier Software als Zielmetrik aufraeumen und einige Gegenthesen in den Raum stellen:

  1. Nicht bei jedem Softwaresystem ist es ueberhaupt sinnvoll, dass es anschliessend durch moeglichst viele Kommunen „nachgenutzt“ wird. Im Gegenteil kann es sinnvoller sein, den kommunal durchgespielten Anwendungsfall anschliessend deutlich groesser zu denken und z.B. auf Landesebene auszurollen.
  2. Manchmal kann ein greifbarer Anwendungsfall als Durchstich dazu dienen, die vorhandene IT-Infrastruktur, bestehende Datenfluesse und Bedarfe zur Verbesserung von beiden zu kartieren. Das Projekt ist dann eine Lageerkundung darueber, woran vergleichbare Vorhaben in der Praxis bislang scheiterten und was getan werden muss, um die damit verbundenen Huerden zu beseitigen
  3. In Verbindung von 1. und 2. kann das bedeuten, dass ein getestetes System in der Folge nur von wenigen Traegern betrieben werden muss – willige Kommunen aber wertvolle Erkenntnisse gewinnen koennen, was sie selbst vor Ort und in ihrem Wirkungsbereich tun muessten, um zu dem dadurch entstehenden Oekosystem beitragen zu koennen.
  4. Ganz nebenbei: Stadtnavi ist immerhin nicht nur „Open Source“, sondern Freie Software – das heisst, dass die dort eingeflossenen Foerdergelder zu einem Gemeingut beigetragen haben, das fuer immer als solches erhalten bleiben wird, ohne dass es spaeter einfach privatisiert werden kann.

Insbesondere die Punkte 3 und 4 sind fuer mich moegliche Kernanliegen und Foerderziele. Viele Thesen rund um die Smart-City-Foerderung gehen davon aus, dass Massnahmen auf eine funktionierende, vorhandene IT-Infrastruktur gemaess der anerkannten Regeln der Technik stossen. Meine Praxiserfahrung ist, das man sich von dieser Annahme grusslos verabschieden sollte. Eine der groessten politischen Huerden ist vielmehr, vorhandene technische Schulden und infrastrukturelle Defizite in das mentale Modell der Entscheider*innen als real und akzeptierbar einzubringen. Es ist oft immer noch eine Herausforderung, noetige Haushaltsentscheidungen nicht als optionale Nice-to-have-Massnahmen, sondern als den Abbau eines hochverzinsten Kredits darzustellen. Das ist umso tragischer, da gerade ueber Foerderungen wie im Smart-City-Programm mit ueberschaubarer Kreativitaet die Mittel fuer den weitsichtigen Aufbau bislang fehlender Komponenten haetten eingesetzt werden koennen – aber ueberwiegend nicht wurden.

Zudem geht die ganz praktische Betriebslogik bislang in den meisten Faellen davon aus, dass Softwaresysteme einfach „beschafft“ und viel zu oft von externen Dienstleistern betrieben werden. Zwar sehen die Foerderbedingungen der MPSC-Foerderung „Open-Source-Software“ als Bedingung vor. Gerade die weicheren, sogenannten „permissiven“ Open-Source-Lizenzen (im Gegensatz zu Freie-Software-Lizenzen) ermoeglichen es einem beauftragten Dienstleister jedoch, eine mit seiner Expertise aus dem Auftrag weiterentwickelte Variante eines aus oeffentlichen Mitteln gefoerdertes Systems im Anschluss als Closed-Source-Variante fuer zahlende Kundschaft anzubieten. Die Entwicklung und der Aufbau der Expertise beim Dienstleister wurde zwar aus oeffentlichen Mitteln finanziert, das Endprodukt kann jedoch der Allgemeinheit wieder entzogen werden.

Die Verbindung dieser beiden Straenge sorgt dann fuer die bisweilen etwas hilflos wirkenden Vorschlaege rund um „Marktplaetze“ und aehnliche „klick-dir-dein-Produkt“-Denklogiken. In manchen Konstellationen mag es sinnvoll sein, ein Produkt von einem darauf spezialisierten Dienstleister as-a-Service betreiben zu lassen. Dann sollte umso mehr darauf geachtet werden, dass dieser Dienstleister nicht zur kritischen Abhaengigkeit werden kann.
In vielen anderen Faellen geht es um fundamentale Basisdienste und -infrastrukturen, die manche oeffentliche Stellen selber zu betreiben in der Lage sein sollten. Die dafuer notwendigen Voraussetzungen werden durch Marktplaetze nicht geschaffen. Punkt.

Wie kam eigentlich stadtnavi nach Deutschland?

Stadtnavi Herrenberg im direkten Vergleich mit reittiopas, der Helsinkier digitransit-Instanz – dort sogar mit Ticketing

stadtnavi ist ein direkter Ableger des vom Verkehrsverbund HSL in Helsinki entwickelten digitransit-Projekts. HSL begann um 2014 (PDF), seinen bisherigen Auskunftsdienst durch ein neues Freie-Software-System auf Basis des aus der OpenStreetMap-Welt bekannten OpenTripPlanner zu ersetzen. OpenTripPlanner (OTP) entstand wiederum ab 2009 als Freie Software (unter der LGPLv3-Lizenz) unter Mitwirkung des Portlander Verkehrsverbundes TriMet, der schon eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des offenen Fahrplandatenstandards GTFS gespielt hatte. Ab dem Start der Entwicklung waren aber auch zahlreiche andere Akteure an Bord, die in den ersten Jahren seit Veroeffentlichung des GTFS-Standards Software fuer die praktische Anwendung entwickelt hatten. HSL nutzte fuer digitransit „unter der Haube“ OTP als Routenplaner und verpasste ihm ein total neues Look and Feel und eine deutlich verbesserte Usability.

Die Entwicklung von OTP ab 2009 war mit dem Ziel gestartet, Reiseauskuenfte unter Verknuepfung von OpenStreetMap-Kartendaten und maschinenlesbaren ÖPNV-Fahrplaenen zu ermoeglichen – damals vorwiegend noch mit GTFS-Fahrplandaten, spaeter auch unter Beruecksichtigung der europaeischen Fahrplandatenstandards Netex und SIRI. Fuer letzteres spielte die immer breitere Verwendung von Freier Software wie OTP und digitransit in Skandinavien eine wichtige Rolle. Die dortigen Verkehrsverbuende und Aufgabentraeger arbeiteten in den 2010er-Jahren immer mehr zusammen und ergaenzten sich als „Open Mobility Data in the Nordics“ (ODIN) bei ihren Bestrebungen gegenseitig – das kann man beispielsweise in diesem Positionspapier von 2019 nachlesen. Der norwegische Aufgabentraeger Entur trug in der Folge zur Weiterentwicklung von OTP bei, so dass das System seither auch die europaeischen Datenstandards fuer Auskuenfte verwenden kann.

Das alles passierte wohlgemerkt in einer Zeit, in der oeffentliche Fahrplaene in Deutschland noch Mangelware waren. Im Umfeld von Code for Germany wuchs zwar eine aktive Transit-Hacking-Community, die sich fuer offene Fahrplandaten einsetzte, den Ist-Zustand kartierte und sich auf Veranstaltungen wie den ab 2015 stattfindenden DB-Hackathons vernetzte und austauschte. Bis zum Ende der 2010er-Jahre gab es aber im Gegensatz zu den skandinavischen Laendern in Deutschland keine flaechendeckenden offenen Fahrplandaten – und das, obwohl die EU durch eine delegierte Verordnung einen klaren Zeitplan fuer eine verpflichtende Veroeffentlichung erlassen hatte.

Eine spätere Fassung der Ulmer digitransit-Instanz von Maxi, die den Weg in ein staedtisches Projekt gefunden hatte.

Und damit kommen wir zu der Antwort, wie digitransit nach Deutschland kam und spaeter zu stadtnavi wurde. Maxi aka robbi5, einer der vielen Ehrenamtlichen der deutschsprachigen Transit-Hacking-Community hatte irgendwann das digitransit-Repository auf github gefunden und der Benutzeroberflaeche im Dezember 2016 eine deutsche Uebersetzung hinzugefuegt. Und wie es der Zufall wollte, passierten nacheinander ein paar Zufaelle: Im Januar 2018 kam eine Abordnung mit Stefan Kraus vom „agilen Bauhof“ aus Herrenberg nach Ulm, um sich bei der Ehrenamtscommunity im damaligen „echten Verschwoerhaus“ ueber das freie LoRaWAN-Sensornetzwerk TTN zu informieren. Auch irgendwann 2018 begann robbi5, eine digitransit-Instanz mit Ulmer Fahrplandaten zu befuellen und unter ulm.ententei.ch zu betreiben. Und bei einem neuerlichen Besuch der Herrenberger im Sommer 2018 kam ganz zufaellig nebenbei das Thema auf, dass man in Herrenberg gerne irgendwas mit Mobilitaetsauskuenften machen wuerde, und robbi5 konnte sagen, „ich hab da was fertiges vorbereitet“.
Der Rest ist, wie man gerne sagt, Geschichte. (Mehr dazu u.a. hier, hier oder hier)

17. Januar 2018: Stefan Kraus (vorne rechts) und Co. sind zum ersten Mal am Weinhof – weil sie mitbekommen haben, dass sie im „alten Verschwoerhaus“ Hands-On-Erfahrungen aus dem Digitalen Ehrenamt anstatt von Produkt-Pitches bekommen konnten.

Stadtnavi ist also bereits eine „Nachnutzung“, oder wie man ausserhalb der Verwaltung einen korrekteren Begriff waehlen wuerde: Eine Wiederverwendung der Vorarbeit vieler anderer Akteure, ohne die solch ein Projekt in dieser Form gar nicht moeglich gewesen waere. Viele andere Menschen aus der deutschsprachigen Transit-Bubble haben in der Folge dazu beigetragen, sowohl stadtnavi als auch die anderen Ableger wie BBNavi und Co zu erweitern und auch strategisch ueber die Fortentwicklung der zugrundeliegenden Komponenten nachzudenken.

Das ist auch ein Grund, warum ich nur maessig begeistert ueber das von den Herrenbergern durchgefuehrte Re-Branding von digitransit als „stadtnavi“ war – zwar waren damit auch Anpassungen auf oertliche Beduerfnisse verbunden, ich hatte aber von Anfang an befuerchtet, dass dadurch die Urspruenge und der Geist der internationalen kooperativen Arbeit an etwas Gemeinsamen aus der Wahrnehmung verschwinden koennten.
Zudem – und damit kommen wir zu Punkt 1 meiner Kritik – erweckte das Branding den Eindruck, dass digitransit etwas ist, was sinnvollerweise jede Stadt fuer sich ausrollen sollte. Diesen Eindruck teile ich nicht und ich hielt dieses Framing von Anfang an fuer falsch.

Kritik 1: Lokal ausprobieren, Skalierung durch gemeinsamen Betrieb statt „Nachnutzung“

Ich bin ein grosser Fan, den Zustand der real existierenden Verwaltungsdigitalisierung durch eine Praxis der unterschiedlichen Geschwindigkeiten voranzubringen. Kommunen sollten sich zwar nicht als ausfuehrende IT-Entwicklungsakteure fuer Neues missbrauchen lassen – sie koennen aber zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und die Internalisierung von IT-Architekturkompetenzen mit dem praktischen Rollout bestehender, ausserhalb der deutschen Verwaltung bewaehrter Systeme verbinden.

Das kann auch bedeuten, dass man als Kommune im Rahmen eines Projekts ein System ausrollt und demonstriert – dass dessen langfristiger Betrieb aber eigentlich anderswo viel besser aufgehoben waere. Digitransit ist meines Erachtens ein Paradebeispiel dafuer: Im Idealfall soll ein intermodaler Routenplaner ja kommunen- und regionenuebergreifend funktionieren und Mobilitaet abseits des Rueckgriffs auf ein eigenes Kraftfahrzeug so muehelos wie moeglich machen. Klassischerweise betreiben zwar neben den Aufgabentraegern der Laender auch viele Verkehrsverbuende eigene Mobilitaetsauskuenfte. Sie greifen aber dafuer auf eine gemeinsame, geteilte Informationsinfrastruktur zurueck. Langfristig sehe ich einen sinnvollen Betrieb von Mobilitaets-Auskunftssystemen wie digitransit daher eher auf Landes- oder gar Europaebene – das verwandte Projekt transitious zeigt seit Anfang 2024 auf beeindruckende Weise, wie so etwas aussehen koennte. Und der anfaengliche praktische Rollout sowie die bessere Dokumentation der dafuer notwendigen Voraussetzungen in Herrenberg und Ulm haben dazu gefuehrt, dass auch Aufgabentraeger der Laender auf das System aufmerksam wurden und eine Anwendbarkeit im eigenen Bereich geprueft haben.

Das Branding von stadtnavi als Stadt-System sowie die an manchen Orten immer wieder laut werdenden Rufe nach „Marktplaetzen“, in denen sich eine Kommune eine angepasste White-Label-Loesung bestellen kann, sorgt dagegen eher fuer einen Flickenteppich, in dem zwar die beschworene „Nachnutzung“ stattfindet, aber nur die Dienstleister als Anbieter der Loesung von Skaleneffekten profitieren. Wenn diese Praxis durch Anreize in der Foerderlogik noch weiter befeuert wird, kann zwar die ohnehin aufgeblaehte GovTech-Bubble weiter gefoerdert werden. Eine Entwicklung hin zu einem viel groesser gedachten Oekosystem wird dadurch aber eher verhindert. Die Erfahrungen zeigen, dass das EFA-Prinzip in der Praxis selten funktioniert. Wie man aktuell bei F13 vs. LLMoin vs. BaerGPT sieht, kommt am Ende doch jede Instanz mit einem Not-invented-here-Einwand um die Ecke und moechte lieber „Meines fuer alle“ entwickeln. Das ist bei einem blasenartigen Hype wie LLMs fuer die oeffentliche Verwaltung (siehe auch) moeglicherweise ausgepraegter als bei gut abgehangenen Systemen wie Mobilitaetsauskuenften. Dennoch wirkt es mich auf mich immer wieder so, als wolle man mit auf den Ist-Zustand angepassten Spezialloesungen einfach den Status Quo der bestehenden IT-Infrastruktur beibehalten und um historische Defizite herumentwickeln, anstatt die bestehenden Systeme im Rahmen eines solchen Projekts auf den Stand der Zeit zu heben.

Kritik 2: Freie-Software-Projekte als Lackmustest fuer den Ist-Zustand oeffentlicher IT-Architektur und Datenflussparadigmen

Lernerfolg: Aus verteilten Foerderprojekten heraus entstand 2020 ein Handbuch, wie man digitransit selber mit lokalen Daten zum Laufen bekommen kann.

Die Denkweise, oeffentlich gefoerderte Softwareprojekte als Selbstzweck zu betrachten, der an moeglichst vielen Orten dann „nachgenutzt“ werden soll, vernachlaessigt zudem vollkommen die Idee, solch ein Projekt stattdessen als Analyse- und Lernanlass zu verstehen.

Eine Analogie, die mir dazu einfaellt, ist eine Katastrophen- oder Brandschutzuebung. Im besten Fall kann sie natuerlich unter Beweis stellen, dass die vorab geplanten Ablaeufe gut funktionieren, die Rahmenbedingungen passen, und es keinen Verbesserungsbedarf gibt. Bei einer solchen Uebung jedoch zu erkennen, was nicht funktioniert, wo Annahmen sich als nicht zutreffend herausstellen und welche naechsten Schritte ergriffen werden muessen, ist derweil kein Fehlschlag der Uebung, sondern ein wertvoller Wissenszuwachs.

Es sollte daher als okay und gewollt gelten koennen, am Ende eines Vorhabens nicht etwa ein „nachnutzbares“ Softwaresystem als Ergebnis zu haben, sondern eine Reihe von Erkenntnissen, was fuer einen nachhaltigen Rollout des Systems noch fehlt. Oder, noch besser, bereits im Rahmen des Vorhabens die erkannten Defizite zu adressieren.

Wenn man in der Denklogik einer moeglichst breiten „Nachnutzung“ eines Systems verhaftet bleibt, oeffnet das die Flanke fuer einen Zustand, in dem bei einer Wiederverwendung nicht etwa technische Schulden analysiert und behoben werden, sondern in dem die „Nachnutzung“ darin besteht, um diese Defizite herumzuarbeiten.

Welche Daten-Voraussetzungen braucht es fuer eine laufende digitransit-Instanz? Gar nicht so wenige. Automatisch generiertes Blockdiag-Diagramm aus https://transportkollektiv.github.io/digitransit-setup/installation/overview.html
Statische Fahrplandaten im GTFS-Format sind mittlerweile weit verbreitet. Die Verfuegbarkeit von Echtzeitdaten aus dem oeffentlichen Verkehr und vor allem von GBFS fuer Shared Mobility ist aber bis heute ein ernsthaftes Problem!

Parallel zu Herrenberg hatten wir in Ulm versucht, mittels gleich zweier Foerderprojekte – beide aus den Ehrenamtserfahrungen der Transit-Hacking-Community und durch eine Projekt-Anstellung zweier erfahrener Menschen aus dieser Community hervorgegangen – verschiedene Anschlusspunkte an die real existierenden Voraussetzungen der kommunalen IT-Infrastruktur und noetiger weiterer Akteure praktisch zu testen.

Um intermodales Routing auch mit weiteren Mobilitaetsmodi zu ermoeglichen, setzten wir beispielsweise auf die Idee, die damals in den deutschen Markt draengenden Anbieter von Mikromobilitaet zur Verwendung des internationalen GBFS-Standards zu bringen, der auch von OpenTripPlanner (und damit digitransit) verwendet werden kann. Wir experimentierten fuer ein eigenes Radsharing-System mit der Moeglichkeit fuer Single-Sign-On mittels OAuth mit staedtischen Useraccounts, wofuer leider bis zum Ende des urspruenglichen Verschwoerhaus-Projekts die infrastrukturelle Grundlage seitens der Basis-IT nicht geschaffen werden konnte. Wir analysierten die – abseits der internationalen Standards entwickelten – Datenaustauschformate der deutschen Carsharing-Branche, die seltsame Annahmen ueber Uhrzeiten hatte und bis heute Propaganda verbreitet, dass oeffentlich ausgespielte Fakteninformationen ueber die Position ihrer Fahrzeuge Geschaeftsgeheimnisse sein koennten.

Dass wir das ueberhaupt als staedtische Projekte vorantreiben konnten, hing davon ab, dass Ehrenamtliche aus dem „alten“ Verschwoerhaus ueber Jahre hinweg eine leistungsfaehige Serverinfrastruktur aufgebaut und betrieben hatten, nach der sich viele Kommunen die Finger lecken wuerden, und die wir fuer den Betrieb von digitransit und aller anderer Komponenten verwenden konnten.

Als Ergebnis entstand unter anderem mit den in Herrenberg beteiligten Akteuren ein „Kochbuch“, mit dem damals ein Deployment von digitransit besser dokumentiert wurde. Im Ueberblick der notwendigen Datenfluesse wird grafisch etwas klarer, was alles dazu notwendig ist. Und vor allem auch: An welchen Stellen eine Kommune Wert darauf legen sollte, dass diese Informationen im passenden Aggregatzustand als maschinenlesbare Sachverhaltsdarstellungen wiederverwendbar vorhanden sind.

Hier nur ein Symbolfoto, ohne diesen speziellen Anbieter zu meinen – aber die deutsche Carsharingbranche und ihr Dachverband bcs verbreiten seit Jahren die These, dass es ein Geschaeftsgeheimnis sei, zu wissen, wo dieses Auto steht.

Die deutsche Tourismus-Branche legt z.B. seit einiger Zeit grossen Wert darauf, Touristik-Informationen als Knowledge Graph automatisiert maschinell wiederverwendbar zu veroeffentlichen. Dieselbe Denklogik kann auch fuer viele weitere POI-Informationen angewandt werden, um eine moeglichst einfache Navigation zu Veranstaltungen, Behoerden und vielen weiteren Orten zu ermoeglichen – beispielsweise auch zusammen mit den ueblichen Zustaendigkeitsfindern der oeffentlichen Hand. Dann koennte ich bereits in der Fahrplanauskunft eingeben, dass ich an die Stelle moechte, wo ich meinen Personalausweis verlaengern kann – und bekomme eine Route mit Bus, Bahn, Fahrrad und Ridesharing vorgeschlagen, wie ich dort rechtzeitig eintreffen kann.

Das ist auch angesichts der aktuellen Hypes um Agentic AI und Chatbots spannned: Staatliche Stellen machen sich gerade umfangreich von Hype-Glauben abhaengig. Derweil gaebe es seit rund 20 Jahren die technologischen Voraussetzungen, dass ich die Frage „welche Filme in Originalfassung kann ich mit 30 Minuten Anfahrtszeit mit oeffentlichen Verkehrsmitteln heute abend im Kino anschauen“ deterministisch und mit um Groessenordnungen geringerem Energieaufwand beantworten koennte, als mit dem oft sektenartig wirkenden genAI-Irrsinn.

Eigene Hardware mit virtuellen Maschinen, mit denen man auch umgehen kann, kann das Leben deutlich einfacher machen. CC BY 4.0 Holger Dorn/Jugend hackt, via Wikimedia Commons.

Und gleichzeitig kann dadurch auch in der Tiefe erkundet werden, an welchen Stellen in der kommunalen IT-Infrastruktur derzeit noch Fehlstellen existieren, die es seit Jahren aufzufuellen gaelte. Im besten Fall koennte man diese Fehlstellen – als Freie Software! – im Rahmen eines solchen Projekts als notwendige Projektvoraussetzung schliessen – mit dem angenehmen Seiteneffekt, dass diese geschlossene Luecke gleichzeitig auch einen Stuetzpfeiler fuer viele weitere ohnehin notwendigen Modernisierungsmassnahmen bildet.

Ich habe in der Praxis bislang vorwiegend das Gegenteil erlebt. Aus irgendeinem Grund hat sich insbesondere im Kontext der MPSC der Glaubenssatz durchgesetzt, dass man mit den Foerdermitteln nur Dinge „ausserhalb der Verwaltung“ aufbauen kann. Wenngleich durch die Nutzung von Mitteln aus dem Klima- und Transformationsfonds spaeter(!) vorgegeben wurde, dass man damit nur „Infrastruktur“ aufbauen duerfe, wurde das in der Praxis lediglich dahingehend ausgelegt, dass alle Ergebnisse „Open Source“ (sic!) sein muessen. Dass man diese Massgabe dahingehend interpretiert, die Wiederverwendbarkeit von auf Freier Software basierenden Basisinfrastrukturen und die Dokumentation der dafuer noetigen Schritte damit zu foerdern, habe ich in der freien Wildbahn bislang so gut wie nirgendwo gesehen. Stattdessen wurden enorme finanzielle Mittel zur Beauftragung von Dienstleistern ausgegossen, die dann halt irgendwelche Projekte™ gemacht haben – ohne, dass der Staat dadurch langfristig und nachhaltig etwas jenseits der Powerpoint-Ebene gelernt haette.

Der Fisch stinkt hier vor allem vom Kopf. Alle wohlmeinenden Papiere rund um „Nachnutzung“ adressieren bislang rein gar nicht, dass solche strategischen Entwicklungsstellen idealerweise mit Menschen besetzt werden muessten, deren IT-Kompetenz sich nicht lediglich in MS-Office und vor allem Powerpoint erschoepft.

Kritik 3: Was ist mit dem langfristigen Erkenntnisgewinn?

Diese Kritik folgt logisch aus den Punkten 1 und 2. Erkenntnisse sind erneuerbare Ressourcen: Man kann sie immer wieder aufs Neue haben.

Auf dem Chaos Communication Camp 2023 haben Katharin Tai und ich uns einen Spass daraus gemacht, Kritik an EDV-Projekten der DDR mit Kritik an aktuellen Staats-Digitalisierungsprojekten gegenueberzustellen und das Publikum raten zu lassen, was aus der Zeit 1960–1989 in der DDR stammt und was aktuell ist. Mit Ausnahme weniger Menschen im Publikum, die die aktuellen Kommentare des Normenkontrollrats zum OZG auswendig kannten, lag die richtige Zuordnungsquote der vorgestellten Zitate weit unter der Zufallsgroesse von 50%.

Der Verdacht, aktuelle Digitalisierungsprojekte in der Berliner Bundesrepublik wuerden auf strukturell aehnliche Hindernisse stossen wie die Digitalisierung in der zentralisierten DDR, liegt also nahe. Auch der Blick auf die Kritik an staatlichen Digitalisierungsvorhaben in historischen bundesrepublikanischen Tagungsbaenden aus den 1980er-Jahren liest sich heute immer noch erschreckend aktuell. Analog zu den ehrenamtlich aus der Transit-Bubble zusammengetragenen Antipattern zu Mobilitaetsdaten scheint es also so, als gebe es strukturelle Huerden bei der erfolgreichen Modernisierung der staatlichen Digitalisierung. Aber anstatt die bestehenden Erkenntnisse aufzugreifen und sich an eine tiefergehende Analyse zu machen, versucht man einfach nur, weitere Foerderprojekte in genau dieselben Fallgruben laufen zu lassen, die eigentlich laengst bekannt waeren – bei denen sich aber nie jemand die Muehe gemacht hat, sie zu kartieren.

Hier zeigt sich auch eine weitere systematische Fehlstelle. Gerade die Bemuehungen aus dem Digitalen Ehrenamt heraus – die vielfach davon ausgehen, in der oeffentlichen Verwaltung eine IT-Infrastruktur gemaess der anerkannten Regeln der Technik und durch fachliche Expertise gepraegte IT- und Datenfluss-Vorstellungen vorzufinden – sehen sich seit vielen Jahren damit konfrontiert, mit eigenen, oft prinzipiell durch die Verwaltung schluesselfertig uebernehmbaren Proofs of Concept gar nicht anschlussfaehig zu sein. Wer mehr als fuenf Jahre im Feld unterwegs ist, sieht regelmaessig „neue“ Projekte und Ansaetze an gleichfoermigen Huerden zerschellen, an denen aehnliche Vorhaben bereits Jahre zuvor scheiterten.

ProjectTogether als „Mutterschiff“ von re:form lud beispielsweise 2021–22 zu „Update Deutschland“ ein, einem Hackathon als Fortsetzung des in der Civic-Tech-Szene sehr kritisch beaeugten WirVsVirus-Hackathon (siehe auch hier), bei dem schon aufgrund der Hackathon-Formatierung berechtigte Zweifel am langfristig-nachhaltigen Erfolg bestanden. Bei einer kursorischen Analyse von Aktiven aus der Civic-Tech-Ehrenamtsszene stellte sich auch sehr schnell heraus, dass zu den von den teilnehmenden Kommunen eingebrachten „Challenges“ eine ganze Reihe Herausforderungen zaehlte, die bislang genau deswegen nicht geloest werden konnten, weil seitens der Kommunen für bestehende Beispielimplementierungen aus dem Ehrenamt nicht die notwendigen Voraussetzungen bereitgestellt wurden. Anstatt aus den Erfahrungen auf Basis der Proofs of Concepts Lehren zu ziehen, wurde stattdessen eine weitere Generation Ehrenamtlicher eingeladen, erneut und von Null anfangend gegen die eigentlich schon bekannten Huerden auf staatlicher Seite zu laufen.

Ein riesiges, bislang beinahe vollstaendig ungeschoepftes Potenzial liegt derzeit daher darin, genau diese aus ehrenamtlichen Bestrebungen heraus entstandenen Erfahrungen zu kartieren und die Erkenntnisse der metaphorischen Brandschutzuebungen als Hausaufgaben fuer eine erfolgreiche Verwaltungsdigitalisierung nachzuhalten.
Mein Versuch, die bereits stattgefunden habenden praktischen Rollouts von digitransit als ungeschoepftes Potenzial zur Wissensverstetigung als Aufgabenbeispiel fuer einen Wissens-Nachhaltungsauftrag fuer das damals zu gruendende Dateninstitut zu lancieren, fuehrte lediglich dazu, dass digitransit zu einem weiteren Beispiel eines „Use Case“ fuer das Dateninstitut wurde. Ich hatte anhand des Beispiels davon abgeraten, einfach neue „Use Cases“ durchzuspielen um bereits gemachte Erfahrungen nur nochmal von vorne zu machen, und mein Gegenueber hat daraus lediglich mitgenommen, dass das ja ein toller „Use Case“ waere. Das war hart. Im Arbeitskontext habe ich versucht, das diplomatisch zu umschreiben.

Dieses Vorgehen scheint allgemein beliebt zu sein: Fachlich wirklich tief in der Materie eingestiegene Ehrenamtliche machen Loesungsvorschlaege fuer einen Ausweg aus den real existierenden Defiziten der Verwaltungsdigitalisierung. Die praktische Umsetzung scheitert am Unwillen oder der Handlungsunfaehigkeit der eigentlich zustaendigen oeffentlichen Stellen, die dafuer notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Und anstatt diese Defizite zu beheben, macht man dieselben Erfahrungen einfach wiederholt nochmal (oder stiftet dazu an, sie nochmals zu machen) ohne aus den bereits gemachten Erfahrungen etwas zu lernen. Wie jemand aus dem damaligen Ulmer Projekt sagte: „Lernen durch Schmerzen, nur ohne Lernen“.

Kritik 4: „Open Source“ vs. Freie Software, oder Foerderung der GovTech-Blase vs. Sicherung von Gemeinguetern

Ich muss es offen zugeben: Als ich vor vielen (ueber 20) Jahren den Streit zwischen „Freie Software“ und „Open Source“ kennenlernte, fand ich das verbohrt und ideologisch aufgeladen. Daran duerfte auch einen Anteil haben, dass sich die Freie-Software-Bewegung Richard Stallman als quasi Schutzheiligen auserkoren hat, an dem es eine ganze Litanei zutiefst berechtigter Kritik gibt und der der Idee Freier Software seit Jahren meines Erachtens durch die Gleichsetzung seiner Person mit der Bewegung einen Baerendienst erweist.

Egal, wie man die jeweiligen ideologischen Ziele dieser beiden Stroemungen einordnet, muss man dennoch anerkennen, dass „Open Source“ und die Umarmung der damit verbundenen Softwarelizenzen in den 1990er-Jahren entstanden, um der von der Wirtschaft als zu radikal empfundenen Freie-Software-Bewegung ein schmackhafteres und einfacher wirtschaftlich ausbeutbares Gegenmodell anzubieten. Ganz kurz gesagt ist der Gegensatz dieser: „Freie Software“ verfolgt das Mantra, dass was auf Freier Software aufbaut, auch in der Folge „Frei“ sein muss, also ein Gemeingut. Wer auf die Vorarbeit Anderer aufbaut, soll auch Abwandlungen dieser Vorarbeit stets allen wieder als Freie Software bereitstellen („Copyleft“), sobald diese in irgendeinem Kontext vertrieben wird. „Open-Source“-Software verzichtet auf diesen Gedanken, einmal „Freie“ Software auch als Gemeingut zu erhalten: Wer moechte, kann die Vorarbeit anderer Nutzen, um auf dieser Basis z.B. Software-as-a-Service anzubieten, die nur gegen Entgelt zugaenglich und nutzbar ist. Open-Source-Software und die Vorarbeit anderer ist zwar die Grundlage, und jemand anders kann theoretisch auf derselben Grundlage ein aehnliches Produkt entwickeln, aber die Zusatzentwicklungen auf der Basis dieser Vorarbeit koennen geschlossen und geheim sein.

Im politischen Diskurs werden Freie Software und „Open-Source-Software“ mittlerweile – zu meinem riesigen Bedauern – praktisch gleichgesetzt. Praktisch ist „Freie Software“ der enger gefasste Begriff, der durch seine Lizenzbedingungen sicherstellen wuerde, dass aus oeffentlichen Mitteln gefoerderte Systeme nicht privatisiert werden koennen. In Foerderbedingungen und auch Kommentaren wie dem der Agora Digitalwende ist derweil fast immer nur vom weiter gefassten Begriff der „Open-Source-Software“ der Begriff – also ausdruecklich unter Einschluss von Systemen, deren Weiterentwicklung in der Folge privatisiert werden darf.

Das hat ganz praktische Auswirkungen. Es ist nicht nur denkbar, sondern auch beobachtbar, dass aufgrund dieser Gleichsetzung – und mangelnder internalisierter Steuerungskompetenzen bei der oeffentlichen Hand – sowie der durch Foerderbedingungen entstandenen normativen Attraktivitaet des „Open-Source“-Begriffs Softwaresysteme durch Dienstleister aus oeffentlichen Mitteln unter permissiven Lizenzen bis zu einer gewissen Marktreife entwickelt werden.
Dass fuer das so entwickelte System auch nach Abschluss des Foerderprojekts weitere Anforderungen entstehen, ist keine Ausnahme – auch dies ist ein Problem mangelnder internalisierter Kompetenzen auf staatlicher Auftraggeberseite. Fuer den Anbieter aus der GovTech-Bubble, der oeffentlich finanziert die Basis entwickelt und intime praktische Einblicke in die Beduerfnisse der oeffentlichen Auftraggeber entwickelt hat, ist es auf dieser Basis ein Leichtes, quasi selbstlos und kostenlos Anpassungen der ihm sehr vertrauten Basisplattform zu entwickeln und das resultierende Produkt als SaaS gegen geringe Abonnementgebuehren der oeffentlichen Hand anzubieten.
Die gesamte Grundlagenetwicklung wurde so oeffentlich gefoerdert, letztlich wurde aber nicht etwa ein Gemeingut als Ergebnis geschaffen, sondern das Potenzial einer marktdominierenden Stellung fuer die auf Grundlage der urspruenglich als „Open Source“ entwickelten und danach praktisch privatisierten Dienstleistung. Aufgrund der intensiven Vertrautheit des urspruenglichen Dienstleisters mit der Codeplattform sowie den typischen Anforderungen und den oekonomischen Realitaeten des GovTech-Nischenmarkts ist es auch hoechst unwahrscheinlich, dass irgendein marktbereinigender Konkurrenzakteur die urspruengliche, oeffentlich als „Open Source“ noch verfuegbare Codeplattform konkurrenzfaehig anbieten kann.

(Eigentlich kann man all dies hier zusammenfassen als: Alle beteiligten Akteure spielen hier „Open Source“-Cosplay, waehrend niemand je in der Tiefe darueber nachdenkt, was eigentlich die strategischen Ziele dahinter sein koennten. Der ganze „Digitale-Souveraenitaet“-Bullshit fuegt sich hier nahtlos ein. Aber die kaiserliche Kleidermanufaktur sorgt nach wie vor fuer gar nicht so schlechten Umsatz.)

tl;dr, was lernen wir daraus

Das ist „Nachnutzung“: Die Umwidmung des ehemaligen US-Kasernengelaendes der Wiley-Barracks in Neu-Ulm als neues Stadtquartier. Die Verwendung der ehemaligen Kasernen-Highschool als Keimzelle der Fachhochschule. Bei Software bitte einfach „Wiederverwendung“ sagen, anstatt komisches Parallel-Vokabular einzufuehren. Looniverse, Wiley-Park (Neu-Ulm) Richtung NNW, CC BY 4.0
  1. Kompetenzen internalisieren: Nicht jede Kommune soll alle Dienste selber betreiben. Aber wenn dort Menschen mit der IT befasst sind, die solche Dienste souveraen betreiben koennten, dann haben sie auch ein Verstaendnis von Requirements, Infrastruktur etc, die sie von einem Dienstleister betreiben lassen koennen. Es darf nicht mehr sein, dass Menschen ueber strategische IT-Fragen entscheiden, deren IT-Kompetenzen nicht ueber Office, Powerpoint, Freecell und Taschenrechner hinausgehen.
  2. Wenn diese Kompetenzen vorhanden sind, liegt der groesste Anreiz fuer eine Wiederverwendung im tatsaechlichen Nutzen. Leider hilft aber auch der alleine nichts, wenn fuer den Rollout eines Systems reihenweise Voraussetzungen fehlen. Deswegen sollte man…
  3. Projekte als Lackmustest fuer Infrastrukturen und Datenfluesse durchfuehren: Manchmal liegt der groessere Wert in der Erkenntnis, an welchen Stellen das Projekt bei der Umsetzung Schwierigkeiten bekommt. Weil Daten in der erforderlichen Qualitaet fehlen, weil Infrastrukturvoraussetzungen fehlen oder kaputt sind, etc pp. – und dann muessen diese Maengel konsequent fuer andere nachvollzieh- und umsetzbar beschrieben und als naechste Aufgabe angegangen werden, anstatt um sie herumzuarbeiten und das Projekt als Erfolg zu verkaufen.
  4. Raus aus der Verwaltungsbubble: Das Beispiel Panoramax zeigt, dass ein Freie-Software-Oekosystem gerade dann besonders erfolgreich sein kann, wenn es einen greifbaren Nutzen fuer Nutzende und einen Anreiz fuer Beitragende in und ausserhalb der Verwaltung bietet. Die Gemeinschaft der Entwickelnden beschraenkt sich dann nicht nur auf die wenigen dazu ausgestatteten Inseln innerhalb der Verwaltung, sondern auf ein viel breiteres Oekosystem.

Wir haben Server zuhause

Irgendwann habe ich geseufzt und mir eingestanden: Okay, es ist soweit.

Angefangen hatte das alles ganz harmlos. Im Maerz 2020, kurz bevor das alles ganz anders wurde, hatte ich mir einen Raspberry Pi 4 gekauft. Ich kann mittlerweile gar nicht mehr nachvollziehen, wie viele RasPis in welchen Varianten ich ueber die Jahre wann besessen habe und vor allem wo manche davon seither hingewandert sind. Die waren auch super, als vertiefender Einstieg in den Umgang mit Linux und Hardware, um mal testweise einen Miniserver fuer ein Projekt zu haben, oder (meistens) um irgendwas mit Digital Signage zu machen.

Die anderen Pis, die seither bei mir herumlagen, waren auch vorwiegend Reserve, um einen Node fuer info-beamer als Digital-Signage-Loesung zu haben, ganz sporadisch habe ich sie als Retrospielekonsole oder andere Sachen benutzt. Die meiste Zeit lagen sie aber einfach herum.

Mit diesem Pi sollte das aber anders werden. Ich wollte endlich mal Home Assistant als selbst betriebene (und kontrollierbare) Heimautomatisierungsplattform ausprobieren. Zunaechst nur fuer ein bisschen Sensorik fuer die Temperatur in der alten WG, dann kamen ein billiger Zigbee-Stick (den ich erst einmal umflashen musste) und IKEA-Zigbee-Leuchten dazu, dann Bewegungsmelder und erste Automatisierungen, dann Stromverbrauchsmessung mit Shelly, der Drucker im Netzwerk kann auch irgendwie gemanaged werden… man kennt das ja. Jedenfalls hatte ich auf dem Pi Home Assistant OS fuer Raspberry Pi installiert und dann lag der irgendwo und hing an Strom und Netzwerk (und ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern, wo in der WG der rumhing) und machte einfach, 24/7.

In die neue WG in Neu-Ulm habe ich einfach 1:1 das meiste umgezogen und immer wieder was dazugebaut, zum Beispiel „smarte“ Heizkoerperthermostate zum Gas sparen, weil ich damals noch nicht wusste, dass der viel ausschlaggebendere Part die richtige Einstellung der Brennwerttherme ist – aber das waere etwas fuer einen anderen Post.

Es fing mit Home Assistant an und dann baut man eine Kuechen-Arbeitsflaechenbeleuchtung mit der Fraese, LED-Streifen und WLED. Wer kennt es nicht.

So haette das eigentlich weitergehen koennen mit dem Pi, auf dem Home Assistent vor sich hin werkelt, wenn ich nicht irgendwann das Dokumentenverwaltungssystem paperless-ngx kennengelernt haette. Wobei das vermutlich gar nicht stimmt – ich kann gar nicht mehr sagen, wann ich das kennengelernt hatte, es muss spaetestens im Spaetsommer 2023 gewesen sein und es blieb erst einmal bei Neugier und Interesse. Der ausschlaggebende Faktor war eher, dass ich irgendwann beschlossen habe, dass ich das haben will. Eventuell endgueltig ausgeloest durch den Vortrag auf der MRMCD2024, eventuell durch Berichte, wie man sich mit ausgedienten Thin Clients einen kleinen Server aufbaut, der aehnlich viel/wenig Energie wie ein Raspberry braucht, aber gleich mehrere Dienste auf einmal fahren kann – also beispielsweise auch paperless-ngx parallel zu Home Assistant, alle in ihrer eigenen Virtualisierung.

Im November letzten Jahres habe ich also nach einer unnoetig intensiven Recherchephase 50 Euro in die Hand genommen, und mir einen gebrauchten Dell Wyse 5070 Thin-Client gekauft. Dass ich das hier schreibe, traegt vermutlich nur weiter dazu bei, dass die Teile stark nachgefragt und die Preise relativ hoch bleiben. Andererseits erhaelt man hier fuer einen vergleichbaren Preis eines RasPi 4 ein Geraet, das:

  1. sein eigenes Gehaeuse mitbringt
  2. eventuell sogar ein Netzteil
  3. je nach Angebot von Haus aus mit mehr RAM als der preisaehnliche Pi daherkommt, den man aber bis 32 GB erweitern kann
  4. bei minimal mehr Energiekonsum deutlich mehr Rechenpower hat
  5. passiv gekuehlt ist – das ist der Pi natuerlich auch, die meisten „kleinen“ Rechner haben aber aktive Belueftung
  6. eine x86-Architektur hat, d.h. da laeuft einfach „normales“ Linux drauf, ohne irgendwelche Architekturbesonderheiten beruecksichtigen zu muessen

Eine schoene Uebersicht, wie man RAM erweitern, eine andere SSD einbauen und das BIOS auf den aktuellen Stand bringen kann, hatte ich vorher schon bei Heckpiet gefunden. Mein Angebot kam ohne Netzteil, aber da ich irgendwann mal keine Lust mehr hatte, fuer mein altes Dell-Arbeitsnotebook und mein persoenliches Thinkpad je ein Netzteil mitzuschleppen, hatte ich mir bereits passende USB-PD-Adapter zugelegt, so dass ich die Kiste einfach mit einem USB-C-Netzteil testen konnte.

Die ersten Wochen habe ich mich einfach an Proxmox als Host-System herangetastet und Dinge ausprobiert. Durch ein weihnachtliches Schrottwichteln und noch herumliegende Sachen kam ich an eine passendere groessere M2-SATA-SSD und 16 GB RAM (also nochmal deutlich mehr als der groesste Pi 4), so dass ich mich nach der Eingewoehnungszeit daran machte, Home Assistant auf die neue alte Maschine umzuziehen und parallel mit ein paar anderen Diensten zu spielen – durch die Proxmox Helper Scripts hat man ganz schnell mal eben testweise nicht nur paperless installiert, sondern nach was einem sonst noch der Sinn ist.

Und dann war auch der Moment gekommen, um die „alte“ Installation vom Pi auf den neuen Server umzuziehen… und dann natuerlich laengere Zeit Fehler auszubuegeln, weil nicht alles so reibungslos ging wie erhofft (ich hatte beispielsweise den Billig-Zigbee-Stick durch einen moderneren ersetzt – das bedeutete aber wohl auch, das ganze Zigbee-Netz mit allen Geraeten neu einzurichten).

Nun bin ich also offiziell einer dieser Menschen, die „einen Server betreiben“. Also einen obsoleten Thin Client im Wohnzimmerschrank. Mit Proxmox-Virtualisierung drauf. Von dem man aber immerhin einfach gar nichts mitbekommt, weil er keine Geraeusche macht und einfach nur laeuft, so wie der Pi vorher. Das mit dem „Server betreiben“ fuehlt sich immer noch seltsam an. Aber seither habe ich tatsaechlich auch paperless-ngx, um meinen Papierkram besser zu ordnen. Und mittlerweile auch noch ein paar Sachen mehr. Und das fuehlt sich ehrlich gesagt wirklich zufriedenstellend an!

(Das illustrierende Artikelbild ist gar nicht der 5070, sondern ein Fujitsu Esprimo Q920. Ich hatte die letzten Tage festgestellt, dass es auf Wikimedia Commons kaum Fotos der aktuellen Thin Clients gibt und dachte, ich fotografiere mal welche. Ich kam nicht dazu, „meinen“ zu fotografieren, aber habe wenigstens gestern als Commons-Objektfotografie ein paar Fotos eines im temporaerhaus liegenden Q920 gemacht – nur um dann festzustellen, dass das genau genommen gar kein Thin Client ist, sondern ein nochmal deutlich leistungsfaehigerer Mini-PC, dafuer eben mit mehr Energieverbrauch und aktiver Lueftung. Auf meinen Aufruf von heute morgen hin haben aber Menschen sogleich neue Fotos u.A. der kleineren Variante 3040 hochgeladen. Vielen Dank dafuer!)

Hier wird neue Firmware geflasht

Der Hacksauger mit Valetudo

Staubsaugen ist so eine Taetigkeit, die man halt machen muss, aber auf die man selten wirklich Lust hat. Die Anzahl der Gelegenheiten, an denen ich aufgestanden bin und gedacht hab „also weisst was, Staubsaugen waere jetzt eine Handlung, die mich mit grosser Freude erfuellen wuerde“ ist unterm Strich doch ueberschaubar.

Das liegt nicht einmal an der Taetigkeit des Staub saugens selbst (ich bin sehr verwirrt, ob ich das jetzt klein und zusammen oder gross und getrennt oder sonst was schreiben soll, ich hab ein Attest, ich hab auch noch alte Rechtschreibung gelernt). Staubsaugen hat durchaus eine befriedigende Komponente. Meine fruehere Nachbarin sagte auf schwaebisch, dass ihr am besten gefalle, einen Teppich zu saugen, weil „dann hoert man, wie’s so schee rieselet“. Quasi ein sofortiges Feedback, dass das, was man gerade tut, auch einen Effekt hat. Geil. Mit ein Problem ist ja auch, dass man vor dem staubsaugen (ich permutiere jetzt einfach alle Varianten durch) erstmal herumliegende Dinge aufheben und idealerweise auch aufraeumen sollte.

Also fuer andere ist das vermutlich kein so ein Problem weil die raeumen das einfach auf oder sorgen eh gleich dafuer, dass Zeug nicht einfach auf dem Boden herumliegt und sie geben auch ihre Steuererklaerung direkt Ende Maerz ab nachdem sie alle dafuer notwendigen Unterlagen haben und sind generell sehr produktive Erwachsene.

Ich bin das nicht.

Ich habe mich schon mehrfach dabei beobachtet, wie ich anfange, alles zum staub Saugen (das sieht seltsam aus) vorzubereiten, den Boden freizuraeumen und so weiter. Und dann habe ich mich entweder in einem Aufraeum-Side-Quest verloren, weil der wieder irgendwelche Abhaengigkeiten sichtbar gemacht hat, was man auch noch machen muesste, oder nach dem Aufraeumen war das Wohnung-sauberhalten-Energiekontingent fuer den Tag erschoepft und dann hab ich das so gelassen und danach stand diese Schachtel, die urspruenglich auf dem Boden stand, zwei Wochen auf dem Sofa und es war immer noch nicht gesaugt.

Ein grosser Aha-Moment kam erst, als ich mir einmal, es muss so 2018 gewesen sein, einen Staubsaugerroboter fuer meine damalige WG auslieh. Das war ein Roborock S50, und ich war ziemlich begeistert, weil man musste eben nur den Part mit dem Boden-freimachen erledigen, und dann rennt die Kiste durch die Wohnung und saugt dabei nicht so richtig perfekt, aber natuerlich deutlich besser, als wuerde man nur den Boden freiraeumen und dann nicht saugen und das stattdessen auf spaeter verschieben.

Letzten Sommer war ich in der neuen WG in Neu-Ulm etwas unzufrieden mit diesem Verhaeltnis von Boden freiraeumen zu tatsaechlich staubsaugen und habe daher angefangen zu recherchieren, was man denn heute gerne haette. Ich hatte noch in Erinnerung, dass die Roborock-Sauger um die 400 Euro gekostet hatten und ging davon aus, dass man angesichts des technischen Fortschritts etwa so ein Modell mit etwa diesem Funktionsumfang (saugt ein bissel, orientiert sich grob anhand von Sensoren und kann einen Mopp hinter sich her ziehen) sicherlich nun hinterhergeworfen bekaeme fuer enorm wenig Geld.

Das war nicht der Fall.

Roboter mit genau diesem Funktionsumfang (saugen, einfach nur einen Lappen hinter sich herziehen, Zitat „viele Frauen kennen letzteres aus dem professionellen Berufsleben“) kosteten nur unwesentlich weniger als vor fuenf Jahren. Die gewohnte Preisklasse konnte jetzt etwas mehr (rotierende Mopps! Anhebbare Mopps! Irgendwas mit KI!), und zusaetzlich gab es jetzt alle moeglichen Upgrades wie z.B. Roboter mit Dockingstationen, an denen ihnen der Staubbehaelter leergesaugt und das Wischwasser getauscht wird. Was ich dann mit so am absurdesten fand: Die klassischen Roboter haben dann einfach so einen Kunststoff-Staubbehaelter, den man in den Abfalleimer leert, aber die Absaugstationen haben dann wieder Staubbeutel als Verbrauchsmaterial, die man kaufen und bevorraten muss, und am Ende kostet so ein High-End-Teil mit Station, die Verbrauchsmaterialien braucht, ueber 1000 Euro. Das ist etwa vier Mal so viel wie ein Miele-Bodenstaubsauger, mit dem man dann dafuer sogar in irgendwelche Ecken kommt. Vielleicht ist das etwas fuer Leute, die irgendwo eine Fuenftwohnung haben, in die sie alle paar Wochen kommen, und dann soll dort gesaugt und gewischt sein und vielleicht kommt zwischendrin jemand um das Dock zu saeubern.

Ich bin dann aber ueber Angebote von Refurbished-Dreame-Staubsaugerrobotern gestolpert. Ich habe eben nachgesehen und festgestellt, dass diese Quelle im Sommer 2024 versiegt zu sein scheint, weswegen dieser Tipp aktuell keinerlei praktischen Nutzen hat. Das haelt mich dennoch nicht davon ab, nun umso prahlerischer zu sagen: Ich habe so einen Dreame L10 pro fuer um die 150 Euro refurbished von ebay gekauft. Ich haette das sogar noch guenstiger haben koennen, zwischenzeitlich gingen die fuer 130 Euro weg. Also eigentlich habe ich sogar 169 Euro bezahlt, aber mein Roboter roch beim Auspacken etwas seltsam, und der Geruch ging zwar nach einer Woche einwandfrei weg und brachte mir dennoch aufgrund meiner Beschwerde eine Teil-Rueckerstattung des Kaufpreises. Eventuell hat der Vorbesitzer das Ding ausgepackt, einmal was uebelriechendes eingesaugt und es dann sofort zurueckgeschickt. Man weiss es nicht.

Seither bin ich jedenfalls Besitzer eines gehackten Staubsaugerroboters. Man kann sich naemlich auch dazu entscheiden, nicht die Software des Herstellers zu verwenden (mit der man auch aus der Ferne sagen kann, saug bitte mal den Flur durch), sondern Valetudo. Valetudo ist Freie Software, mit der man den Staubsaugerroboter nicht mehr an den Hersteller bindet und weniger Paranioa haben muss, dass die Bilder der Tiefenkamera auf denen man nackt durch die Wohnung rennt, irgendwo landen wo sie nicht sein sollten. Ausserdem wird die Usability fuers Auswaehlen einzelner Raeume in der Benutzeroberflaeche viel schlechter und man kann nicht mehr aus der Ferne das Saugen des Flurs anstossen, dafuer checkt das Geraet einzelne Sachen besser. Valetudo macht auch sehr deutlich klar, dass es nicht fuer den Durchschnittgeschmack ist und das ist wenigstens ehrlich. You win some, you lose some.

Und wie taugt das alles? So mittelgut, wuerde ich sagen. Das Teil kommt halt nicht ueberall hin. Den Boden in meinem Schlafzimmer freizuhalten ist immer noch eine Herausforderung. Und Spiegel, die auf dem Boden stehen, auch, weil dann denkt die dumme Kiste, dass da nochmal ein Raum existiert, ueberlagert auf einen bereits existierenden. Wischen ist so ein Mittelding: Es ist schon okay-ish, wirkt aber manchmal eher so, als wuerde man mit dem Lumpen einfach nur den bestehenden Zustand in der Gegend verteilen. Und ich wuerde gerne die Home-Assistant-Integration mit bestehenden Zigbee-Buttons kombinieren, so dass man auch ohne App sagen kann „heh Roboter, komm mal bitte her und saug kurz in genau diesem Raum durch“.

Dass man damit aber Zeit gewinnt zwischen dem „richtigen“ Staubsaugen mit dem „richtigen“ Bodenstaubsauger, und dass man einfach nur den Boden frei machen muss und dann rennt das Teil einfach und nimmt mal grob was mit: Das ist schon ziemlich geil.

Verantwortung internalisieren, Software verstehen, Nachtrag 1

Im Maerz 2020 warb ich hier dafuer, dass die oeffentliche Hand Kompetenzen aufbauen muesse, um Software auch verstehen zu koennen. Das heisst unter anderem auch Abhaengigkeiten verstehen, Sicherheitsparadigmen, und sei es im Zweifel nur, um passende Auftraggeberkompetenzen zu haben.

Nachdem die geschaetzten Wesen des IT-Sicherheitskollektivs Zerforschung neulich die Hausaufgaben-Verkaufs-App learnuu zerlegt hatten, gab es im Anschluss einen Twitter-Space mit ueber 200 Menschen, in dem die Geschichte noch einmal erzaehlt und das interessierte Fachpublikum Fragen stellen konnte. Zwei Dinge wollte ich dazu gerne kurz festhalten, nachdem mir eben ein Twitter-Thread dazu ueber den Weg lief.

Immer wieder entdecken Ehrenamtliche wie @zerforschung Sicherheitslücken in Lern-Apps, durch die Daten von Kindern ungeschützt sind. Letzter Fall: #Learnu. Das hat auch mit Systemversagen zu tun. Thread ⬇️ (1/9)

Die Zivilgesellschaft muss es richten

Zum Einen: Ich finde die Leistung von Zerforschung – und auch all der anderen, die irgendwelchen Startups hinterherkehren – sehr beachtenswert, und zwar in mehreren Dimensionen. Man muss sich das einmal vorstellen: Da sitzen ein paar junge Leute im Pandemiefrust ueber Deutschland verteilt zusammen, verbunden durch Messenger-Chatgruppe und BBB-Videocalls. Und waehrend sie eigentlich mal LED-Lampen aus Fernost zerforschen wollten, stolpern sie nun seit Monaten immer wieder gegen irgendwelche Testzentren oder sonstige IT-Infrastruktur, und aus einer Mischung aus Neugier, dem Wissen um die richtigen Werkzeuge, Schabernack und Koffein entdecken sie dabei eine broeselige Infrastruktur hinter der schicken Fassade nach der anderen. Upsi!

Die ganz andere Dimension ist aber, wenn man sich bewusst macht, wer solche Probleme denn sonst aufdecken wuerde. Derzeit basiert die Ueberpruefung irgendwelcher deutscher IT in der Wildbahn – egal ob privatwirtschaftlich auf den Markt gebracht oder von der oeffentlichen Hand beauftragt – in einer beachtlichen/bedenklichen Anzahl der Faelle darauf, dass spassorientierte Menschen auf Mate damit an einem langsamen Samstagabend in Quarantäne Karussell zu fahren versuchen. Die zustaendigen Behoerden werden meist nur reaktiv – also auf Beschwerden hin – taetig, und das BSI leidet seit Jahren unter dem Schatten, keine unabhaengige Einrichtung sondern nachgeordnete Behoerde des Innenministeriums zu sein.

Egal ob Testzentrum oder Hausaufgaben-Vercheck-App: es scheint also tatsaechlich vielfach daran zu liegen oder zu scheitern, dass zivilgesellschaftliche Akteure genuegend Kentnnisse und Freizeit haben, solche Tests zu machen. Das muss man einfach mal sacken lassen.

Zertifikate vom IT-Planungsrat?

Die andere Sache fiel mir aber auf, als im Twitter Space ueber moegliche Zertifizierung von Software diskutiert wurde, und wie/ob man IT irgendwie pruefen lassen sollte. Weil, so schick und gut ich es faende, wenn Sicherheitstests (vor allem dann, wenn schon einmal schief anschauen reicht) nicht von Menschen in ihrer Freizeit abhaengen wuerden: Ich fuerchte mich ein wenig vor einer Welt, in der solche Zertifikate zu aehnlich religioesen Ersatzhandlungen verkommen wuerden wie die Aufstellung eines Verfahrensverzeichnisses um das passende Haekchen wegen der DSGVO machen zu koennen. Oder in der dieselben Menschen definieren, was „sicher“ ist, die sich den ganzen Prozess rund ums OZG ausgedacht haben.

Denn, auch die oeffentliche Hand, auf allen foederalen Ebenen, beschafft oder finanziert Software. Bisweilen auch mal, um den Eindruck zu erwecken, man taete ja etwas, beispielsweise in einer Pandemie. Und selbst wenn man ein erweitertes Set als die bisherigen Pruefschablonen haette, muesste man diese auch anzuwenden und zu interpretieren verstehen. In der Realitaet muss man lange suchen, dass die oeffentliche Hand bei der Begutachtung von Software die richtigen Fragen stellt – oder andersherum, dass an den entscheidenden Ebenen Input wie der von Zerforschung auch geparst werden koennte.

Mehr Fragen als Antworten

Im Wikimania-Vortrag “Wikimedia Movement and the Paradox of Open” (via @kommunikonautin) nannte einer der Vortragenden die ehrenamtliche Arbeit an Wikipedia und Freiem Wissen eine burgeoise Art des Aktivismus: Einer Wissens- und Zeitelite deutlich zugaenglicher als dem Rest der Menschheit. Dasselbe gilt fuer all die anderen Freizeit-nebenher-Aktivitaeten, egal ob Sicherheitsforschung, Arbeit an Freier/Open-Source-Software, Lobbyarbeit dafuer oder die Geschichten einzusammeln, die ausserhalb der unmittelbaren eigenen Blase in diesen Themen passieren.

Dependency von Randall Munroe, CC BY-NC 2.5

Mit Verweis auf XKCD 2347 (oben) gibt es beispielsweise in der Freien-Software-Welt ueber die Jahre hinweg immer mehr Stimmen, die die oeffentliche Foerderung solcher Softwareprojekte fordern. Das finde ich prinzipiell gut, nur: Was hiesse das, konsequent zu Ende gedacht? Sollte dann nicht auch Drive-by-Gegentreten gegen marode Apps gefoerdert werden? Oder Beitragen zu Wikipedia? Oder zu Wikidata, als Basis aller moeglicher kommerzieller Sprachassistenten? Und, falls ja: Wie? Mit Marktmechanismen? Und im Vertrauen bei der Vergabe der Mittel auf genau die Politik und Verwaltung, die einen all die Jahre nie so wirklich verstanden zu haben scheint, was aber egal ist, Hauptsache ein bissel Foerderung verteilt?

Und – daraus kam der Querverweis zum urspruenglichen Artikel, und daran haengen z.B. solche Foerderentscheidungen – wie zum Teufel bekommen wir denn nach ueber einem Jahrzehnt Civic Tech in Deutschland die Behoerden und politischen Apparate selber auf den notwendigen Stand?

Ich bin ratloser denn je.

Disruptive Kasperei

Vermutlich kann man damit ganz schnell ganz viel VC einsammeln, aber jedenfalls kommt heute gefuehlt keine Unterhaltung ueber Geschaeftsmodelle mehr ohne das Buzzword „Disruption“ aus, sobald irgendetwas darin „digital“ ist.

Bildschirmfoto vom 2016-08-15 19:59:25

Jetzt ist es halt so, dass Worte eine gewisse Bedeutung haben, und da ist Disruption beziehungsweise Disruptive Technologie keine Ausnahme. Und damit man das anschaulich lernen kann, ohne die Originaldefinition von Christensen lesen zu muessen, hat die kommunikonautin vor einigen Tagen eine wunderschoene Animations-Geschichte von hardbound auf Twitter geteilt, um das Prinzip zu verdeutlichen.

*

Ueberhaupt, dieser Kapitalismus und die Innovation – geht das ueberhaupt Hand in Hand? Martin Spindler teilte heute “The Capitalist’s Dilemma” aus dem Harvard Business Review, wo die Quintessenz ist: Meh. Firmen schwimmen aktuell in disponiblem Kapital, und trotzdem machen sie nichts daraus. Aber warum?

Die Autoren (unter anderem der von vorhin schon bekannte Christensen) teilen Innovationen mal abgesehen von disruptive und sustaining in drei Kategorien ein:

  • Performance-improving: Alte Produkte werden durch neue, bessere ersetzt.
  • Efficiency innovations: Firmen koennen dem gleich gebliebenen Publikum marktreife Produkte zu geringeren Preisen anbieten
  • Und zuletzt: Market-creating innovations – die Art von Veraenderung, die auf einmal vollkommen neue Maerkte erschliesst.

Die grossen Veraenderungen, argumentieren Christensen und van Bever, kommen aus der dritten Kategorie: Aus dem Paradigmenwechsel vom Mainframe vom PC, oder vom PC zum ubiquitaeren Tablet Computer, beispielsweise. In die klassischen BWL-Werkzeuge zur Quantifizierung wirtschaftlichen Erfolgs passen solche grossmasstaeblichen Veraenderungen jedoch nicht – sie dauern schlichtweg zu lange, als dass sie in den naechsten Quartalszahlen als Erfolg verbuchbar waeren. Ganz gleich, dass sie eigentlich der richtige Weg waeren:

This, then, is the capitalist’s dilemma: Doing the right thing for long-term prosperity is the wrong thing for most investors, according to the tools used to guide investments. In our attempts to maximize returns to capital, we reduce returns to capital. Capitalists seem uninterested in capitalism—in supporting the development of market-creating innovations. Left unaddressed, the capitalist’s dilemma might usher in an era of “post-capitalism.” Adam Smith’s “invisible hand” is meant to work behind the scenes, efficiently allocating capital and labor to sectors in which prices and returns are rising, and taking resources away from those in which they’re falling. But if the cost of capital is insignificant, it emits only the faintest of signals to the invisible hand about where and when capital should flow.

 

Ich grueble seither. Ueber Unterhaltungen der letzten Wochen, mit Menschen aus Unternehmen, die jetzt ganze Intrapreneur-Abteilungen aufziehen. Und die immer wieder hmmm-ten, wenn ich begeistert von Testfeldern sprach, auf denen man doch beispielsweise die Civic-Tech-Community einfach mal machen lassen koennte. Oder noch besser: Auf denen man mit dieser Community den Markt auf den Kopf stellen koennte, mit einem Bekenntnis zu F/OSS-Implementierungen. Auf dass das der Game Changer werde, als Grundlage fuer ganz neue Dinge.

Aber so einfach ist das wohl nicht. Denn zu jeder Idee gehoert wohl ein Business Case, der sich kurzfristig umsetzen laesst.

Grad schad drum.

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Nachtrag: Eine ungenannte Quelle besteht darauf, dass ich unbedingt dazuschreiben soll, dass disruptiv eh sooo 2015 sei. Na gut. Darum geht’s mir aber eigentlich hier gar nicht.

Werkzeugkiste

Mal wieder ein Open-Data-Rundumschlag: den Einsteig macht ein Interview der bpb mit Marian Steinbach, der auf der rp13 seine Bemuehungen vorstellte, die Datenformate von Ratsinformationssystemen zu standardisieren. Ueberraschenderweise machen hier die RIS-Anbieter richtig Dampf, man darf gespannt sein – nicht zuletzt, weil auch Ulm hier etwas anbieten moechte – und somit irgendwann auch fuer Ulm ein Angebot wie offeneskoeln moeglich sein koennte.

Aus Koeln kommen auch einige Wunschlisten, was man sich denn gerne so alles wuenschen wuerde: Einmal eine Open-Data-Wunschliste fuer NRW, einmal die Variante fuer die Stadt Koeln.

In Muenchen scheint das Engagement derweil eingeschlafen zu sein und sich gar nichts mehr zu tun – was Roland Moriz so geaergert hat, dass er ein Blog eingerichtet hat und nun nach MitstreiterInnen sucht.

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Oft ist das Problem ja nicht einmal, dass Daten gar nicht verfuegbar waeren, sondern dass sie in irgendwelchen PDFs versteckt sind. Noch schlimmer ist, wenn das PDF-Tabellen sind, da wird dann selbst das Parsing mit pdftotext… anstrengend.

Bildschirmfoto vom 2013-05-17 18:50:01

Introducing: Tabula. Die freie Software kann einfach von Github gezogen und lokal installiert werden – danach koennen beliebige PDFs hochgeladen und die zu parsenden Tabellen per Drag and Drop ausgewaehlt werden. Poof: Eine CSV-Tabelle! Hurra!

Eine Livedemo (bei der man aber nichts eigenes hochladen kann) gibt es hier.

Weitere PDF-Exporter neben tabula und pdftotext – insbesondere auch fuer Windows-Systeme – sind nebenan bei der Knight Foundation gesammelt.

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Nachdem’s hier schon lange nix mehr zu Geodaten und Karten gab, und R auch nicht jedermanns Sache ist, hier der Verweis auf Lisa Williams‘ Blog, speziell auf die zwei Artikel The Insanely Illustrated Guide To Your First Data-Driven TileMill Map und The Absurdly Illustrated Guide To Your First Dynamic, Data-Driven Timeline.

Beide Artikel sind in der Tat wahnsinnig absurd hervorragend bebildert und zeigen den kompletten Weg zum fertigen Produkt – im Fall der Karte also tatsaechlich von der Datenakquise ueber eigene Geocoding-Scripte in Google Docs (sic!) bis hin zur angepassten TileMill-Karte. Sehr schoen!

(Wer Spanisch kann, kann solcherlei Dinge auch im neuen MOOC der Knight Foundation lernen, der aktuell stattfindet)

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Wer trotzdem gerne mit R arbeiten moechte: Da gibts nun eine neue Version des OpenStreetMap-Packages, das nun auch jede Menge zusaetzlicher Tileserver unterstuetzt. Einziger Nachteil: Hat Java-Dependencies.

(via)

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Noch ein Kartenfundstueck: Die ÖPNVKARTE nutzt die OpenStreetMap-Daten, um eine um Nahverkehrsdaten angereicherte Karte auszugeben. Huebsch.

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Tiaga Peixoto stellt die Frage, ob „Open Government“ ueberhaupt etwas mit Transparenz und vor allem Rechenschaftspflicht zu tun haben muss:

ABSTRACT

By looking at the nature of data that may be disclosed by governments, Harlan Yu and David Robinson provide an analytical framework that evinces the ambiguities underlying the term “open government data.” While agreeing with their core analysis, I contend that the authors ignore the enabling conditions under which transparency may lead to accountability, notably the publicity and political agency conditions. I argue that the authors also overlook the role of participatory mechanisms as an essential element in unlocking the potential for open data to produce better government decisions and policies. Finally, I conduct an empirical analysis of the publicity and political agency conditions in countries that have launched open data efforts, highlighting the challenges associated with open data as a path to accountability.

[…] CONCLUSION

As a whole, this analysis advises caution on the part of policymakers and advocates with regard to the potential of open data to foster accountability. Even when data is politically important, accounting for the publicity and political agency conditions might be a commendable reflection for a better understanding of the prospects and limits of open data.

PEIXOTO, Tiago. The Uncertain Relationship Between Open Data and Accountability: A Response to Yu and Robinson’s The New Ambiguity of “Open Government”. DISCOURSE, 2013, 60. Jg., Nr. 6.

(via)

In eine aehnliche Richtung geht auch dieser DLF-Bericht u.a. mit Ina Schieferdecker, Michael Kreil et al.

(via)

Und zum Schluss noch ein wenig Urheberrecht. Denny Vrandečić (u.a. von Wikidata) exkursiert eine Weile ueber Lizenzfragen bei Daten(banken) und kommt zu dem Schluss, dass mensch hier bei der Veroeffentlichung allenfalls CC0 als „Lizenz“ verwenden sollte – mit dem Argument dass, wer CC-BY oder ODbL verwendet, die Position staerkt, dass rohe Daten ueberhaupt schutzfaehig im Sinne des Urheberrechts sind:

The extension from works to content, from expression to ideas, is another dimension, this time in scope instead of time, in the continuous struggle to extend and expand intellectual property rights. It is not just a battle over the laws, but also, and more importantly, over our believes and minds, to make us more accepting towards the notion that ideas and knowledge belong to companies and individuals, and are not part of our commons.

Every time data is published under a restrictive license, “they” have managed to conquer another strategic piece of territory. Restrictive in this case includes CC-BY, CC-BY-SA, CC-BY-NC, GFDL, ODBL, and (god forbid!) CC-BY-SA-NC-ND, and many other such licenses.

Every time you wonder what license some data has that you want to use, or whether you need to ask the data publisher if you can use it, “they” have won another battle.

Every time you integrate two data sources and want to publish the results, and start to wonder how to fulfill your legal obligation towards the original dataset publishers, “they” laugh and welcome you as a member of their fifth column.

Let them win, and some day you will be sued for mentioning a number.

(via @johl)

Papierumfragen mit Optical Mark Recognition

Heutzutage kann man zwar beinahe alles auch per Onlineumfrage erfassen — manchmal moechte oder muss man aber vielleicht auch einmal einen klassischen Papierfragebogen erstellen und ausfuellen lassen. Damit das gerade bei umfangreicheren Umfragen nicht zur Erfassungsorgie wird, gibt es Optical Mark Recognition — kennt man vielleicht von der Vorlesungsevaluation; die uulm verwendet dafuer EvaSys. Dabei werden die Kreuzchen per Scanner ausgewertet und in maschinell lesbare Formate ueberfuehrt.

Wie ich zufaellig ueber Twitter mitbekommen habe, muss man sich dafuer gluecklicherweise keine teure Evaluationsloesung kaufen, sondern kann das auch per freier Software machen. SDAPS heisst das, schlaegt mit knapp einem GiB Speicherplatz zu Buche (inklusive TeX-Paketen, Python und Co) und produziert per Scan auswertbare Frageboegen, die genauso aussehen wie die von EvaSys, aber aus LaTeX kommen.

sdaps

Eine kurze Einfuehrung samt Installationsanleitung gibt es bei Helge Eichelberg, der das fuer etwas komplexere Wahlverfahren bei den Berliner Piraten umgesetzt hat; Beispiel-LaTeX-Vorlagen gibts in der SDAPS-Doku.

//2013-10-23: Linkfix.