Es ist 2010 hier, oder: Ueber Daisy, Wetterkatastrophen und warum frueher halt doch nicht alles besser war

In den Diskussionen zur ausgebliebenen Daisy-Beinaheueberhauptnichtkatastrophe und den jetzigen Schneeverwehungen hoert man oft immer, dass es frueher ja auch schon viel mehr Schnee gegeben habe, und das auch immer irgendwie ging. „Frueher ging das auch“ ist aber noch nie ein Argument gewesen. Frueher haben die Kinder auch unter Tage gearbeitet, und damals ging’s auch ohne Krankenversicherung.

Heute haben wir einfach einen anderen Lebensstandard, die erhoehte Mobilitaet hat unseren (vielfach zum Lebensunterhalt notwendigen!) Aktionsradius weit erhoeht und wir sind von den neuen Errungenschaften weitgehend abhaengig geworden. Frueher konnte man eben auch sein Haus noch wochenlang mit Holz oder Kohle heizen. Die heute vorwiegend genutzten Heizungen ueberstehen hingegen nicht einmal einen Stromausfall — der gefuellte Oelkeller nuetzt einem nichts, wenn der Brenner nicht anspringt, und ob bei laengeren Stromausfaellen das Gasnetz noch funktionieren wuerde, weiss ich auch nicht. Dieser Umstand ist auch nicht mal etwas typisch menschliches, sondern das ist — wenn man die mitwachsende Technik vor einem evolutionaeren Hintergrund sieht — sowas wie Koevolution, die es in der Natur ueberall gibt. Die Technik hat sich den geaenderten Beduerfnissen des Menschen angepasst, und der Mensch wiederum der Technik. Dafuer funktioniert die heutige Heizung eben auch energieeffizienter als der alte Kohleofen.

Die Schuld fuer liegen gebliebene Autos und unbefahrbare Strassen nun den sparenden — und sowieso chronisch klammen — Kommunen in die Schuhe zu schieben, ist natuerlich billig. Die Kommunen sind ohnehin diejenigen Behoerden, die zuerst gepruegelt und zuletzt irgendwelche Gelder bekommen, und der gestiegene Lebensstandard hat auch in anderen Belangen (kommunaler Brandschutz, Schulumlagen, etc.) zu hoeheren Kosten gefuehrt. Da ging es frueher auch anders, aber da hatte man auch noch keine Pressluftatmer und keine Werkzeuge zur patientenschonenden Rettung mit notfallmedizinischer Betreuung von Anfang an — und dahin moechte man eigentlich auch nicht wieder zurueck.

Als Fazit bleibt eigentlich nur, dass es eigentlich keinen Einzelverantwortlichen fuer die zeitweisen wetterbedingten Einschnitte in unser gewohntes Leben gibt. Durch unseren gewandelten Lebensstil sind wir ganz schlicht und einfach anfaelliger fuer Stoerungen — z.B. durch das Wetter — geworden. Oder anders gesagt, wir haben uns als Gesellschaft so angepasst, dass wir in einem engeren Toleranzbereich umso effizienter funktionieren.

Nein, „frueher ging das auch“ ist wirklich kein Argument.

5 Gedanken zu „Es ist 2010 hier, oder: Ueber Daisy, Wetterkatastrophen und warum frueher halt doch nicht alles besser war

  1. Ugugu

    Allerdings hat der Alarmismus doch auch spürbar zugenommen. Es ist ja nicht so, dass jedes Jahr eine „Hurricane-Season“ über Europa hinwegfegen würde. Und wenn mich meine Erinnerung nicht ganz trügt, erfuhr man „früher“ auch nicht von jeder Schneeflocke, die in der Toskana oder in Pamplona niederging.

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    1. stk Beitragsautor

      Das stimmt. Irgendwer hat mir mal erzaehlt, dass das aus dem „Bedrohungsvakuum“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sei. Ob dem so ist oder nicht, gerade bei Daisy hat man ja schoen gesehen, dass die Furcht vor dem boesen Schneesturm eigentlich medien- und kaum DWD-gemacht war.

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  2. Laser

    Früher?
    Was ist früher?
    Ich erinnere mich noch an die Winter, bei denen wir bei minus 20 Grad auf den Schulbus gewartet haben (bin Jg. 68). Dagegen ist dieser Winter ein Witz.

    Gruß
    Jochen

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  3. pb

    Ein Englischlehrer von mir hat erzählt, dass er früher im Winter barfuß zur Schule gelaufen ist und seine Füße in frischen Kuhfladen gewärmt hat! oO

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