Und auf einmal waren drei Jahre vorbei

Anfangs war das eigentlich nur eine Kulturfoerder- und Werbeidee als Gefallen fuer Michael Sommer, den Poetry Slam in der Podium.bar des Theater Ulm aufzuzeichnen und ins Netz zu stellen. Damals noch zusammen mit der Medienoperative, mit drei Bandkameras im SD-Format, und einer wahren Band-Ueberspielorgie nach dem Slam. Und auf einmal gehoerte das einfach dazu, dass Micha und ich — gelegentlich von anderen unterstuetzt — Monat fuer Monat ins Theater kamen, mit verschiedenen Aufzeichnungsvarianten spielten, irgendwann vollstaendig auf HD umstellten und einfach vor uns hindillettierten und dazulernten.

4. April 2009: Der erste Versuch

Und auf einmal drehst du den allerallerletzten Slam in der Podium.bar, und dir wird klar, dass das jetzt 23 Slams (plus zwei „Dead or Alive“ im Großen Haus) waren und drei Jahre vergangen sind. Drei Jahre! Ich habe beim Zuschnitt des gestrigen letzten Slams gerade ein wenig in den 1,07 Terabyte Archivdaten herumgewuehlt und ein wenig die Erinnerungen aufgefrischt:

Die Tapete

…hat in Slammerkreisen offenbar in den drei Jahren so etwas wie Kultstatus erlangt, war eigentlich der Hintergrund fuer „Ein Herz und eine Seele“ und hing tatsaechlich nur die ersten vier Slams lang (bis zum Oktober 2009) im Hintergrund. Erst im Maerz 2011 kam sie wieder — und sorgte dafuer, dass ab dann wieder alle unsere Slamvideos gleich beim ersten Blick als „Ulmer“ Videos zu erkennen waren 😉

Ueberspielorgien

…haben wir uns relativ lange angetan. Wir hatten zwar von Anfang an eine HD-Kamera benutzt, die zweite Kamera war aber lange Zeit eine Bandkamera des Theaters, was bedeutete, dass Michael Sommer und ich nach jedem Slam eine tragbare Festplatte mit den ueberspielten DV-Aufnahmen austauschten. An der Stelle danke ich Michael noch einmal ganz ausdruecklich dafuer, dass er diese nervtoetende Nudelei selbst im Haus uebernommen hat 😀

Endgueltig verabschiedet hatten wir uns erst im April 2010 (wo wir schlichtweg nur eine Kamera verwendeten) — es folgten Versuche mit Tapeless-Camcordern, wackelige Konstrukte mit Kompaktkameras und Magic Arms und dann ab November erstmals Aufzeichnungen mit zwei HDSLR-Kameras. Ab da blieb das Setup eigentlich immer ziemlich dasselbe — manchmal mit zwei Kameras, manchmal mit einer.

Das ueberraschte mich am meisten: Die Podium.bar war mindestens die ersten vier Slams ganz regulaer mit Tischen bestuhlt. In meiner Erinnerung war das "schon immer" dicht mit Stuhlreihen befuellt

Die Videos

Falscher Weissabgleich. Zu hoher Aufnahmepegel. Kein Kompressor. Verwackeltes Bild. Volle Speicherkarten, weil’s ein Dreierfinale gab und man zu knapp kalkuliert hatte. Irgendwas war immer. Geschnitten wurde lange auf einer uralten Kiste mit einer geschenkten Pinnacle-Studio-Lizenz, spaeter dann auf einer hochgezuechteten Maschine und immernoch der schrottigen Studio-Version, die nur zwei Videospuren unterstuetzte. Fuer den Dead or Alive reichte das nicht, also musste ich mir eine Maschine suchen, fuer die eine Premiere-Lizenz vorhanden war und dort um Arbeitszeit bitten. Teilweise habe ich den Grobschnitt im PC-Pool an der Uni gemacht, mit externer Festplatte und hinterher jedes Mal 6 GB temporaerer Dateien auf dem Netzlaufwerk, die ich wieder loeschen musste, weil sonst der Pool-Account gesperrt worden waere.

Weiters habe ich mir darueber nie gedanken gemacht — bis auf einmal Bybercaps „Heads up, seven up“ ein Jahr nach seiner Veroeffentlichung auf dem Blog von JochenEnglish erwaehnt wurde und offenbar einen Nerv bei Lehrer*innen und Schueler*innen traf. Ueber die naechsten zwei Monate sah ich den Link zu „meinem“ Video alle paar Tage auf Twitter und Facebook, und zwar bei Leuten, die das garantiert nicht ueber mich selbst, sondern ueber irgendwelchen irren Wege empfohlen bekommen hatten. Mittlerweile steht der Youtube-Zaehler allein fuer dieses Video deutlich jenseits der 600.000 Abrufe und duerfte wohl eins der meistgesehenen deutschsprachigen Slamvideos sein.

Das freut mich auch deswegen, weil Bybercap mit dem Text nicht einmal ins Finale kam: Er bekam bei der Vorauswahl zwar mit den meisten Applaus, entschieden wurde aber fuer den Finaleinzug nur zwischen Daniel Wagner und Bjoern Hoegsdal. Das kam auch immer wieder mal vor: Dass der Applaus im Publikum anders wirkte (und auch auf der Aufnahme anders gemessen wurde *hust*) als die letztliche Entscheidung von Ko und Rayl. Einerseits fuer mich ein Grund mehr fuer die Bewertung mit dem Jurysystem, in dem zufaellige Gaeste jeweils eine Note von 1 bis 10 geben und die beiden Extrema gestrichen werden, um aus dem Rest einen Mittelwert zu bilden — andererseits fuer mich ein Symptom der Slammeistertitelmanie: Wer nicht als deutschsprachiger Vizepoetrychampion angekuendigt wird, steht gleich einmal seltsam da. Bybercap hat sich in seinem zweiten Auftritt im Maerz 2011 subtil, zynisch und treffend ueber Kommerzialisierung und Titelsammlerei lustig gemacht. Ins Finale kam er damit wieder nicht.

Was mich sehr ueberrascht hat, war die Entwicklung der Aufrufzahlen. Bis zur „Entdeckung“ des Bybercap-Videos waren in gut zwei Jahren knapp 100.000 Aufrufe zusammengekommen. Mittlerweile sind ueber 60 Videos im Youtube-Kanal, die seither noch einmal 1.250.000 Mal(!) angesehen wurden. Klar: Man entdeckt ein Video, mit der Zeit wurde dann auch die Wahrscheinlichkeit hoch, danach andere unserer Slamvideos von Youtube empfohlen zu bekommen, und so setzte sich das fort… und macht schon irgendwie stolz. Genauso auch, dass die Videos laut Ko in der Slamwelt „einen gewissen Ruf“ haben — mir war das lange nicht bewusst, und mir ost erst vor einem guten halben Jahr aufgefallen, dass wir uns in Ulm mit unserer Aufzeichnung so weit entwickelt hatten, dass wir qualitativ in dieser Sparte ziemlich weit vorne rangierten. Schoenes Gefuehl, irgendwie.

Der letzte Sieger, der letzte Slam.

Epilog

Es waren schoene drei Jahre mit dem Ulmer Slam. Ab dem Maerz zieht die Reihe mit Ko Bylanzki in das Roxy um, Rayl Patzak wird aus gesundheitlichen Gründen offenbar nicht mehr moderieren, und der Slam wird damit noch groesser als er das ohnehin schon war. Eine Aufzeichnung wird’s von uns noch einmal geben, am 5.2. das „Dead or alive?“ im Grossen Haus, danach ist Schluss: Im Roxy filmt meines Wissens die SWP (jedenfalls tut sie das beim Science Slam). Einige Schaetze habe ich von den Slams der letzten drei Jahre noch in der Kiste, vielleicht kommt da noch das eine oder andere — mal schauen. Wir geniessen dann erst einmal die gut 12 Personenarbeitsstunden, die wir zukuenftig pro Monat in andere Projekte stecken koennen.

Falls aber jemand einen anderen schoenen Slam (oder eine andere Veranstaltung) hat, den er oder sie qualitativ hochwertig dokumentiert haben moechte: Micha und ich waeren dann ab dem 5.2. frei. Bessere Slamvideos gibts nirgendwo anders, Honorarvorstellungen auf Anfrage 😉


(Der letzte Podium-bar-Slamgewinner. Seufz. Ich hab mich hinterher mit der Barbesatzung ordentlich abgeschossen. Danke fuers Freibier, Martina ;))

3 Gedanken zu „Und auf einmal waren drei Jahre vorbei

  1. juliane

    Ja wie schreibt man ihn denn nun? Bibercap oder Bybercap?

    Allein schon wegen der Tapete werd ich die podium.bar vermissen. Steht das denn schon fest, dass die swp die Aufzeichnungen übernimmt? Mit guten Videos haben sie bisher ja eher nicht geglänzt 🙁

    Antworten
    1. stk Beitragsautor

      Er heisst tatsaechlich eigentlich „Bybercap“, und das ist bloederweise im Video falsch hartcodiert.

      Ich weiss nicht, wie’s im Roxy weitergeht — HeBu hatte auf Facebook gefragt, und dort hiess es, dass es „in irgendeiner Form“ weiter Videomitschnitte geben werde. Ko meinte halt, dass im Roxy die SWP saesse, und ich hab uns bisher nicht selbst aktiv angeboten, weil ich gerade ziemlich mit der OpenData-Sache verbucht bin.

      Schau’n wir mal, wie’s dort wird — wenn das die SWP macht, haben die halt in der Regel ihre eigene Videosprache mit viel talking heads und Anmoderationen und so (siehe Science Slam). Gefaellt mir persoenlich nicht so gut, aber das liegt letztlich am Roxy und den dort zahlenden Gaesten, denen das gefallen muss.

      Antworten
  2. Pingback: Dichterkrieg im Roxy | stk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.