Die Digital Natives werden ueberbewertet. Noch.

Der mspro ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als er meinen Post zur Causa Heilmann verlinkt hat. Danach gabs von ihm hauptsaechlich immer noch seltsamer werdende Status zu lesen, bis Samstag jedenfalls. Da kam zu den Status auch mal wieder ein lesenswerter Artikel, ueber die Luecke zwischen den Generationen der Internetausdrucker und der sogenannten Digital Natives.

Es steht viel Wahres in diesem Artikel. Zum Beispiel, dass in vielen Schulen „Informatik“ noch aus „Turbo Pascal“ und aehnlichem Unsinn besteht. Auf meinem ehemaligen Gymi gab’s auch „Webseiten basteln“, mit irgendeinem Netscape-Programm. Gruselig. Die Kiddies holen sich WordPress-Accounts, und die Lehrer bringen einem derweil HTML bei, das nicht einmal standardkonform ist.

Was aber ebenfalls an den Schulen nicht gelehrt wird, sind Medienkompetenz und die grundlegenden Rechtskenntnisse, die man zum Überleben in der Informationsgesellschaft braucht — und das macht die „Digital Natives“ meiner Meinung nach momentan zur einer hoffnungslos ueberschaetzten Generation. Ein Kollege hat mir neulich von der Tochter seiner Freundin erzaehlt, fuer die Internet == Zeitvertreib ist. Auf TU surfen, Nachrichten austauschen, klar. Dass man den Rechner aber auch fuer zielgerichtete Recherchen verwenden kann, scheint vielen dieser sogenannten Digital Natives vollkommen fremd zu sein. Und wer behauptet, die Generation nach 1990 koenne wie selbstverstaendlich mit dem Rechner umgehen, schaue sich einmal die Referrer groesserer Internetseiten an. team-ulm.de, aufgerufen durch das erste Ergebnis der Suche nach „team-ulm.de“. Was ist denn eine Adressleiste? Google ist doch gleichzusetzen mit dem Internet, oder? So etwas erschreckt mich manchmal schon ein wenig.

Sehen wir es ein:  Wir, die wir bloggen, uns auf Konferenzen treffen um uns zu beweihraeuchern und uns in voelliger Selbstueberschaetzung als Elite vorkommen, sind doch nur ein verschwindend geringer Anteil an der Bevoelkerung. Wir sind diejenigen, denen gesagt wird, dass in der Firma Outlook und nur Outlook verwendet wird, egal ob wir damit zurechtkommen oder nicht. Wir sind diejenigen, die gefragt werden, warum wir schief schauen, wenn unser Gegenüber zwar Firefox benutzt, aber nicht die Tab-Funktion. In der jungen Generation mag dieser Anteil vielleicht etwas groesser sein, aber Wunder darf man keine erwarten.

Auf der anderen Seite steht es mir nicht zu, darueber die Haende ueber dem Kopf zusammenzuschlagen. Von wem soll die junge Generation denn die noetigen Fertigkeiten erlangen, wenn sich doch schon die Mehrzahl der Lehrer nicht mit der Materie auskennen, geschweige denn die Eltern? Die Situation erinnert mich fatal an die Stimmung im Usenet in den 1990er-Jahren, als hordenweise die klischeehaften AOL-Newbies in die Newsgroups einfielen. Man machte sich lustig, rollte mit den Augen — Abhilfe kam aber erst, als man diese Newbies langsam zum richtigen Umgang mit dem Medium „erzog“.

Mspro meint, dass wir die Grundlagenarbeit leisten muessen. Lobbyarbeit, Netzpolitik, Mittler spielen zwischen den Internetausdruckern und der Post-1990-Generation. Ich finde, das reicht nicht. Uns obliegt es, aus der Nachwendegeneration auch tatsaechlich Digital Natives zu machen. Indem wir ihnen erklaeren, warum es nach unserem Urheberrecht nicht in Ordnung ist, geschuetzte Liedtexte zu veroeffentlichen, auch nicht wenn ein „(c) by $Kuenstler“ dabei steht. Und warum eben dieses Urheberrecht vielleicht ueberholt ist. Und was man dagegen tun kann.

Kurz: Wir muessen ihnen zeigen, was fuer ein wunderbares Medium das Netz sein kann, wenn man damit umgehen kann — nicht nur zum Zeitvertreib — und warum sie es gemeinsam mit uns vor den alten Leuten schuetzen muessen, die es zerstoeren wollen.

6 Gedanken zu „Die Digital Natives werden ueberbewertet. Noch.

  1. Sirat

    Gut und wahr. Und nun zur Praxis: Wie denn?

    Btw. Warum eigentlich ist ?@?.invalid keine zulässige Email-Adresse? Was soll ich denn sonst eintragen?

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  2. stk Beitragsautor

    @Sirat: Ich habe mich nach einem rp-Panel, in das ich eher zufaellig hineingeraten bin, noch eine Weile ueber Programme mit und an Schulen unterhalten, die man durchfuehren kann. Die Idee scheint mir interessant, und nachdem es ohnehin Aufklaerungsbedarf zu geben scheint, was die in den Schulen gelehrte Medienkompetenz angeht (was ich da Tag fuer Tag bei TU sehe…), werde ich da mal die Fuehler ausstrecken.

    Und was die E-Mail-Adresse angeht: Nimm deine. Mit der ich dich ggf. auch erreichen kann. Danke.

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  3. stk Beitragsautor

    Der Privacyworkshop geht doch schon zwei Stufen weiter, von der Frage abgesehen, ob es wirklich _schlimm_ ist, wenn Partyfotos auf StudiVZ zu sehen ist — siehe die Lobo’sche Parabel von „sich im Klo einschliessen“ (fast immer gut) und „im Klo eingeschlossen werden“ (nie gut).

    Vorher muessen viel tiefgehendere Grundlagen geschaffen werden. Wie gesagt, schau einmal einen Tag ins Ticketcenter des Kundendienstes bei team-ulm, da schlackerste mit den Ohren. Und waehrenddessen bekommen die Kids in der Schule Excel beigebracht.

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  4. Sirat

    Ja, ich seh das Problem. Aber was ist die Lösung? Wer tut was dagegen? Wer sollte? Und wie?

    Und wegen Mail: Ich will vielleicht meine Mail-Adresse nicht angeben. Warum muss ich?

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  5. stk Beitragsautor

    @Sirat, es gibt sogar Moeglichkeiten, das zusammen mit Medienpaedagogen als offizielles Projekt durchzuziehen, das vom Land gefoerdert wird. Ich muss mich aber naeher informieren, ob das in BaWue und Bayern ebenso einfach geht, wie das offenbar in den neuen Laendern der Fall ist.

    Wegen Mail: Ich moechte. Sag mir einen guten Grund, warum ich keine Moeglichkeit haben soll, dich zu kontaktieren, dann ueberlege ich mir das noch einmal. Abgesehen davon, dass es nicht viele Leser dieses Blogs im betreffenden Wohnheim gibt und ich mir ohnehin denken kann, wer du bist 😉

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