Party-Un(i)kultur

Jetzt ist auch die O27-Party vorbei, und damit das Jahr, in dem ich bei fuenf von sieben offiziellen Parties einen Org- oder Edelhelferausweis abbekommen habe. Und ich ueberlege mir ernsthaft, in Zukunft nur noch Edelhelfer zu machen — denn so kaputt wie gestern morgen nach 24 Stunden durchgehender Arbeit war ich bislang noch auf keiner Party.

Aber vielleicht waren da ja auch nur ein paar der Gaeste schuld.

Es ist einfach und billig, anderen in die Schuhe zu schieben, wenn etwas nicht passt. Aber irgendwie verliere ich gerade den Glauben daran, dass es noch etwas bringt, so viele Parties an der Uni zu machen. Auf der KIF hatten wir festgestellt, dass Ulm in der Hinsicht eine herausragende Position einnimmt: Wenn an anderen Unis gefeiert wird, dann vielleicht ein oder zwei Mal jaehrlich irgendwo an der Uni, ansonsten extern in Clubs. In Ulm feiern dagegen die vereinigten BECI-Fachschaften (BECI-Fruehlingsfest), Chemiker (Chemikerfasching), Wirtschaftsmathematiker (Viva La Wima), Mediziner (Physikumsparty), E-Techniker (O27) und als Einklang fuer die Erstis bzw. als kroenenden Sommerabschluss die StuVe/AStA (FUESE-Party und SoNaFe), und zwar alles direkt an der Uni und zu vergleichweise krassen Preisen.

Im Klartext heisst das also, man bekommt bis zu sieben Mal im Jahr zu laecherlichen Preisen (ab 3 EUR) eine Party mit in der Regel zwei DJs, Bier- und Cocktailbars zu ebenfalls kaum vergleichbaren Preisen, ner Garderobe fuer nen Euro, bei Ankunft bis 2200 Uhr in der Regel ein Freigetraenk, und eigentlich jedes Mal eine verdammt gute Stimmung auf der Party. Und weil der Fussmarsch vom oberen Eselsberg nach Mitte halt ne halbe Stunde dauert, geben die Orgs noch einmal gut 1000 Euro fuer Nachtbusse aus, damit auch moeglichst alle gut nach Hause kommen.

Und was macht eine gefuehlt gar nicht so kleine Menge der Leute? Meckern.

Keine Vorverkaufskarten mehr? Meckern. Hey, wir brauchen unbedingt noch Helfer, kannst dich eintragen, dann kommst kostenlos rein. „Pffff.“

Gutschein bis 2200 Uhr, sowieso allgemein echt billige Getraenke? Nae. Lieber zuhause ordentlich vorgluehen und dann alle zusammen mit den letzten Bussen hoch an die Uni fahren. Und wenn daraufhin 100 Leute vor der Tuer stehen und halt realistischerweise nicht alle auf einmal abgefertigt werden koennen? Meckern. „Warum koennen wir uns da drueben nicht auch anstellen?“ — Weil der Flaschenhals beim Einlass ist, und es vollkommen egal ist, wie breit die Schlange wird. Aber nein, werf ruhig die Bauzaeune um, prima Idee.

Drei Nachtbusabfahrten, von denen die letzte erfahrungsgemaess ziemlich voll ist? Einfach den letzten Bus abwarten und fuenf Minuten vor planmaessiger Abfahrt zur Garderobe gehen, wo man sich mit den anderen rangelt, die dieselbe Idee hatten. Das dauert ja lange, was macht man dann? Meckern! Wenn man dann eine Viertelstunde nach Abfahrt der letzten Busse an die Haltestelle kommt, beschimpfe man die dortigen Orgs, weil man fuer 3 EUR — also ganze 1,30 EUR mehr als eine SWU-Einzelfahrt! — ja wohl erwarten kann, dass noch mehr Busse herbeigezaubert werden, wenn noch 20 Leute in die Stadt wollen.

Mann.

Wenn ich das jetzt noch einmal lese, klingt das verdammt verbittert. Und klar, die Motzer, die einem die Laune verderben, sind meistens weniger als 50 Leute, von insgesamt weit ueber 1000 Partygaesten. Aber es macht mich halt doch ein wenig nachdenklich, wenn ich darueber nachdenke, dass es einerseits immer schwieriger wird, Helfer auch fuer die weniger beliebten Schichten zu finden (von drei(!) eingetragenen Abbauhelfern ist eine(!) tatsaechlich erschienen), man aber andererseits gefuehlterweise immer haeufiger dumm angepflaumt wird oder astronomische Ansprueche an eine Party gestellt werden, bei der man am Ende fuer 20 EUR mit zertanzten Haaren, einer Leberkaesesemmel und einem ordentlichen Rausch am Freitag morgen im Nachtbus nach Hause fahren kann.

Wenn die Parties an der Uni irgendwann einmal flach fallen sollten, weil sich nicht mehr genuegend Helfer finden und auch die Orgs keinen Bock mehr auf solche Scheisse haben, bleiben naemlich nur noch die „Uni“-Parties in der Stadt, bei denen man zu marktueblichen Preisen in den marktueblichen Locations eine marktuebliche Party hat, deren einzige Verbindung zur Uni der Name auf dem Plakat und die Handvoll „freischaffender“ Studenten sind, die dafuer Werbung machen und hinterher ihren Anteil einsacken, um ihn in unbekannten Kanaelen zu versenken. Und das ist eigentlich keine Alternative.

4 Gedanken zu „Party-Un(i)kultur

  1. marcus

    Einerseits glaube ich, dass die Leute in gewisser weise immer schon so waren und vor 30 Jahren einfach nicht die Polizei gekommen wäre. Andererseits hast du vollkommen recht, dass die meckernde Meute alles andere als motivierend ist.

    Evtl sollte man mal über studierende@uni-ulm.de schicken (bzw schicken lassen), dass wir uns über die vielen Gäste gefreut haben, Fundsachen hier und dort rumliegen und das wir das alles ehrenamtlich machen (genau dieser letzte Aspekt erscheint mir nämlich vielfach unbekannt). Ich entwerfe glaub mal was…

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  2. Sirat

    Je länger ich dabei bin, desto weniger glaube ich, dass die Orgs den ganzen Stress machen, weil sie so gute Menschen sind und den Partygästen einen tolle Party bieten wollen. Klar, das gehört auch irgendwie dazu, und klar ist das Gemeckere dann nervig. Aber ganz ehrlich: Wir machen die ganze Sache doch vor allem deshalb (immer und immer wieder), weil es UNS Spaß macht!

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  3. stk Beitragsautor

    @marcus: IMO ist das eher was fuer die GK als fuer ne Mailingliste. Mich wuerd das eher nerven, wenn das ueber so ne Liste kommt. Zumal das IMO groesstenteils Externe sind, die rumstressen.

    @Sirat: Bei mir isses halt seit mindestens drei Jahren so, dass ich den meisten Spass hinter ner Theke hab. Und wenn ich auf ne Uniparty komme, wo es hinter der Theke nicht laeuft, juckt’s mich in den Fingern, hinterzusteigen und zu sagen, dass man das doch so macht. Da muss ich mich manchmal schon zurueckhalten. Am Ende der O27 habe ich mich aber einfach zu sehr geaergert, das war nicht mehr so angenehm. Dazu kommt, dass ich hier halt nicht am Ende vom Abend meine 80 EUR plus Trinkgeld habe wie damals in der Bar nach ner langen Party.

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  4. Seba

    Ich kann da voll und ganz mitfühlen und bewunder gerade die Leute, die sich den Stress mehr als einmal im Jahr geben. Es gilt wie immer das Prinzip Verantwortung. Haben die Leute Verantwortung, dann fühlen sie sich meistens auch verpflichet was zu tun und machen das auch.
    Bei den Partygästen und -helfern ist die Mentalität eben eine andere und obwohl hier viel ehrenamtlicher Aufwand (Blut. Schweiß, Tränen und vor allem Nerven) reingesteckt wird, begegnet man einem Publikum, dass meint für 3 EUR fürstlich bedient zu werden.
    Ich leide mit dir, kann dir aber sagen, dass ich nach mehreren Jahren in einem ehrenamtlichen Jugendtreff des CVJM (davon 5 Jahre als Vorstand) die Hoffnung aufgegeben habe, dass sich eine „Horde Besoffener“ jemals rücksichtsvoll verhalten und das eigene Engagement würdigen kann.
    Resignierte Grüße,
    Seba
    PS: Die Zeit möchte ich trotzdem nicht missen… viele Fehler gemacht: viel gelernt 😉

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