Ein Abend in der Boell-Stiftung

Die Haeppchen und das Freibier nach der Soiree konnten das ein wenig retten, aber trotzdem: Ich war nicht zufrieden nach dieser Podiumsdiskussion.

Einmal zu Jarvis: Ja, er ist mitreissend, in seiner Vortragsart gleichermassen wie mit seinen Vergleichen. Aber auch bei der zehnten Wiederholung werden seine ungueltigen Parabeln nicht wahrer. Das „German Paradox“ existiert schlichtweg nicht. Ganz im Gegenteil spiegelt der scheinbare Widerspruch zwischen den gemischten Nacktsaunas und der Paranoia vor StreetView genau die Angst vor Kontrollverlust wider, um die es geht. In der Sauna sitzen zehn andere Nackedeis, die ueberschaubar sind und von denen keiner eine Kamera dabei hat, um den Anblick mit der ganzen Welt zu teilen (Von einzelnen Ausnahmen abgesehen).

Genauso duerfte es Google so ziemlich zuletzt um die armen Chinesen gehen, wenn sie ihre Suchmaschine in China entgegen staatlicher Zensurbestrebungen betreiben. Google ist immer noch von wirtschaftlichen Interessen getrieben, genauso natuerlich wie quasi alle Staaten, die im Interesse ihrer heimischen Firmen abgesehen vom erhobenen Zeigefinger einen Teufel gegen die chinesische Zensur tun. Hier schenkt sich keiner etwas.

Und nicht zuletzt halte ich Positionen wie die, dass derjenige, der die Privatheit hochhaelt, die Oeffentlichkeit „bestiehlt“, der Diskussion fuer nicht zutraeglich. Aber gut.

Der eigentliche Kracher des Abends war Thilo Weichert. Ich weiss nicht, wie man dazu kommt, muendigen Buergern die Entscheidungsfaehigkeit absprechen zu wollen, unter Kenntnis und Abwaegung aller Risiken einen Dienst wie Google Mail zu waehlen. Nils meinte spaeter, das Publikum habe ihm gar keine Fragen mehr gestellt, weil die Antworten vermutlich schmerzverursachender gewesen waeren als ihn zu ignorieren.

Die Weichertsche Argumentation geht in etwa so: Wem man seine Daten anvertraut, der muss vorher en Detail offenlegen, wie er mit den Daten verfaehrt und was damit passiert. Wer das tut, erhaelt eine staatliche Zertifizierung (und jeder weiss ja, dass solche Siegel total toll sind!) und ist damit offiziell vertrauenswuerdig.

Jetzt kann man sich fragen, ob Weichert jemals per Anhalter unterwegs war, und wenn ja, ob er sich jedesmal vorher das polizeiliche Fuehrungszeugnis zeigen liess. Abseits technokratischer Automatenvorstellungen duerfte die reale Welt eher so funktionieren: Ein Gegenueber bekommt erst einmal einen Vertrauensvorschuss, den es erfuellen oder verspielen kann. Baut ein Unternehmen Mist, spricht sich das herum; der Markt reguliert sich also selbst. Wo in diesem Prozess ein staatliches Siegel notwendig oder sinnvoll ist, hat sich mir nicht erschlossen. In den Sphaeren, in denen Weichert schwebt, scheint das aber dringend erforderlich zu sein (wo diese Sphaeren sind und wie man da hinkommt, will ich besser gar nicht wissen).

Was mich noch viel mehr gewurmt hat, war die Frage, die ich nicht gestellt habe (und auch niemand sonst). Die Diskussion wurde wieder einmal ganz um Unternehmen, namentlich Google gewickelt. Wie passt es aber in Weicherts Offenlegungs- und Zertifizierungsweltbild, dass der Staat — wo der Opt-Out dann doch ungleich schwieriger ausfaellt — in vollkommener Abgeschottetheit geheime Vertraege wie ACTA und INDECT aushandelt, die zweifelsfrei in die Privatsphaere der Buerger eingreifen?

Wahrscheinlich werden die beteiligten Behoerden dann im Umgang mit den Daten zertifiziert und bekommen ein Siegel. Oder sie sind von vorneherein vertrauenswuerdig. Das wuerde sicher in Weicherts technokratisches Weltbild passen.

//addendum: Ganz vergessen: Jens Bests Fragen sowohl in Inhalt als auch in Form fand ich furchtbar. Was sollte das denn eigentlich?

(Titelbild von Pascal geklaut. Unten: @presseschauer uebt sozialen Druck auf @nullsummenspiel aus, um Spenden fuer die FSA zu sammeln.)

15 Gedanken zu „Ein Abend in der Boell-Stiftung

  1. Pingback: Tweets that mention Ein Abend in der Boell-Stiftung | stk -- Topsy.com

  2. Jens Best

    Naja, da ich gerade via netzpolitik hier vorbeikomme, sei wenigsten hinsichtlich deinem appendum der Versuch gestattet, etwas von der Veranstaltung zu retten.

    Eigentlich sollte meine Frage sein: „Sollten Bürger, neben dem Bewusstsein Privatsphäre zu schützen, nicht auch von der Politik angeregt werden, in größeren vertrauensbasierten Gemeinschaften mehr Information miteinander zu teilen?“

    Leider wollte ich vorher noch gegenüber Weichert klarstellen, dass er eine Falschaussage macht, wenn er den BDSG-Änderungsentwurf aus Hamburg als „Wiederholung von bereits bestehendem Gesetzen“ bezeichnet hat. Das stimmt eben nur zum Teil. Konkret soll in §28 Absatz 4 das Recht eines Hauseigentümers/Mieters festgeschrieben werden gegenüber einem georeferenziert fotografierendem Fotografen (also quasi jedermann mit einer modernen Kamera) das Haus in einer „Internetveröffentlichung“ zu entfernen.

    Dies ist eine Änderung unseres bisherigen, auch bundesgerichtlich bestätigtem gesellschaftlichem Agreement. OHNE eine ausgiebige und ausgewogene Diskussion sollten wir diesen Eingriff in die Öffentlichkeitssphäre nicht hinnehmen. Meiner Meinung nach sollten wir das sogar ablehnen.

    Dies hielt ich für so relevant, dass ich es vor meine Frage ergänzend erwähnen wollte. Fehler. Zu lang. Konsti wollte mich dann bremsen, weil ich eigentlich keine Antwort von Weichert wollte, sondern zu meiner eigentlichen Frage kommen. Siehe oben. Und weil ich mir nunmal ungern ins Wort fallen lasse, kann es ab dann etwas konfus geworden sein.

    Dieser Frage wollte ich das Beispiel von opowers voranstellen. Die bieten ihren Stromkunden die Möglichkeit(!) des Vergleichs, und fördern diese Option auch. Sprich eine Strasse oder ein Wohnblock kann unter den teilnehmenden Stromkunden sehen, wo man selbst im Verhältnis zum stromsparensten Kunden und zum Median aller Stromnutzer steht. Dies regt, durch das Offenlegen der Stromverbrauchsdaten eine halb sportliche, halb auf Einsicht setzende bewusstere Stromnutzung an.

    Sprich durch das Teilen von Daten kann besseres gemeinschaftliches Handeln entstehen. Wenn aber die Privacy-Fanatiker in der Bevölkerung weiter ein solches Internet-Bashing betreiben (Künast, Weichert), wikipedia aktiv schlechtreden u.ä., dann ist es mit einem vertrauensbasierten, verantwortlungsvollen Umgang mit crowd-gesourcten Daten in Deutschland nicht weit her. Damit verspielen wir nicht nur wirtschaftliche, sondern vorallem soziale Chancen der Weiterentwicklung der Gesellschaft, die uns jetzt überhaupt durch die Webnutzung erstmalig in zeitlich bequemer Form zur Verfügung steht.

    DAS sollte mehr gefördert werden, DAS nenne ich soziale Medienkompetenz. Dieses Geblubber über Sauffotos in Facebook ist total kontraproduktiv.

    Ist meine beabsichtigte Frage jetzt deutlicher geworden?
    PS: Ich muss tatsächlich wohl kürzer werden in meinen Fragen.

    Antworten
  3. m4lvin

    wenn du doch wissen willst, wie man in die „sphären“ kommt, gerade was die grünen betrifft, dann schau dir mal die geschichte des Bio-Siegels an!

    @classless: ja, viele piraten würden statt truck auch guidomobil fahren, schade drum.

    Antworten
  4. Pingback: Tweets that mention Ein Abend in der Boell-Stiftung | stk -- Topsy.com

  5. stk Beitragsautor

    @classless und m4lvin: Okay, das ist tatsaechlich naiv-idealisiert. Was ich meinte: In der Regel faengt man mit einem Vertrauensvorschuss an — und wenn der missbraucht wird, spricht sich das herum. Das soll nicht heissen, dass unabhaengige Ueberpruefungen pauschal doof/ueberfluessig/scheisse sind. Ich mag nur keine „Ich bin euer Datenschutzpapi und ich sag euch jetzt, was ihr machen und gut finden sollt“-Bevormundung.

    @Jens, okay, das klingt so dargelegt auch sinnvoll. Freitag abend klang es, puh, wie ein gefaehrlicher Irrer, der uns dazu zwingen will, unseren Energieverbrauch zu veroeffentlichen und der dann ins Mikrofon poebelte 😉

    Deine Idee duerfte schlicht und einfach nicht in eine kurze Frage zu verpacken gewesen sein, den Zusammenhang zwischen Street View und der Kontrollverlust-Paranoia und den prinzipiellen Vorteilen gemeinsam (und eventuell auch nur semioeffentlich) genutzter Daten koennte ich persoenlich jetzt auch nicht so direkt herstellen.

    Was mich generell stoert und auch bei der „Digitale-armee-Fraktion“-Aktion sauer aufstoesst ist diese Tendenz, die jeweils andere Seite als rueckstaendige Trottel oder moralische Flachpfeifen oder sonstwas hinzustellen. Ich habe gerade bei der Streetview-Debatte den Eindruck, dass da nicht zwei Seiten frontal aufeinanderprallen, sondern dass die sich eher zufaellig an dieser Konfliktstelle treffen, weil hier ein Spannungsverhaeltnis zwischen Panoramafreiheit und den total neuen Implikationen einer moeglichen Aggregierung und Zusammenfuehrung aller Daten entsteht. Das bringt natuerlich unglaubliche neue Moeglichkeiten und Potenzial mit sich, aber eben auch Seiteneffekte, die vielleicht nicht so wuenschenswert sind.

    Und hier finde ich es nicht lauter, wenn einerseits argumentiert wird, das Urheberrecht stamme aus laengst vergangenen Zeiten, sei in erster Linie auf Unternehmer zugeschnitten und beduerfe angesichts des Paradigmenswechsels einer Ueberarbeitung — auf der anderen Seite aber angenommen wird, die Panoramafreiheit sei ein hinzunehmendes Recht, ueber das es nichts zu diskutieren gibt.

    Antworten
    1. Jens Best

      Es kann schon sein, dass ich im Dialog mit einigen, meist anonym auftretenden Kommentatoren, zu deutlichen Worten greifen musste. Das liegt dann aber darin, dass ich genervt bin, wenn jemand meint mich neunmalklug angehen zu müssen (meist inklusive irgendeiner haltlosen persönlichen Spitze gegen mich) ohne dass diese Person auch nur zwei Minuten über das Thema nachgedacht hat.

      „Rueckstaendige Trottel oder moralische Flachpfeifen“ habe ich also in den letzten Wochen tatsächlich einige erleben können, aber das war nicht der Auslöser meiner Aktion. Wer sich also die Mühe gemacht hat mehr als nur den überzeichneten Artikel im SPON zu lesen, der hat gemerkt, dass ich hier, ähnlich wie Jeff, das Verständnis von Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter gefährdet sehe und deswegen eine klare Linie ziehe.

      Oh, okay, und das ich bei carta einmal(!) einen in der Formulierung ironischen Kommentar gebracht habe, der aber, wer lesen kann, inhaltlich, über Medienkompetenz und Open Data ging, muss ich fast auch schon „bereuen“. Ironie (hier Anspielung ‚Digitale Armee Fraktion‘, weil ich vorher von einem Schwachmaten als Terrorist bezeichnet wurde) ist anscheinend nur für einen sehr kleinen Kreis von Menschen ein erkennbares Stilmittel im politischen Diskurs. Viele sind dann tatsächlich nichts weiter als „rueckstaendige Trottel oder moralische Flachpfeifen“.

      Der Widerstand gegen ein umfangreicheres vertrauensbasiertes Teilen von Daten ist vielfältig. In Teilen sogar berechtigt, denn Daten wurden und werden oft genug missbraucht. Der CCC weist seit seiner Entstehung immer wieder daraufhin, dass jedes technische System Lücken hat und deswegen der reinen Technik nicht vertraut werden kann.

      Deswegen liegt für mich der eigentliche Diskussionsbedarf im Bereich wie wir Menschen in einem Zeitalter der digitalen Möglichkeiten miteinander umgehen. Vertrauen fällt nicht vom Himmel, es wird, wie du selbst sagst ein Vertrauensvorschuss gegeben, der wachsen kann oder bei heftigem Missbrauch verfällt.

      Aber es werden die falschen Aspekte in dieser Debatte dämonisiert. Datenschutz – das Wort allein verrät schon, dass man nicht teilen sollte. Und wenn dann so Leute wie Weichert immer brav nebenbei erwähnen, dass sie ja auch für Informationsfreiheit (= Datenfreiheit) zuständig sind, geht mir schon der Hut hoch. Eine einzige Heuchelei schaut man sich die Realität des deutschen Informationsfreiheitsgesetz nach fast fünf Jahren an. Von Open Data Förderung mal ganz abgesehen.

      Deswegen musste ich auch radikal dem Weichert gegenreden, als der mit irgendwelchen neunmalklugen juristischen Spitzfindigkeiten auf den ersten Teil meines Wortbetrages reagieren wollte. Eine Häuserfassade zu einem Bestandteil der informationellen Selbstbestimmung machen zu wollen (und damit den neuen §28 Absatz 4 begründen zu wollen) ist einfach nichts weiter als ein Beenden der Freiheit der Fotografie im öffentlichen Raum. Der Jägerzaun hat keine Persönlichkeitsrechte. Punkt.

      Und wenn mein „ins Wort fallen“ von einigen als wirre Reaktion gesehen wird, kann ich nur sagen, dass es auch mit der Diskussionskultur in Deutschland nicht mehr weit her ist. Ringelpiez mit Anfassen ist mit den bürokratischen Verrätern der Freiheit nicht möglich, und Weichert hat ja dann auch im weiteren Verlauf der Diskussion sein wahres Gesicht gezeigt. Ich bin einfach müde mit so uninspirierten Leuten zu diskutieren, die aufgrund ihrer Ängste das digitale Zeitalter kleinreden wollen.

      Du hast recht, wenn du darauf hinweist, dass nicht willkürlich das eine Recht (Urheberrecht) ignorieren und verdammen und gleichzeitig bereits gewonnene gesellschaftliche Freiheiten wie die Panoramafreiheit blind feiern sollte.

      Eine freie Kultur des Austausches und der gesetzlich abgesicherte Respekt vor dem Künstler muss in eine neue Form gebracht werden. Lessig hat mit Creative Commons da einen ersten Schritt geleistet. Der überwiegende Anteil in der Rechtsprechung kann aber nur dann funktionieren, wenn eine Gesellschaft diese als sinnvoll anerkennt. Ein restriktives Urheberrecht, dass insbesondere in den letzten 60 Jahren peu a peu mehr zum Diener der Vermittler wurde, kann keine Lösung für eine offenere Gesellschaft sein, wie sie auch durch die digitale Evolution für uns möglich wird. Die Widerstände sind groß, klar es geht um das größte goldene Kalb, das Geld.

      Hingegen ist die Panoramafreiheit sowie die noch grundgesetzmäßig viel wichtigere Recht der freien persönlichen Entfaltung, ein große gesellschaftliche Leistung, die es nun gilt im digitalen Zeitalter weiterzuentwickeln und nicht etwa einzuschränken.

      Wenn wir aufgrund des gesellschaftsverändernden Internets nichts besseres zu tun haben, als dieses neue Werkzeug zu beschneiden, weil wir mit seinen Möglichkeiten beim ersten Anwenden nicht zurecht kommen, dann werde ich mich diesem Handeln vehement entgegenstellen. Die Möglichkeiten mit dem Web eine bessere Gesellschaft zu fördern, eine Gesellschaft, in der mehr Kollaboration und Partizipation, mehr Kreativität und Austausch möglich sind, muss verteidigt werden, wenn es Menschengruppen gibt, die aufgrund ihrer eigenen Unkenntnis, Ängsten oder Vorurteilen den verantwortungsvollen Fortschritt aufhalten wollen.

      Der Umgang mit einem freien internet stellt neue große Herausforderungen an die Menschen, an ihr Verständnis voneinander und an das Selbstverständnis des Einzelnen. Es gilt den Blick in diesen Spiegel auszuhalten, auf die neuen alten Fragen Antworten zu finden und gemeinsam zu überlegen, wie man besser werden kann. Das Zerschlagen des Spiegels (aka das Beschneiden der digitalen Möglichkeiten) wird an den Umständen nichts ändern und wird deswegen von mir als gesellschaftliche Option abgelehnt.

      Und wer mein Beispiel mit dem vertrauensvollen Teilen von Stromdaten immer noch nicht versteht, der werfe einen tieferen Blick auf http://www.opower.com ( z.B. http://www.opower.com/Approach/TargetedMessaging.aspx )

      Antworten
      1. stk Beitragsautor

        Ich kann schon nachvollziehen, dass dir die Diskussion irgendwann auf die Nerven geht, solche Antworten schaden IMO aber dem ja durchaus ernsthaften Anliegen, das du hast. @nullsummenspiel und ich hatten auf der Fahrt nach Berlin schon ueber die Bezeichnung „Digitale Armee Fraktion“ diskutiert, und meine Einschaetzung war halt genau das: Ein beilaeufiger Witz, der natuerlich bereitwillig aufgegriffen wurde. So funktioniert der Medienzirkus halt. Was da jetzt passiert, sind die typischen Diskussionsfallen und Taeuschungsversuche, von Ad-hominem-Attacken ueber Red Herrings und Strohmaenner bis zu Scheinschluessen. Ich kann natuerlich ganz leicht daherschreiben, dass man das eben ertragen und sachlich bleiben muss, fuer dich wird das ungleich schwieriger sein. An der Notwendigkeit aendert sich aber nichts. (Die „moralische Flachpfeife“ war btw auf den Fixmbr-Kommentar gemuenzt, der dich sinngemaess als solche bezeichnet hat)

        Was Weichert angeht, konnte ich ihn einfach irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Das waren vielfach Allgemeinplaetze aus irgendeinem Paralleluniversum, in dem Unternehmen prinzipiell boese und der Staat prinzipiell gut ist, und seine Schlussfolgerungen taten irgendwann physisch weh.

        Ich sehe nicht den Schluss, dass „Datenschutz“ bedeute, dass man nicht teilen sollte. Datenschutz ist fuer mich immer eine Abwaegung zwischen moeglichen Risiken und Problemen, die mir durch die Zugaenglichmachung der mit meiner Person verbundenen Daten fuer einen definierten Personenkreis (im Maximalfall der ganzen Welt) und den dadurch „erkauften“ Vorteilen. In manchen Faellen kann ich selbst entscheiden, ob mir die Abwaegung passt und ich Daten „befreie“, in manchen Faellen — meistens, wenn es um Behoerden und oeffentliche Stellen geht — bin ich einfach dabei, ob ich will oder nicht. Letzteres ist das Problem. Und auch StreetView gehoert hier mittelbar dazu.

        Wie schon gesagt, dein Argument, dass durch das Netz ganz neue — positive — Konzepte moeglich sind, halte ich zu 100% fuer gueltig. Es ist aber kein Argument dafuer, dass die digitale Komplettabbildung und Veroeffentlichung von Strassenaufnahmen (und auch Luftbildaufnahmen, Satellitenbildern etc.) samt moeglicher Verknuepfungen _zwingend_ fuer alle davon Betroffenen eine gute Sache ist.

        Bevor wir uns missverstehen: Ich finde Street View toll, und Frittens Artikel zeigt ein hervorragendes Beispiel, warum es toll ist. Wenn aber gezeigt werden soll, warum Street View toll ist, dann soll auch tatsaechlich pro Street View argumentiert werden, und nicht pro Opower, oder pro OpenData oder sonstwas. Die Argumentation wird sonst zu leicht angreifbar, und/oder man verrennt sich — wie am Freitag gesehen.

        Antworten
  6. Jens Best

    Es geht nicht allein um streetview. Die Streetview-Diskussion ist nur ein Symptom einer Gesellschaft, die nicht bereit ist für mehr Offenheit. Eine Gesellschaft die von Angst- und Bedenkenträger bestimmt wird, die entweder nur ihr eignes Interesse verfolgen oder aus anderen niederen Gründen den Fortschritt von freien und offenen Systemen aufhalten wollen.

    Über arme verblendete Gesellen wie die fixmbr-Bande braucht man sich nicht erregen, dass sind nur emotionale Trittbrettfahrer. Das nervige Jucken am Bein, dass sie erzeugen, ist dennoch unangenehm, da gebe ich dir recht.

    Sie es mal so: Wenn die digitale Ebene der Realität, das Web, quasi ein neues Sinnesorgan ist, mit dem der Einzelne und die Gemeinschaft die Realität umfangreicher wahrnehmen und beeinflussen kann, dann kann es nicht akzeptiert werden, dass es Menschen gibt, die diese neue Öffentlichkeit, diesen gemeinsam zu gestaltenden Raum einschränken wollen, weil sie von Vorurteilen oder Ängsten getrieben sind. Eine Verweigerung ist keine Option, das käme der Ambutation eines Sinnesorganes gleich.

    Nun sind noch nicht alle fähig dieses Sinnesorgan zu nutzen. Das sollte unter normalen Umständen wohl überlegt geändert werden. Das Vermitteln von Media literacy, ein Aufgabe, die wesentlich wichtiger ist als der lächerliche Datenschutz, kann hier dringliche Abhilfe leisten. Aber anstatt die Menschen zu positiven Nutzung des Web anzuregen, werden lächerliche Angstkampagnen über Sauffotos in Social Networks oder Häuserfassaden gefahren. Wenn ich hier keine Absicht sondern einfach Dummheit unterstelle, ist es Zeit, dass digital-affiniere Menschen die Verantwortung übernehmen. Die Lernkurve von Leuten wie Weichert oder Künast (oder noch begriffstützigeren) ist begrenzt, mit diesem Personal wird das Web in seiner Entwicklung als wichtiges soziales Werkzeug aufgehalten.

    Frittens Aktion ist super. Ich selbst habe auch u.a. vorgeschlagen, in Kooperation mit den Heimatmuseen der Dörfer eine groß angelegte Aktion zu fahren, bei der historische Fotos eingescannt und geo-referenziert in Geo-Mashups eingebunden werden. Dies würde viel für das Verstädnis der digitalen Ebene der Realität unter den weniger online-affinen Menschen beitragen. Ich bereite gerade einen Dokumentarfilm vor, der die vielen kleinen Beispiele positiver Webnutzung in Deutschland aufzeigt.

    Aber trotz all der kleinen positiven Beispiele haben wir die große Aufgabe der Erschaffung einer digitalen Gesellschaft vor uns liegen. Wir können nicht einfach von einer Informationsgesellschaft reden und dann, wenn es konkret wird, Gesetze erlassen, die schon das Fotografieren in der Öffentlichkeit unter Strafe stellen. Welch ein Anspruch an die Menschheit ist das denn bitte?

    Wenn man überlegt wie bereits rudimentäre Online-Geo-Anwendungen wie ushahidi in Katstrophen- und Krisengebieten unterstützend eingesetzt werden. Wenn man sich anschaut, wie bei couchsurfing, betterplace, fixmystreet und vielen vielen kleinen Beispielen vertrauens-basierende Systeme durch den Einsatz des Web optimal eingesetzt werden, ist es himmelsschreiend, wenn eine Politik sich Arm in Arm mit dem analogen Deutschen Michel gegen den Einsatz des Digitalen im gesellschaftlichen Raum stemmt.

    Du kannst natürlich sagen, es ginge doch nur um Google Streetview. Für mich zeigt dieser Fall die Symtome einer bewusstseinslosen, nicht vertrauensfähigen Gesellschaft, die getragen wird von ein paar Besitzstandswahrern und ihren geistigen Sklaven. Wenn es schon einen solchen medial-inszenierten Aufschrei bei ein paar verknüpften Strassenfotos gibt, wie schätzt du dann erst die Chancen für wirksame Open Data-Projekte ein? Ich für meinen Teil bin definitv nicht mehr mit Kompromissen in diesem Bereich zufriedenzustellen.

    Antworten
  7. stk Beitragsautor

    Natuerlich geht es nicht nur um Google Street View, und mir faellt momentan auch nicht ein, wo ich das gesagt haben koennte. Und ich teile, wie bereits gesagt, deine grundsaetzliche Zuversicht, was positive Moeglichkeiten des Netzes angeht.

    Ich finde aber zwei Punkte in deinen Ausfuehrungen problematisch, weil sie fuer mich leicht fanatische Zuege tragen — Vorsicht, bitte jetzt keinen Beissreflex.

    Erstens.

    Du stellst die Gegner der von dir beschriebenen Moeglichkeiten — beispielhaft manifestiert in Street View — als gegen den Fortschritt gewandte, von Aengsten und Fuerchten getriebene Kleingeister dar, die deiner Position aus niederen Gruenden diametral gegenueberstehen und gegen dich treiben. Und hier machst du es dir meiner Ansicht nach zu einfach. Ich fuer meinen Teil wuerde die Gegnerschaft in folgende Gruppen einteilen:

    a) Medien, die (aufgrund kategorischer Google-Abneigung oder getrieben von Quote) Stimmung machen.
    b) Leute, die sich mit der Materie nicht auskennen oder auseinandergesetzt haben und die Medienmeinungen uebernehmen. Unverstaendnis und Furcht gehen hier Hand in Hand.
    c) Leute, die sich mit der Materie auskennen und die in ihrer persoenlichen Abwaegung die Gefahren hoeher einschaetzen als den Nutzen — warum auch immer.
    d) Politiker, die auch was sagen wollen und von a) und b) getrieben werden — und gleichzeitig durch Street View einen wunderschoenen Datenschutzstrohmann aufgebaut haben, um von den eigentlich interessanten Themen abzulenken (funktioniert ja offenbar)

    Ad a: Vergiss es. Hier regiert die Quote. Hier wuerde ich „niedere Gruende“ gelten lassen.

    Ad b: Fuer wie sinnvoll haelst du es, diese Leute herabzuwuerdigen? Wenn du schon selbst sagst, in manchen Belangen Idealist zu sein, warum nicht die Einstellung mitnehmen, die Leute durch gute, griffige Argumente zu ueberzeugen? Zwischen den Zeilen liest man bei dir immer, dass du dich hier fuer eine Sache einsetzt, die du fuer die richtige und gute haelst. Wenn die aber logisch zu begruenden ist und nicht auf Ideologie gruendet, dann muesste es doch moeglich sein, die „unwissenden Gegner“ argumentativ zu ueberzeugen. Und bitte, dass Leute Aengste und Fuerchte haben, ist eben so. Versuch doch mal, mit deinen Ideen positive Emotionen zu wecken, wenn dir die Aengste der Leute auf den Zeiger gehen.

    Ad c: Die Leute wirst du schwer ueberzeugen koennen. Datenschuetzer, Privacy-Verfechter, allesamt. Sie laecherlich zu machen, indem Datenschutz an sich diskreditiert wird, halte ich fuer gefaehrlich (siehe zweiter Punkt, der folgt)

    Ad d: Ja gut. *hust*. Da waeren wir auch wieder bei den niederen Gruenden. Getrieben von Gruppe a und den Umfragewerten.

    Zweitens.

    Wenn du den Datenschutz als laecherlich und unwichtig bezeichnest, greifst du genau den Strohmann an, der dafuer aufgebaut wurde: Waehrend hinter dem Ruecken INDECT, ACTA und Co. ausgehandelt werden, wird vordergruendig gegen Street View geschossen. Die Diskussion wird so vom Staat als Datenkraken auf Google und Co. verlagert — und du spielst auch noch fleissig mit, indem du das Konzept an sich beschiesst. Je nach Sichtweise also Win-Win oder Lose-Lose.

    Letztlich.

    Der Text von der Integrationsdebatte ist herrlich: http://nerds.computernotizen.de/2010/09/12/integrationsdebatte/
    Enno Park hatte darueber schon im letzten Jahr gebloggt: http://www.ennomane.de/2009/05/03/hier-laeuft-was-falsch-fuer-einen-neuen-ansatz-in-der-politik/

    Was heisst das also? Wir koennen uns offenkundig nicht darauf verlassen, dass Medienkompetenz in der Schule gelehrt wird. Und wir brauchen sie auch nicht bei Politikern erwarten. Oder bei Old-School-Medien. Und gerade deswegen ist es gefaehrlich, sich ueberspitzt gesagt als allwissende Netzelite zu gebaerden und die anderen als inkompetente Trottel darstellen. Wir muessen runter vom Elfenbeinturm und den Leuten erklaeren, worum es geht. Jeden. Verdammten. Tag.

    Kunstprojekte sind super. Beispielhafte Aktionen — du hast Fritten genannt, ich finde sein Projekt klasse. Positive Emotionen wecken, und den Leuten beibringen, worum es geht. Weil nur ueber Gruppe b) irgendwann auch a) und damit d) beeinflusst werden koennen.

    Antworten
  8. Jens Best

    Jeden. Verdammten. Tag. like any given sunday. 100% agreed

    Bei Richel zitierte ich letzt‘ schon aus einem US-Blog anfang 2010: „Stopp evangelizing, start educating.“ Runter von der Kanzel, ran an die Leute.

    Die Personen aus Gruppe b) sind ja auch garnicht diejenigen, die ich in irgendeiner Form en gros herabwürdigen will. Ich denke da exemplarisch an die vier Rentner aus der RP, die von einer Journalistin vor ihr Haus und ins Internet gezerrt wurden. Glaube kaum, dass die vier Anti-Web-Aktivisten waren, die genau wussten was sie tun. Der Spott der „Webgemeinde“ hatte für mich dort zu große Ausmaße angenommen. Menschlich verständlich, aber in der Sache falsch.

    Aber ich kann dir versichern, dass diese b)-Menschen, als Gruppe, „aufgehetzt“ von Analog-Vorgestrigen wie VdL o.a. auch eine Gefahr für die junge digitale Demokratie sind. Der Deutsche Michel ist nicht ohne Grund über Jahrhunderte hinweg ein beliebtes Mittel der zusammenfassenden Beschreibung gewisser deutscher Bevölkerungskreise geworden.

    Dennoch sollte hier natürlich der Dialog, das Beispielhafte, das Sinngebende im Vordergrund stehen. Zur Erinnerung, meine Streetview-Aktion ist nicht entstanden, weil ein paar Leutchen Angst haben und ich das geil finde, sondern weil Befürchtungen, Unwissenheit und Ignoranz zu einem medialen Unsinn zusammenwuchsen, der einfach eine gleichwertige Reaktion erfordert hat.
    Wer das nicht versteht, und mich anpöpelt, ich würde arme alte Menschen in ihren Häusern erschrecken wollen, ist kein ernstzunehmender Gesprächspartner für mich. (damit meine ich nicht dich).

    Datenschutz ist in den knapp 30 Jahren seiner deutschen Deutung zu einem Argumentationsmuster angewachsen, das man dringend einer ruhigen Neu-Betrachtung unterziehen muss. Es gibt Mechanismen in der deutschen Datenschutz-Debatte, die als selbstverständlich daherkommen, aber für eine moderne Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht zuträglich sind.

    Das ist es, worum es mir auch geht. Jede Sache, die als heilig erklärt wird, wo jeder Versuch mal eine andere Herangehensweise zu führen als Verrat gesehen wird, zeigt, das es nicht mehr um die sachliche Ebene, sondern um Problembewahrer, Machtfragen undsoweiter geht.

    Nicht eine Neudefinition des Datenschutz ist nötig, sondern mehr – ein positiver Blick auf die Realität der Informationsgesellschaft. Die heutige Sitzung der Enquetekommisssion lässt noch einen langen Weg erahnen, bei dem ich wohl, die Harmoniesüchtigen mögen es mir verzeihen, auch ab und an auf den Tisch hauen muss. Hoffe aber in den nächsten Monaten mich mehr um die vermittelnde Arbeit kümmern zu können.

    Mist schon wieder so lang geworden…..und wieder keine Zeit zu kürzen…..thks for ur reading & patience

    Antworten
  9. stk Beitragsautor

    Retour: Thx for ur writing. Das ist noetig, um mal die Grenzen und Ziele zu erkennen. Insofern muss ich dir ankreiden, dass deine Vorgehensweise genau wieder die Frontalattacke ist: Du zeigst den Leuten nicht, warum so ein Projekt cool sein und ihnen (und anderen) nutzen kann. Stattdessen machst du Bilder von Leuten, die ihre Haeuser nicht oeffentlich zeigen wollen, _weil_ sie ihre Haeuser nicht oeffentlich zeigen wollen.

    A: „Hier kann man kostenlos duschen. Mag jemand?“
    B: „Nee, lass mal.“
    C: „WAS? Duschen ist gut fuer die Allgemeinheit! Besonders bei dir, du mueffelst schon! Und deswegen schmeisse ich dich in die Donau!“

    (Oder so aehnlich. Der hinkt ganz schoen.)

    Antworten
  10. Jens Best

    Endlich mal ein neuer Vergleich. 🙂

    „Duscht endlich“ und „Entpixelt euch“ – herrlich.

    Die Aktion „Verschollene Häuser“ dient auch nicht der Aufklärung, sondern der politischen Grenzziehung. Quasi eine Notbremse um den Zug in den Datenschutz-Fanatismus aufzuhalten. (noch ein hinkender Vergleich) – sonst werden morgen noch die Gulli-Deckel vor den Häusern als Bestandteil des informationellen Selbstbestimmungsrechts definiert. Dann darf man nicht mal mehr die fotografieren. Das wäre ja dann richtig schade.

    Antworten
  11. Pingback: Ergaenzungen | stk

  12. Pingback: Der Weichert und die Social Networks (und das Geld und so) | stk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.