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Daran kann man sich gewoehnen

Die letzten Tage war hier nichts zu lesen — das lag daran, dass ich in Berlin bei der 37,5ten Konferenz der Informatikfachschaften (KIF) war. Und Junge, hat sich diese Reise gelohnt.

Sozialistische Einheitsturnhalle

Der Campus der Informatiker der HU Berlin liegt zwar nicht wie der Rest der Uni in Berlin-Mitte, sondern in der WISTA bei Adlershof, knapp 19 Kilometer von Mitte entfernt. JWD quasi, genau wie die Unterbringung in der (sozialistisch bemalten) Hochschulsporthalle im benachbarten Altglienicke. Und der Bau zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Verglasung absichtlich nicht durchgehend, sondern mit Luecken ist, wodurch es im Gang erstens immer kalt ist und zweitens reinregnen kann. Man muss sich dran gewoehnen.

East Side Gallery

Dafuer war die Organisation prima: Der Mittwoch war komplett Kulturtag, inklusive wahlweise touristischer oder bauhistorischer Stadtfuehrung. Im KIF-Cafe gab es rund um die Uhr diverse klein-AKs, Lockpicking, Spiele und natuerlich das ewige Fruehstuecksbuffet mit jeder Menge Essen, Trinken, (in Blindverkostung bewertetem) Bier und Informatikerbrause a la Club Mate. Die hatte ich ja auf der FSA09 zum ersten Mal ausprobiert und war sehr unangenehm von dem eigenartigen Geschmack ueberrascht. Wenn man aber wegen ueber Tage hinweg mangelnden Schlafes auf staendige Koffeinzufuhr angewiesen ist und von Vita Cola genug hat, schmeckt einem irgendwann erstaunlicherweise auch Club Mate relativ gut. Man muss sich dran gewoehnen.

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Die Bierverkostung!

Das Highlight sind aber natuerlich die Arbeitskreise und die Leute, die man trifft. Wie auf jeder Konferenz finden natuerlich staendig wenigstens zwei fuer einen persoenlich interessante Arbeitskreise parallel statt und man muss sich fuer irgendetwas entscheiden, das sich hinterher dann als doch nicht so spannend herausstellt oder um zwei Stunden verschoben wurde. So bekommt man dann in erster Linie auch mal mit, wie der Hase an anderen Unis so laeuft, von der Veranstaltungsplanung ueber den Umgang mit Jobangeboten an Fachschaftsverteiler, Campusmanagementsysteme (a la HIS) bis zur Fachschaftskommunikation, und schon hier bekommt man ziemlich viel wertvollen Input, auf welche Ideen man anderswo gekommen ist.

Abschlussplenum, kurz nach 0600 Uhr

Besonders interessant sind aber die Workshops, die sich um Themen drehen, von denen man bislang nur wenig gesehen und gehoert hat — und auch diejenigen, die dann aus irgendeinem Grund gar nicht zum vorgesehenen Ziel fuehren, aus denen sich aber tiefgreifende Diskussionen entwickeln. Von Konstrukten wie dem Europaeischen Qualifikationsrahmen hatte ich beispielweise vorher noch gar nichts gewusst, und die vom zustaendigen AK aufgezeigten Problematiken sind gar nicht mal so ohne. Ich hoffe, dass ich einige ausgewaehlte AK-Themen in den naechsten Tagen mal ausfuehrlicher beschreiben kann — nachdem ich aber in den kommenden zwei Wochen parallel ein Seminarpaper, eine Anwendungsfach-Literaturkritik und einen Vortrag zu Urheberrecht ausarbeiten und daneben noch irgendwie an der O27-Party mitorgen soll, wird das ein wenig eng :->

Beste Korrekturantwort. Ehrlich.

nerdsreisen

Waehrend sich in Ulm am Hauptbahnhof die Studenten und Schueler zum lustigen Demonstrieren sammelten, machte sich ein Teil der BECI-Besatzung auf zum Zug nach Berlin. Und Geeks reisen natuerlich standesgemaess mit ihrem Werkzeug, das sie nach dem Einsatz im steckdosenlosen IC auch mal laden, wenn sie koennen, um weiter Uebungsblaetter zu korrigieren. Und ueber Highlights wie das hier zu lachen:

Frage:  Was passiert wenn Sie in Ihrem Browser STRG-F5 drücken? Hat das einen Einfluss auf die Proxies?

In Mac OS X wird Lautstärke wird erhöht. Diese Änderung hat keinerlei Einfluss auf einen Proxy.
Bei einem Linux System wird die Helligkeit verringert. Auch diese Änderung hat keinen Einfluss auf den Proxy.

Kein Abzug :->

Neben der Demo verpassen wir leider auch die 24-Stunden-Dauervorlesung am Donnerstag, mit deren Hilfe man binnen einen Tages den Turbobachelor of Nothing (Ba. NN) erwerben kann. Falls es jemanden interessiert: Beginn ist am Donnerstag um 1200 Uhr im H6, Highlights sind unter anderem die Lightning-Talks (1300–1400), fuer die man noch einspringen darf, die Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Stadtmueller (1830–2000), „Alexander von Humboldt“ ( Prof. Dr. Kalko, 2300–2400), „Kick it like Frankreich“ (Film, 0430–0630) und „Coole Primaten“ (Dr. Schmid, 1000–1130). Ich gehe aber mal davon aus, dass sich auch der Rest der Dozenten lockere und interessante Vorlesungen ausgedacht hat, die man sich anhoeren kann — und schliesslich winkt ja am Ende auch der Bachelor 😉

Kafka meets Freiheit statt Angst

Egal, dass es weniger Teilnehmer als im Vorjahr waren. Durch die Videodokumentationen und die Erfahrungsberichte wird nun wenigstens offenbar auch einer breiteren buergerlichen Bevoelkerungsschicht klar, was es heissen kann, im Umfeld einer Kundgebung in die Behoerdenmuehlen zu geraten.

Aktuelles abschreckendes Beispiel: Markus “Alios”, der eine Festnahme und ED-Behandlung ueber sich ergehen lassen musste, weil er ein Leatherman dabei hatte. Und beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ich am Samstag natuerlich mein Schweizer Taschenmesser dabei hatte, ohne darueber nachzudenken — weil ich’s ja sonst auch immer dabei habe. Uff.

Custodiamus ipsos custodes (II)

Mittags fand ich es noch amuesant, dass ausgerechnet eine Datenschutzdemo die wohl bestdokumentierte Demonstration aller Zeiten werden duerfte. Auf dem Heimweg vom Potsdamer Platz nach Kreuzberg las ich dann auf Twitter, wie sich ein Video von einer Festnahme verbreitete, die ich selbst gesehen hatte. Und irgendwie habe ich das Gefuehl, dass das Demonstrationen und vor allem die Polizeiarbeit dort nachhaltig veraendern koennte. Aber von Anfang an.

Gestern morgen fuhr ich im vollbesetzten Kleinbus von Ulm nach Berlin, um an der „Freiheit statt Angst“ teilzunehmen. Auf der Hinfahrt bekam ich dann eher zufaellig mit, dass meine Anfrage von letzter Woche, ob noch Helfer gebraucht werden, als Freiwilligmeldung interpretiert und ich als Helfer im Wiki eingetragen worden war. Also schon wieder ein demobezogenes „first“ dieses Jahr.

Der Job war anfangs furchtbar unspektakulaer: Als einfacher Demoteilnehmer mitlaufen, versuchen die Teilnehmer zu zaehlen und die Ordner zu bestellen, falls sich irgendwo Aerger zusammenbrauen sollte. Den gab es aber nun wirklich nicht, selbst die Antifas waren ungewohnt unprovokativ und machten soweit ich das ueberblicken kann ueberhaupt keinen Aerger, so dass ich auch eine ganze Weile lang vom Holocaust-Stelenfeld aus in Ruhe zaehlen und die Waegen ansehen konnte.

Spektakulaerer wurde das ganze dann, als eine ganze Gruppe Demoteilnehmer zurueck am Potsdamer Platz den groessten dortigen Grunflaechenhuegel „eingenommen“ hat. Dieser Huegel ist anscheinend polizeitaktisch von so entscheidender Bedeutung, dass er mit gleich mehreren behelmten Polizeihundertschaften verteidigt werden musste, was die besetzende Fraktion natuerlich nur umso mehr sportlich herausgefordert hat (hier mit Bildern). Bis dahin also die ueblichen Spielchen, wie man sie von beinahe jeder Demo kennt, und ich war gerade im Gehen begriffen, als sich nur ein paar Schritte von mir entfernt die „unschoenen Szenen“ abspielten, wie sie anderswo genannt wurden. Und ich bin nach wie vor beeindruckt, was danach passierte. Schon bei den ersten Festnahmen klickten staendig die Kameras und wurde gefilmt, sobald sich Polizei und Teilnehmer nahe kamen – und zwar dieses Mal mit deutlicher „Waffenueberlegenheit“ der einfachen Buerger gegenueber den BFE-Trupps. Und auch jetzt wurde staendig draufgehalten, Namen der Festgenommenen zugerufen und der Ermittlungsausschuss informiert. Wie so oft waren die Zuschauer sichtlich verstoert (einer zitterte am ganzen Koerper, ein anderer schimpfte mindestens eine halbe Stunde lang, was das fuer eine Sauerei sei), aber sofort wurde die Kontaktadresse des AK Vorrat verbreitet, Zeugen meldeten sich am Koordinationszelt, und das HD-Video der brutalsten der Festnahmen machte ja bekanntermassen in rasender Geschwindigkeit die Runde im Netz.

So schizophren es anmuten mag: Ich sehe hier eine gewaltige Chance fuer eine, sagen wir mal, „transparentere“ Nachbereitung derartiger Vorfaelle auf Demonstrationen. Es ist ja keineswegs so, dass Gewalt seitens der Polizei bei Demonstrationen jetzt eine besondere Ausnahme sei — das war wohl nur fuer die vielen “buergerlichen” Demoteilnehmer nun ein wenig erschreckend, das einmal zu erleben. Die „Beweissicherung“ ist jetzt aber nicht mehr nur in der Hand einer einzigen Seite, die bisweilen unter Verdacht steht, das gemachte Bild- und Filmmaterial recht voreingenommen auszuwerten und sich im Gegenzug unter Kollegen nicht gegenseitig belasten zu wollen. Stattdessen ist jeder Teilnehmer auch ein potenzieller Zeuge, und zwar nicht nur mit Gedaechtnisprotokollen, sondern unter Umstaenden auch mit Fotos oder Videos – gemacht mit der Hosentaschenkamera oder dem Handy, ins Netz gestellt und verbreitet.

Die Polizei wird sich vermutlich auch darauf einstellen. Es ist ja jetzt schon sehr beliebt, die Loeschung von Bildern fotografierter Polizisten unter Androhung der Beschlagnahme der Kamera zu verlangen, auch gestern passierte das wieder, und das wird nicht weniger werden. Ein Bild oder Video einer illegalen Polizeiaktion ist eben nur dann etwas wert, wenn man es auch aus der Demonstration heraus und verbreitet bekommt. Man wird sich auch weiterhin gegen die Einfuehrung einer Identifikationskennzeichnung fuer Polizisten wehren und zukuenftig wohl noch seltener ohne Helm auftreten, um nicht so einfach zu identifizieren sein. Aber auch hier wird sich etwas finden – Direktuebertragung der Bilder per UMTS oder angepasste Kamerafirmwares, die Bilder zwar augenscheinlich loeschen, in Wirklichkeit aber nur verstecken, beispielsweise. Schauen wir mal, wie sich das entwickelt.

Ich fuer meinen Teil bin gestern offensichtlich auch mal wieder auf diversen BFE-Videoaufzeichnungen gelandet, und dieses Mal kann ich mich nicht damit herausreden, nur journalistisch unterwegs gewesen zu sein. Aber manche Ziele und Anliegen sind eben doch noch wichtig genug, das in Kauf zu nehmen.

Abschliessend: Ich muss an dieser Stelle auch den Kritikern Recht geben, die sowohl den zunehmenden Love-Parade-Charakter als auch die Parteifarbigkeit (linksrot, gruen, gelb, orange) der fsa09 kritisiert haben. Es ist zwar respektabel, wenn allein mehrere tausend Leute im Piratenblock mitmarschieren – im Gegensatz zu Transpis und Bannern besticht eine Sammlung von 200 Piratenparteiflaggen jetzt aber nicht unbedingt durch knackige Sprueche oder intelligente Einfaelle. Das ist schade und frustrierend – ein wenig mehr Farbe, ein wenig mehr nette Sprechchoere und ein wenig mehr Vielfalt waeren schoener gewesen als einfach nur schafherdenartig hinter dem Partytruck trottende Fahnenschwenker. Und ein wenig mehr Teilnehmer haettens auch sein duerfen. Ein Grund mehr, warum ich zu Parteien allgemein und den Piraten speziell bei aller Sympathie und Unterstuetzung weiter ein wenig gesunde Distanz aufrechterhalte.

Zu der Sache mit der UMTS-Direktuebertragung hatte ich schon seit dem UMTS-Versuch bei der Demo am 1. Mai eine kleine Ideensammlung in der Schublade, die ich eben wieder ausgepackt habe und daran weiterschreibe. Mehr in Kuerze hier.

Custodiamus ipsos custodes

Ja, es geht um dieses Video, das gestern fast schon nervig meme-artig durchs Netz ging, beziehungsweise das Geschehen, das dort aufgezeichnet wird. Ich stand zehn Meter weiter, als das passiert ist. Und wie das anschliessend aufbereitet wurde (und wird, und wie das mit den zwei anderen Festnahmen dort kurz zuvor war), ist einen laengeren Blogartikel wert.

Momentan sitze ich aber immer noch in einem McDonalds irgendwo zwischen Berlin und Ulm, d.h. geduldet euch noch ein wenig.

Wiedererkennungseffekt

Es ist ja beinahe schon wie ein Fluch, wenn man Orte in Filmen und Dokumentationen sieht, an die man schoene Erinnerungen hat. Ein stolzes „schau mal, da war ich schon“, in Verbindung mit einem schmachtenden „ooooh, wenn ich doch jetzt noch einmal dort waere…“ — ich konnte zwei Jahre lang keinen in San Francisco spielenden Film sehen ohne staendig Strassen und Orte wiederzuerkennen, an denen ich schon entlanggelaufen war (ja, ich war tagelang quasi 14 Stunden taeglich zu Fuss unterwegs).

So geschehen eben auch bei „Das Leben der Anderen“: Husch, da war er schon wieder, der Strausberger Platz, an dem ich im April zweimal taeglich vorbeigekommen bin. Und die ehemalige Karl-Marx-Buchhandlung. Und generell die bildhuebsche Karl-Marx-Allee, deren Architektur mich so sehr fasziniert hat (besonders das Eck mit dem Cafe Moskau und dem Kino International). Und als dann am Ende HGW XX/7 aus dem Gebaeude am Frankfurter Tor kam, wollte ich einen Sekundenbruchteil lang sofort Wlada anrufen und sie begeistert fragen, ob sie wusste, dass solch eine markante Szene aus „Das Leben der Anderen“ in ihrem Haus gedreht wurde, in genau dem Haus, in dem sie mir neulich Obdach gewaehrt hat, wuhuuuuuu!

Aehmja.

Natuerlich weiss sie das. Nehme ich an. Schliesslich ist der Film derart toll, dass man ihn unbedingt gesehen haben sollte. Ich habe das nun auch endlich. Und ich kann ihn uneingeschraenkt weiterempfehlen. Nicht nur aus voellig ungerechtfertigten Nostalgiegefuehlen.

Hinweis: Die Bestellung der hier verlinkten Amazon-Artikel macht mich wie immer unsaeglich reich.

Ueber den Daechern Berlins

Auf der re:publica waren sie angekuendigt. In Schoeneberg habe ich sie dann gefunden: Die Grossstadtnomaden.

dachaufstieg

Man stelle sich das so vor: Es trifft sich ein buntes Haeufchen Berliner (wie ueblich zum groessten Teil aus Zugezogenen bestehend), einer mit einem Tragl Bier, der andere hat ein Radio dabei, und irgendjemand wird auch Batterien fuer das Teil haben. Verschwoererisch drueckt man sich dann um ein vorab ausgekundschaftetes Haus und bedient sich einer ausgekluegelten Taktik, um in selbiges hineinzukommen (ueberall klingeln, bis jemand aufmacht). Per Hindernisparcours durch den Dachboden gelangt man dann auf’s Dach – wo man den Berliner Sonnenuntergang und den Ausblick ueber die Stadt geniesst.

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Romantisch, lustig, abenteuerlich, oder? Wlada begleitet die Dachhasen schon seit einer ganzen Weile, um einen Artikel darueber zu schreiben (demnaechst in Ihrem Berliner Totholzmedium) und erzaehlt, dass sie einmal mit der Gruppe verhaftet wurde. Naja, verhaftet nicht so ganz, setzt sie nach, jedenfalls wurden die Personalien aufgenommen. Doch nicht mehr ganz so furchtbar abenteuerlich. Die anderen relativieren: Auf manchen Berliner Daechern kann man wohl in die Oberlichter von diversen Toiletten und Schlafzimmern sehen, was aber nur solange lustig war, bis ein betroffener Toilettenbesitzer bzw. -benutzer die Polizei rief. Und ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch sei momentan auch noch in der Schwebe. Deswegen halten sich nun auch alle von den Oberlichtern entfernt, die es vier Daecher weiter gibt, eine Minute Kletterpartie von „unserem“ Dach entfernt.

gegenlicht

Stattdessen werden Fotos gemacht. Sonnenuntergang, Fernsehturm, Panoramaaufnahmen. Auf das Schoeneberger Rathaus sollte man mal, sagt die eine lachend. Der ragt noch ein ganzes Stueck weiter aus dem von oben gar nicht mal mehr so hoch aussehenden Haeuserwald. Oder irgendwo nach Moabit, damit Fernsehturm und Sonnenuntergang in derselben Richtung liegen, fuer ein noch schoener-pittoresk-klischeehaftes Berlin-Sonnenuntergangsbild.

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Auch dieses Mal gibt es wieder Stress, obwohl wir keine Toilettenoberlichtbesitzer gegen uns aufgebracht haben. Die Bewohnerin der obersten Wohnung vermutet in uns Junkies, die auf dem Dach pushen wollen, und droht mit der Polizei. Lustige Vorstellung: Fixer weg von der Strasse, aber abends kann man sie auf Berlins Daechern herumhuepfen sehen, Mary-Poppins-artig. Naja, vielleicht doch nicht so lustig. Die Bewohnerin – bestimmt nicht viel aelter als wir – laesst sich dann doch noch ueberreden, uns zu dulden, „aber naechstes Mal gibt’s Aerger!“, erzaehlt unser juengster Dachkletterer, vielleicht zehn Jahre alt, heute mit seinem Papa hier. Die bereits spasseshalber erkundeten Fluchtrouten durch angrenzende Haeuser muessen doch nicht mehr auf ihre Tauglichkeit ueberprueft werden.

Stattdessen bekommen wir Besuch vom Haus gegenueber. Nils, ebenfalls Student, hatte angesichts der grueppchenweise einmarschierenden jungen Leute zuerst eine Wohnungsbesichtigung vermutet und fand den auf Nachfrage herausgefundenen Hintergrund so amuesant, dass er spontan seine Hoehenangst ueberwand, um sich uns anzuschliessen und von oben aus seinen Mitbewohnerinnen gegenueber zuzuwinken.

fotografieren

Dann sind so ziemlich alle denkbaren Bilder gemacht, die Sonne untergegangen, und langsam lehnt man sich zum Geschichten erzaehlen an die gemauerten Kamine, deren Backsteine noch schoen warm von der Sonne sind. Die ersten gehen wieder, wir schliessen uns an, und lassen uns noch ein wenig durch das Nachtleben treiben: Club der Visionaere (Treptow, abgefahren-gemuetlich, mehr Grasgeruch als um die Montrealer Metro herum) und irgendein Kneipchen in Friedrichshain (Singer-Naehmaschinentische, Knuddelbarkeeper). Viel zu spaet nach Hause kommen. Frueh aufstehen, Wlada schlaeft noch, kann mich nicht mal verabschieden. Klischeeberlin mit fruehmorgens nach Hause kommenden Partygehern sehen, nach Tegel fahren, und dann war’s das auch schon.

Aber ich komme wieder.

Schon allein wegen der Daecher.

Shift happens. Elsewhere.

Langsam mache ich mir Sorgen, warum ich gerade von den Panels der re:publica so enttaeuscht bin, auf die ich mich ganz besonders gefreut hatte. Markus Huendgen alias der Videopunk wollte… ja, was eigentlich? Zeigen, dass Webvideos kein TV sind? Dass es keine „richtige“ Laenge fuer Webvideo gibt? Das haette man auch vorher schon gewusst.

Stattdessen zitierte er die kuehne These, dass jeder, der TV kenne, auch die „Spielregeln“ eines Videobeitrags kenne und demzufolge auch selbst einen produzieren koenne. Und zeigte in seinen Beispielen genau die Aspekte, die ich an den meisten Webvideos hasse: Jedes Mal 15 Sekunden Pre-Roll-Werbung vor dem Abspielen eines Clips. Und Videos, die vermutlich keiner im Saal fuer relevant hielt.

Die wirklich interessanten Aspekte waeren meines Erachtens zwei andere gewesen. Erstens ist es ganz sicher so, dass wir die „Spielregeln“ eines Filmbeitrags kennen. Deswegen reagieren wir auch empfindlich auf langweilige Dauereinstellungen, komische Schnitte und labernde Koepfe. Daraus kann man aber nicht zwangslaeufig schliessen, dass wir diese Regeln auch richtig in ein Video umsetzen koennen, zumindest nicht sofort. Das macht aber zweitens nichts, weil selbst grottige Videos tausendfach gesehen werden, wenn genau diese Kriterien erfuellt sind:

  • das abgebildete Ereignis ist hochaktuell
  • das Ereignis spielte sich in einem fuer den Zuschauer hochrelevanten Umfeld ab

Das Umfeld kann dabei sowohl raeumlich als auch thematisch gesehen werden, von der Grossdemo in der Heimatstadt bis hin zum umgestuerzten Mannschaftsbus des Lieblingsfussballclubs. So etwas klappt aber meines Erachtens nur in genau diesem Umfeld — wenn zwei Strassen weiter eine Fabrik hochgeht, bin ich auch bereit, Pre-Rolls und Kaugummieinstellungen zu ertragen. Bei einer aehnlich gemachten (zeitlosen) Reportage bin ich nach 30 Sekunden weg.

Es darf getwittert werden

Interessant war dagegen das Panel zu Journalismus und Twitter. Ich bin wohl nicht der einzige, der der Ansicht ist, dass viele Journalisten von oben den Auftrag erhalten haben, jetzt doch auch mal dieses Twitterdingens auszuprobieren, dann aber hauptsaechlich nur den eigenen Kollegen followen und sich anschliessend ueber die Irrelevanz des dort getwitterten auslassen.

Positiv ueberrascht hat mich dagegen ein Journalist aus Stuttgart, der  erzaehlte, nach Veroeffentlichung des Krautchan-Screenshots gezielt „das Twitter-Orakel“ nach Input befragt zu haben, wie er es nannte, und dadurch auf eine Master-Thesis ueber Krautchan stiess. Generell scheint die Akzeptanz von Twitter als Recherchetool zu steigen — wohl nicht zuletzt, weil die betreffenden Journalisten sich auch langsam die hierzu noetige Medienkompetenz aneignen.

Ahnungsloser Staat in der digitalen Gesellschaft

Ein illustres Bild: Ein ganzer Saal voller sich fuer Netzpolitik interessierende Buerger, zwei durchaus interessiert zuhoerende, gelegentlich mitschreibende, aber teilweise etwas unverstehend wirkende Herren vom Innenministerium, und eine ver.di-Funktionaerin, an deren Aussagen man erschreckend gut erkennen konnte, wie wenig sie von den wirklich heissen Eisen wusste und wie irrelevant Gewerkschaften in dieser Hinsicht offenbar sind. Ob im Innenministerium nun Word oder OpenOffice verwendet wird, ist mir dann doch deutlich weniger wichtig als Netzneutralitaet, Filter und moderne Urheberrechtsfragen. Und die Frage, wann wir endlich eine Regierung haben, die das Netz als den wichtigen Wirtschaftsfaktor unserer Zeit entdeckt, kann anscheinend sowieso keiner beantworten.

Shift?

Allgemeines Zwischenfazit: Die Diskussionen im Anschluss an die Panels waren meistens deutlich interessanter als die eigentlichen Vortraege, was doppelt schade war: Einerseits angesichts der teilweise wirklich lahmen Vortraege, andererseits wegen der viel zu knapp bemessenen Diskussionszeit. Im Anschluss an das Twitter-Panel hatte ich mich noch mit einem Medienmenschen der taz unterhalten (dessen Namen ich peinlicherweise schon wieder vergessen habe) und haette die Diskussion auch gerne fortgesetzt, wenn ich nicht schon wieder zum naechsten Vortrag muessen haette.

Ich habe auch den Eindruck, dass das versammelte deutsche Alphabloggertum sich in dieser Rolle sehr gut gefaellt, und hauptsaechlich alte Themen aufs neue durchkaut. Von „Shift“ war aus dieser Ecke kaum etwas zu hoeren, und generell habe ich — abgesehen von der Kulturflatrate — bislang so rein gar nichts richtig kontroverses gesehen.

Herausgestochen hat in diesem Zusammenhang allenfalls der sehr beeindruckende Vortrag von Hendrik Speck ueber die gesammelten Nachteile von Social Networks, wenngleich ich den vorgestellten Prototypen seiner potenziellen Killerapplikation „Hello World“ nun doch nicht so ueberzeugend fand. Schauen wir mal.

Und im Uebrigen bin ich der Ansicht, dass Thomas Knuewer auf jedem Panel einer Netz-Tagung als kritischer Fragensteller im Publikum sitzen sollte.

„Gute Musik, schlechte Uebergaenge“

…das war die Versprechung des „Schwule Maedchen Sound Systems feat. Fettes Brot“. Das mit der guten Musik hat groesstenteils gestimmt — das mit den schlechten Uebergaengen aber auch. Auflegen mit dem iPod. Naja. Stimmung fand ich auch nicht so berauschend, und nachdem ich auch noch rechtzeitig wieder bei Wlada sein musste, um noch ins Haus zu kommen, hab ich’s nicht arg lang mitgemacht.

schwulemaedchensoundsystem

Die heutigen re:publica-Panels waren… durchwachsen. Die State-of-the-Blogosphere-Diskussion war nett, vor allem fuehle ich mich mit der Theorie um die „Silver Surfers“ bestaetigt (oder wie auch immer man die nennen mag. Scheiss-Namen, eigentlich). IBM im Anschluss fand ich katastrophal, ebenso wie die Sache mit den „Stadtnomaden“, die in 30minuetiger gegenseitiger Erzaehlrunde endete, wie toll doch Twitter ist. Langeweile pur.

moot von 4chan war unterhaltsam, und die zaeheste Veranstaltung war sicher die „Diskussionsrunde“ rund um den Medienwandel. Ronnie Grob hat kurz die Inhalte zusammengefasst — leider war das alles im Endeffekt lange Zeit immer nur ein Einzelgespraech zwischen Johnny Haeussler und den anderen Teilnehmern. Eine richtige Diskussion habe ich nicht erkannt, interessant wurde es erst mit den Zuschauerfragen, bei denen mir besonders Thomas Knuewer sehr angenehm aufgefallen ist. Waeren nicht immer wieder unterhaltsame Nachrichten ueber die Twitterwall gelaufen… ich sage nur „gute alte sms“ 😀

Achja: Die Gameshow war Gold. Und @Lars rockt, auch wenn er wider Erwarten doch nicht mit Sascha Lobo verwandt sein sollte.

Nachtrag: Was schreib ich eigentlich. Polkarobot hat das besser hinbekommen, als ich das jetzt koennte, so uebermuedet wie ich bin.

Digitale Tinte

kindle

Heute hatte ich zum ersten Mal ein Amazon Kindle in der Hand gehabt, und ich bin immer noch total fasziniert. Das war zwar eines aus der ersten Generation und demzufolge mit langsamer Anzeige etc., aber es laesst sich hervorragend ablesen und auch relativ gut herumblaettern.

joschabach

Das gute Stueck gehoert Joscha Bach von txtr, der nicht nur mehrere Kindles hat, sondern auch allgemein ein verdammt heller Kopf zu sein scheint. Ich habe mich jedenfalls angenehm ueber Ulm, KI, digitale Tinte und — ansatzweise — oekonomische Auswirkungen des Internets auf die Volkswirtschaft unterhalten 😉