What is in a street name – Schoener leben mit Linked Data

Eines meiner Lieblingsbeispiele, wenn ich ueber Linked Open Data spreche, sind Strassennamen. Das klingt auf den ersten Blick weit hergeholt, aber wer jemals groessere Mengen an Adressen mit einem Computer verarbeiten wollte, ist vermutlich irgendwann ueber die Liste der Falsehoods programmers believe about addresses gestolpert.

Die Quadrate in Mannheim (anstatt Strassennamen) sind dabei eher die Ausnahme. Dass in einer Gemeinde – in der Regel nach Eingemeindungen – mehrere Straßen mit demselben Namen existieren, oder dass in einer Ortschaft gar keine Strassennamen vergeben wurden, kommt dagegen relativ haeufig vor. Hilgermissen als Gemeinde mit 2200 BewohnerInnen, aber keinem einzigen Strassennamen, ist angesichts seiner Groesse so besonders, dass das DLF Nova einen Rundfunkbeitrag wert war. Neben Hilgermissen gibt es aber viele weitere kleine Oertchen, in denen die Haeuser einfach nur eine Hausnummer haben. Und egal, ob es einen Strassennamen gibt oder nicht: Sobald Menschen eine Adresse in irgendein Computersystem eingeben, wird es schnell haarig und fehlerhaft.

Adlitz: Schilder in die naechsten Staedte, aber keine Strassenschilder. Roehrensee, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bei den Ortschaften ohne Strassennamen liegt das meist am Verwirrungsfaktor. Wir haben uns so sehr daran gewoehnt, dass eine Adresse aus Strasse, Hausnummer, Postleitzahl und Ortschaft liegt, dass es sich falsch anfuehlen wuerde, einfach nur „5, 95491 Adlitz“ zu schreiben – obwohl das eigentlich richtig waere.
Vermutlich alle diese Doerfer ohne Strassennamen wurden spaetestens durch die Gebietsreformen in den 1960er- und 70er-Jahren der naechstgroesseren Gemeinde zugeschlagen und verwenden auch die Postleitzahl dieser (oder einer anderen) groesseren Gemeinde. Daher liegt es nahe, diese Adresse stattdessen „Adlitz 5, 95491 Ahorntal“ zu schreiben.

Auch wenn das fuer die Postzustellung oder fuer die eigene Orientierung keinen praktischen Unterschied macht – richtig ist das nicht, und bei der maschinellen Auswertung kann so etwas zu Problemen fuehren. (Dass es zwar eine Gemeinde Ahorntal gibt, aber gar keinen Ort, der so heisst, ist noch einmal eine ganz andere Geschichte, die hier aber keine grosse Rolle spielt).

Denn, wie auch bei gesprochener Sprache sind wir als Menschen ganz gut darin, Mehrdeutigkeiten oder unpraezise Ausdruecke einfach passend zum Kontext einzuordnen. Wir lesen nicht einfach nur, was irgendwo steht und interpretieren das nur buchstaeblich, sondern wir interpretieren ohne gross darueber nachdenken zu muessen, was gemeint gewesen sein koennte. Aber bloederweise gehen wir andersherum auch beim Schreiben davon aus, dass ein Gegenueber schon wissen wird, was eigentlich gemeint ist. Und dass dieses Gegenueber nicht etwa ein Computer ist, der das Geschriebene vergleichsweise woertlich auslegt. Und dann wird’s wild.

Ganz offizielles Strassenschild – der Platz heisst aber offiziell „Augsburger-Tor-Platz“! Foto: -stkCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zuletzt bin ich darueber gestolpert, als WikipedianerInnen aus dem WikiMUC und dem temporaerhaus gemeinsam bei einem Editathon die tausenden Feuerwehren in Bayern in Wikidata einpflegen wollten. Der Landesfeuerwehrverband hat eine Liste aller bayerischen Feuerwehren auf seiner Website, und die wird ganz offensichtlich von Menschen gepflegt, mit der Schreibweise der Adressen, die sie gewohnt sind. Mal wird im Strassen-Feld der Name des Ortsteils dem Strassennamen vorangestellt („Schwaighausen, Unterharter Straße 3“), mal steht im Gemeinde-Feld eine Kombi aus Ortsteil und Gemeinde („Triefenstein OT Homburg“) oder aber irgendwann ist womoeglich beim Feuerwehrhaus das Hausnummernschild abgefallen und alle sind sich einig, dass die Hausnummer „neben HsNr. 7“ scho so basst. Das ist schliesslich eine Feuerwehr, die kann man selbst in einem kleinen Dorf mit nur einer Garage fuer den Tragkraftspritzenanhaenger nicht so einfach uebersehen. Meist ist da ja irgendwas an die Wand gemalt oder es ist eine E57 auf dem Dach, also bittschoen, das wird man ja wohl finden, und die Feuerwehrdienstleistenden brauchen eh keine Hausnummer, wenn die Sirene mal geht, damit sie zu ihrem Feuerwehrhaus kommen.

Wenn dazu noch inoffizielle Abkuerzungen und vielfaeltige Interpretationen von Getrennt- oder Zusammenschreibung kommen, wird es endgueltig wild. Das temporaerhaus hat eine Adresse in der „Augsburger Straße“ – allein in unserer Community wurden sehr lange verschiedenste Varianten von „Augsburger-Str.“ ueber „Augsburgerstr.“, jeweils dann mit Varianten mit scharfem s oder Doppel-S verwendet (bis ich das nicht mehr ausgehalten und darum gebeten habe, dass wir das alle so schreiben, wie es richtig™ ist, damit ich besser schlafen kann).

Offizieller NameWas man so findet
Maximilian-Straßer-StraßeMaximilian-Strasse-Straße
Bürgermeister-Wolfgang-Brügel-StraßeBgm.W.-Brügel-Str.
St.-Ulrich-StraßeSt. Ulrich Str.
Dr.-Appelhans-WegDr.-Appelhansweg
Sankt-Johannes-Baptist-StraßeSt.- Joh.- Bapt.- Str.

Meine These ist, dass selbst bei den Datenbestaenden innerhalb einer Stadtverwaltung je Strasse im Schnitt deutlich mehr als zwei Schreibweisen ueber alle Systeme hinweg existieren, und bislang konnte das noch niemand widerlegen. Oft ist nicht einmal auf allen Strassenschildern der richtige Name der Strasse angebracht. Die „falschen“ Schilder sind bisweilen erkennbar alte Exemplare, die moeglicherweise vor einer Vereinheitlichung der Schreibweise aufgehaengt wurden. Aber nicht nur „neue“ Strassenschilder stimmen nicht immer mit dem amtlichen Namen ueberein, auch in Liegenschaftsverzeichnissen, Excel-Listen und moeglicherweise auch Fachverfahren tummeln sich mit grosser Sicherheit verschiedene Schreibweisen derselben Strasse.

Das kann automatisierte Auswertungen… schwierig machen. Der Versuch, aus den Adressen der Feuerwehren ueber Nominatim Geokoordinaten zu ermitteln, lief bei beeindruckend vielen der Eintraege gegen die Wand. Und selbst wenn man in einer Kommunalverwaltung ueberhaupt gleichzeitigen Zugriff auf alle Speicherorte haette, wo Strassennamen vorkommen: Eine Suche „gib mir alle Informationen, die irgendwie mit der Sankt-Johannes-Baptist-Straße zusammenhaengen“ wird spaetestens mit einer so kreativen Abkuerzung wie „St.- Joh- Bapt.- Str.“ (man beachte die Leerzeichen!) herausfordernd.

Nicht nur bei alten Strassenschildern schleichen sich Falschschreibungen ein. Diese Strasse heisst korrekt „Warmwässerle“. Foto: LooniverseCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Mit dem Konzept von Linked Data koennte man das ganz anders umsetzen. Die Sankt-Johannes-Baptist-Straße koennte ein Datenobjekt mit dem URI ld.bayern.de/location/street/081513121337 haben. Die 081513121337 koennte dabei eine hierarchische Bedeutung haben und dadurch Rueckschluesse auf Regierungsbezirk, Landkreis und Gemeinde geben – es koennte aber auch eine ganz beliebige, fortlaufende Nummer sein, so wie bei Wikidata. Und dieses Datenobjekt hat dann passende Eigenschaften – beispielsweise:

  • Ein Label mit dem Namen der Strasse. In mehrsprachigen Gebieten koennen das auch mehrere Label sein, mit maschinenlesbarer Bezeichnung, welche Sprache das jeweils ist
  • in welcher Verwaltungsgliederung es liegt – also z.B. die zugehoerige Gemeinde, mit einem Link zum Datenobjekt dieser Gemeinde. Moeglicherweise auch feiner granular mit Bezeichnung des genauen Ortsteils
  • weitere Identifier, z.B. die Nummer im Strassenverzeichnis der Gemeinde
  • moeglicherweise eine Auszeichnung, ob es sich um eine amtliche (gewidmete) Strasse mit offiziellem Strassennamen handelt, oder sowas wie den „Resis-Traktor-Weg“, den zwar alle so kennen und benutzen, den es aber „offiziell“ nicht gibt
  • Geoinformationen wie einen Linienzug, der die Strasse auf einer Karte definiert, oder einen Link auf ein solches Geofeature-Datenobjekt
  • die Information, nach wem oder was die Strasse benannt ist – zum Beispiel mit einem Link auf das Wikidata-Objekt

Oder ganz praktisch:

schema.org/nameSankt-Johannes-Baptist-Straße
schema.org/identifier081513121337
schema.org/containedInPlaceld.bayern.de/municipality/09775164
geosparql#hasGeometrygeo.ld.bayern.de/location/street/geometry/081513121337
schema.org/postalCode89264
P138Q40662 (Johannes der Täufer)

Solch eine Datenhaltung hat gleich in mehreren Aspekten grossen Charme. Die Idee ist, dass – egal wo in der Kommunalverwaltung ein Strassenname eingegeben werden soll – per Autovervollstaendigung anhand des Namens das passende Datenobjekt aus diesem Linked-Data-Strassenregister gesucht wird. Auf der „Bildschirmvorderseite“ und ueberall, wo es in Texten und Adressen in der Folge um diese Strasse geht, wird stets das Label, also der Strassenname angezeigt. Der ist dadurch immer auch der „richtige“, aber sonst aendert sich weiter nichts.

Bei der Speicherung wird aber immer der URI auf diese Strasse abgelegt. Und das heisst, dass viel verlaesslichere Datenabfragen moeglich sind: Ueber alle Dinge – Firmen, Gebaeude, Einrichtungen – in genau dieser Strasse. Ueber alle Strassen in einer Gemeinde. Oder auch – falls auch das passend codiert ist – ueber alle Strassen in einem bestimmten Ortsteil, ganz ohne Namenskonventionen, wie der Ortsteil anzugeben ist. Und wird einmal eine Strasse umbenannt, zum Beispiel, weil ein Namensgeber spaeter als unwuerdig befunden wird, muss nur im Linked-Data-Strassenverzeichnis das Label geaendert werden, und in kuerzester Zeit ist diese Aenderung einheitlich an allen Stellen vollzogen.

Hildegards gibt es viele – gemeint ist hier Q234410 (Wikipedia). Foto: LooniverseCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wenn ueber Linked Data eindeutig bezeichnet wird, nach wem oder was eine Strasse benannt ist, ist auch viel leichter nachvollziehbar, nach welchem Frieden die Friedenstrasse in Neu-Ulm benannt ist, ohne dafuer zum Strassenschild gehen und die Legendentafel darunter lesen zu muessen. Auch die OpenStreetMap hat eine passende Eigenschaft NamedAfter, in die man die passende Wikidata-ID eintragen kann. Mit MapComplete kann man das relativ komfortabel fuer die Strassen in der eigenen Stadt eintragen.

Hier sieht man dann auch die Magie verlinkter Datenbestaende in der Praxis. Denn weil die Datenobjekte der Personen, nach denen eine Strasse benannt wurde, meist auch weitere Informationen wie z.B. das Geschlecht angeben, laesst sich mit Linked Open Data auch ganz durchautomatisiert und ohne weiteres Zutun darstellen, wie eigentlich das Geschlechterverhaeltnis bei der Strassenbenennung ist – so wie auf dieser interaktiven Karte von Frankfurt. Vor beinahe 11 Jahren hatte unsere Open-Data-Ehrenamtsgruppe das noch mit viel Handarbeit machen muessen und die Karte war auch irgendwann tot und die Daten versauerten – der EqualStreetNames-Ansatz laesst sich mit wenig Handarbeit uebertragen, und die Datenpflege in Linked Open Data hilft am Ende allen auf der ganzen Welt, auch wenn das Kartenprojekt einmal untergehen sollte!

Noch nicht ganz fertig: Eine interaktive Karte zur Geschlechterverteilung bei der Strassenbenennung in Neu-Ulm

Letzte Woche war ich beruflich fuer einen Vortrag (Slides) auf der TRANSFORM-Konferenz in Bern, wo ich viele inspirierende Diskussionen ueber Linked Data fuehren konnte. In einem Gespraech mit einem beeindruckend tief in der Materie arbeitenden Menschen von der Schweizerischen Bundeskanzlei liess ich nebenher das Strassenbeispiel als praktische Anwendung von LOD mit Nutzen fuer die Verwaltung fallen. Und mein Gegenueber blickte mich ueberrascht an – ich weiss rueckblickend nicht, ob es verwundert oder gar mitleidig war – und sagte lapidar, dass es das in der Schweiz natuerlich bereits gebe.

Fuer jede einzelne Strasse.

Ich versuchte, nicht sogleich aufzuspringen und mich in den naechstgelegenen Fluss zu stuerzen, sondern liess mir zeigen, dass in der Tat, es fuer jede Strasse in der Schweiz ein Datenobjekt gibt, zum Beispiel fuer den Philosophenweg in Bern, samt der zugehoerigen Geometrie. Und falls das Verlangen fuer die Sache nach dem Fluss nicht nachlasse, faende ich natuerlich auch die Aare als Datenobjekte, wobei es sich hier zu meinem Wohl explizit um Badegewaesser handle.

Die jeweils uebergeordnete Entitaet „Bern“ verlinkt natuerlich auch auf das Wikidata-Item zu Bern. Wie sich das halt gehoert, wenn man Dinge bitte gleich richtig macht.

Es faellt mir schwer, den Zustand meines Emotiotops in diesem Moment zu beschreiben. Aehnlich ging es mir spaeter, als ein Mitarbeiter der Statistik bei der Stadt Zuerich mich neugierig fragte, wie viele kommunale Statistikabteilungen in Deutschland denn in ihren Prozessen mit Linked Data arbeiten wuerden, so wie sie, ganz natuerlich.

Zack. Bumm. Geht einfach. Screenshot von https://geo.ld.admin.ch/sparql/

Ich habe dann versucht, ueber diesen mentalen Zustand hinwegzukommen, indem ich eine SPARQL-Abfrage gebaut habe, um mir die Geometrien aller 822 Strassen in Bern ausgeben zu lassen, was in rund einer Sekunde… einfach so ging. Alle Haltestellen in Bern bekommt man in 0,225 Sekunden. Auch einfach so. Ganz selbstverstaendlich. Und ganz nebenbei, wenn in der Schweiz Linked Open Data veroeffentlicht wird, folgt das – natuerlich – verbindlich dem URI-Schema *.ld.admin.ch/*. Und es sei auch alles dafuer technisch notwendige ausgerollt, damit das funktioniert und dauerhaft stabile URIs sicherstelle, wie sich das ja auch gehoert. Nicht etwa, dass sich irgendwie Namen und damit auch URIs von Ministerien aendern (wie das bis heute selbst in DCAT-AP.de geschieht!) und dann fuehren auf einmal sowohl Website-URLs wie auch URIs ins Nirvana. Also so, wie das heute in Deutschland immer noch gang und gaebe ist und woran auch ueberraschend viele Digital-Lobby-Organisationen ueberhaupt gar keinen Anstoss nehmen.

Waere das bei uns auch so ganz normal, koennte man mal eben im Vorbeigehen ganz viele andere Schmerzen einfach so loesen.

Auszug aus dem Strassenverzeichnis von 1954, das die Open-Data-Community im temporaerhaus freundlicherweise von der Stadt Neu-Ulm bekommen hatte – der Ist-Zustand besteht immer noch aus Texten, manchmal eben auch auf Schreibmaschine geschrieben. Weitergeholfen fuer die Ueberfuehrung in Linked Open Data hat das dennoch immens!

Wer datenjournalistisch Sachverhalte auf Karten darstellen moechte, kennt naemlich dieses Problem auch: Geographische Raumbezuege sind haeufig nur eben als textliche Beschreibungen zugaenglich. Egal ob es darum geht, Unfallschwerpunkte auf einer Karte darzustellen, wie Jan-Georg Plavec berichtet (LinkedIn), oder um regelmaessig wiederkehrende Aufgaben wie die Darstellung von Wahlergebnissen auf einer Karte: Oft gibt es die Voraussetzungen fuer solch eine Kartendarstellung gar nicht maschinenlesbar.

Der Zuschnitt der Wahlkreise bei einer Wahl ist dabei noch vergleichsweise einfach: Das ist eine Liste von Kommunen oder Stadtbezirken, und dafuer gibt es meistens irgendwelche Geoshapes, die sich dafuer halbwegs angenehm verwursten lassen (Beispiel: Die Liste der Stimmkreise in Bayern). Sobald es aber um die Wahl- bzw. Stimmbezirke innerhalb einer Gemeinde geht, kann es anstrenged werden. Die liegen naemlich viel zu oft immer noch nur als Listen der in ihnen befindlichen Strassen vor. Und selbst an diese Listen zu kommen, kann aufwaendig sein, wie diese Dokumentation bei der OpenStreetMap zeigt.

Hat nichts mit Stimmbezirken zu tun, aber erwaehnt nochmal die Hildegardstr.: In dieser Version des Neu-Ulmer Strassenverzeichnis von 1978 sind auch die vorherigen Strassennamen erkennbar. Nochmals vielen Dank an die Stadt Neu-Ulm!

Aus Sicht der Wahlbehoerde ist das auch nachvollziehbar. Denn von einer Kartendarstellung hat sie ja fuer die Aufstellung des Stimmverzeichnis erst einmal gar nichts: Wenn ihr die Liste der jedem Wahllokal zugehoerigen Strassen vorliegt, kann sie aus dem Meldeverzeichnis die jeweiligen Listen der Wahlberechtigten erstellen – fuer ihren Auftrag hat sie damit alle Informationen, die sie braucht. Wenn es eine geographische Darstellung der Wahlbezirke anhand der Strassenlisten gibt, ist das womoeglich nur ein Zusatzaufwand. Manchmal leistet man sich den, manchmal aber auch nicht. Und wenn es eine geographische Darstellung gibt, heisst das immer noch nicht, dass die dafuer notwendigen Daten auch z.B. von Datenjournalist*innen wiederverwendet werden koennen.

Bei der Recherche gefunden: Eine immerhin (geo)graphische Darstgellung der Wahlbezirke in Regensburg, im PDF der Wahlbezirke sortiert nach Strassennamen. Das Dokument ist mit LaTeX generiert und ich bin jetzt total neugierig, wie die das machen!

Waeren die Strassen aber Datenobjekte, mit verknuepfter Geometrie, waere in beide Richtungen vieles so viel einfacher. Fuer den Zuschnitt der Stimmbezirke waeren Neuordnungen quasi live moeglich: Mit Drag und Drop auf der Karte (und der nur verwaltungsintern zugaenglichen Linked-Data-Verknuepfung zu Meldedaten) liessen sich Neuzuschnitte und die Auswirkungen auf die Gesamtzahl der Wahlberechtigten ganz einfach simulieren – oder auch durch mathematische Optimierungsverfahren Vorschlaege machen. Und ist die Ausdehnung einmal festgelegt, waere es ueberhaupt kein Problem mehr, diesen Zuschnitten geographische Umringe zuzuordnen.

Wir muessten dafuer nur die Informationen aus der Textform in das Linked-Data-Prinzip ueberfuehren. Das ist keine Zauberei, sondern einfach nur Infrastrukturarbeit, fuer die es den notwendigen Sachverstand fuer IT-Architektur und Datenstrukturen braucht. Und die bereits auf mittlere Sicht allen Beteiligten beeindruckend viel Handarbeit sparen und Fehlerquellen vermeiden wuerde.

Der ICE-Steckdosenhack

Seitdem ich im Juli 2022 angefangen habe, in Berlin zu arbeiten und dafuer staendig zwischen Berlin und Sueddeutschland hin- und herzufahren, hatte ich mich immer wieder ueber Laptopnetzteile geaergert. Anfangs hatte ich derer zwei: Eins fuer mein privates Thinkpad (Flachstecker 20 Volt) und eines fuer den Arbeitslaptop (damals Dell, Hohlstecker). Das war etwas unkommod.

Im Februar 2023 fiel mir auf, dass es mittlerweile Adapter mit USB-C-PD-Triggern fuer diverse typische Laptopladebuchsen gibt. Ein PD-Trigger sagt dem USB-C-Netzteil (mit Power Delivery) „hallo, ich bin ein Geraet, das gerne z.B. 60 Watt in Form von 20V bei 3A haette, kommen wir da zamm?“, und wenn das Netzteil das kann, dann geht sich das tatasaechlich zamm. Auf der anderen Seite des Triggers kann diese Leistung dann in die richtige mechanische Form fuer den benoetigten Laptop-Ladebuchsentyp verwandelt werden.

Dank Fleaz bekam ich einen passenden Trigger-Adapter fuer mein Thinkpad, ueber ebay holte ich mir einen fuer den Arbeitslaptop, und ab dem Zeitpunkt hatte ich immer nur ein USB-C-PD-Steckernetzteil mit einem USB-C-auf-C-Kabel dabei, das dann wahlweise den einen oder den anderen Laptop lud, und nebenher auch noch per USB-A andere Geräte.

Eigentlich ganz nett, in der Praxis machte das dann aber bei Zugfahrten mehr Probleme als erwartet. Das Steckernetzteil steckte nun etwas unkommod und klobig zwischen den ICE-Sitzen in der Steckdose, und das USB-C-Kabel ragte seinerseits aus diesem Netzteil nach vorne heraus. Wenn die Person auf dem Fensterplatz den Sitz verliess und dabei ueber das Kabel stieg (also in der Regel halt ich, der zu faul war, dann das komplette Netzteil auszustecken), fuehrte das oefter mal zu mechanischen Beanspruchungen. Kurz gesagt: Ich habe alle drei Monate den USB-C-Steckverbinder eines neuen Kabels abgerissen und war dann stromlos.

Dieses Problem loeste sich ein wenig, als ich ein neues Arbeitslaptop mit USB-C-Netzteil bekam. Der Netzteilpart liegt dann einfach auf dem Boden herum, das Kabel mit dem USB-C-Stecker geht in den Laptop oder den PD-Trigger fuer mein Thinkpad, und zwischen Steckdose ist ein duennes Netzkabel, fertig. Praktisch.

Der Netzstecker war aber kein Schuko-Stecker mehr wie bei meinen alten Netzteilen, sondern ein Eurostecker. Und der wackelte haeufiger mal in der Steckdose und hatte einfach keinen Kontakt, und man musste dann komisch in der Steckdose herumwackeln und -bohren und den Stecker in genau diese eine Position legen, in der er Kontakt mit der Steckdose bekam. Das war jetzt einfach nur auf eine andere Weise nervig. Laut Infos von Bahn-Insidern habe ein namhafter Zughersteller hier einfach ein paar Cent pro Steckdose gespart und deswegen sind die raeudig. Diplomatischer ist das in diesem Zeit-Interview formuliert.

Die Loesung fuer dieses Problem ist simpel, billig und funktioniert: Man gehe in einen Elektrodiscounter und kaufe sich einen Zweierpack Adapterstecker von Schuko-Stecker auf zweimal Euro-Steckdose. Zweierpack deswegen, weil das die guenstigste Variante ist, die ich fand – bei Media Markt hatte ich 2,99 EUR dafuer bezahlt und hatte dann noch einen zum Weitergeben uebrig.

Das funktioniert deswegen besser, weil die Kontakte eines Schukosteckers auf der ganzen Laenge von 19 mm elektrisch leitend sind und einen groesseren Durchmesser von 4,8 mm haben. Beim Eurostecker sind nach Norm nur die vorderen 9 mm der Kontaktstifte leitend und haben einen Durchmesser von „nur“ 4 mm. Und das macht wohl den Unterschied. Mit dem Adapter hatte ich die Kontaktprobleme seither nicht mehr – und man kann die Steckdose einfacher mit der Sitznachbarin teilen. Man muss sich nur daran erinnern, den Adapter fuer Zugfahrten einzustecken. Oder man hat Glueck und faehrt, wenn man den Adapter vor der Urlaubsreise vergessen hat, mit Zuegen wie dem Railjet, wo zwei Multinormsteckdosen mit gutem Kontakt zwischen den Sitzen einfach ganz normal sind 😉

(Die Veroeffentlichung dieses Artikels im Blog hat derweil ein geschmeidiges halbes Jahr gebraucht, weil ich so lange gebraucht habe, um die PD-Trigger im Objektfotostudio zu fotografieren und auf Commons zu laden. In der Zwischenzeit habe ich einen der beiden Adapterstecker bereits versehentlich in einer ICE-Steckdose zurueckgelassen.)

Wir haben Server zuhause

Irgendwann habe ich geseufzt und mir eingestanden: Okay, es ist soweit.

Angefangen hatte das alles ganz harmlos. Im Maerz 2020, kurz bevor das alles ganz anders wurde, hatte ich mir einen Raspberry Pi 4 gekauft. Ich kann mittlerweile gar nicht mehr nachvollziehen, wie viele RasPis in welchen Varianten ich ueber die Jahre wann besessen habe und vor allem wo manche davon seither hingewandert sind. Die waren auch super, als vertiefender Einstieg in den Umgang mit Linux und Hardware, um mal testweise einen Miniserver fuer ein Projekt zu haben, oder (meistens) um irgendwas mit Digital Signage zu machen.

Die anderen Pis, die seither bei mir herumlagen, waren auch vorwiegend Reserve, um einen Node fuer info-beamer als Digital-Signage-Loesung zu haben, ganz sporadisch habe ich sie als Retrospielekonsole oder andere Sachen benutzt. Die meiste Zeit lagen sie aber einfach herum.

Mit diesem Pi sollte das aber anders werden. Ich wollte endlich mal Home Assistant als selbst betriebene (und kontrollierbare) Heimautomatisierungsplattform ausprobieren. Zunaechst nur fuer ein bisschen Sensorik fuer die Temperatur in der alten WG, dann kamen ein billiger Zigbee-Stick (den ich erst einmal umflashen musste) und IKEA-Zigbee-Leuchten dazu, dann Bewegungsmelder und erste Automatisierungen, dann Stromverbrauchsmessung mit Shelly, der Drucker im Netzwerk kann auch irgendwie gemanaged werden… man kennt das ja. Jedenfalls hatte ich auf dem Pi Home Assistant OS fuer Raspberry Pi installiert und dann lag der irgendwo und hing an Strom und Netzwerk (und ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern, wo in der WG der rumhing) und machte einfach, 24/7.

In die neue WG in Neu-Ulm habe ich einfach 1:1 das meiste umgezogen und immer wieder was dazugebaut, zum Beispiel „smarte“ Heizkoerperthermostate zum Gas sparen, weil ich damals noch nicht wusste, dass der viel ausschlaggebendere Part die richtige Einstellung der Brennwerttherme ist – aber das waere etwas fuer einen anderen Post.

Es fing mit Home Assistant an und dann baut man eine Kuechen-Arbeitsflaechenbeleuchtung mit der Fraese, LED-Streifen und WLED. Wer kennt es nicht.

So haette das eigentlich weitergehen koennen mit dem Pi, auf dem Home Assistent vor sich hin werkelt, wenn ich nicht irgendwann das Dokumentenverwaltungssystem paperless-ngx kennengelernt haette. Wobei das vermutlich gar nicht stimmt – ich kann gar nicht mehr sagen, wann ich das kennengelernt hatte, es muss spaetestens im Spaetsommer 2023 gewesen sein und es blieb erst einmal bei Neugier und Interesse. Der ausschlaggebende Faktor war eher, dass ich irgendwann beschlossen habe, dass ich das haben will. Eventuell endgueltig ausgeloest durch den Vortrag auf der MRMCD2024, eventuell durch Berichte, wie man sich mit ausgedienten Thin Clients einen kleinen Server aufbaut, der aehnlich viel/wenig Energie wie ein Raspberry braucht, aber gleich mehrere Dienste auf einmal fahren kann – also beispielsweise auch paperless-ngx parallel zu Home Assistant, alle in ihrer eigenen Virtualisierung.

Im November letzten Jahres habe ich also nach einer unnoetig intensiven Recherchephase 50 Euro in die Hand genommen, und mir einen gebrauchten Dell Wyse 5070 Thin-Client gekauft. Dass ich das hier schreibe, traegt vermutlich nur weiter dazu bei, dass die Teile stark nachgefragt und die Preise relativ hoch bleiben. Andererseits erhaelt man hier fuer einen vergleichbaren Preis eines RasPi 4 ein Geraet, das:

  1. sein eigenes Gehaeuse mitbringt
  2. eventuell sogar ein Netzteil
  3. je nach Angebot von Haus aus mit mehr RAM als der preisaehnliche Pi daherkommt, den man aber bis 32 GB erweitern kann
  4. bei minimal mehr Energiekonsum deutlich mehr Rechenpower hat
  5. passiv gekuehlt ist – das ist der Pi natuerlich auch, die meisten „kleinen“ Rechner haben aber aktive Belueftung
  6. eine x86-Architektur hat, d.h. da laeuft einfach „normales“ Linux drauf, ohne irgendwelche Architekturbesonderheiten beruecksichtigen zu muessen

Eine schoene Uebersicht, wie man RAM erweitern, eine andere SSD einbauen und das BIOS auf den aktuellen Stand bringen kann, hatte ich vorher schon bei Heckpiet gefunden. Mein Angebot kam ohne Netzteil, aber da ich irgendwann mal keine Lust mehr hatte, fuer mein altes Dell-Arbeitsnotebook und mein persoenliches Thinkpad je ein Netzteil mitzuschleppen, hatte ich mir bereits passende USB-PD-Adapter zugelegt, so dass ich die Kiste einfach mit einem USB-C-Netzteil testen konnte.

Die ersten Wochen habe ich mich einfach an Proxmox als Host-System herangetastet und Dinge ausprobiert. Durch ein weihnachtliches Schrottwichteln und noch herumliegende Sachen kam ich an eine passendere groessere M2-SATA-SSD und 16 GB RAM (also nochmal deutlich mehr als der groesste Pi 4), so dass ich mich nach der Eingewoehnungszeit daran machte, Home Assistant auf die neue alte Maschine umzuziehen und parallel mit ein paar anderen Diensten zu spielen – durch die Proxmox Helper Scripts hat man ganz schnell mal eben testweise nicht nur paperless installiert, sondern nach was einem sonst noch der Sinn ist.

Und dann war auch der Moment gekommen, um die „alte“ Installation vom Pi auf den neuen Server umzuziehen… und dann natuerlich laengere Zeit Fehler auszubuegeln, weil nicht alles so reibungslos ging wie erhofft (ich hatte beispielsweise den Billig-Zigbee-Stick durch einen moderneren ersetzt – das bedeutete aber wohl auch, das ganze Zigbee-Netz mit allen Geraeten neu einzurichten).

Nun bin ich also offiziell einer dieser Menschen, die „einen Server betreiben“. Also einen obsoleten Thin Client im Wohnzimmerschrank. Mit Proxmox-Virtualisierung drauf. Von dem man aber immerhin einfach gar nichts mitbekommt, weil er keine Geraeusche macht und einfach nur laeuft, so wie der Pi vorher. Das mit dem „Server betreiben“ fuehlt sich immer noch seltsam an. Aber seither habe ich tatsaechlich auch paperless-ngx, um meinen Papierkram besser zu ordnen. Und mittlerweile auch noch ein paar Sachen mehr. Und das fuehlt sich ehrlich gesagt wirklich zufriedenstellend an!

(Das illustrierende Artikelbild ist gar nicht der 5070, sondern ein Fujitsu Esprimo Q920. Ich hatte die letzten Tage festgestellt, dass es auf Wikimedia Commons kaum Fotos der aktuellen Thin Clients gibt und dachte, ich fotografiere mal welche. Ich kam nicht dazu, „meinen“ zu fotografieren, aber habe wenigstens gestern als Commons-Objektfotografie ein paar Fotos eines im temporaerhaus liegenden Q920 gemacht – nur um dann festzustellen, dass das genau genommen gar kein Thin Client ist, sondern ein nochmal deutlich leistungsfaehigerer Mini-PC, dafuer eben mit mehr Energieverbrauch und aktiver Lueftung. Auf meinen Aufruf von heute morgen hin haben aber Menschen sogleich neue Fotos u.A. der kleineren Variante 3040 hochgeladen. Vielen Dank dafuer!)

Vom Clickbait-Journalismus

Ich bin gleichermassen fasziniert und entsetzt von der Art, wie die Online-Varianten der grossen Pressehaeuser ihr Clickbait-Game immer weiter ausbauen. Ulm und Neu-Ulm sind jeweils Ein-Zeitungs-Kreise: In Ulm dominiert die Suedwest Presse, in Neu-Ulm die Neu-Ulmer Zeitung als Ableger der Augsburger Allgemeinen. Theoretisch funkt in Ulm noch ein wenig die Schwaebische aus Ravensburg rein, und die dient auch als prima Beispiel, was da gerade alles kippt: Die Verlage kaufen eine Zeitung nach der anderen auf, Stellen werden abgebaut nachdem man externe Consulting-Firmen reingeholt hat, dadurch bleibt weniger Zeit fuer tiefere Recherchen und insgesamt kippt der Kurs haeufig mindestens in Richtung Boulevard, um es vorsichtig zu sagen.

Die Neu-Ulmer Zeitung ist mir dabei bislang am wenigsten aufgefallen, aber wenn man sich mal eine Weile Google News fuer die eigene Stadt einrichtet, begegnen einem Clickbait-Titel, die die bisherige fragwuerdige Praxis auf Facebook zahm aussehen lassen. Mein Highlight in den letzten Wochen war ein Artikel des Muenchner Merkur, der Biergaerten in Ulm und Neu-Ulm verglichen hatte – ohne vor Ort gewesen zu sein, anhand der Google-Maps-Bewertungen. Und vom oertlichen Pressehaus dominieren regelmaessig reisserische Ueberschriften im gewohnten andeute-Frage-Stil, die ganz Furchtbares versprechen – und im Text stellt sich dann heraus, dass das alles ganz harmlos ist. Hauptsache geklickt, das treibt die Statistik nach oben, und manche Redakteur*innen spielen dieses von der Hausleitung geforderte Spiel wohl auch einfach mit.

Joan Westenberg beschreibt, dass das nicht einfach nur die Konsequenz der Verwertungslogiken in dem Web sind, in dem wir leider nun sind, sondern ein handfestes Problem:

In their ruthless quest for clicks and attention, headline editors — and let’s be clear, it’s usually editors, not journalists — are destroying the legitimacy of the mainstream media.

They’re like magicians, but instead of pulling rabbits out of hats, they’re yanking context out of stories and replacing it with shock value. These headline mutilators are perfecting the art of the bait-and-switch, serving up tantalizing hooks that barely resemble the meat of the story. It’s not just misleading — it’s manipulation, turning journalism into a carnival sideshow where spectacle eclipses substance.​​​​​​​​​​​​​​​​

The Bait-and-Switch Crisis: A Dangerous Disconnect Between Headlines and Content

Denn haeufig werde bereits die Clickbait-Ueberschrift rezipiert und in die eigene Meinungsbildung eingebaut – egal ob im Newsfeed oder als Vorschau-Snippet in der Telegram-Gruppe. Und, persoenliche Beobachtung, nachdem immer mehr dieser Inhalte sowieso hinter einer Paywall verschwinden, durch die bei weitem nicht alle durchkommen, ist das auch das einzige, was viele Menschen sehen und sich daraus ihre Meinung bilden.

The commercial model of modern publishing is like a hyperactive toddler hopped up on sugar — it’s all instant gratification and constant stimulation. Click. Share. Engage. Repeat. It’s a model that values quantity over quality, speed over accuracy, and provocation over insight.

ebda.

Das kann doch alles nicht langfristig gut gehen.

Hier wird neue Firmware geflasht

Der Hacksauger mit Valetudo

Staubsaugen ist so eine Taetigkeit, die man halt machen muss, aber auf die man selten wirklich Lust hat. Die Anzahl der Gelegenheiten, an denen ich aufgestanden bin und gedacht hab „also weisst was, Staubsaugen waere jetzt eine Handlung, die mich mit grosser Freude erfuellen wuerde“ ist unterm Strich doch ueberschaubar.

Das liegt nicht einmal an der Taetigkeit des Staub saugens selbst (ich bin sehr verwirrt, ob ich das jetzt klein und zusammen oder gross und getrennt oder sonst was schreiben soll, ich hab ein Attest, ich hab auch noch alte Rechtschreibung gelernt). Staubsaugen hat durchaus eine befriedigende Komponente. Meine fruehere Nachbarin sagte auf schwaebisch, dass ihr am besten gefalle, einen Teppich zu saugen, weil „dann hoert man, wie’s so schee rieselet“. Quasi ein sofortiges Feedback, dass das, was man gerade tut, auch einen Effekt hat. Geil. Mit ein Problem ist ja auch, dass man vor dem staubsaugen (ich permutiere jetzt einfach alle Varianten durch) erstmal herumliegende Dinge aufheben und idealerweise auch aufraeumen sollte.

Also fuer andere ist das vermutlich kein so ein Problem weil die raeumen das einfach auf oder sorgen eh gleich dafuer, dass Zeug nicht einfach auf dem Boden herumliegt und sie geben auch ihre Steuererklaerung direkt Ende Maerz ab nachdem sie alle dafuer notwendigen Unterlagen haben und sind generell sehr produktive Erwachsene.

Ich bin das nicht.

Ich habe mich schon mehrfach dabei beobachtet, wie ich anfange, alles zum staub Saugen (das sieht seltsam aus) vorzubereiten, den Boden freizuraeumen und so weiter. Und dann habe ich mich entweder in einem Aufraeum-Side-Quest verloren, weil der wieder irgendwelche Abhaengigkeiten sichtbar gemacht hat, was man auch noch machen muesste, oder nach dem Aufraeumen war das Wohnung-sauberhalten-Energiekontingent fuer den Tag erschoepft und dann hab ich das so gelassen und danach stand diese Schachtel, die urspruenglich auf dem Boden stand, zwei Wochen auf dem Sofa und es war immer noch nicht gesaugt.

Ein grosser Aha-Moment kam erst, als ich mir einmal, es muss so 2018 gewesen sein, einen Staubsaugerroboter fuer meine damalige WG auslieh. Das war ein Roborock S50, und ich war ziemlich begeistert, weil man musste eben nur den Part mit dem Boden-freimachen erledigen, und dann rennt die Kiste durch die Wohnung und saugt dabei nicht so richtig perfekt, aber natuerlich deutlich besser, als wuerde man nur den Boden freiraeumen und dann nicht saugen und das stattdessen auf spaeter verschieben.

Letzten Sommer war ich in der neuen WG in Neu-Ulm etwas unzufrieden mit diesem Verhaeltnis von Boden freiraeumen zu tatsaechlich staubsaugen und habe daher angefangen zu recherchieren, was man denn heute gerne haette. Ich hatte noch in Erinnerung, dass die Roborock-Sauger um die 400 Euro gekostet hatten und ging davon aus, dass man angesichts des technischen Fortschritts etwa so ein Modell mit etwa diesem Funktionsumfang (saugt ein bissel, orientiert sich grob anhand von Sensoren und kann einen Mopp hinter sich her ziehen) sicherlich nun hinterhergeworfen bekaeme fuer enorm wenig Geld.

Das war nicht der Fall.

Roboter mit genau diesem Funktionsumfang (saugen, einfach nur einen Lappen hinter sich herziehen, Zitat „viele Frauen kennen letzteres aus dem professionellen Berufsleben“) kosteten nur unwesentlich weniger als vor fuenf Jahren. Die gewohnte Preisklasse konnte jetzt etwas mehr (rotierende Mopps! Anhebbare Mopps! Irgendwas mit KI!), und zusaetzlich gab es jetzt alle moeglichen Upgrades wie z.B. Roboter mit Dockingstationen, an denen ihnen der Staubbehaelter leergesaugt und das Wischwasser getauscht wird. Was ich dann mit so am absurdesten fand: Die klassischen Roboter haben dann einfach so einen Kunststoff-Staubbehaelter, den man in den Abfalleimer leert, aber die Absaugstationen haben dann wieder Staubbeutel als Verbrauchsmaterial, die man kaufen und bevorraten muss, und am Ende kostet so ein High-End-Teil mit Station, die Verbrauchsmaterialien braucht, ueber 1000 Euro. Das ist etwa vier Mal so viel wie ein Miele-Bodenstaubsauger, mit dem man dann dafuer sogar in irgendwelche Ecken kommt. Vielleicht ist das etwas fuer Leute, die irgendwo eine Fuenftwohnung haben, in die sie alle paar Wochen kommen, und dann soll dort gesaugt und gewischt sein und vielleicht kommt zwischendrin jemand um das Dock zu saeubern.

Ich bin dann aber ueber Angebote von Refurbished-Dreame-Staubsaugerrobotern gestolpert. Ich habe eben nachgesehen und festgestellt, dass diese Quelle im Sommer 2024 versiegt zu sein scheint, weswegen dieser Tipp aktuell keinerlei praktischen Nutzen hat. Das haelt mich dennoch nicht davon ab, nun umso prahlerischer zu sagen: Ich habe so einen Dreame L10 pro fuer um die 150 Euro refurbished von ebay gekauft. Ich haette das sogar noch guenstiger haben koennen, zwischenzeitlich gingen die fuer 130 Euro weg. Also eigentlich habe ich sogar 169 Euro bezahlt, aber mein Roboter roch beim Auspacken etwas seltsam, und der Geruch ging zwar nach einer Woche einwandfrei weg und brachte mir dennoch aufgrund meiner Beschwerde eine Teil-Rueckerstattung des Kaufpreises. Eventuell hat der Vorbesitzer das Ding ausgepackt, einmal was uebelriechendes eingesaugt und es dann sofort zurueckgeschickt. Man weiss es nicht.

Seither bin ich jedenfalls Besitzer eines gehackten Staubsaugerroboters. Man kann sich naemlich auch dazu entscheiden, nicht die Software des Herstellers zu verwenden (mit der man auch aus der Ferne sagen kann, saug bitte mal den Flur durch), sondern Valetudo. Valetudo ist Freie Software, mit der man den Staubsaugerroboter nicht mehr an den Hersteller bindet und weniger Paranioa haben muss, dass die Bilder der Tiefenkamera auf denen man nackt durch die Wohnung rennt, irgendwo landen wo sie nicht sein sollten. Ausserdem wird die Usability fuers Auswaehlen einzelner Raeume in der Benutzeroberflaeche viel schlechter und man kann nicht mehr aus der Ferne das Saugen des Flurs anstossen, dafuer checkt das Geraet einzelne Sachen besser. Valetudo macht auch sehr deutlich klar, dass es nicht fuer den Durchschnittgeschmack ist und das ist wenigstens ehrlich. You win some, you lose some.

Und wie taugt das alles? So mittelgut, wuerde ich sagen. Das Teil kommt halt nicht ueberall hin. Den Boden in meinem Schlafzimmer freizuhalten ist immer noch eine Herausforderung. Und Spiegel, die auf dem Boden stehen, auch, weil dann denkt die dumme Kiste, dass da nochmal ein Raum existiert, ueberlagert auf einen bereits existierenden. Wischen ist so ein Mittelding: Es ist schon okay-ish, wirkt aber manchmal eher so, als wuerde man mit dem Lumpen einfach nur den bestehenden Zustand in der Gegend verteilen. Und ich wuerde gerne die Home-Assistant-Integration mit bestehenden Zigbee-Buttons kombinieren, so dass man auch ohne App sagen kann „heh Roboter, komm mal bitte her und saug kurz in genau diesem Raum durch“.

Dass man damit aber Zeit gewinnt zwischen dem „richtigen“ Staubsaugen mit dem „richtigen“ Bodenstaubsauger, und dass man einfach nur den Boden frei machen muss und dann rennt das Teil einfach und nimmt mal grob was mit: Das ist schon ziemlich geil.

Objektfotografie fuer Wikipedia a la Lokal K

Bei der LokaliCon (dem Treffen der Lokalen Community-Raeume von Wikipedia-Aktiven) letztes Wochenende konnte leider niemand vom Lokal K aus Koeln dabei sein, derweil ich wirklich seit Jahren fasziniert beobachte, was die alles machen. Das soll nicht heissen, dass die anderen Raeume nichts oder zu wenig taeten, nur um das klarzustellen – mit Drohnen– und Objektfotografie machen die Koelner*innen aber Dinge, die sehr gut mit meinen Interessen resonieren 🙂

Und ich bin damit nicht der einzige: Mindestens ein nicht genanntes ehemaliges Vorstandsmitglied des temporaerhaus e.V. hat sich bei einer vergangenen Beschaffungsrunde sehr fuer eine eigene Fotodrohne eingesetzt, wofuer ich ihm mittlerweile auch sehr dankbar bin und kaum abwarten kann, Bau- und Bodendenkmaeler in der Region abzulichten. Denn das ist die Idee hinter all dem: Gemeinschaftlich Bilder unter Freier Lizenz anzufertigen, die dann beispielsweise in der Wikipedia verwendet werden koennen – oder wo auch immer, solange die Lizenz eingehalten wird.

Die Koelner*innen dokumentieren derweil auch alle moeglichen technischen Geraete und zerlegen die dafuer sogar, was ich ganz witzig und auch wichtig finde: Viel zu oft landen Dinge einfach auf dem Schrott, wenn sie ihre Nuetzlichkeit verloren haben und oft faellt dann erst Jahre spaeter auf, dass es von bestimmten Artefakten entweder gar keine Fotos gibt oder keine unter Freier Lizenz. Ich war 2020 sehr haeufig damit beschaeftigt, eine jahrzehntelang aufgebaute und komplett unsortierte Technik-Sammlung mit loser Schrott-Beimischung aufzuloesen, wo zwischen buchstaeblichen Stapeln direkt entsorgbarer Allerweltsdinge wirkliche Seltenheiten lagen. Da sind immer noch Dinge dabei, die genau in solche Objektfotografiesessions passen wuerden.

Recht unvermittelt ergab sich jetzt die Gelegenheit, auch mal das mit der Objektfotografie selbst auszuprobieren. Bei irgendeinem Wikipedia-Rabbit-Hole bin ich auf den Artikel zum SCA-System gestossen, einem zuletzt nur noch vom Blitzgeraetehersteller Metz verwendeten Universal-Adaptersystem fuer Blitzgeraete. Der Artikel hatte keine Bebilderung – und weil ich Mitte der 2000er sehr auf den Strobist-Zug aufgesprungen war, liegen bei mir bis heute Metz-Blitze und diverse SCA-Adapter herum. Also machte ich mich gestern auf ins temporaerhaus und wollte eigentlich mit den 45er-CT-Blitzen und Blitzschirmen SCA-Adapter fotografieren – die dicken Blitze waren aber nun offenbar viel zu viele Jahre nur in Kisten herumgelegen und liessen sich nicht zur Arbeit ueberreden. Also wurden diese ersten Bilder mit einer Videoleuchte improvisiert beleuchtet und sehr wackelig mit der Panasonic-Kamera des Vereins fotografiert.

Das hat Lust auf Mehr gemacht! Erster Schritt war nun erst einmal, mich um meine alten Blitze zu kuemmern um herauszufinden, ob die sich fuer diese Zwecke wiederbeleben lassen. Ein 45er-Metz laedt und blitzt nun wieder, der andere laedt nur und loest nicht aus – aber ich habe ja noch den klassischen Strobist-Blitz SB-26 herumliegen. Und eine Hohlkehle wird sich auch schnell im Hausi improvisieren lassen. Dann bekommt mein ab 2006 angesammeltes Blitz-Zeug auch nochmal eine Nutzung, ohne dass man es nur vor der Verschrottung nochmal ablichten muss 🙂

Nebenbei spannend, ich sah eben erst, dass David Hobby 2021 Strobist.com nach 15 Jahren als Projekt beendet hat. Meine ersten Strobist-Style-Fotos sind vom Sommer 2006, d.h. ich muss das Blog innerhalb eines Vierteljahrs nach Entstehen entdeckt und haben und dem sofort verfallen sein, inklusive von mir angeleierter Sammelbestellung der damals in Europa nicht erhaeltlichen Westcott-Falt-Schirme mit diversen Fotojournos. Das Web war wohl kleiner damals. Interessant auch, dass viele der Fotos aus der damaligen Community jetzt etwas ueberholt und nach „typisch 2000er“ aussehen, so wie auch die damals total modernen Slides im ersten Presentation-Zen-Buch, frosted tips oder duenne Augenbrauen.

Verschwörhaus auf Wish bestellt

Dieser Tage fragte mich wieder mal jemand, wann eigentlich das „staedtische Verschwoerhaus“ nun offen sei – weil das naemlich gar nicht so einfach herauszubekommen ist. Wir erinnern uns: Die Ehrenamtscommunity, aus deren Mitte die Idee fuer so einen durch die Kommune angeschobenen Make- und Hackspace kam, wurde im Sommer 2022 aufgrund diverser Kleingeistigkeiten von der Stadt aus den von ihnen aufgebauten Raeumen geworfen. Die Stadt hat der Community dann auch den von ihnen ausgedachten Namen weggeklagt und sich 2023 auch noch der von den Aktiven registrieten Domains bemaechtigt, die eigentlich vom Urteil gar nicht betroffen war, wo der staedtische Anwalt (und CDU-Fraktionsvorsitzende) aber die Moeglichkeit einer persoenlichen Haftbarkeit des Vorstands ueber 250.000 EUR sehr wirkungsvoll gespielt hat.

Offenes Haus, aber nur fuer geladene Gaeste: Diverse Leute, die jahrelang zum Inhalt der alten Raeume beigetragen hatten, wurden von der Eroeffnungsfeier wieder ausgeladen. Bei der Feier sorgte offenbar ein Sicherheitsdienst an der Tuer dafuer, dass nur geladene Gaeste reinkamen (Originaltweet)

Die Stadt hat nun zwar seit irgendwann im September 2023 die Domain verschwoerhaus.de und hatte auch im selben Monat mit viel Brimborium (nur fuer geladenes Publikum, mit Sicherheitsdienst an der Tuere) die Raeume wieder eroeffnet. Waehrend die aus Ulm vertriebene Community binnen vier Monaten von Mai bis September 2023 einen neuen Space gemeinsam mit dem Haus der Nachhaltigkeit im angrenzenden Neu-Ulm eingerichtet hat, wo seit der Eroeffnung bis Silvester 42(!) oeffentliche Veranstaltungen stattfanden und auch alle Welt auf der Website sehen kann, wann welche Termine stattfinden und auch von unterwegs schnell pruefen kann, ob die Tuere offen ist – fand man auf der Website des staedtischen „Verschwoerhaus“ neben vereinzelten Hackathons und „Innovationsmotor“-Terminen lange Zeit nur Ankuendigungen und Versprechen. Die Stadt hat zwar zwischenzeitlich gleich mehrere Hauptamtliche auf die leere Huelle gesetzt, bislang haben sie aber selbst eineinhalb Jahre nach dem Auszug der Ehrenamtlichen und fast vier Monate nach der „Wiedereroeffnung“ nicht einmal eine eigene Website ausserhalb der Unterseite auf der offiziellen Stadt-Website hinbekommen.

Diese staedtische Website zum „Verschwoerhaus“ wurde in der Zwischenzeit mehrfach mit immer neuen Ankuendigungen ausgebaut und zwischenzeitlich wieder geleert. Und beinahe haette ich die aktuelle Ankuendigungsseite einfach so ueberlesen, wenn mich nicht jemand auf einen lustigen Passus hingewiesen haette:

Das Verschwörhaus ist für alle Altersgruppen offen als ‚dritter Raum‘, ohne Konsumzwang und mit flexiblen Öffnungszeiten.

https://www.ulm.de/leben-in-ulm/digitale-stadt/verschw%C3%B6rhaus (Archivlink)

Das kam nicht nur mir seltsam… bekannt vor. Denn im Monatsbericht fuer den Oktober des temporaerhaus steht folgender Satz:

Und weil wir ein Dritter Ort sind, darf das bei uns auch ganz ohne Konsumzwang stattfinden – solche Orte braucht es unserer Meinung nach.

https://temporaerhaus.de/nicht-erschrecken-monatsbericht-oktober-2023/

Das finde ich ein wenig lustig, denn wie es so schoen heisst, Imitation is the sincerest form of flattery. Andererseits hat mich das ein wenig animiert, die Ankuendigungen der Stadt seit 2022 ein wenig mit dem gegenueberzustellen, was tatsaechlich passiert ist. Und natuerlich damit, was die Ehrenamtscommunity seither auf die Beine gestellt hat.

Was wurde am Weinhof ueberhaupt umgesetzt?

Im Sommer 2022 wurde – moeglicherweise in Vorbereitung des Rechtsstreits – die staedtische Website angepasst (Archivlink, evtl. mit Adblocker eine Blockier-Regel fuer das Cookie-Consent-Banner erstellen), auf der unter anderem behauptet wurde, dass mittlerweile der gesamte Gebaeudekomplex als Verschwoerhaus bezeichnet werde[citation needed]. Spannend sind hier die Ueberschriften „ein offenes Haus“, „Offene & vielfaeltige Angebote“ und „Das geht im Verschwoerhaus“. Der Punkt mit dem Offenen Haus verschwand zwischen Mai und Juni 2023 (dazu spaeter mehr), die anderen dann im Januar 2024.

Ab dem Sommer 2022 schien die Stadt im ausgeraeumten Haus selber vor allem interne Workshops rund um die Zukunftsstadt-Projekte im Haus zu veranstalten. In einer Auflistung, die die Stadt nach einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz herausgab, finden sich vorwiegend zahlreiche Dubletten zu Veranstaltungen für Ukraine-Geflüchtete – einem Programm, für das die Stadt auf Basis eines noch Anfang 2022 binnen 48 Stunden von den Ehrenamtlichen aus dem Boden gestampften Internetcafés und der allein bei der Ehrenamtsstruktur liegenden Erfahrungen mit Programmen wie Jugend hackt beim Staatsministerium eine Förderung fuer einen ebenfalls im Haus befindlichen Verein eingeworben hatte. Neben dem noch vom ehemaligen Verschwörhaus-Verein bepielten Jugend hackt Lab findet sich ansonsten in der Auflistung vor Allem eine Swingtanzgruppe als Angebot des „Offenen Haus“ – deren Angebote sich aber nie auf der Website der Stadt wieder fanden.

Erfolgsvergleich: Was war 2023 angekuendigt?

Rueckblickend sehr spannend ist auch die Gegenueberstellung der Ankuendigungen, die im Januar 2023 in einem Artikel der Suedwest Presse (Paywall) vom staedtischen „Verschwoerhaus“ und der aktiven Ehrenamtscommunity aufgezaehlt wurden. Der damals bereits knapp acht Monate arbeitende hauptamtliche staedtische Leiter wird im Artikel mit folgenden Zielen zitiert:

  • 2023 werde die Stadt eine Jugend-hackt-Stelle finanzieren (Die CDU-Fraktion hatte im August 2022 beantragt, die 2021–2023 bewilligte Förderung für Jugend hackt zu streichen und kam damit durch) und ein Jugendangebot durchfuehren
  • Es stehe „ein Audio- und ein Videolabor zur Verfügung“
  • der „Makerspace im Untergeschoss [solle] wieder öffnen“
  • „Steht auch das geplante Buchungssystem, so solle die Werkstatt rund um die Uhr und täglich geöffnet sein“
  • „Bis Ende Januar werde er zudem ein Veranstaltungsprogramm fertig haben und vorstellen.“
  • „Fast jeden Tag soll etwas los sein im Verschwörhaus.“

Realitaetscheck: kein einziges dieser Ziele wurde bis Ende 2023 ernsthaft erreicht. Zu mehreren der Punkte passierte nichts erkennbares.

Zu Jugend hackt: Das war gleichermaßen ambitioniert wie realitaetsfremd. Zur Erinnerung: Die Jugend-hackt-Hackathons wurden ausgehend von der Vernetzung mit der Open Knowledge Foundation Deutschland seit derer Gruendung von der oertlichen Ehrenamtscommunity ab 2014 vorbereitet und 2015 als regionaler Ableger von der Community zunaechst an der Uni durchgefuehrt – und beim ersten Jugend hackt in Ulm entstand der Vorschlag an den damaligen OB-Kandidaten Czisch, doch einen staedtisch gefoerderten Ort fuer den Aufbau von Civic Tech und den Wissenstransfer aus der Ehrenamtscommunity in die Verwaltung aufzubauen. Dass die Stadt einerseits die engagierte Community rauswerfen und dennoch Jugend hackt unter ihrem Banner weiter betreiben werden duerfe, war von Anfang an eine total absurde Annahme. Im Maerz 2023 kuendigten die staedtischen Hauptamtlichen an, kuenftig alternativ „Ulm hackt“ anbieten zu wollen (Paywall). Im gesamten Jahr 2023 passierte dergleichen: Absolut nichts.

Zum Audio- und Videolabor: Ab dem Spaetsommer 2016 hatten die Aktiven am Weinhof mit den staedtischen Mitteln – von denen sie nach dem Zitat von Gunter Czisch darauf vertrauten, dass sie fuer den Aufbau ihres Orts sein wuerden, zu dem die Stadt nur den Anschub finanziere – ein Audio- und Video-Setup nach dem Vorbild des VOC des CCC aufgebaut, mit dem sie verschiedenste Veranstaltungen aufgezeichnet und live gestreamt hatten – teilweise auch als von der Digitalen Agenda in Anspruch genommene Community, um deren Veranstaltungen gratis mehr Oeffentlichkeit zu verschaffen. Durch den Gluecksgriff einer Foerderung durch die Deutsche Stiftung fuer Engagement und Ehrenamt Ende 2021 konnte der Verein das bestehende, durch staedtische Mittel beschaffte Audio- und Videosetup zwar durch eigene Geraete ergaenzen und signifikant upgraden. Das bis dahin aufgebaute und der Stadt gehoerende Setup fuer Videostreams und Podcasts vergammelte aber offenbar das gesamte Jahr 2023 ueber mangels Kompetenzen fuer dessen Bedienung in den Schraenken am Weinhof. Waehrend das Temporaerhaus einen Livestream fuer die Eroeffnung des SpoSo-Gebaeudes gemeinsam mit dem Haus der Nachhaltigkeit anbieten konnte, gab es von der exklusiven, nicht-oeffentlichen Wiedereroeffnung des Weinhofs ueber ein Jahr nach dem Auszug der Ehrenamtlichen(!) im September 2023 nur eine Pressemitteilung. Auf der aktuellen Fassung der staedtischen Website vom Januar 2024 steht immer noch die Ankuendigung eines Audio- und Videolabors (das laut Pressebericht vom Januar 2023 angeblich schon zur Verfuegung stehe). Ansonsten: Nichts.

Zum Makerspace und dem Buchungssystem: Ja, ernsthaft, keine Ahnung. Makerspace und Holzwerkstatt sind mit die am meisten nachgefragten Angebote im temporaerhaus seit dessen Wiedereroeffnung in Neu-Ulm. Die Nachfrage sowohl nach 3D-Druck als auch nach Lasercut als auch nach der Holzwerkstatt ist riesig. Am Weinhof hatte die Community zwei 3D-Drucker, einen Lasercutter samt Absaugung und eine ueber die Jahre und die Erfahrung krass gewachsene Holzwerkstatt u.A. mit Formatkreissaege, Dickenhobel und Bandsaege hinterlassen. Was die Stadt daraus bisher gemacht hat ist komplett raetselhaft. Der Presse hatte ich entnommen, dass die bisherige Holzwerkstatt im Keller und der Makespace im Erdgeschoss ausgebaut und per Chipkarte zugaenglich gemacht werden sollen, so dass sie „rund um die Uhr und taeglich geoeffnet sein“ solle. Erkennbar war davon Ende des Jahres 2023: Nichts. Was von den urspruenglichen, von den Ehrenamtlichen ausgewaehlten und aus staedtischen Mitteln beschafften Geraeten am Weinhof zugaenglich ist und wann man diese nutzen kann: Komplett unklar.

Zustand im Maerz: Fuenf Veranstaltungen in den kommenden sieben Monaten.

Zum Veranstaltungsprogramm: Das habe ich ehrlich gesagt auch immer wieder gesucht. Den Akteuren bei der Stadt schien es 2023 wichtiger zu sein, beispielsweise das Urteil des Landgerichts zur Markenrechtsentscheidung in die Seitenleiste der staedtischen Website zu verpacken, als tatsaechliches Angebot des „offenen Haus“ fuer die allgemeine interessierte Oeffentlichkeit zu organisieren und dazu die Oeffentlichkeit auch einzuladen. Nach Auskunft einer weiteren Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz bestand das Angebot des „Offenen Haus“ in der ersten Haelfte 2023 vor allem – sehr dublettenbehaftet – in dem im Dokument so genannten „Ukraine-Projekt“ sowie einer Swingtanzgruppe und einem Angebot des Generationentreffs – nichts davon war vorab auf der staedtischen Website ueber das „Verschwoerhaus“ angekuendigt. Stichproben aus dem Internet-Archiv zeigen diverse Smart-City-Veranstaltungen und sonstige interne Veranstaltungen der Digitalen Agenda sowie interne Workshops der Stadtverwaltung. Weitere nicht oeffentlich angekuendigte Termine wie eine Vorstandssitzung einer örtlichen Unternehmerinitative vervollstaendigen das Programm – von dem angekuendigten Veranstaltungsprogramm Ende Januar 2023 fuer die allgemeine Oeffentlichkeit ist aber nichts zu erkennen. Auf einem Schnappschuss vom Maerz sind beispielsweise sage und schreibe fuenf Smart-City-Veranstaltungen fuer die kommenden sieben Monate zu sehen – das war’s. Wer wissen wollte, wann man denn die Raeume aufsuchen koennte, sollte wohl bei der Stadt anrufen, man weiss es nicht. Gerne haette ich auch eine Auflistung aller Veranstaltungen seit Juni ausgewertet. Die Digitale Agenda nimmt aber wieder einmal die gesetzlichen Pflichten fuer Antworten auf Informationsfreiheitsanfragen eher locker und ist seit zwei Wochen mit der Antwort im Verzug. Das kennt man ja mittlerweile.

Irgendwer kann hier kein Excel

Zu fast jeden Tag soll etwas los sein: Ja gut. Wenn man alle Dubletten aus der Antwort auf die Informationsfreiheitsanfrage loescht, bleiben von 1.1.2023 bis 09.06.2023 – also einem Zeitraum von 159 Tagen – von 108 angegebenen Terminen nur 91 Termine uebrig. Davon entfallen mit 54 Terminen fast 60% auf das Programm fuer die Ukraine-Gefluechteten. Mit 9 internen Fortbildungen und Terminen der Verwaltung und 8 internen Terminen rund um irgendwelche Smart-City- und Zukunftsstadtprojekte bestand das „Angebot“ zu weiteren knapp 20% einfach aus der Nutzung der Raeume fuer verwaltungsinterne Termine. So richtig fuer alle oeffentliche Termine scheinen in dem Zeitraum weniger als 20% ausgemacht zu haben – ist die Bude also doch eher Vereinsheim fuer ausgewaehlte Gruppen? Auch fuer die Zeit nach Juni finden sich nur vereinzelte Veranstaltungen auf den Schnappschuessen im Internet Archive; beispielsweise ein „Innovationsmotor“, bei dem offenbar technische Loesungen fuer soziale Probleme gefunden werden sollen. Von den im Mai 2022 versprochenen „neuen Gruppen“, fuer die sich das Fakeschwoerhaus oeffnen wolle, ist bislang jedenfalls nichts zu sehen.

Das lustigste an diesem Tweet ist das durchs Fenster aufgenommene Video der leeren Raeume, waehrend Leuchtstoffroehren so richtig dystopisch vor sich hin flackern

Ob (abgesehen von den Dubletten) auch alle diese Veranstaltungen ueberhaupt stattgefunden haben, bleibt indes unklar – als im Maerz ein Journalist der Stuttgarter Zeitung ueber den Zustand am Weinhof berichten wollte, war das Haus laut Aushang wegen Krankheit geschlossen. Und ueber Wochen hinweg hing im Fruehjahr ein Zettel an der Eingangstuere, dass wegen Umbauarbeiten die Oeffnungszeiten entfallen wuerden. Alle Selbstauskuenfte der Stadt sollten mit Vorsicht genossen werden – auch zu dem Umbau, wie sich bei einem weiteren Blick ins Internet Archive zeigt.

Diese Stufen gilt es zu ueberwinden, wenn man mit Rolli in den Salon kommen und auch aufs barrierefreie Klo und den Rest des Gebaeudes, ohne einmal aussenrum ueber den Hof fahren zu muessen.

Der Umbau und die Barrierefreiheit: Schon im Fruehjahr 2023 war die Bude eine Weile laut Aushang geschlossen, weil Dinge umgebaut werden sollten. Auf der Website stand davon zunaechst nichts, im Endeffekt wurde wohl nochmal ein wenig mehr Innovationslabor-Vibe in den Laden gebracht und offenbar haben sie es dann irgendwann auch geschafft, eigenes WLAN fest zu installieren (was lustig ist, weil das eine chaotische Ehrenamtstruppe 2016 einfach binnen weniger Tage selber hinbekommen hatte).
Interessant wird es beim zweiten Umbau, der von Juni bis Oktober 2023 angekuendigt war (Archivlink), offenbar auch um den Weggang des zwischenzeitlichen hauptamtlichen Leiters ueberbruecken zu koennen. Aus dem Absatz zum „offenen Haus“ wurde naemlich ein „Das Verschwoerhaus wird barrierefrei“, und da war ich wirklich neugierig, wie sie das hinbekommen wollen. Der vordere Saal – um den es laut Angaben der Stadt explizit gehen sollte – ist naemlich aus allen Richtungen nur ueber Stufen erreichbar, und da wir Aktive haben, die im Rollstuhl sitzen, war das schon immer ein Problem. Nur war das geometrisch gar nicht so leicht zu loesen. Eine praktikable Loesung muesste eigentlich vom Salon in den „hinteren“ Teil von Weinhof 7 gehen, weil nur so die normgerecht barrierefreie Toilette im 2. OG erreicht werden kann. Eine Rampe mit zulaessiger Steigung waere dort aber gut 5 Meter tief, und wegen der seltsamen Treppe kaemen dort nur aufwaendige Scherenliftkonstruktionen als Alternative in Frage. Wir hatten uns ueber die Jahre immer wieder ueber Alternativen den Kopf zerbrochen, aber auch eine Rampe vom Aquarium her kommend oder ueber das Treppenhaus von Weinhof 9 kommend wuerde eine Sackgasse bedeuten, wenn jemand weiter nach hinten ins Haus wollen wuerde.
Der Witz ist jetzt: Ich wuesste immer noch gerne, wie sie das mit der Barrierefreiheit hinbekommen haben. Ich war seit dem Auszugstag im Sommer 2022 nicht mehr in den Raeumen, aber soweit ich das bislang erzaehlt bekommen habe, gibt es den angekuendigten Treppenlift anscheinend gar nicht. Von der Website ist die Ankuendigung zur Eroeffnung auch sang- und klanglos verschwunden.

Fazit: Viel scheint da nicht zu laufen am Weinhof. Obgleich dort mittlerweile offenbar drei hauptamtliche Kraefte arbeiten, fehlt offenbar bis heute die wichtigste Zutat, die solch einen Ort ausmacht und die auch den krankheitsbedingten Ausfall des Hauptamtlichen im Fruehjahr 2023 auffangen haetten koennen: Eine engagierte Ehrenamtscommunity, die den Ort als den ihren begreift und ihn gestaltet. Wie auch, moechte man fast fragen – nachdem sich die verantwortlichen Personen so lange wie tyrannische und intrigante Eltern aufgefuehrt haben, die mit Machtinstrumenten ihren Willen durchzudruecken versucht haben. Das muesste eigentlich auch allen glasklar sein, die auch nur oberflaechlich mit solchen Orten jemals zu tun gehabt hatten, und ein grosser Teil meiner Verhandlungen mit dem OB 2021 bestanden darin, ihm das zu vermitteln und dass eine kritische Begleitung (die auch Innovationstheater hinterfragt) total wertvoll fuer eine Stadt ist. Dass OB und die Leitung der Digitalen Agenda auf die abstruse Idee kamen, das einfach selber hinzubekommen und nicht begriffen haben, dass so etwas ohne die „zwei Hand voll Durchgeknallter“ nicht so wirklich funktioniert, finde ich bis heute absolut wild 😀

Im Januar 2024 wurde nun mit einem Jahr Verspaetung immerhin der Start eines ersten Jugendprogramms unter dem, sagen wir mal, interessanten Titel „Cyberkids“ angekuendigt. Vier Termine bis zum 6. April sind zwar noch weit entfernt von „beinahe jeden Tag“, aber immerhin ueberhaupt einmal etwas oeffentlich angekuendigt zu sehen ist ja schon einmal was, nach ueber eineinhalb Jahren. Nach wie vor werden der Aufbau eines Makespace und eines Podcast-Studios angekuendigt, wo man nur wiederholen kann: Alles von dem angekuendigten Zeug von der Loetwerkstatt ueber 3D-Drucker und Lasercutter bis zur Stickmaschine steht bereits die ganze Zeit seit juli 2022 herum, es muss nur wieder ueber Oeffnungszeiten zugaenglich gemacht werden. 2023 hat das das komplette Jahr nicht geklappt, ich bin mal gespannt auf 2024. Und auch mit der seit irgendwann im September 2023 bei der Stadt liegenden Domain soll nun irgendwas passieren – bei einer Vorzeige-Digitalisierungsabteilung braucht man fuer eine Website wohl einfach mal ein Vierteljahr. Zum Vergleich: Die Ehrenamtlichen hatten sage und schreibe 13 Tage fuer eine eigene Website gebraucht, und nach weniger als eineinhalb Monaten gab es auch eine Anzeige, ob derzeit die Türe offen ist.

Ich kann nur dazu raten, gut Buch ueber die vollmundigen Ankuendigungen zu fuehren und regelmaessig einen Realitaetsabgleich zu machen. Momentan scheint die Stadtspitze keine Nachfragen aus Presse und Gemeinderat zu ihrem PR-durch-Ankuendigungen-Game zu bekommen und gut damit zu fahren. Irgendwann sollten aber schon einmal Fragen kommen, warum jetzt aus oeffentlichen Mittel so viel mehr Aufwand bei vergleichsweise so viel weniger Angebot unterm Strich steht.

Aber vielleicht ist das staedtische Verschwoerhaus ja wirklich ein „Dritter Raum“. Bei dem eingangs beschriebenen Abschreibeversuch vom temporaerhaus scheint es da naemlich einen Uebertragungsfehler vom Dritten Ort gegeben zu haben. Ob das jetzt ein Dritter Raum im Sinne von Homi K. Bhabha sein soll, wo Unterdruecker und Unterdrueckte sich austauschen, oder der hypothetische Dritte Raum im medizinischen Sinn, wohin oeffentliches Geld, aeh, Blutplasma einfach verloren geht, ist nicht ganz klar. Lustig finde ich beide Vorstellungen.

PS: All denen, die in der Vergangenheit Anfragen der Stadt zu Reputation Management bekommen haben (natuerlich immer nur muendlich, nie schriftlich) und alle moeglichen Behauptungen ueber die Ehrenamtscommunity erzaehlt bekommen haben, kann ich nur empfehlen, sich auch eine zweite Meinung von den Aktiven zu holen. Ich bekam teilweise zugetragen, was fuer wilde Spins da im Umlauf sind. Auch das einem Realitaetscheck zu unterziehen ist meist ein grosser Spass fuer alle Beteiligten.

Verwaltungsdigitalisierungsinfluencer vs. ArchitektInnen

Die Videos des „Akkudoktor“ Andreas Schmitz rund um Klein-Photovoltaikanlagen sind in Teilen meines Bekanntenkreis lange Pflichtprogramm. Da nerdet sich jemand richtig tief ins Thema rein (und ist auch schon vom Fach), testet Geraete tiefer auf Herz und Nieren als so manchem Hersteller das lieb ist und macht das derweil, ohne dabei was verkaufen zu wollen – weil er an den damit verbundenen hoeheren Zielen interessiert ist.

Im oben eingebetteten Video teilt er gute und schlechte Erfahrungen im Umgang mit Herstellern und wie das normalerweise mit Influencern und Influencer-Agenturen so laeuft – und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren, dass das in weiten Teilen auch Erwartungshaltung sowie Spannungsfeld zwischen zivilgesellschaftlichem Civic-Tech-Einsatz und Verwaltung – und insbesondere Smart City – widerspiegelt.

Als Gold-Standardfall nennt Schmitz, dass es nach einem von ihm gemeldeten Problem sofort eine Krisensitzung gab, die Entwicklungs-/Engineering-Abteilung einbezogen wurde, er offenbar auch direkten Draht dorthin bekam und er die naechsten Schritte dargelegt bekam, was nun zur Fehlerbehebung passieren wuerde.
Das Negativbeispiel, das bei Influencermarketing normal sei: Man habe nur Kontakt zu einer Influenceragentur. Die hat gar keinen Durchgriff aufs Produkt und bezahlt einen im Zweifelsfall, dass man gefundene Probleme nicht an die grosse Glocke haengt und die Schnauze haelt.

Kommt bekannt vor? Mir schon. Mit dem spannenden Unterschied, dass es die Entwicklungs- und Engineering-Abteilung z.B. in der Smart City meist nie im eigenen Haus gibt. Und es dementsprechend diesen Feedback- und Lösungs-Cycle gar nicht geben kann. Weil quasi jeder Schmarrn von externen Dienstleistern entwickelt wird – die manchmal brauchbares Requirement Engineering vom oeffentlichen Auftraggeber bekommen. Meist aber nicht.

Bei mancher oeffentlichen Stelle wuerde ich mittlerweile aus der Erfahrung im Austausch mit den an der Sache interessierten zivilgesellschaftlichen Engineers (w/m/d) und der behoerdlich eingerichteten Digitalisierungsagentur mittlerweile auch sagen: Das ist mehr Influencer-Agentur denn an der langfristigen Entwicklung interessierte Einheit. Denn sie sind nicht nur von den zu entwickelnden Produkten und Infrastrukturen so weit weg wie die Influencer-Agentur. Sondern ihnen ist im schlimmsten Fall das langfristige ideelle Ziel weniger wichtig als die akute oeffentlichkeitswirksame Darstellung.

Vor dem Hintergrund bin ich gerade auch etwas professionell angepisst vom neuerlichen Vorstoss der Social Entrepreneurs von ProjectTogether, die heute ihr neues rework-Programm vorstellten, mit dem nun alles bei der Verwaltungsdigitalisierung besser werden soll. Nicht nur, dass mir das gesamte Social-Entrepreneur-Wesen von Grund auf unsympathisch ist – ich halte diese Verlagerung von Verantwortung in Startups fuer Teil des Problems, nicht der Loesung. Dazu kommt, dass die Truppe mir mit UpdateDeutschland noch enorm schlecht in Erinnerung ist. Nach dem Event gab es einen Austausch mit Aktiven des Netzwerks Code for Germany, bei dem in kurzer Zeit immer deutlicher wurde, dass der ganzen Veranstaltung kaum vorbereitende Recherche vorausgegangen war, was es bislang schon gab und was weswegen (nicht) funktioniert hatte.

Ich persoenlich haette schon gerne, dass das mit der Verwaltungsmodernisierung was wird. Wenn dann brauchen wir aber mehr Austausch wie den, den Andreas Schmitz beschreibt. Und in vielen Faellen muss dafuer erst einmal die Entwicklungs- und Engineering-Abteilung im Staat erst mal wieder internalisiert und als wichtig eingeordnet werden, anstatt das weiterhin auf Dienstleister auszulagern. Einfach nur dasselbe Silicon-Valley-Cosplay weiter nachzumachen, wird lediglich auch in Deutschland laengst (mehrfach) abgespielte Playbooks nochmal von vorne auffuehren. Dabei den naechsten Schwung ueberzeugter EnthusiastInnen in den Burnout schicken. Denjenigen, die daraus dann eine Buehne machen, hat das bislang selten geschadet. Ich wuerde aber gerne endlich mal wieder die Sache im Vordergrund sehen.

The History of Wikidata (and how to learn more)

Je laenger ich Wikidata und die Konzepte von Linked Open Data und was alles dazugehoert kenne, desto faszinierter werde ich davon. Derweil brauchte ich wirklich lang, um das zu verstehen – bei meinem ersten Kontakt 2012 war ich etwas ratlos, die deutschlandweiten Wikidata-Workshops im damaligen Verschwoerhaus ab 2016 haben wir das aber umso naeher gebracht, und spaetestens ab ca. 2019 war ich bei meiner Erkundungswanderung durch die Ulmer Stadtverwaltung ueberzeugt: Wer Open Data haben will, muss Linked Data mitdenken – alles andere ist Augenwischerei.

Leider ist es nicht ganz so leicht, sich in die Thematik einzuarbeiten. Ich habe die letzten Wochen aber zwei Hilfestellungen gefunden, die das vielleicht erleichtern koennten. Das schlimme ist ja, dass man das kaum mehr einschaetzen kann, sobald man selbst nahe genug dran ist – von aussen wirkte alles hoechst kryptisch und verschlossen und unverstaendlich. Hat man die Schwelle aber einmal ueberschritten, ist ja alles klar.

Denny Vrandečić, Lydia Pintscher und Markus Kroetzsch haben auf The Web Conference 2023 ein Paper zur Geschichte von Wikidata veroeffentlicht und es gibt die Inhalte auch in einem unterhaltsamen Video:

Ausserdem laeuft aktuell ein wie ich finde gut gemachter MOOC-Selbstlernkurs des Hasso-Plattner-Instituts zu Knowledge Graphs. Die Teilnahme ist kostenlos, und wer jetzt sofort mitmacht, kann auch noch die bewerteten Zwischenuebungen mitmachen. Was ich bislang gesehen habe, gefaellt mir sehr gut und stellt auch gelungen die Verbindungen zwischen den abstrakten Konzepten von Knowledge Graphs, dem Semantic Web Stack und den urspruenglichen Ideen des Semantic Web her – das ist etwas, was beim 5-Sterne-Modell teilweise zu implizit angenommen wird.

„Keine Maske, kein Mitleid“

(Beitragsbild: Allie_Caulfield, COVID-19 Protective Mask Paulaner am Nockherberg Munich, CC BY 2.0)

Seit 2019 gab es pandemiebedingt keinen Chaos Communication Congress mehr. Nachdem der Versuch 2022 mit Blick auf die Infektionslage im Spaetherbst abgesagt wurde, steht nun fest:

Das sorgt fuer Veraergerung auf Mastodon, die ich nachvollziehen kann. Wer sich ein teures Ticket ergattert hat, wird sich ggf. bei Husten und moeglicher Infektion ueberlegen, zuhause zu bleiben oder doch hinzugehen, merkt Leah an (gesamte Tootkette in einem Blogpost). Es gibt nicht wenige Menschen im Chaos, die aus gesundheitlichen oder anderen individuellen Gruenden Infektionen tunlichst vermeiden sollten. Und der Congress ist ohnehin quasi „traditionell” ein Ort, an dem nicht nur Geraete, Ideen und Informationen ausgetauscht werden, sondern auch Infektionskrankheiten.

Auf der anderen Seite habe ich Argumentationen gehoert, dass es fuer die organisierenden Menschen nicht umsetzbar sei, Luftfilter fuer 15000 Menschen und Masken und taegliche Tests umzusetzen. Die Argumentationslogik habe ich bislang etwa so verstanden: Die Goldloesung ist nicht machbar und vor allem nicht umsetzbar, deswegen machen wir gar nichts und verweisen auf die behoerdlichen Vorschriften – in denen steht, dass es keine Vorschriften gibt.

Ich habe in Anlehnung an den (von mir wirklich verhassten) Spruch „kein Backup, kein Mitleid“ an einer Stelle „kein Infektionsschutzkonzept, kein Mitleid“ drunterkommentiert. Das passt aber eigentlich nicht ganz, weil das zwei ganz verschiedene Systematiken sind. Und wenn man das aufdroeselt, ist man sehr schnell an des Pudels Kern – der bis zur Hackerethik des CCC und den etwas fragwuerdigen Fuessen der Hackerethik nach Levy zurueckgeht, auf der sie aufbaut.

„Kein Backup, kein Mitleid“ passt naemlich vielmehr konsequent auf ein Infektionsschutzkonzept, das zu 100% auf die Selbstverantwortung von Individuen aufbaut. Jede*r ist fuer die Sicherheit ihres Koerpers genauso verantwortlich wie fuer die Sicherheit ihrer Informationen. Wer das nicht machen moechte, kann das als individuelle Freiheit begreifen – darf sich dann aber nicht beklagen, wenn ein Schaden eintritt.

„Kein Infektionsschutzkonzept, kein Mitleid“ ist eine komplett andere Denkweise. Hier wuerde ein Kollektiv einen Rahmen schaffen, der Risiken zu verringern versucht. Das schliesst die individuelle Verantwortung keineswegs aus. Es verlagert aber einen Teil der Verantwortung vom Individuum auf alle Anwesenden. Und nur der Vollstaendigkeit halber sei erwaehnt, dass meine Datensicherungsmassnahmen natuerlich keineswegs dadurch beeintraechtigt werden, wenn sich meine Geraete in der Gegenwart von tausenden anderen Geraeten befinden, deren Eigentuemer*innen es als ihre individuelle Freiheit betrachten, keine Schutzmassnahmen anzuwenden.

Das ist ein klassischer Konflikt der Hackerethik, den ich spaetestens seit 2016 durch den nach wie vor empfehlenswerten Vortrag „Programming is forgetting: Towards a New Hacker Ethic“ von Allison Parrish auch endlich formulieren kann: Ich kann sowohl die CCC-Ethik wie auch die Levy-Ethik als sehr individualistische, fast schon libertaere Freiheitsrechte interpretieren, oder aber als kollektivistische Aufforderung, gemeinsam eine Welt herzustellen, die sich einem Ideal annaehert. Und leider sind beide Ethiken in ihren Formulierungen naeher an der individuell-libertaeren Lesart. So wundert es auch keinesfalls, dass beide Stroemungen seit jeher in der Szene vertreten sind.

Es lohnt sich wirklich, den Vortrag von Parrish anzusehen oder wenigstens das Transkript zu lesen. Man kann naemlich direkt die klassische Levy-basierte Hackerethik auf den Congress umschreiben – oder eben Parrishs als Fragen vorgestellte Vorschlaege fuer eine Neuformulierung: „Der Zugang zum Congress sollte unbegrenzt und vollstaendig sein“ vs. „wer kann am Congress teilhaben? Wen lasse ich aus? Wie ermögliche oder verhindere ich Zugang?“. „Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut, und nicht nach ueblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Herkunft, Spezies, Geschlecht oder gesellschaftliche Stellung“ vs. „Welche Art von Community habe ich als Modell? Welche Community lade ich durch meine Handlungen ein? Wie bilde ich meine Werte in dem ab, was ich mache?“

Ganz besonders moechte ich aber auf den Punkt „Misstraue Autoritaeten – foerdere Dezentralisierung“ eingehen. Parrish fragt hierzu: „Welche Machtsysteme errichte ich durch das, was ich mache? Auf welcher Art von Support verlasse ich mich? Wie unterstützt das, was ich mache, andere Menschen?“

In der Diskussion habe ich naemlich nun mehrfach als Argument gehoert, dass schon bisherige Regeln schwer umsetzbar seien – beispielsweise Rauchverbot oder Fotopolicy. Grundsatz bei Chaosveranstaltungen ist ja, dass Anwesende grundsaetzlich nicht fotografiert werden sollen, wenn sie damit nicht ausdruecklich einverstanden sind. Das geht ueber die gesetzlichen Regelungen weit hinaus. Und auch sonst werden diverseste gesetzliche Regelungen im Chaos und auf den Veranstaltungen durchaus locker ausgelegt.

Ich finde das gerade wirklich enorm faszinierend: Einerseits schafft man sich Freiraeume durch selbst geschaffene Regeln und Wertbilder, die nicht mit denen der Mehrheitsgesellschaft und der allgemeinen gesetzlichen Lage uebereinstimmen. Andererseits wirkte es in der Mastodon-Diskussion immer wieder so, als sei die einzige Moeglichkeit eines Infektionsschutzkonzepts, mit Vorschriften und Pflichten zu arbeiten, die dann auch durch Autoritaetssysteme durchgesetzt werden muessen.

Leah verwies auf Mastodon auf diese Informationsseite der Kiwipycon, die den Umgang mit Infektionsschutz von einem individuellen Selbstschutz hin zu einem Ziel gemeinschaftlicher Anstrengung verlagert. Alleine schon die explizite Normierung des Ziels, Infektionen bei der Veranstaltung minimieren zu wollen, halte ich fuer unglaublich wertvoll. Der Text hebt hervor, dass diese Infektionsminimierung nicht alleine eine individuelle Massnahme ist, sondern insbesondere als Gruppenanstrengung umsetzbar ist – es geht nicht vorwiegend um den Schutz der Einzelnen, die sich selber ueberlegen kann, ob sie das will oder nicht, sondern je gemeinschaftlicher das passiert, desto besser werden alle geschuetzt. Es wird klar, dass die Veranstaltung ebenso dazu beitragen wird und stellt dar, welche Unterstuetzung sie dazu leistet (Bereitstellung kostenloser Antigen-Schnelltests und guter FFP-Masken). Einige Mastodon-Diskussionsteilnehmende haben sich sogleich (und immer wieder wiederholt) daran aufgehangen, dass die Kiwipycon das Tragen der Masken zur Pflicht macht – was die Congress-Orga offenbar nicht will. Sie scheinen dabei aber den wichtigeren Punkt zu uebersehen: Allein schon diese Zielnormierung und die Klarstellung, welchen Beitrag der Orga Teilnehmende erwarten koennen, schafft viel mehr Klarheit. Selbst wenn man die zu erwartenden Massnahmen ausdruecklich nicht als Vorschrift sieht, die auch noetigenfalls mit Machtwerkzeug durchgesetzt werden (muessen), spricht solch eine Darstellung eine voellig andere Sprache als „wir halten uns an die Vorschriften, die Vorschriften schreiben nix vor, y’all fight for yourselves“.

Diese Diskussion war sicherlich nicht die letzte, bei der das beschriebene Spannungsfeld sichtbar wird. Ich halte es fuer wichtig, viel haeufiger darauf zu schauen. Allein schon um die immer wieder mitschwingenden Annahmen zu dekonstruieren. Und uns aber auch zu ueberlegen, welche Wertemodelle wir eigentlich mitbringen und an welchen Stellen die clashen. Denn wenn wir als Szene mehr wollen als nur ab und zu bunte Lichter aufzubauen und berauschende Substanzen zu uns zu nehmen, wenn wir wirklich auch gesellschaftliche Visionen ueber diese Schutzraeume hinaus gestalten wollen, muessen wir uns ueber das genaue Ziel zwar nicht einig sein. Wir sollten aber in der Lage sein, zu erkennen, wo Ziele inkompatibel sind – und welche Fragen nach Parrish wir uns bislang noch zu wenig gestellt haben.