Weit weg mit dem Rad

Vor einigen Jahren stiess ich bei der Suche nach interessanten Radrouten ueber das Radreise-Wiki auf radweit.de von Ulrich Lamm. Die Crux bei vielen Radwanderwegen ist, dass sie oft eine Zusammenstueckelung aus Einzelradwegen sind, die zwar abseits des „normalen“ Autoverkehrs und entlang mehr oder weniger schoenen Landstrichen gefuehrt sind, aber oft nicht fuer direkte Verbindungen zwischen groesseren Staedten taugen; „richtige“ Direkt-Fernwege sind dagegen eher rar gesaet.

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Das EuroVelo-Netz (Wikipedia) koennte man zwar als europaeisches Quasi-Fahrradautobahnnetz bezeichnen, ist aber in vielen Abschnitten noch unvollstaendig und besteht aus vergleichsweise wenigen Achsen durch Deutschland. An Ulm fuehrt beispielsweise nur der EV6 von Saint Nazaire ueber Basel, Passau, Wien, Budapest und Belgrad bis zum Schwarzen Meer entlang, Anknuepfungspunkte an weitere EV-Routen sind aber rar gesaet und mehrere Tagesreisen entfernt. Von Ulm nach Dresden muesste man in diesem „Netz“ beispielsweise erst nach Linz fahren und dort auf den EV7 von Valletta ueber Rom und Salzburg nach Berlin, Rostock, Kopenhagen bis zum Nordkap wechseln.

Ergaenzt wird das EV-Netz in der Theorie durch nationale Routen, in Deutschland das D-Radwegenetz, das abschnittsweise auch mit den EV-Routen identisch ist. Vom Donauradweg (EV6 bzw. D6) koennte man beispielsweise bei Kelheim auf die D11 umsteigen, von wo es ueber Nuernberg und Jena westlich an Leipzig vorbei ueber Berlin bis Rostock ginge, wenn man das wollte. „Direkt“ sind diese Verbindungen aber auch nicht. Abgesehen von dem riesigen Schlenker ueber Kelheim maeandert die D11 hin und her, was einem ordentlich Kilometer unterm Hintern beschert, die man vielleicht nicht unbedingt abstrampeln moechte.

Landstrasse statt Schotterradweg. Hat man trotzdem fuer sich alleine.

Landstrasse statt Schotterradweg. Hat man trotzdem fuer sich alleine.

Die Radweit-Karten loesen diese Probleme fuer viele Routen. Ulrich Lamm hat mit einigen Mitstreiter*innen eine ganz ansehnliche Liste von Direktverbindungen selbst er-fahren, die zwar immer wieder auf das EV- und D-Routennetz zurueckgreifen, ueberwiegend aber wenig befahrenen Landstrassen folgen und somit deutlich Kilometer sparen. Der Fokus liegt auf guten Wegen mit ordentlichem Fahrbahnbelag – Schotterstrecken sind im Gegensatz zu vielen „herkoemmlichen“ Fahrradrouten selten und werden im Kartenmaterial gekennzeichnet; oft gibt es in dem Fall auch Alternativrouten, die je nach Gusto gewaehlt werden koennen. Fuer jede Route gibt es Wegekarten auf Basis topographischer Karten der jeweiligen Landesvermessungsaemter, in der Regel der jeweils passenden TK100. Die jeweiligen Blaetter sind dabei so zusammengestellt, dass entlang der Route „Korridore“ ausgeschnitten und auf ein Gesamtblatt zusammengefuegt werden, so dass eine Strecke von rund 200 Kilometern auf einen DIN-A3-Bogen passt. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, sehe sich einfach mal beispielhaft ein Blatt an, dann wird’s schnell klar 🙂

Neben der guten Streckenkennzeichnung, Hinweisen auf Lebensmittelgeschaeften und Gasthoefen mit Mittagstisch punkten die Radweit-Karten vor allem durch ihre direkte Streckenfuehrung. Waehrend der „offizielle“ Radwanderweg Berlin-Kopenhagen einem beispielsweise allein bis Rostock 377 Kilometer abverlangt, verzichtet die Radweit-Route auf die Umwege durch die Mecklenburgische Landschaft und kommt mit 230 Kilometern aus.

Selbstversuch: Von Ulm beinahe komplett nach Berlin

Ich wollte die Routen schon lange einmal selbst testen, und da eine Uni-Kollegin diesen Sommer zum letzten Mal in Berlin war und dort besucht werden konnte, war schon einmal ein Vorwand gefunden 🙂 Meine Route hatte ich mir folgendermassen zusammengestellt:

Eins vorweg: Ich bin kein hartgesottener Ausdauerradler. Ich habe keine hochgezuechtete Tourenmaschine, stattdessen musste das Tourenrad meines Vaters herhalten – wie sich auf der Reise feststellte, mit verstellter Schaltung und einigen Lagerschaeden :> Wie weit ich kommen wuerde, war vollkommen unklar – Nuernberg hielt ich fuer machbar, Leipzig war das Wunschziel, Berlin beinahe optional.

Um das ueberhaupt zu schaffen, habe ich das Gepaeck so minimal als moeglich gehalten. Radlerhose und Funktionsshirts waren klar, Regenponcho und –hose zum Glueck nicht notwendig (aber trotzdem dabei), und neben „normalen“ Wechselklamotten, Trangia und Essen kamen nur Isomatte, Schlafsack und Tarp mit auf die Reise.

Tag 1 und 2: Ulm-Nuernberg

Der erste Abschnitt der Route folgt grob dem EV6 an der Donau entlang bis Donauwoerth. Man moechte fast sagen, ein perfekter Einstieg: Flach, angenehm und leicht zu fahren, man fliegt nur so dahin. Obwohl ich erst gegen 1700 in Ulm loslegen konnte, kam ich rund 78 Kilometer bis kurz vor Blindheim, bevor die Dunkelheit mich zum Biwak am Feldesrand zwang. Leider merkte ich erst dort, dass ein wichtiges Stueck Equipment fehlte: Mueckenspray :>

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Ab Donauwoerth fuehrt der Weg nach Treuchtlingen, von dort aus grob entlang der Regionalbahnstrecke bis Nuernberg. Bevor man aber in Treuchtlingen ankommt, beginnt erst einmal die Bergwertung. Kaum ist man einen Huegel hinuntergesaust, kommt auch schon der naechste – und das zieht sich den halben Tag so durch. Gegen 1930 war ich nach 144 Kilometern in Nuernberg, entschied mich statt Weiterfahrt und Biwaksuche fuer ein Hostelbett samt Dusche und merkte erst dann, dass ich viel zu wenig gegessen hatte und ich ziemlich kaputt war. Weitere Ernuechterung war, dass es von Nuernberg nach Leipzig noch 327 Kilometer waren und ich fuer Leipzig noch keine Couch-Unterkunft hatte, worauf ich eigentlich gehofft hatte.

Tag 3 und 4: Abkuerzung nach Kronach, von dort aus bis Leipzig

Nachdem ich den Vormittag in Nuernberg verbracht und ueber eine ehemalige Mitbewohnerin der Nachbar-WG angeleiert hatte, vielleicht doch noch eine Couch in ihrer Ex-WG in Leipzig zu bekommen, entschied ich mich, die 129 Kilometer bis Kronach mit dem Zug abzukuerzen und mir damit eine Tagesetappe zu sparen. Gluecklicherweise konnte ich fuer 10 EUR auf dem Wochenendticket einer Jenaerin mitfahren, kam gegen 1500 Uhr in Kronach an und fuhr noch rund 74 Kilometer weit bis ueber die Thueringische Grenze. Dieser Streckenabschnitt ist ebenfalls maessig bergig, und zwischen Steinwiesen und Nordhalben wird aufs Neue klar, warum Radwege minderoptimal sind: Anstatt der Radweit-Route entlang der Bundesstrasse weiter zu folgen, liess ich mich von einem Radwegweiser „Nordhalben“ aus Unachtsamkeit schon in Mauthaus von der Strecke abbringen und zur Trinkwassertalsperre leiten – einen verdammt steilen Berg hinauf. Ich hoffe, den Planer*innen des „Radwegs“ von dort nach Nordhalben nie zu begegnen – mir entgegenkommende Passant*innen suchten entsetzt das Weite, als ich mich lauthals fluchend bei stetigem Gegenwind ueber die Huegel und grobschotterigen Dreckspisten quaelte.

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In Thueringen angekommen geht es ueber die Eisbruecke bei der Bleilochtalsperre – ebenfalls eine ganz ordentliche Tal- und Bergfahrt. Wegen drohenden Regens (der aber nie kam) machte ich es mir kurz noerdlich von Moeschlitz unter dem Tarp gemuetlich. Ohne Muecken.

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An Tag 4 waren alle Plagen des vorigen Tags vergessen, und so ging’s nach dem Fruehstueck recht zuegig bis Triptis zu einer laengeren (Vor-)mittagspause mit Kasslerruecken und Thueringer Kloessen. Ab da fuehrt die Route durch kleine Oertchen wie Muenchenbernsdorf (die sich bei genauerem Hinsehen als Stadt herausstellten), an Gera vorbei durch Zeitz in Richtung Leipzig. Wenn man den vielen historischen Tafeln glauben darf, hat Napoleon 1813 in jedem zweiten Dorf auf der Strecke irgendwelche Paraden abgenommen und an Baeumen gelehnt, die dann prompt eingingen, als er starb. Oder so aehnlich. Tagesbilanz: 143 Kilometer, die wie im Fluge vergingen. Arg viel anderes haette ich auch nicht machen koennen – es war Sonntag, alles hatte zu. Selbst Tankstellen.

Bei Bad Koestritz: Das war mal der Elsterradweg. Bis zum Hochwasser.

Bei Bad Koestritz: Das war mal der Elsterradweg. Bis zum Hochwasser.

Tag 5 und 6: Leipzig nach Berlin

Den halben Tag verbrachte ich durch Leipzig spazierend und mir Dinge ansehend, so dass ich erst gegen 1730 los kam. Immer noch durch ziemlich huegelige Landschaft geht es wahlweise ueber Bad Dueben oder die Muldefaehre Gruna; ich entschied mich fuer die Route ueber Bad Dueben. Nach rund 60 km ist man in Pretzsch angelangt, wo ich mich fuers Biwakieren entschied, weil die Elbfaehre dort nur bis 2100 Uhr faehrt, was knapp geworden waere. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Ich hatte mir offenbar die mueckenreichste Ecke der gesamten Umgebung ausgesucht und die ganze Nacht kein Auge zugetan. Dass sich irgendwann gegen 0200 Uhr Maulwuerfe von unten durch die Isomatte buddeln wollten, tat sein Uebriges. Die Nacht war dementsprechend um 0530 fuer mich vorbei und ich machte mich auf die letzte Tagesetappe.

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Die ist durch immer flacher werdende Landschaften gepraegt – und wenig Sonstigem. Konnte ich auf dem Weg durch Thueringen keine Lebensmittel oder Snacks einkaufen, weil Sonntag war, ging das auf dem Weg durch Brandenburg deswegen nicht, weil es auf der Route schlicht keine Supermaerkte gab. Die Strecke ist angenehm zu radeln und landschaftlich schoen, die wenigen passierenden Autos und der mehrfache Wechsel zwischen Teltow-Flaeming und Potsdam-Mittelmark ist aber so das aufregendste, was einem auf dem Weg passiert 😉

Stimmt natuerlich nicht. Um Beelitz und Michendorf herum faehrt man durch kleine Oertchen, in denen die Leute von kleinen unbeaufsichtigten Staenden weg selbstgemachte Konfitueren, Honig und Gemuese verkaufen, und ab Saarmund merkt man gaaaanz allmaehlich, dass man gaaaanz langsam in den Speckguertel Berlins einwandert. Um 1650 rollte ich von Kleinmachnow nach Berlin-Zehlendorf, und immerhin um 1850 war ich dann auch „schon“ bei HeBu im Wedding angekommen – Tagesetappe 137,4 Kilometer.

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Fazit

Auch als Freizeitradler*in kommt man mit dem Rad deutlich weiter, als man vielleicht denken wuerde. In der Regel hatte ich am Tagesende einen Schnitt um 16 km/h herum auf dem Tacho, normale Reisegeschwindigkeit waren die ueblichen 20 km/h – im Endeffekt war die bewaeltigte Strecke nur eine Funktion aus Sattelzeit und wie viele Anstiege zu bewaeltigen waren. Wer frueh losfaehrt und gemuetlich vor sich hinradelt, schafft selbst mit eingeschobenen Stadterkundungen, Mittagsschlaefchen im Wald (um der Hitze zu entgehen) und Einkaufs-, Einkehr- und Brotzeitpausen mit Leichtigkeit 140 km am Tag. Und haetten die Pedallager nicht bei jedem Tritt laut gekracht, haette ich sicher noch weniger Kraft aufwenden muessen 😉

Wer Lust bekommen hat: Folgende Routen durch Ulm habe ich auf Radweit gefunden:

…oder einfach mal auf der Uebersichtsseite stoebern – Ergaenzungen gerne in die Kommentare 🙂

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3 Kommentare

  1. Carsten
    Am 17. August 2013 um 22:52 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Cooler Reisebericht. Da ich mittlerweile auch unter die Radler gegangen bin, find ich deinen Tipp mit den Karten gut.

  2. Am 18. Juni 2017 um 22:51 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo,
    Danke für den super Reisebericht. Ich bin am überlegen, ob ich mit meiner 1 ½ jährigen Tochter die Strecke Berlin-Ulm mit dem Bobboe-Lastenrad (e-Bike) versuchen soll. Notfalls kann man ja mit dem Zug weiter. Was meinst du ? 😉
    VG Mona

    • Am 18. Juni 2017 um 23:33 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Das halte ich prinzipiell fuer gut machbar – mit der Kleinen dann vielleicht nicht unbedingt unterm Tarp, aber das ueberlasse ich dir 😉

      Beim E-Lastenbike nur Vorsicht, was Mitnahmeregelungen bei den verschiedenen DB Regios angeht. Das ist nicht immer so einfach moeglich, auch abhaengig vom dort fahrenden Rollmaterial. Ich wuerde aber mal behaupten, dass dir die E-Unterstuetzung vor allem ab dem Uebergang nach Bayern sehr helfen wird.

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