Archiv für den Monat: Mai 2013

Vom Prozess gegen Lothar Koenig

Viele Menschen in meinem Bekanntenkreis haben offenbar nichts vom Prozess gegen Lothar Koenig mitbekommen. Koenig ist Stadtjugendpfarrer in Jena, zuvor war er (noch zu DDR-Zeiten) in Merseburg und war dort gegen die DDR-Staatsmacht aktiv, was ihm selbstverstaendlich eine umfangreiche Akte bei der Staatssicherheit einbrockte.

Spaetestens seit 2011 hat ihn nun auch die bundesdeutsche Staatsmacht im Visier. Im Februar 2011 fuhr er einen Lauti bei einer Gegendemonstration gegen den alljaehrlichen Naziaufmarsch in Dresden. Koenig wird schwerer aufwieglerischer Landfriedensbruch und Strafvereitelung vorgeworfen, weil von seinem Lauti aus zur Gewalt gegen die Polizei aufgerufen worden sei, er ein Polizeifahrzeug abzudraengen versucht und einen polizeilich Verfolgten in seinem Fahrzeug zur Flucht zu verhelfen versucht haben. Eine ganz schoene Latte an Vorwuerfen, fuer die die Staatsanwaltschaft Koenig vier Jahre ins Gefaengnis schicken mag.

Schon das Ermittlungsverfahren der beteiligten Landespolizeien war… umstritten, der aktuell laufende Prozess toppt das aber noch bei Weitem. Unterm Strich darf man sagen, es entsteht der Eindruck, die Polizei luege nach Strich und Faden, und das Gericht habe kein Problem damit, wenn diese Luegen systematisch durch Videos widerlegt werden – und auch nicht damit, dass hunderte Aktenseiten der Verteidigung vorenthalten wurden, oder Befragungsprotokolle verschwanden.

Weiterlesen kann man aktuell bei der taz [1] [2] oder beim Spiegel.

Die Jugendgemeinde Stadtmitte beobachtet derweil den Prozess und tickert in einem eigenen (sicher nicht wirklich neutralen) Blog dazu, und da mag ich gerne mal einige Zitate hier reinkuebeln, weil die wirklich… interessant sind.

Ticker zum vierten Prozesstag:

11:50 Der Zeuge Alexander E., der gerade befragt wird war am 19. Februar 2011 als Hundertschaftsführer in einer Kolonne von 9 Polizeifahrzeugen auf der Nossener Brücke unterwegs, als ihm der Lautsprecherwagen entgegen gekommen sei. […]

12:10 Es habe auf jeden Fall einen Aufruf auf der Nossener Brücke gegeben, die Polizeikolonne anzugreifen, das habe er bei geöffneten Fenster hören können, meint Alexander E.. Details zur Aussage oder von wem diese kam, könne er jedoch nicht benennen.

12:14 Verteidiger Eisenberg befragt den Zeugen nun detailliert nach der Situation, indem der Gewaltaufruf gekommen sei, ob vor während oder nach dem wenden, Alexander E. entscheidet sich für “Während des Wendevorgangs”. […]

12:45 Rechtsanwalt Eisenberg fragt nach, warum der Zeuge zu Protokoll gab, dass die Aufrufe aus dem Lautsprecherwagen und nicht aus einem Megafon kamen. Antwort: “Ich wusste es nicht besser.” Der Verteidiger wirft ein, dass sich der Zeuge bei späteren Vernehmungen genauer erinnern konnte und rätselt über das plötzliche Erinnerungsvermögen Alexander E.s.

12:49 RA Eisenberg konfrontiert den Polizisten nun damit, dass die Verteidigung über Videoaufnahmen verfügt, welche jenen Wendevorgang und die Vorbeifahrt des Lautsprecherwagens dokumentieren. Aus diesen ist er sichtlich, dass sich der Ablauf anders zugetragen hätte und das es keine Aufrufe zur Gewalt gab. RA Eisenberg will dieses Videomaterial dem Zeugen vorführen und beantragt dessen Vereidigung. […]

15:53 Die beiden vorgeführten Videos stehen in einem krassen Missverhältnis zu den Erinnerungen und der Sachverhaltsdarstellung des ersten Polizeizeugen des heutigen Tages, Hunderschaftsführer Alexander E. […]

16:43 Der Zeuge wird weiter zu seinen bereits getätigten Aussagen vernommen. Der Frage, ob der Spruch “Deckt die Bullen mit Stein ein” überhaupt vom Lautsprecherwagen oder ggf. von einem Megafon vorgetragen wurde hätte er nicht so viel Beachtung geschenkt. “Es war halt meine Wahrnehmung” äußert Alexander E. und bezieht sich damit auf seine eigene Zeugenangabe, wonach er dies aus dem Lautsprecherwagen gehört hatte. Am 23.2.[oder 23.3.] sei er unsicher gewesen, später hatte er jedoch die Situation mit Kollegen besprochen und auch Videos ausgewertet und daher gab er ab dem Moment an, dass die strittige Aussage aus dem Lautsprecherwagen schallte.

16:46 Rechtsanwalt Eisenberg vermutetet, dass der Zeuge Alexander E. seine eigene Erinnerung mit den Zeugenaussagen von Kollegen vermischt. Diese Vermutung lässt Alexander E. ins rudern kommen. Man hätte sich doch in der Einsatznachbereitung [1.9.] auf diese Ansicht geeinigt, äußert er. […]

16:51 RA Eisenberg hat genug davon und drängt ein weiteres mal darauf, den Zeugen zu vereidigen. Doch der Richter entlässt den Zeugen aus der Befragung! […]

16:59 Nach einer kurzen Unterbrechung geht es mit der Zeugin Hendrich weiter. Sie ist Polizeiobermeisterin der Bundespolizei Pirna und soll zur Tatziffer 3.2 der Anklage Aussagen machen.

17:04 Die Staatsanwaltschaft wirft Lothar König zum jetzigen Anklagepunkt vor, ein Polizeifahrzeug abgedrängt zu haben. […] Lothars Verteidiger merkte bereits nach der Eröffnung der Hauptverhandlung zu diesem Anklagepunkt an, dass Lothar nur einem Fußgänger ausweichen wollte.

17:06 Die Vernehmung der Zeugin Hendrich läuft an. Sie äußert, dass sie sich sicher sei, dass das Ziel des blauen Lautsprecherwagen darin bestand, die Polizeifahrzeuge abzudrängen. Sie ist sich dessen sehr sicher. […]

17:15 Verteidiger Eisenberg fragt die Zeugin detailierter nach dem Ablauf am 19. Februar und ob der Hergang auch anders gewesen sein könnte, ob es die Gesamtumstände für den Lautsprecherwagen notwendig machten abzubiegen oder ob es andere Gründe für den Fahrbahnwechsel gegeben haben könnte, außer dem unmittelbaren Ziel, die Polizisten abzudrängen, woraufhin die Zeugin plötzlich meint, dass dies natürlich auch sein könne, aber das wisse sie ja nicht. Da explodiert RA Eisenberg, war doch ihre bisherige Auffassung felsenfest, dass hier eine vorsätzliche Nötigung vorlag. Eisenberg erinnert noch einmal an die Zeugenwahrheit, zu der sie verpflichtet sei. […]

17:30 Es geht weiter nach einer kurzen Unterbrechnung. Eisenberg befragt die Zeugin detailliert weiter. Die kann sich aber nicht an die gefragten Details erinnern, z.B. ob sie noch weiß, ob das ihrer Aussage nach vor ihr fahrende Polizeifahrzeug welches abgedrängt werden sollte, einen Spurwechsel vollzog. Sie wusste aber genau, das der Lauti das Fahrzeug abdrängen wollte.

17:33 Auch der Zeugin Hendrich werden nun Polizeivideos und die heute von der Verteidigung eingebrachten Videos zur strittigen Situation vorgespielt.

17:40 Auf den Videos wird deutlich, dass die vermeintliche Abdrängsituation durch ein Ausweichmanöver der Polizeiautos vor einer Absperrung ensteht. […]

17:50 Die Zeugin kann sich nun nach der Sichtung der Videos auch nicht mehr erinnern ob, die vor den Wagen stehenden Gitter oder der Lautsprecherwagen der Ausweichgrund waren und in welche Richtung ausgewichen wurde. […]

17:55 Verteidiger Eisenberg stellt auch bei dieser Zeugin den Antrag auf Vereidigung. Das Kartenhaus der Anklage fällt allmählich zusammen. […]

18:05 Krass: Auch bei der Polizeizeugin H. lehnt der Richter eine Vereidigung ab. Obwohl wenige Minuten vorher offenkundig wurde, dass ihre Aussagen nicht mit den Videoaufnahmen übereinstimmen.

und zum fuenften Verhandlungstag:

09:43 Die erste Zeugenbefragung beginnt: Polizeiobermeister V. von der Bundespolizei Pirna. Er war am 19. Februar 2011 mit auf der Nossener Brücke.

9:48 POM V. berichtet darüber, wie er an jenem Februartag im Einsatz war. Er befand sich in der Gruppe der neun Polizeiahrzeuge und und erzählte von permanenten Stein- und Flaschenwürfen während des Wendevorgangs [siehe 4. Prozesstag, wo der Sachverhalt bereits Thema war].

9:52 Ähnlich wie eine gestrige Zeugin berichtet auch dieser Polizist, dass der Lautsprecherwagen versucht habe, die Polizeifahrzeuge abzudrängen. Er habe sich in dem allersten Fahrzeug befunden, dass unmittelbar betroffen gewesen sei.

9:54 Der Zeuge erzählt die gleiche Geschichte wie seine Kollegen bei der gestrigen Verhandlung. Es geht vor allem um die vorgeworfene Nötigung, das angebliche Schneiden eines Polizeifahrzeuges. Verteidiger Eisenberg fragt den Richter, welchen Sinn eine weitere Befragung noch hätte. Im Laufe des gestrigen Prozesstages konnten die belastenden Aussagen bereits durch Videoaufnahmen der Verteidigung widerlegt werden. […]

10:18 RA Eisenberg zum Zeugen: “Sie sprachen von einem Mob, was ist das?”, der Zeuge antwortet: “Eine große Ansammlung von Personen…”, von denen vielleicht auch Straftaten ausgehen… Eisenberg wirft ein: “…stellen sie sich doch mal eine Ansammlung von 1000 Amtsrichtern vor”, ehe es wieder zum Lachen im Publikum kommt. Der Richter ist kurzzeitig empört. Eisenberg fragt nach, wieso der Zeuge eine Personengruppe, die ihr Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit ausübt als Mob bezeichnet. […]

11:25 Aus dem strittigen Vernehmungsprotokoll, dass nun erstmalig der Verteidigung vorliegt geht hervor, dass der gerade auf dem Zeugenstuhl befindliche Polizeiobermeister V. in seiner zweiten Vernehmung schilderte, wie er den blauen T4-Bus, den so Lautsprecherwagen bremsen sah. Bislang spricht die Anklage davon, dass Lothar König gezielt Polizeifahrzeuge abdrängen wollte, die verschriftlichte Äußerung des Beamten steht demnach im Widerspruch zum Anklagepunkt der Tatziffer 3.2. […]

11:55 Es wird noch einmal deutlich, dass aus dem neuaufgetauchten Vernehmungsprotokoll des Zeugen V. hervorgeht, dass der Lautsprecherwagen gebremst hat, bevor das Polizeifahrzeug mit ihm als Insassen daran vorbei fuhr. RA Eisenberg fragt detaillierter nach, der Zeuge äußert widersprüchliches und bleibt weiterhin dabei, dass der Lautsprecherwagen das Polizeifahrzeug abdrängen wollte, auch trotz der Hinweise auf vorhandene Videos, die das Gegenteil bezeugen. […]

12:23 Der Zeuge Jörg A. (Polizeihauptmeister) wird zur Situation auf der Nossener Brücke angehört. […]

12:43 Der Zeuge A. fertigte ebenfalls eine dienstliche Erklärung zu dem Vorfall und den Schäden am Fahrzeug an, dies machte er am 19.04.2011 – also zwei Monate nach dem eigentlichen Ereignis. Auch andere Kollegen hatten dies erst zwei Monate später getan. Als Verteidiger Eisenberg wissen will, wer ihn veranlasst habe, diese Erklärung abzugeben weicht der Zeuge aus. Nach mehrmaligen Nachfragen nennt er dann doch einen Namen: Der Hundertschaftsführer E., der gestern bereits auf dem Zeugenstuhl saß, hätte ihm um die Abgabe der Erklärung gebeten.

12:48 Im Laufe der Befragung äußert der Polizeizeuge A., dass man damals [bei der Abgabe der Erklärung] schon wusste oder ahnte, dass der Vorfall ein größeres Verfahren nach sich ziehe. Auf die Nachfrage, wer ihm dies so mitgeteilt hat, wollte er keinen Namen nennen und wich aus, fügte dann hinzu, dass ihm keiner das gesagt habe. […]

[Es werden Videos gezeigt]

13:52 Zwischenstand bei der Suche nach dem 1000-Personen starken schwarzen vermummten Mob, den Lothar König angeführt haben soll: Es ist nun auf dem Video schon 300 Meter hinter dem Lautsprecherwagen keine vermummte Gruppe zu sehen oder eine solche, die auch Straftaten begangen haben soll. Auch das Video der Verteidigung wird dem Zeugen vorgeführt. […]

15:23 Es geht weiter. Nächster Zeuge. Bert E., Einsatzführer der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit der 1. Bereitschaftspolizeiabteilung Dresden. […]

16:00 Obwohl der Polizeizeuge selbst am Nürnberger Ei eingesetzt war, Tatziffer 4 der Anklage (Vorwurf: Mob attackiert Polizisten & zündet unter Lautsprecherdurchsagen Barrikaden an) und mit seinen Ausführungen dort begann, sind seine Angaben offensichtlich grade schon zur Tatziffer 5 relevant, der letzten Tatziffer der knapp 20-Seitigen Anklageschrift. Lothar König wird dabei vorgeworfen Strafvereitelung begangen zu haben. Ein vermeintlicher Steinewerfer hätte sich bei der Abfahrt von außen an den “Lauti” gehangen, die Anklage wirft Lothar König vor, er sei trotzdem weitergefahren, “wissend, das er ihm [dem Werfer] dadurch zur Flucht verhelfen kann”. Der gesondert Verfolgte soll zuvor aus knapp 30 Metern Entfernung einen Stein geworfen haben. […]

16:30 Verteidiger Eisenberg stellt den Antrag zur Einreichung eines neuen Beweismittels: Ein Video was den Zugriff zeigt.

[…]

17:08: Auf dem Video der Verteidigung ist zu sehen, wie sich der Lautsprecherwagen langsam über die Nürnbergerstraße Richtung Nossener Brücke bewegt. Aus Richtung Nürnberger Ei rennt eine Gruppe von mehreren Polizisten auf den Wagen zu, die je näher sie ran kommt noch weiter beschleunigt. Auf Höhe des Lautsprecherwagens prügeln diese mit Schlagstock auf die verfolgte Person ein, die außen am Fahrzeug hängt. Mehrfach schlagen diese dabei im Abstand von ca. einem halben Meter auf den Kopf der Person, bis diese ihren Halt am Wagen verliert, von den Beamten während der Fahrt runtergerissen wird und senkrecht am Rad vorbei vom Auto fällt, am Boden liegen bleibt und von weiteren anrückenden Polizisten umringt wird. Die beschriebene gewalttätige Menschenmenge um den Lautsprecherwagen ist nicht zu sehen. Eine Ansprache vor dem Zugriff ebenso wenig.

Prozess gegen Lothar König – Video der Verteidigung vom 29.05.2013 from JG-Stadtmitte on Vimeo.

17:10 Während der Ausstrahlung herrscht bei Teilen des Publikums entsetzen über die gewalttätigen Aufnahmen und den Anblick, wie der verfolgten Person aus nächster Nähe mit einem Schlagstock auf den Kopf eingeschlagen wird. Im Saal gab es erschrockene Aufschreie, der Zeuge grinste.

17:15 Verteidiger Eisenberg wird sauer. Er befragt den Zeugen ob er hier eben auch eine Straftat im Amt gesehen habe. Der Zeuge, Gruppenführer der schlagenden Polizisten, lacht. Der Richter lässt die Frage nicht zu.

Unterm Strich retten hier wieder einmal eigene Videoaufnahmen der Demonstrierenden den Leuten den Allerwertesten und ueberfuehren die Polizei – ebenfalls wieder einmal – der Luege, die augenscheinlich zwischen den beteiligten Einheiten so abgesprochen wurde. Passend dazu auch ein Kommentar Koenigs:

Was er persönlich empfinde, sei gar nicht so wichtig, sagt er. „Ich mache mir Sorgen um die, die demonstrieren und kein Videomaterial haben, das sie entlastet.“

CMS-Tuecken

Wenn irgendwo im CMS der oertlichen Zeitung noch ein Artikel indiziert ist, der zwar nicht aufgerufen werden kann, aber durch irgendwelches Voodoo als verwandt zu einem anderen Artikel „erkannt“ wird, kann sowas schon mal vorkommen 🙂

blafasel

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„Es sind auch unsere Fluechtlinge“

Waehrend in einigen Piraten-Mailinglisten (die ich gelegentlicher masochistischer Anwandlungen wegen noch lese) in schmerzhafter Weise ueber das Asylprogramm der AfD(sic!) diskutiert wird, erklaert Lenz Jacobsen auf Zeit Online, warum es feige und unlauter ist, sich als Bundesrepublik Deutschland hinter der Drittstaatenregelung zu verschanzen:

Wir sollten den bösen Italienern und den armen Libyern dankbar sein für ihren Einzug in Hamburg. Es ist ein Realitätsschock, den wir verdient haben. Denn die deutsche Flüchtlingspolitik, oder besser gesagt die fast völlige Abwesenheit einer echten Flüchtlingspolitik, ist eine Schande.

Werkzeugkiste

Mal wieder ein Open-Data-Rundumschlag: den Einsteig macht ein Interview der bpb mit Marian Steinbach, der auf der rp13 seine Bemuehungen vorstellte, die Datenformate von Ratsinformationssystemen zu standardisieren. Ueberraschenderweise machen hier die RIS-Anbieter richtig Dampf, man darf gespannt sein – nicht zuletzt, weil auch Ulm hier etwas anbieten moechte – und somit irgendwann auch fuer Ulm ein Angebot wie offeneskoeln moeglich sein koennte.

Aus Koeln kommen auch einige Wunschlisten, was man sich denn gerne so alles wuenschen wuerde: Einmal eine Open-Data-Wunschliste fuer NRW, einmal die Variante fuer die Stadt Koeln.

In Muenchen scheint das Engagement derweil eingeschlafen zu sein und sich gar nichts mehr zu tun – was Roland Moriz so geaergert hat, dass er ein Blog eingerichtet hat und nun nach MitstreiterInnen sucht.

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Oft ist das Problem ja nicht einmal, dass Daten gar nicht verfuegbar waeren, sondern dass sie in irgendwelchen PDFs versteckt sind. Noch schlimmer ist, wenn das PDF-Tabellen sind, da wird dann selbst das Parsing mit pdftotext… anstrengend.

Bildschirmfoto vom 2013-05-17 18:50:01

Introducing: Tabula. Die freie Software kann einfach von Github gezogen und lokal installiert werden – danach koennen beliebige PDFs hochgeladen und die zu parsenden Tabellen per Drag and Drop ausgewaehlt werden. Poof: Eine CSV-Tabelle! Hurra!

Eine Livedemo (bei der man aber nichts eigenes hochladen kann) gibt es hier.

Weitere PDF-Exporter neben tabula und pdftotext – insbesondere auch fuer Windows-Systeme – sind nebenan bei der Knight Foundation gesammelt.

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Nachdem’s hier schon lange nix mehr zu Geodaten und Karten gab, und R auch nicht jedermanns Sache ist, hier der Verweis auf Lisa Williams‘ Blog, speziell auf die zwei Artikel The Insanely Illustrated Guide To Your First Data-Driven TileMill Map und The Absurdly Illustrated Guide To Your First Dynamic, Data-Driven Timeline.

Beide Artikel sind in der Tat wahnsinnig absurd hervorragend bebildert und zeigen den kompletten Weg zum fertigen Produkt – im Fall der Karte also tatsaechlich von der Datenakquise ueber eigene Geocoding-Scripte in Google Docs (sic!) bis hin zur angepassten TileMill-Karte. Sehr schoen!

(Wer Spanisch kann, kann solcherlei Dinge auch im neuen MOOC der Knight Foundation lernen, der aktuell stattfindet)

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Wer trotzdem gerne mit R arbeiten moechte: Da gibts nun eine neue Version des OpenStreetMap-Packages, das nun auch jede Menge zusaetzlicher Tileserver unterstuetzt. Einziger Nachteil: Hat Java-Dependencies.

(via)

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Noch ein Kartenfundstueck: Die ÖPNVKARTE nutzt die OpenStreetMap-Daten, um eine um Nahverkehrsdaten angereicherte Karte auszugeben. Huebsch.

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Tiaga Peixoto stellt die Frage, ob „Open Government“ ueberhaupt etwas mit Transparenz und vor allem Rechenschaftspflicht zu tun haben muss:

ABSTRACT

By looking at the nature of data that may be disclosed by governments, Harlan Yu and David Robinson provide an analytical framework that evinces the ambiguities underlying the term “open government data.” While agreeing with their core analysis, I contend that the authors ignore the enabling conditions under which transparency may lead to accountability, notably the publicity and political agency conditions. I argue that the authors also overlook the role of participatory mechanisms as an essential element in unlocking the potential for open data to produce better government decisions and policies. Finally, I conduct an empirical analysis of the publicity and political agency conditions in countries that have launched open data efforts, highlighting the challenges associated with open data as a path to accountability.

[…] CONCLUSION

As a whole, this analysis advises caution on the part of policymakers and advocates with regard to the potential of open data to foster accountability. Even when data is politically important, accounting for the publicity and political agency conditions might be a commendable reflection for a better understanding of the prospects and limits of open data.

PEIXOTO, Tiago. The Uncertain Relationship Between Open Data and Accountability: A Response to Yu and Robinson’s The New Ambiguity of “Open Government”. DISCOURSE, 2013, 60. Jg., Nr. 6.

(via)

In eine aehnliche Richtung geht auch dieser DLF-Bericht u.a. mit Ina Schieferdecker, Michael Kreil et al.

(via)

Und zum Schluss noch ein wenig Urheberrecht. Denny Vrandečić (u.a. von Wikidata) exkursiert eine Weile ueber Lizenzfragen bei Daten(banken) und kommt zu dem Schluss, dass mensch hier bei der Veroeffentlichung allenfalls CC0 als „Lizenz“ verwenden sollte – mit dem Argument dass, wer CC-BY oder ODbL verwendet, die Position staerkt, dass rohe Daten ueberhaupt schutzfaehig im Sinne des Urheberrechts sind:

The extension from works to content, from expression to ideas, is another dimension, this time in scope instead of time, in the continuous struggle to extend and expand intellectual property rights. It is not just a battle over the laws, but also, and more importantly, over our believes and minds, to make us more accepting towards the notion that ideas and knowledge belong to companies and individuals, and are not part of our commons.

Every time data is published under a restrictive license, “they” have managed to conquer another strategic piece of territory. Restrictive in this case includes CC-BY, CC-BY-SA, CC-BY-NC, GFDL, ODBL, and (god forbid!) CC-BY-SA-NC-ND, and many other such licenses.

Every time you wonder what license some data has that you want to use, or whether you need to ask the data publisher if you can use it, “they” have won another battle.

Every time you integrate two data sources and want to publish the results, and start to wonder how to fulfill your legal obligation towards the original dataset publishers, “they” laugh and welcome you as a member of their fifth column.

Let them win, and some day you will be sued for mentioning a number.

(via @johl)

OpenCityCamp 2013

open-city-camp-2013

 

Wer gerne einmal Kontakt in diese ganze Open-Data-Geschichte bekommen moechtem, sich bislang aber nicht so recht getraut hat: am 8. und 9. Juni 2013 ist die Gelegenheit!

Die datalove-Hochschulgruppe veranstaltet an besagtem Wochenende das zweite Ulmer OpenCityCamp, zu dem alle Interessierten herzlich eingeladen sind. Es sollen praktische Anwendungen gehackt werden – aber auch Nicht-ProgrammiererInnen duerfen und sollen kommen. Es wird Austausch zwischen allen beteiligten Parteien geben, von der Stadt ueber die Arbeitsgruppe bis hin zu BuergerInnen – aber auch, wer einfach nur mal reinschnuppern moechte, ist herzlich willkommen.

Die Teilnahme ist kostenfrei, fuer Verpflegung ist dank Unterstuetzung durch die Stadt Ulm und die MFG gesorgt – bitte meldet euch aber bei Interesse rechtzeitig auf lanyrd an, im Zweifelsfall auf „tracking“, damit wir die Verpflegung planen koennen.

MFG-Innovationsagentur_Web

The Three Types of Specialists

Kottke.org mit einem Langzitat aus Vonneguts „Bluebeard“ das ich auch einfach mal langzitiere:

Slazinger claims to have learned from history that most people cannot open their minds to new ideas unless a mind-opening team with a peculiar membership goes to work on them. Otherwise, life will go on exactly as before, no matter how painful, unrealistic, unjust, ludicrous, or downright dumb that life may be.

The team must consist of three sorts of specialists, he says. Otherwise the revolution, whether in politics or the arts or the sciences or whatever, is sure to fail.

The rarest of these specialists, he says, is an authentic genius — a person capable of having seemingly good ideas not in general circulation. „A genius working alone,“ he says, „is invariably ignored as a lunatic.“

The second sort of specialist is a lot easier to find: a highly intelligent citizen in good standing in his or her community, who understands and admires the fresh ideas of the genius, and who testifies that the genius is far from mad. „A person like this working alone,“ says Slazinger, „can only yearn loud for changes, but fail to say what their shapes should be.“

The third sort of specialist is a person who can explain everything, no matter how complicated, to the satisfaction of most people, no matter how stupid or pigheaded they may be. „He will say almost anything in order to be interesting and exciting,“ says Slazinger. „Working alone, depending solely on his own shallow ideas, he would be regarded as being as full of shit as a Christmas turkey.“

Slazinger, high as a kite, says that every successful revolution, including Abstract Expressionism, the one I took part in, had that cast of characters at the top — Pollock being the genius in our case, Lenin being the one in Russia’s, Christ being the one in Christianity’s.

He says that if you can’t get a cast like that together, you can forget changing anything in a great big way.

Tag der Befreiung

Es gibt auch nach Jahren immer noch erste Male: Das erste Mal im Treptower Park beispielsweise, und wenn man das am 9. Mai ist, dann hat das Sowjetische Ehrenmal dort nochmal eine ganz andere Wirkung.

ehrenmal

Der ganze Park ist voll russisch sprechender Leute, die beiden knienden Soldaten vor den stilisierten Marmorflaggen von einem Blumenmeer umgeben, und unzaehlige Leute mit schwarz-orangen Schleifen an der Kleidung schreiten ueber das Graeberfeld zur zentralen Statue, die umgeben von Blumen und Wasserglaesern mit darauf drapierten Brotscheiben noch seltsam-brachialer wirkt als sie das vermutlich ohnehin taete.

statue

 

 

rp13: Breit, aber ohne Tiefe?

Irgendwann, ich glaube es war am zweiten Tag der re:publica, fiel mir auf, dass ich grantig war. Unzufrieden. Und als irgendwann danach der Beitrag von Till Westermayer durch meine Timeline kam, wurde mir auch ziemlich schnell bewusst, warum das so war: Die re:publica ist fuer mich irgendwie ausgelutscht.

 

Das klingt jetzt vermutlich viel haerter, als es eigentlich gemeint ist. Die re:publica ist und bleibt die Internetzkonferenz, zu der sich jaehrlich beinahe alle treffen und man demnach auch beinahe alle treffen kann; sie erreicht ein vermutlich beispiellos breit aufgestelltes Publikum (cave: vorwiegend weisser, sich den Besuch leisten koennender Menschen) und duerfte damit die Ergaenzung zum Congress sein, nicht nur die Nerds zu erreichen, um solche Dinge wie Netzpolitik in die Gesellschaft hinauszutragen.

Insofern ein riesiger Dank an Andreas, Johnny, Markus und Tanja, dass sie sich das zum mittlerweile siebten Mal antaten – auch da bin ich ganz bei Till.

Aber.

Der Fluch der re:publica ist ihr Programm, das angesichts seiner wirklich erstaunenswerten Breite kaum Platz fuer wirkliche Tiefe laesst. Wer in diese Welt hineinschnuppern moechte, einmal etwas von allem mitnehmen, ist da sicher richtig – wer zum wiederholten Mal dort ist (oder die einschlaegigen Blogs und Debatten liest, oder einfach keine Lust mehr auf die Diskussion Print-vs-Onlinejournalismus hat), muss beinahe schon aktiv suchen, um Neues zu finden. Selbstverstaendlich endet der Wissensaustausch nicht mit dem Sessionende, und dass man ja sowieso hauptsaechlich der Gespraeche und des Austauschs zwischen den Sessions wegen in die Station kommt, ist ja kein Geheimnis. Ich habe viele Impulse zu OpenData und OpenGovernment mitgenommen, mich noch stundenlang mit einigen der auf dem Feld Aktiven unterhalten und hatte insgesamt den Eindruck, dass diese ganz spezielle Subgruppe der Netzgemeinde fuer sich genommen etwas von diesem „Klassentreffen“ hatte – und ich gehe davon aus, dass es noch hunderte andere Subgruppen gab, die jeweils fuer sich zufrieden nach Hause gehen konnten.

Oberhalb dieser Grueppchen, in der Gesamtheit der sogenannten Netzgemeinde, scheint sich derweil so recht nichts zu tun. Letztes Jahr forderte Sascha Lobo, man moege mehr bloggen – gemerkt habe ich davon nichts. Gerade wurde die Netzgemeinde mit dem durchgeboxten Leistungsschutzrecht abgewatscht, nun kommt die „Drosselkom“ – und was passiert? So gut wie nichts. Lobo stellte in diesem Jahr reclaim.fm als meines Erachtens wirklich spannenden Versuch vor, sich mit einem WordPress-Plugin wieder ein wenig Publikationsherrschaft zurueckzuerobern, und das ist auch gut so – es scheint naemlich so, als wuerden seine Appelle, etwas zu tun, mittlerweile eben nur noch als ritualisierte Show verstanden, die man der Unterhaltung (und Publikumsbeschimpfung) wegen ansieht. Und dann eben doch nichts tut.

Ich mag mich nicht so recht der Praemisse anschliessen, die tante an den Beginn seiner lesenswerten Kritik stellt, naemlich dass „die Netzgemeinde“ unter den Machtlosigkeitswatschen nach LSR, Bestandsdatenauskunft und Co leidet – dazu unterstelle ich einem grossen Teil der rp13-Gaeste schlichtweg mangelndes Interesse am Thema. Vielmehr sehe ich genau dasselbe Problem, das er in der Anbetung Fixierung der Szene auf einige, wenige Gestalten sieht, die’s richten sollen:

Die Szene hatte schon immer das Problem sich zu sehr auf Autoritäten und Lichtgestalten zu verlassen, der Preis, den sie dafür zahlt, wurde dieses Jahr nur zu deutlich: Wenn die Leitfiguren eben nicht mehr alle anderen auf ihren Schultern tragen können, ist die Luft raus. (Wie unfair es ist, die Verantwortung für so tiefgreifende gesellschaftliche Änderungsprozesse wie die aktuell laufenden bei 3 oder 4 Einzelpersonen und 3 oder 4 Organisationen abzukippen, brauche ich hier hoffentlich niemandem zu erklären.)

Ich fuer meinen Teil frage mich, wie das weitergehen soll.

rp13-Nachschau: Open Data und Open Government

…und hier die Videoliste rund um OpenData von der rp13. Kein Anspruch auf Vollstaendigkeit, im Gegenteil, da fehlen noch Dinge.

Mathias Schindler: Der Urheberrechts-Yeti (namentlich §5 UrhG, der amtliche Werke gemeinfrei machen sollte)

johl, michaelkreil, yetzt: Datenbefreiung selbst gemacht

Marco Maas: LobbyPlag

Opening Public Transport in Berlin

Julia Kloiber, Stefan Wehrmeyer: Open Data – und was hat das mit mir zu tun?

Michael Kreil: OpenPlanB – Stufe 2

rp13-Nachschau: Was sonst noch so war

Ein unkommentierter Rundumschlag meiner persoenlichen Auswahl bislang veroeffentlichter rp13-Videos:

Matthias (moeffju) Bauer: Richtig essen, richtig schlafen, und lasst die Mate weg

plomlompom und snibeti snab erlehmann: Internet-Meme; Geschichte, Forschungsstand, Kontroversen

Anne Wizorek: Ihr wollt also wissen, was #aufschrei gebracht hat?

Cory Doctorow: It’s not a fax machine connected to a waffle iron

Johannes Kleske: Das Ende der Arbeit

Stimmt das? Check mit dem ZDF die Fakten im Wahlkampf

Laurie Penny: Cybersexism