Stirb in einem Feuer, Fiducia!

Die Fiducia IT AG ist das ausgelagerte IT-Dienstleistungsunternehmen der genossenschaftlichen Banken — genauso, wie das T-Systems fuer die Telekom ist, oder LH Systems fuer die Lufthansa.

Ende der 1990er — lange vor Onlinebanking und Co. — hatte ich erstmalig bewussten Kontakt zur Fiducia. VR-Web war mein erster „richtiger“ Provider, heiligtumartig trug ich das Heftchen mit den Einwahlhinweisen fuer mein Dr. Neuhaus Smarty 14.4TI nach Hause und war fuerderhin zu fuer einen Unterstufenschueler ganz akzeptablen Preis online. Damit einher ging meine zweite E-Mail-Adresse (die erste war irgendwas @lycosmail.com und quasi binnen Monaten nicht mehr benutzt) und ein paar MB Webspace, die ich irgendwann mit einer „Homepage“ und spaeter mit irgendwelchen Fundstueckchen befuellte.

2001 gab es dann bei meinen Eltern DSL von der Telekom, die Mailadresse benutzte ich aber weiter fuer einige Dienste — rief man eben hin und wieder mal ab, machte ja nix. Ich bekam am Rande mit, dass der Dienst Ende 2012 eingestellt werden wuerde — mehr als genug Zeit, um das Zeug zu migrieren, dachte ich mir, und danach nicht weiter darueber nach.

Bis ich heute irgendein gesammeltes Fundstueck aus dem netdigest zeigen wollte, das ich Ende der 1990er bis etwa 2002 aus dem Usenet gefischt und auf dem VR-Webspace hinterlegt hatte.

Hoppala. Mal in den „persoenlichen Bereich“ einloggen. Dort gab’s gar keinen Erfolg (kein „falsches Passwort“, kein „Nutzer nicht bekannt“, gar nichts. Yay, UX…. Wenigstens eine 0800-Hotline fuer vergessene Passworter war angegeben. Und als ich dort anrief, fiel mir erst einmal das Essen aus dem Gesicht.

Ich kann nichts daran aendern, dass manche Leute selbstgefaellig sind. Und ich muss auch anstandslos anerkennen, dass die selbstgefaellige Person am anderen Ende der Leitung rechtlich gesehen vollkommen im Recht war. Aber die Art und Weise, wie der selbstgefaellige Herr am anderen Ende der Leitung mir erzaehlte, dass mein Account wegen Inaktivitaet geloescht worden sei, weckte in mir die Lust, ihn windelweich zu pruegeln.

Es stellte sich heraus, dass VR-Web seine Kundenaccounts nach einer laengeren Inaktivitaetsperiode loescht. Ich muss zugeben, dass ich keinen blanken Schimmer habe, wann ich mich zuletzt eingeloggt hatte — auf der Mailadresse liefen zwar noch diverse Dienste auf, solange die aber anstandslos funktionierten (und eben nichts zu meckern hatten), gab’s fuer mich auch keinen weiteren Anlass, regelmaessig das Postfach anzusehen. Und somit war mir auch nicht die E-Mail-Benachrichtigung aufgefallen, die VR-Web mir anscheinend geschickt habe.

Es folgte langsam eskalierendes Ragieren meinerseits am Telefon. Es geht mir nicht um die 13 Jahre alten Textdokumente, und auch nicht um das nostalgische Feeling rund um eine Uralt-Mailadresse. Auch die Ummeldung der verbliebenen Services auf eine neue Adresse nehme ich in Kauf. Es geht mir darum, dass meine Bank mir regelmaessig jede Menge verdammte Angebote zu Anlageformen per Post schickt, die mich selten interessieren, ich aber keine Zeile ueber den Account per Post bekam. Dass die verdammten paar Megabyte Speicherplatz und die paar SQL-Zeilen bei Fiducia jaehrlich Centbetraege verursachen, die bei einem Jahresueberschuss von 8 Millionen Euro dann doch eher untergehen duerften. Und dass meine Irritation dem Kundendienstler hoerbar scheissegal war.

Ein einziges Schreiben. Ich haette bezahlt dafuer. Kein Problem.

Gab’s aber nicht. Hauptanliegen der Fiducia (neben dem regelmaessigen Aendern der Direkt-URLs zum VR-Homebanking, so dass man alle paar Wochen die Bookmarks aendern muss) ist eben, alle Bestandsnutzer abzuwickeln, um sich aus dem offenkundig unprofitablen Endkundengeschaeft zurueckzuziehen. Und ob die nach wie vor Kunden bei ihrer lokalen Bank sind, ist ihnen egal.

Lustig nur, dass die Episode eben fuer mich auf meine oertliche Raiffeisenbank ein ebenso negatives Licht wirft wie auf die Fiducia — obwohl die gar nichts dafuer kann.

Lessons learned

Niemals auf andere Dienstleister verlassen. Moeglichst viel selber anbieten. Und: Das Internet vergisst mehr, als man denkt. Nach Anbieterkonkurs 2010 (inklusive Insolvenzverschleppung und aehnlichem Unsinn) und einem ueber Nacht verschwundenen Anbieter 2007 ist das jetzt der dritte groessere, ehemals von mir betriebene Brocken im Netz, der verschwunden ist.

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