Archiv für den Monat: Januar 2012

Die Onlineschrubber

Peter Schumacher zerlegt „Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus“: Thomas Knuewer wird dort mal eben falsch zitiert, die Autoren werfen „Tweets“, „Twitter“ und „Blog“ wild durcheinander und zeigen offenbar wenig Sachverstaendnis von diesem Onlinejournalismus.

Richtig lachen musste ich aber an dieser Stelle:

“Studiert erstens zügig und zweitens etwas Handfestes, worüber Bescheid zu wissen dem Journalisten und seinen Lesern nützt – also nicht Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie!”

Unter uns: Psychologiestudierende witzeln gelegentlich, dass sie doch eigentlich hauptsaechlich SPSS und R studieren, nicht die Psyche von Menschen. Und dadurch deutlich mehr von Statistik und Mathematik verstehen, als das leider sowohl in Print als auch Online oft ueblich ist.

Vielleicht sollte man dieses Nachwuchspotenzial in Sachen Datenjournalismus nicht durch solch altvaeterlichen Ratschlaege vergraulen.

Addendum: Christian Jakubetz hat sich des neuen Buchs ebenfalls angenommen.

Brohoof!

Teens React to My Little Pony: Friendship is Magic – YouTube.

Wirklich grossartig: Aus der Reihe „Teens react to viral videos“, eins ueber „My little Pony: Friedship is Magic“, oder besser gesagt ueber die etwas andere Zuschauerschaft, die sich um diese Serie entwickelt hat.

Schoen anzusehen, wie die befragten Teens das einordnen :->

(via @forschungstorte)

Der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft

Da mordet eine Neonazi-Terrorzelle jahrelang vor sich hin, fuehrt „Todeslisten“, auf denen unter anderem mehrere Moscheegemeinden und die Gesellschaft fuer Christlich-Juedische Zusammenarbeit, und als die Listen bekannt werden, passiert so etwas:

Das Polizeipräsidium Frankfurt hatte Ende des letzten Jahres per Brief die Einrichtungen darüber informiert und diese durch Polizeibeamte persönlich überbracht. Es lägen bisher keine Hinweise auf konkrete Anschlagspläne vor, heißt es darin.

[…]

Aus verlässlicher Quelle wurde mir berichtet, dass ein Polizeibeamter bei der Übergabe des Briefes für Worte fand: „Bilden Sie sich nichts darauf ein und geben Sie nicht damit an – Sie sind nur eine von zigtausend Institutionen.“ Mir fehlen die Worte um zu beschreiben, welche Abgründe sich hier im Blick auf die Haltung dieses Staatsdieners zu den Verbrechen auftun.

Evangelisches Frankfurt › Eine unbequeme Wahrheit: Rassismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft.

Der versagende Verfassungsschutz beansprucht derweil immer weitere Rechte fuer sich, beobachtet lieber die Linkspartei als innert zehn Jahren auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was in Zwickau vor sich ging — und als Reaktion wuerde man gerne das Abspielen der „Paulchen Panther“-Melodie auf Demonstrationen verbieten.

Auf Demonstrationen wohlgemerkt, auf denen Rechtsextreme gerne auch mal unter den Augen der Polizei mit „Fahnenstangen“ durch die Gegend laufen duerfen, waehrend regelmaessig BFE auf linke Demonstranten einklopft, wenn deren Seitentransparente 20cm zu breit sind (was dann auch gerne vor Ort langwierig vermessen wird). Oder bei einer Demo fuer den 2005 unter ungeklaerten Umstaenden in Dessauer Polizeigewahrsam verbrannten Oury Jalloh zwei Demonstranten krankenhausreif pruegelt.

In Dessau flogen unlaengst Brandsaetze, angeblich im Zusammenhang mit Jalloh. Und mittlerweile ist es dort scheinbar auch wieder salon- und strassenfaehig, „Deutschland den Deutschen, Auslaender raus“ zu skandieren.

Soll keiner sagen, er haette nichts mitbekommen.

Alles anders

Da lauf ich heute die Olgastrasse entlang und sehe „zu vermieten“-Schilder in einem Fenster haengen. „Lustig“, denk ich mir, „da was reinzubauen, das haette was, so direkt in ehemaliger Pufferbarnaehe“.

Und dann ist mir aufgefallen: Das war die Puffer. Jetzt neu gestrichen, und mit dem bis unlaengst immer noch haengenden Schild ist fast alles verschwunden, was jemals Pufferbar war.

Derweil wollt ich das doch abschrauben und mir ins Zimmer haengen.

Und auf einmal waren drei Jahre vorbei

Anfangs war das eigentlich nur eine Kulturfoerder- und Werbeidee als Gefallen fuer Michael Sommer, den Poetry Slam in der Podium.bar des Theater Ulm aufzuzeichnen und ins Netz zu stellen. Damals noch zusammen mit der Medienoperative, mit drei Bandkameras im SD-Format, und einer wahren Band-Ueberspielorgie nach dem Slam. Und auf einmal gehoerte das einfach dazu, dass Micha und ich — gelegentlich von anderen unterstuetzt — Monat fuer Monat ins Theater kamen, mit verschiedenen Aufzeichnungsvarianten spielten, irgendwann vollstaendig auf HD umstellten und einfach vor uns hindillettierten und dazulernten.

4. April 2009: Der erste Versuch

Und auf einmal drehst du den allerallerletzten Slam in der Podium.bar, und dir wird klar, dass das jetzt 23 Slams (plus zwei „Dead or Alive“ im Großen Haus) waren und drei Jahre vergangen sind. Drei Jahre! Ich habe beim Zuschnitt des gestrigen letzten Slams gerade ein wenig in den 1,07 Terabyte Archivdaten herumgewuehlt und ein wenig die Erinnerungen aufgefrischt:

Die Tapete

…hat in Slammerkreisen offenbar in den drei Jahren so etwas wie Kultstatus erlangt, war eigentlich der Hintergrund fuer „Ein Herz und eine Seele“ und hing tatsaechlich nur die ersten vier Slams lang (bis zum Oktober 2009) im Hintergrund. Erst im Maerz 2011 kam sie wieder — und sorgte dafuer, dass ab dann wieder alle unsere Slamvideos gleich beim ersten Blick als „Ulmer“ Videos zu erkennen waren 😉

Ueberspielorgien

…haben wir uns relativ lange angetan. Wir hatten zwar von Anfang an eine HD-Kamera benutzt, die zweite Kamera war aber lange Zeit eine Bandkamera des Theaters, was bedeutete, dass Michael Sommer und ich nach jedem Slam eine tragbare Festplatte mit den ueberspielten DV-Aufnahmen austauschten. An der Stelle danke ich Michael noch einmal ganz ausdruecklich dafuer, dass er diese nervtoetende Nudelei selbst im Haus uebernommen hat 😀

Endgueltig verabschiedet hatten wir uns erst im April 2010 (wo wir schlichtweg nur eine Kamera verwendeten) — es folgten Versuche mit Tapeless-Camcordern, wackelige Konstrukte mit Kompaktkameras und Magic Arms und dann ab November erstmals Aufzeichnungen mit zwei HDSLR-Kameras. Ab da blieb das Setup eigentlich immer ziemlich dasselbe — manchmal mit zwei Kameras, manchmal mit einer.

Das ueberraschte mich am meisten: Die Podium.bar war mindestens die ersten vier Slams ganz regulaer mit Tischen bestuhlt. In meiner Erinnerung war das "schon immer" dicht mit Stuhlreihen befuellt

Die Videos

Falscher Weissabgleich. Zu hoher Aufnahmepegel. Kein Kompressor. Verwackeltes Bild. Volle Speicherkarten, weil’s ein Dreierfinale gab und man zu knapp kalkuliert hatte. Irgendwas war immer. Geschnitten wurde lange auf einer uralten Kiste mit einer geschenkten Pinnacle-Studio-Lizenz, spaeter dann auf einer hochgezuechteten Maschine und immernoch der schrottigen Studio-Version, die nur zwei Videospuren unterstuetzte. Fuer den Dead or Alive reichte das nicht, also musste ich mir eine Maschine suchen, fuer die eine Premiere-Lizenz vorhanden war und dort um Arbeitszeit bitten. Teilweise habe ich den Grobschnitt im PC-Pool an der Uni gemacht, mit externer Festplatte und hinterher jedes Mal 6 GB temporaerer Dateien auf dem Netzlaufwerk, die ich wieder loeschen musste, weil sonst der Pool-Account gesperrt worden waere.

Weiters habe ich mir darueber nie gedanken gemacht — bis auf einmal Bybercaps „Heads up, seven up“ ein Jahr nach seiner Veroeffentlichung auf dem Blog von JochenEnglish erwaehnt wurde und offenbar einen Nerv bei Lehrer*innen und Schueler*innen traf. Ueber die naechsten zwei Monate sah ich den Link zu „meinem“ Video alle paar Tage auf Twitter und Facebook, und zwar bei Leuten, die das garantiert nicht ueber mich selbst, sondern ueber irgendwelchen irren Wege empfohlen bekommen hatten. Mittlerweile steht der Youtube-Zaehler allein fuer dieses Video deutlich jenseits der 600.000 Abrufe und duerfte wohl eins der meistgesehenen deutschsprachigen Slamvideos sein.

Das freut mich auch deswegen, weil Bybercap mit dem Text nicht einmal ins Finale kam: Er bekam bei der Vorauswahl zwar mit den meisten Applaus, entschieden wurde aber fuer den Finaleinzug nur zwischen Daniel Wagner und Bjoern Hoegsdal. Das kam auch immer wieder mal vor: Dass der Applaus im Publikum anders wirkte (und auch auf der Aufnahme anders gemessen wurde *hust*) als die letztliche Entscheidung von Ko und Rayl. Einerseits fuer mich ein Grund mehr fuer die Bewertung mit dem Jurysystem, in dem zufaellige Gaeste jeweils eine Note von 1 bis 10 geben und die beiden Extrema gestrichen werden, um aus dem Rest einen Mittelwert zu bilden — andererseits fuer mich ein Symptom der Slammeistertitelmanie: Wer nicht als deutschsprachiger Vizepoetrychampion angekuendigt wird, steht gleich einmal seltsam da. Bybercap hat sich in seinem zweiten Auftritt im Maerz 2011 subtil, zynisch und treffend ueber Kommerzialisierung und Titelsammlerei lustig gemacht. Ins Finale kam er damit wieder nicht.

Was mich sehr ueberrascht hat, war die Entwicklung der Aufrufzahlen. Bis zur „Entdeckung“ des Bybercap-Videos waren in gut zwei Jahren knapp 100.000 Aufrufe zusammengekommen. Mittlerweile sind ueber 60 Videos im Youtube-Kanal, die seither noch einmal 1.250.000 Mal(!) angesehen wurden. Klar: Man entdeckt ein Video, mit der Zeit wurde dann auch die Wahrscheinlichkeit hoch, danach andere unserer Slamvideos von Youtube empfohlen zu bekommen, und so setzte sich das fort… und macht schon irgendwie stolz. Genauso auch, dass die Videos laut Ko in der Slamwelt „einen gewissen Ruf“ haben — mir war das lange nicht bewusst, und mir ost erst vor einem guten halben Jahr aufgefallen, dass wir uns in Ulm mit unserer Aufzeichnung so weit entwickelt hatten, dass wir qualitativ in dieser Sparte ziemlich weit vorne rangierten. Schoenes Gefuehl, irgendwie.

Der letzte Sieger, der letzte Slam.

Epilog

Es waren schoene drei Jahre mit dem Ulmer Slam. Ab dem Maerz zieht die Reihe mit Ko Bylanzki in das Roxy um, Rayl Patzak wird aus gesundheitlichen Gründen offenbar nicht mehr moderieren, und der Slam wird damit noch groesser als er das ohnehin schon war. Eine Aufzeichnung wird’s von uns noch einmal geben, am 5.2. das „Dead or alive?“ im Grossen Haus, danach ist Schluss: Im Roxy filmt meines Wissens die SWP (jedenfalls tut sie das beim Science Slam). Einige Schaetze habe ich von den Slams der letzten drei Jahre noch in der Kiste, vielleicht kommt da noch das eine oder andere — mal schauen. Wir geniessen dann erst einmal die gut 12 Personenarbeitsstunden, die wir zukuenftig pro Monat in andere Projekte stecken koennen.

Falls aber jemand einen anderen schoenen Slam (oder eine andere Veranstaltung) hat, den er oder sie qualitativ hochwertig dokumentiert haben moechte: Micha und ich waeren dann ab dem 5.2. frei. Bessere Slamvideos gibts nirgendwo anders, Honorarvorstellungen auf Anfrage 😉


(Der letzte Podium-bar-Slamgewinner. Seufz. Ich hab mich hinterher mit der Barbesatzung ordentlich abgeschossen. Danke fuers Freibier, Martina ;))

Mathematische Modelle zu Impfgegnerschaft

Auf Twitter bin ich auf eine Simulation von Colin Jenkins gestossen, der anhand animierter Kaestchen die Verbreitung von Krankheiten mit einem SIR-Modell zeigt und wie die konsequente Impfung weiter Teile der Bevoelkerung zu einer Herdenimmunitaet fuehrt: Im Falle eines Epidemieausbruchs werden auch die nicht immunisierten Teile der Bevoelkerung geschuetzt, da durch die weitgehende Immunisierung die Verbreitung der Krankheit deutlich erschwert wird.

Wenn man sich durch die verschiedenen Szenarien klickt, wird graphisch sehr schnell deutlich, dass das nur bis zu einer gewissen Grenze an Nicht-geimpften ueberhaupt funktioniert — und dass es somit durchaus ethische Konsequenzen haben kann, sich nicht etwa aus Alters- oder Gesundheitsgruenden (noch) nicht immunisieren lassen zu haben (z.B. kurz nach der Geburt oder bei generell schwachem Immunsystem), sondern aus ideologischer Impfverweigerung. In dem Fall bricht naemlich ab einem gewissen Punkt die komplette Herdenimmunitaet zusammen.

Anhand des Modells ist das sehr schoen anzusehen, und damit das auch im persoenlichen Bekanntenkreis verbreitet werden kann, habe ich Colin angefragt, ob ich ihm die Simulation auf Deutsch uebersetzen darf — durfte ich, hier ist sie. Geht und verbreitet die Kunde — und uebersetzt sie vielleicht auch in eine andere Sprache 🙂

NB: Ich habe mich ein wenig in das SIR-Modell eingelesen, bin aber kein Infektionsbiologe. Falls jemand inhaltliche Maengel findet, moege er sich bitte an Colin oder mich wenden, damit wir das schnell fixen koennen.

2013-05: Endlich kaputte Links gefixt.

Lauer liefert

Reden kann er, der Herr Lauer:

Abgeordnetenhaus – Piratenpartei (2) Christopher Lauer zur Regierungserklärung 12.1.2012.avi – YouTube

Die Bürgerinnen und Bürger Berlins kämen doch nicht auf die Idee nach mehr Beteiligung zu verlangen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie hier im Sinne einer Volksvertretung vertreten werden. Hat sich hier noch nie jemand die Frage gestellt, warum sich Menschen, für die Strom aus der Steckdose und Geld aus dem Automaten kommt auf einmal Interesse daran haben, sich politisch zu beteiligen? (Volltext)

Wenn ich so etwas sehe, dann erfuellt mich das besonders angesichts der Suedpiraten, die bis zum Einzug der Berliner Piraten ins AGH ueber ebendiese Berliner eher abfaellig redeten, mit einer nicht abzustreitenden Freude.

Ganz abseits jeder Schadenfreude motiviert so etwas aber auch, trotz oder gerade wegen der eigenen Lage in Sueddeutschland, angesichts der dort durchaus noch vorhandenen Probleme, die Piraten nicht aufzugeben.

Leseempfehlungen

Academia

Genderpopender und Co.

OpenData, OpenAccess, Visualisierungen

Spackeria et Datenschutz

Misc