Vom Stadtgefuehl

Great cities attract ambitious people. You can sense it when you walk around one. In a hundred subtle ways, the city sends you a message: you could do more; you should try harder.

The surprising thing is how different these messages can be.

(Paul Graham: „Cities and Ambition“)

Wenn man die Augen schliesst und an eine grosse Stadt denkt — sagen wir mal Berlin — draengt sich einem unweigerlich ein gewisses Bild auf. Es ist egal, was jetzt am inneren Auge vorbeizieht: Fernsehturm, U- und S-Bahnen, Brandenburger Tor oder aber c-base und c3. Unabhaengig davon duerfte jeder so ein diffuses, mehr oder weniger ausgepraegtes Gefuehl von Berlin haben, gepraegt aus eigenen Erfahrungen, Erzaehlungen und Berichten.

Und natuerlich auch gepraegt von den Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis, die es dorthin gezogen hat — die meisten davon zieht es ja nicht ohne Grund dorthin, sondern weil sie sich von dieser Stadt etwas versprechen. Noch einmal die Augen geschlossen, klappt das wunderbar, sich ein Klischeebild der Berlin-Zuzieher zu bilden. Natuerlich sind das Klischees — genauso wie die MoPo-Kampagnenspots ueberzeichnen — aber so ein gewisses Etwas an Wahrheit ist immer dahinter.

Im Grunde sind Staedte riesige Reaktoren. Je groesser die Stadt, desto hoeher die Wahrscheinlichkeit, dass Gleichgesinnte kritische Massen bilden und ihre Kraefte entfalten koennen. Es ist aber nicht allein die Groesse, sondern auch das Reaktor Stadtdesign, das solche Prozesse beschleunigen oder bremsen kann: Durch geeignete (Frei)raeume, Infrastruktur, gesellschaftliches und politisches Klima.

Ein Musterbeispiel der schlechten Sorte fuer Stadtplanung, die am Bewohner vorbei konzeptioniert ist, war Pruitt-Igoe. Anonyme Wohnflure verfielen quasi unmittelbar, weil sich schlichtweg niemand fuer sie verantwortlich fuehlte:

When the number of residents per public space rose above a certain level, none would identify with these „no man’s land[s]“ – places where it was „impossible to feel … to tell resident from intruder“

(Oscar Newman, „Creating Defensible Spaces“, 1996)

Aehnliche Probleme gibt es bei anderen Wohnanlagen, die man grosszuegigerweise mit grossen Gartenanlagen umgeben hat — fuer die sich wiederum niemand zustaendig fuehlte und die dementsprechend versifften (hierzu gab es auch eine Quelle, die ich nachreiche, sobald ich sie finde).

Eine vernuenftige Strategie ist also, Verantwortung zu schaffen. Das kann freiwillig oder unfreiwillig geschehen: Dass sich Buerger im Rahmen von Stuttgart 21 zusammenfinden und verantwortlich fuer die Zukunft ihrer Stadt und der Region fuehlen, ist per se gut, wenngleich weder von der Bahn noch von der Regierung in der Form gewollt.

Das funktioniert auch auf kleinerer Ebene. Die Uni Ulm gefaellt mir gerade deswegen so gut, weil man als einfacher Student so unglaublich viel bewegen kann, oder sogar muss. Ich haette mir zumindest vor fuenf Jahren nicht traeumen lassen, dass ich irgendwann einmal mit Kanzler und Praesidenten am Tisch sitzen und ihnen vorrechnen wuerde, dass sie ursaechlich fuer die Tutorenkrise in der Informatik verantwortlich sind. Natuerlich waere das Studentenleben einfacher, wenn man so etwas gar nicht machen muesste — aber um ehrlich zu sein, macht das Pieksen in Schwachstellen einfach zu sehr Spass. Vor allem, wenn man sieht, dass man sich auf diese Weise fuer sich und seine Mitstudenten etwas bewegen kann.

Vor diesem Hintergrund bin ich mir gar nicht so sicher, ob ein zu ueberwindender Widerstand fuer ein um so ueberzeugteres Engagement nicht foerderlicher waere. Mit dem Rammbock durch offene Tueren zu rennen ist ja schliesslich auch etwas antiklimaktisch. Trotzdem freue ich mich darueber, dass die Stadt Ulm derzeit sehr offene Ohren fuer Experimente hat, die mit Kontrollaufgabe ihrerseits und der Uebertragung von Mitverantwortung an die breite Buergerschaft zu tun hat; Stichworte: OpenData und OpenGovernment. Claus hat momentan ein Wiki aufgesetzt, in dem bestehende Datenquellen gesammelt werden, die fuer Mashups interessant sein koennten — momentan noch auf SWU-Daten, Car2Go und die hoffentlich bald von der Stadt kommende Schnittstelle fuer Parkhausdaten beschraenkt.

Falls jemand Interesse an weiteren Datensaetzen hat, moege er sich gefaelligst nicht zurueckhalten und sich eine Wunschliste im Wiki anlegen.

Vor diesem Hintergrund habe ich nun langsam auch eine Antwort auf die Frage, die ich mir (und quasi jedem, dem ich begegnet bin) immer wieder gestellt hatte, seitdem ich „Cities and Ambition“ gelesen habe: Wofuer steht eigentlich Ulm?

Fuer Berlin ist diese Frage schon irgendwie zu beantworten (nicht einfach! Und eigentlich in der Gesamtheit auch gar nicht zutreffend!), aber Ulm? Was zum Teufel ist Ulm?

Die einzige Antwort, die mir bislang eingefallen ist, ist entweder total banal oder genial, ich bin mir da noch nicht so ganz sicher: Ulm ist, was du draus machst.

2 thoughts on “Vom Stadtgefuehl

  1. Simon

    „Ulm – klein, aber fein.“

    Das Motto ist zwar auch schon in die Tage gekommen, trifft es für mich jedoch nicht minder. Unter anderem gerade auch im Sinn der Eigeninitiative: schaut man sich nur genügend um und verlässt ausgetretene Pfade, findet man doch für fast jeden Anlass was.
    (Das hört sich recht überschwänglich an und ich bin eigentlich kein Lokalpatriot, aber warum soll man die Dinge nicht auch mal ganz positiv sehen.)

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    1. stk Beitragsautor

      Aus genau dem Grund finde ich dieses Motto auch nicht gut: Es klingt nach Lokaltuemelei, altbacken, selbstzufrieden. Wer fein ist, muss sich nicht verbessern — das muss Ulm aber, und der Unterschied liegt wenn dann darin, dass man tatsaechlich etwas dazu beitragen kann. Wenn man will.

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