Die Redaktion, die ich mir wuensche

Ueber das zu schimpfen, was einem nicht gefaellt, ist simpel. Einen besseren Gegenentwurf zu machen, faellt da schon deutlich schwerer. Anstelle weiterer Rants unternehme ich deswegen hier den Versuch, die Redaktion meiner Traeume zu skizzieren. Dass vieles davon Anleihen bei „Neuer Journalismus! Jetzt!“ nimmt, geschieht nicht aus Faulheit, sondern weil ich die Forderungen dort voll unterstuetze.

Hier also, was ich gerne haette.

  • Eine Kultur, in der es vollkommen selbstverstaendlich ist, dass Artikelautoren ansprechbar sind und sich — namentlich erkennbar — an Diskussionen unter Artikeln, bei Twitter und moeglichst allen anderen Kanaelen, ueber die Feedback moeglich ist, beteiligen.
  • „Hinter den Kulissen“-Blogs, mittels derer Einblick in Interna gegeben wird, und zwar mit brutalster Offenheit, ohne Schoenrederei
  • Eine Seite, deren Ziel ein groesstmoeglicher Nutzen fuer den Leser ist, die schlank und fuer den Nutzer kinderleicht zu navigieren ist. Nachtraegliches Aendern von Ueberschriften, Klickstreckenrecycling, kurz: Alles, was den Nutzer zur reinen Klickhure degradiert, ist tabu.
  • IVW-Zahlen werden nicht angebetet. Scheiss auf IVW-Zahlen.
  • Zusammengefasst: Der Nutzen fuer den Leser steht vor allem anderen.
  • Generell: Ablaeufe, wie sie in der Blogosphaere ueblich sind. Aenderungen und Korrekturen werden fuer den Benutzer nachvollziehbar festgehalten, Titel werden nicht geaendert, der Autor ist erkenn- und kontaktierbar. Wie waers mal mit Trackbacks?
  • Ein Beitrag ist selten so fertig, wie er eingebunden wird. Die Story entwickelt sich sichtbar fort, auch unter Einbeziehung der Nutzer. Vielleicht funktioniert das ja sogar auch mit Videos.
  • Das CMS wird auf den (ermittelten) effizientesten Workflow zugeschnitten, nicht der Workflow auf das CMS. Generell wird Content-Management so weit und so gut wie moeglich automatisiert, damit sich der Mitarbeiter nicht als CMS-Sklave versteht und demoralisieren laesst. Falls „automatisieren“ der falsche Ausdruck ist: Die Usability im CMS-Backend muss bestmoeglich sein. Quasi genau so wie am Frontend 😉
  • Erzaehlformen, die im Web moeglich sind, werden genutzt und mit ihnen so oft wie moeglich experimentiert. Kein Stillstand, staendiges Fortentwickeln, staendig neue Ideen, staendig Begeisterungsfaehigkeit. Semper melior!
  • Keine Dogmas.
  • Redakteure, Fotografen, Grafiker, VJs und Entwickler sitzen am selben Tisch, teilweise sogar (in Teilmengen) in derselben Person 😉
  • Falls es eine Printredaktion gibt, lebt sie nicht in einer Parallelwelt, sondern ist maximal einen Schreibtisch von Online entfernt. Wenn ueberhaupt.
  • Daten, die als Basis fuer Artikel dienten, werden in aufbereiteter Form zur Verfuegung gestellt. Wenn Nutzer daraus noch mehr stricken, wird das veroeffentlicht — unter ihrem Namen
  • Es wird berichtet, was interessant ist — und zwar unabhaengig davon, mit wem man kooperiert, oder wer Konkurrenz ist. Wenn die Marketingabteilung Advertorials haben will, sollen sie sie schreiben — und nicht damit die Redakteure aufhalten. Berichterstattung ueber ein Ereignis bleibt nicht aus, weil einem Werbekunden das nicht gefaellt
  • „Geht technisch nicht“ ist keine Ausrede. Andere koennen es auch. Wenn etwas wider Erwarten nicht vorgesehen war, hat man hervorragende Entwickler, die das implementieren.
  • Bilder, Videos und interaktive Grafiken gehoeren gross, breit und eindrucksvoll gemacht und eingebunden. Wenn das Layout so etwas nicht vorsieht, ist es ein Scheisslayout.
  • Und, last but not least: Cut down the meetings.

Was habe ich vergessen? Wo bin ich naiv? Bitte, ernsthaft, Feedback!

PS: Wer erraet, wo quasi fast alles davon fuer mich erfuellt ist?

6 Gedanken zu „Die Redaktion, die ich mir wuensche

  1. Moritz

    Ich finde das nicht naiv. Ich finde das den einzigen Weg, auf dem Zeitungen auf Dauer im Web ĂŒberleben können. Sie mĂŒssen eintauchen in das Netzwerk aus Blogs, Twitter und dem Rest des Internets. Sie mĂŒssen auf ihre User eingehen, ihnen Antworten. Und den Usern ermöglichen, ihre Meinung simpel und schnell kund zu tun. Sie quasi mĂŒssen alles anders machen, als jetzt…

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  2. Falco

    Das einzig falsche an dem Text finde ich die EinschrĂ€nkung auf Nachrichtenportale oder Zeitungen. Genau solche GrundsĂ€tze finde ich wichtig fĂŒr alle, die im Netz News verbreiten und ein breites Publikum ansprechen (sollten). Dazu gehören meiner Meinung nach auch gemeinnĂŒtzige Institutionen wie etwa der DOSB, die Deutsche Sportjugend dsj (sorry fĂŒr die Sportlastigkeit, aber das ist eben mein TĂ€tigkeitsfeld :D), usw. Viele der genannten Punkte lassen sich auch auf die Öffentlichkeitsarbeit von diesen gemeinnĂŒtzigen VerbĂ€nden und bei ihren Veranstaltungen ĂŒbertragen.
    Bei letzteren ist aber idR. der Vorteil, dass keiner es hauptamtlich macht und sich so tatsĂ€chlich mit seinen Interessen voll einbringen kann. Ich kann Dir aber leider aus Erfahrung sagen, dass sich auch dann leider nicht viel Ă€ndert, weil’s dann meist an Manpower und Geld hapert. – Also die umgekehrte Situation?
    Okay, das also mein Hinweis, dass das nicht nur fĂŒr Zeitungen gelten sollte 🙂

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  3. stk Beitragsautor

    @Falco, das sollte ausdruecklich nicht auf „Zeitungen“ gemuenzt — steht auch nirgendwo, Print ist ausdruecklich nur „sofern vorhanden“ erwaehnt.

    Interessant aber, dass du hier ehrenamtliche Verbaende anfuehrst, an diesen Non-Profit-Oeffentlichkeitsarbeits-Blickwinkel hatte ich bisher noch gar nicht gedacht. Das ist zwar nicht die Schiene, die ich fahren moechte, hat aber unter anderem den immensen Vorteil, dass keine Monetarisierung im Vordergrund steht, sondern nur die Berichterstattung an sich, was einige der von mir verhassten Praktiken gar nicht erst noetig werden laesst.

    @Moritz, die Symptome sind ja bekannt. Das Problem ist in meinen Augen weniger, Leute zu finden, die diese Kultur leben, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem diese Kultur tatsaechlich auch im Redaktionsalltag gelebt werden kann. Es gibt mehr Stellen als nur den Redakteur selber, an denen das haken kann. Siehe CMS, siehe Marketingabteilung, siehe IVW-Vergoetterung.

    @Rai, vieles davon wird bei TU in der Tat erfuellt, aber nicht alles.

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