Was jetzt, IVW-Zahlen oder Inhalte?

Was mich bei meinem Praktikum regelmaessig so richtig killt ist die stete Frage nach Klicks und Monetarisierung. Nicht bei allen hier, klar, aber unterschwellig meine ich immer wieder von mancher Seite die Aussage zu spueren, dass in erster Linie gute IVW-Zahlen und Vermarktungsaspekte zaehlen. Konsequenterweise heisst das, dass die Leser an nachrangiger Stelle kommen.

Zugegeben, als TU-Hosenkasper-Pseudoredakteur und Blogger habe ich’s vergleichsweise leicht. Geld gibt’s aus der Quelle eh keines, also muss man sich gar nicht erst darum kuemmern und macht das, was einem Spass macht. Andererseits fehlt mir gerade deswegen vollkommen jedes Verstaendnis fuer die juengst hier gehoerte Aussage, dass das iPad dann doch alles veraendern wuerde.

Zuerst hielt ich das fuer einen billigen Witz, aber es war offenbar doch ernst gemeint: Durch das iPad habe man die Chance, dass sich das Leseverhalten wieder zum Zeitungsbild entwickle. Und dann koenne man solche prima aufbereiteten Inhalte auch verkaufen.

Mir hatte es an der Stelle erst einmal die Sprache verschlagen. Und in der Zwischenzeit hatte ich die Punkte gesammelt, weswegen ich diese Ansicht fuer vollkommenen Unsinn halte. Angefangen von der Link Economy (die in dem Fall nicht mehr funktionieren wuerde) ueber die von Google kommenden Besuchermassen (die ausbleiben wuerden) bis hin zum grundsaetzlichen Versagen von Paywalls (was eigentlich doch noch nie anders war).

Im JakBlog gibt es das alles mittlerweile schoen aufbereitet. Inklusive weiterer Punkte. Warum zum Teufel man zum Beispiel alle Informationen aus einer Hand bekommen wollen sollte. Und dergleichen mehr. Wer an das iPad als Verlagsretter glaubt, bitte lesen. Vor allem auch Kommentar Nummer Zwei von Djerk.

8 Gedanken zu „Was jetzt, IVW-Zahlen oder Inhalte?

  1. Pascal

    Ich stimme dir in der Situationsanalyse zu. Aber das Finanzierungsproblem des Journalismus löst sich, auch durch das ständige Wiederholen ein- und derselben Argumente gegen Bezahlschranken, nunmal nicht.

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    1. stk Beitragsautor

      Das Finanzierungsproblem des Journalismus loest sich auch durch den Verkauf von Backofen nicht. Oder durch intensives Haarefoenen. Die Liste der Dinge, durch die das Finanzierungsproblem des Journalismus _nicht_ geloest wird, ist quasi endlos.

      Insbesondere heisst das aber, dass das Finanzierungsproblem des Journalismus auch nicht durch Paid Content geloest wird, und ich wage zu behaupten, dass auch hohe IVW-Zahlen nicht allzuviel beitragen. Und deswegen halte ich es fuer fatal, staendig falsche Propheten als heilsbringende Erloeser der Verlagsbranche zu feiern.

      Meines Erachtens sollte es einem Journalisten idealerweise am Arsch vorbeigehen duerfen, wie er finanziert wird. Gut, das ist relativ utopisch. Dann sollte er sich aber darauf konzentrieren koennen, lesernah und -orientiert zu arbeiten, anstatt falsche Goetzen anzubeten, die ihn von diesem Ziel nur immer weiter entfernen.

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      1. Pascal

        Eben. Deswegen macht es auch wenig Sinn ständig auf die Dinge hinzuweisen, die das Problem nicht lösen. Viel interessanter wäre es mal über Alternativen philosophieren. Aber da hört man von den größten Kritikern immer am wenigsten.

        Natürlich wird das Finanzierungsproblem des Journalismus über Paid Content gelöst werden. Über was denn sonst? Ausgenommen davon ist selbstverständlich der Nachrichtenjournalismus.

        Zum letzten Punkt: Natürlich sollte es dem Journalisten nicht (!) egal sein, wie er finanziert wird. Gerade Journalisten sollten den Diskurs über die Zukunft und damit auch die Finanzierung von Journalismus, maßgeblich mitgestalten. Gegenwärtig haben wir ja genau das Problem, dass der Einfluss der Redaktionen mehr und mehr schwindet und die Betriebswirtschaftler das Ruder übernehmen. Wozu das führt hast du ja oben ausgeführt.

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        1. stk Beitragsautor

          Ich halte es durchaus fuer sinnvoll, auf die Dinge hinzuweisen, die das Problem nicht loesen. Beispielsweise dann, wenn diese Dinge ausdruecklich als Heilsbringer gefeiert und Strategien darauf hingebogen werden, zum Nachteil der Leser.

          Prinzipiell habe ich nix dagegen, iPad und Konsorten auszuprobieren und herumzuexperimentieren. Von allen duerfte ich sowieso der letzte sein, der gegen Herumspielen, Experimente und Hinfallen was hat — fail often, fail quickly, fail cheaply. Wenn die Ressourcen fuer iPad-Spielereien aber mit den Ressourcen anderer Ideen konkurrieren, muss ich die Frage stellen, ob die anderswo nicht sinnvoller untergebracht waeren. Und dann _muss_ man auf derartige Dinge hinweisen, auch wenn man keinen grossartigen Verlagsretter in der Konzeptschublade hat.

          Ob der Journalismus zukuenftig ueber Paid Content finanziert werden kann, weiss ich nicht. Fuers orakeln und kristallkugeln fehlen mir vier weitere Arme. Den Leser zu verarschen, um ein paar IVW-Klicks mehr zu haben, halte ich aber trotzdem nicht fuer ein sinnvolles Konzept. Und solange ich das irgendwo sehe, werde ich auch drueber meckern.

          Zum letzten Punkt: Der Journalist sollte auf den Tisch hauen, wenn ihm die Finanzierung unlauter oder beeinflussend vorkommt. Ansonsten sollte er sich aber dort heraushalten koennen, und _nicht_ auf Werbekunden schielen oder Gratwanderungen zwischen Journalismus und Reklame wagen muessen. Sonst wird der Journalist selber immer noch mehr zum Betriebswirtschaftler.

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          1. Pascal

            Mich stört nur diese arrogante Haltung, die sich in den Blogs allenthalben finden lässt, die den Verlegern immer wieder vorbetet was alles überhaupt nicht geht, aber andererseits nie aufzeigt, was denn geht oder was denn gehen könnte. Und da mein ich jetzt auch nicht Otto-Normal-Blogger sondern Figuren wie Jarvis und Co.

            Beim Rest sind wir eigentlich recht nah beieinander, wenngleich du im letzten Punkt natürlich einen Idealzustand vor Augen hast, den ich mir selbst in den kühnsten Träumen kaum vorstellen kann.

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          2. stk Beitragsautor

            Da muss ich aber fragen, ob die arroganten Vorbeter ueberhaupt Alternativen bringen _muessen_. Ist der Hobbykoch arrogant, der sich im Restaurant ueber das versalzene Essen beschwert? Muss er erst zeigen, dass er es besser kann, bevor seine Kritik akzeptabel wird?

            Jarvis ist sowieso ein Thema fuer sich. Auf einem Lehrstuhl sitzt sich’s halt bequem. Aber gerade wenn noch keine Richtung zu erkennen ist, in der die Finanzierbarkeit wartet, sollte man die Zeit nutzen, auch aus schmalen Budgets den denkbar besten Journalismus zu machen.

            Das ist beinahe schon an Pathos grenzender Idealismus, aber meines Erachtens sollte man seine Ziele an Idealen ausrichten. Ansonsten fuehrt das zu hemdsaermeliger Mittelmaessigkeit, ausgerichtet an den bitte zu knackenden IVW-Kennzahlen, bei der niemand sich und sein journalistisches Produkt weiterentwickelt.

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