Archiv für den Monat: April 2010

So sieht Toleranz aus

Ich habe selbst die Schulbank im Kolleg der Schulbrueder in Illertissen gedrueckt, von der 5. bis zur 10. Klasse — danach hatte ich genug von der taeglich dort gelebten Bigotterie, die sich durch alle Bereiche der Schule spannte. Waehrend nach aussen christliche Ideale hochgehalten wurden, sah es hinter den Kulissen zu oft anders aus. Nachdem beispielsweise eine erneute Heirat nach Scheidung nicht mit dem Wertebild der Schule vereinbar war, lebte ein betroffenes Lehrerpaar soweit ich mich entsinnen kann offiziell in zwei getrennten Wohnungen unter einem Dach. Und ein anderer Lehrer, der vormals fuer seine beinahe schon fundamentalistischen Wertvorstellungen bekannt war, verliess auf einen Schlag Schule, Frau und Kinder, um mit einer neuen Partnerin ein neues Leben zu beginnen.

Das Problem, das die wegen ihres Kirchenaustritts der Schule verwiesene Zehntklaesslerin aktuell betrifft, gab es leider auch vor zehn Jahren schon. Einige Leute aus meiner Jahrgangsstufe hatten die Nase voll von Scheinheiligkeit und Religionsindoktrination und wollten wissen, wie man denn am Ethikunterricht teilnehmen koenne. Gar nicht, war die Antwort unseres damaligen „Klassenpapis“, schliesslich seien sie Christen und muessten demnach am Religionsunterricht teilnehmen. Und wenn man aus der Kirche austreten wuerde? Dann wuerde man der Schule verwiesen werden.

Dieses Gespraech war damals der Tropfen, der das Fass fuer mich zum Ueberlaufen brachte. Ich war einer von verdammt vielen, die damals nach der zehnten Klasse die Schule wechselten (nachdem man mir das auch seitens gewisser Lehrer relativ eindeutig nahe gelegt hatte), und ich habe den Entschluss nie bereut: Es war ein ganz neues Gefuehl, vom kompletten Lehrerkollegium nicht mehr nur als Haufen stoerender Schueler, sondern als foerderungswuerdige Menschen gesehen zu werden. In diesem Sinne duerfte der Schulausschluss wohl das Beste sein, was der Schuelerin passieren konnte.

Edit: In den Kommentaren findet sich folgendes:

Seit die Schulbrüder das Ruder nicht mehr in der Hand haben, geht es mit der Schule stetig bergab. Zum Glück hab ich mit dem Austritt bis nach dem Abi gewartet.
Unter Bruder Norbert hätte die Schülerin einfach den Ethikunterricht besuchen können.

Die damals verbleibenden Schulbrueder, insbesondere Bruder Norbert, fand ich am fairsten und am wenigsten ideologisch verbohrt. Dennoch stand die Drohung des Schulausschlusses auch schon damals im Raum.

Plakatgefluester

Immer, wenn es an der uulmt um Plakate geht, darf man das Popcorn auspacken. Und in der laufenden Woche ist das Popcornpotential gleich doppelt so gross.

Den Anfang machte die Universitaetsverwaltung, die von einem Tag auf den anderen das Aufhaengen der bekannten grossen Veranstaltungsplakate im Forum der Uni untersagte. Clevererweise war der Informationsmail an die StuVe noch beinahe die gesamte Originalkonversation der beteiligten Stellen als ToFu angehaengt, aus der hervorging, dass die angefuehrten „Brandschutzgruende“ eigentlich nur aus dem Hut gezaubert wurden, damit die Studierenden endlich mal in die Gaenge kommen wuerden, was die Plakatregelungen angeht.

Die Retourkutsche folgte postwendend direkt an den Kanzler — erstens liegt der Ball in Sachen Plakatierregeln aktuell komplett bei der Verwaltung, und zweitens stand eine ganze Riege Fragezeichen ueber der Aktion: Wohin waren die stundenlang gepinselten Plakate verschwunden, warum gab es keine Beratung mit der StuVe, und warum musste das von heute auf morgen passieren? Mittlerweile ist wohl auch uniintern ein leichter Shitstorm losgebrochen, der sich nun kaskadenweise von oben nach unten ergiesst. Man darf gespannt sein.

Die zweite Geschichte ist ein Maerchen. Das muss ich betonen, weil sich sonst vielleicht irgendwelche Personen genoetigt sehen, einen Strafantrag stellen. Es basiert lose auf Ereignissen, die ich ueber vier Ecken herum erzaehlt bekam und ist Work in Progress — jeder, der mehr weiss, ist herzlich eingeladen, es zu ergaenzen.

Es waren einmal Studierende, die abends Plakate fuer die Vollversammlung ihrer Universitaet anbrachten. Ihr Problem war, dass an vielen Plakatflaechen bereits grossformatige Plakate fuer irgendwelche Parties irgendwo in der Stadt hingen. Da diese Plakate fuer die Studierenden die Relevanzkriterien der Uni nicht erfuellten, verschoben sie einige von ihnen in einen weniger sichtbaren Namensraum, um die Vollversammlung anzupreisen. Dabei wurden sie vom Veranstalter der Stadtparties gesehen und zur Rede gestellt, wodurch eine laengere, intensiv gefuehrte Verschiebediskussion entstand.

Von beiden Diskussionsseiten unbemerkt, begann eine Dritte Seite indes mit Vandalismusattacken auf die Stadpartyplakate, so dass viele davon nicht mehr wiederzuerkennen waren. Als der Stadtpartyplaner dies sah, war er empoert, suchte die Vollversammlungsstudierenden — die noch nichts davon wussten — und warf ihnen den Vandalismus vor. Da dieser Vorwurf bei den Beschuldigten nur Stirnrunzeln hervorrief, rief der Veranstalter die Polizei an, die sich jedoch von den geschilderten Plakatattacken nur maessig beeindruckt sah. Nach laengerer fernmuendlicher Diskussion einigten sich Veranstalter und Polizei darauf, dass die Vollversammlungsstudenten nicht nur Plakate, sondern auch intensiv die Uni selbst beschaedigt haetten, was sich dann sechs Polizisten naeher ansehen wollten.

Wie das Ganze weitergeht, warum sich einer der Beschuldigten einem Drogentest unterziehen musste, und welche Beweise der Stadtpartymensch hat, dass tatsaechlich die beteiligten Studenten die Plakate zerstoert haben, erzaehle ich euch dann ein anderes Mal.

Titelbild: Zugesandtes Protestplakat im Forum, leider gestern morgen schon wieder entfernt.

Veranstaltungshinweise

Erwaehnung am Rande: Im Ulmer Museum ist Mittwoch abend Erstsemesterparty. Ab 19.00 Uhr gibt es Musik und Freibier, und ab 20.00 Uhr Fuehrungen durchs Museum.

Zudem findet ab 12.00 Uhr an der uulm die zweite Auflage des Turbobachelors statt — unter anderem mit einer Vorlesung von Herby Hertramph („Payback! Die Horrornacht der Information.“ von 0300-0400 Uhr)

Statt Vorlesung: Strassenkunst und Flugzeugwerbung

Man stelle sich vor, man sieht auf eine Kreuzung und trinkt Kaffee. Oder Tee, oder sonstwas, jedenfalls sieht man auf diese Kreuzung, als dort auf einmal Fahrradfahrer anhalten. Das ist an sich nichts spektakulaeres, also Fahrradfahrer an sich, wenn die nicht an allen Zufahrten zur Kreuzung jeweils einen Kuebel Farbe ausleeren wuerden. Also Kreidefarbe vermutlich, da kann ich nur spekulieren, aber es soll wohl abwaschbar sein, auch wenn die Stadtwerke wohl bislang vergeblich herumschrubben.

Unabhaengig von der Art der Farbe (und ob man nun Kaffee oder Tee trinkt), ergibt sich in Kuerze ein wunderbares Farbenbild auf der Strasse, verursacht durch hunderte Autoreifen. Schoen 🙂

Mehr dazu hier oder auch hier (schoene Bilder).

Und weil’s so schoen war, noch ein Video, wie Germanwings guenstig Werbung an Bord der Konkurrenz macht:

Denkwuerdige Implikationen

Ein Nutzer, der offenbar in privaten Nachrichten ueber eine Onlinecommunity Links auf Seiten mit kinderpornographischem Inhalt verschickt, bringt den dortigen technischen Support in eine groteske Situation. Falls es sich bei dem Seiteninhalt tatsaechlich um KiPo-Material handeln sollte, darf man dieses nicht gezielt aufrufen — die Frage ist nun, ob man „gezielt“ klickt, wenn man als Kundendienstler eine solche Nachricht als beanstandenswert zugesandt bekommt.

Falls dem so waere — interne Massgabe ist, dass man zur Sicherheit die Finger davon lassen soll — ist man wirklich saubloed dran. Das hiesse, dass alles, was nach Beschwerdemeldung den Anschein von KiPo-Links erwecken wuerde, direkt und ungeprueft an die Kripo weitergeleitet werden muesste.

Ich frage mich nun, ob es solche Faelle auch anderswo gab, und wie dort verfahren wurde. Und ob das in letzter Konsequenz hiesse, dass boeswillige Menschen bundesweit die Kripo trollen koennten, wenn sie an die Supportteams beliebiger Social Networks melden wuerden, dass Benutzer XY ihnen beispielsweise hinter dem URL http://bit.ly/a5QwO9 Kinderpornos geschickt haben koennte — und die das ohne weitere Kontrolle weiterleiten muessten.

Und nochmal die Fotolovestory

Du bist Pirat!

Auf mehrfachen Wunsch habe ich nun endlich nachgeholt, was ich letzten Herbst vergessen hatte: Alle Bilder des Glaesernen Mobils auf dem Muensterplatz unter eine CC-BY-SA-Lizenz zu stellen. Obacht bei Persoenlichkeitsrechten, die davon natuerlich nicht erfasst werden, im Zweifelsfall einfach kurz nachhaken. Auf Anfrage gibt’s die auch in gross.

Und weil ich keinen flickr-Pro-Account habe, klatsche ich jetzt nach dem Sprung den restlichen Artikel mit Direktlinks auf die einzelnen Bilder voll, damit man auch dann noch an die rankommt, wenn sie aus dem 200-Bilder-Puffer rausgelaufen sind. Wohl bekomm’s.

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SWU-Daten: Es geht voran

SWU-01

Die Aktion mit den Gruenen-Mails hat offenbar doch noch einen positiven Nebeneffekt: Ich habe den Verschicker in seiner Eigenschaft als SWU-Beirat gebeten, doch nochmal nachzuhaken, ob es nicht doch irgendwann eine API fuer die RBL-Echtzeitdaten geben wuerde. Die Rueckfrage seitens der SWU, was so eine API denn kosten wuerde, konnte ich natuerlich nich tzufriedenstellend beantworten — ich freue mich aber, dass das Thema langsam Gehoer zu finden scheint.

Bis dahin gibt es die leider etwas ungenauen, aus der Fahrplanauskunft geparsten Daten ueber die Selbststrick-API von Taxilof, und als Beispiel-Mobilanwendung fuer Mobilgeraete die Auskunft von Claus.

Weitere Highlights der rp10

Ich fang mal so an: Dass ich erst heute dazu komme, die restlichen Ereignisse der re:publica 2010 aufzuschreiben, spricht mit dafuer, wie genial ich es dieses Jahr fand. Insgesamt gab es deutlich kontroversere Diskussionen, in denen sich teilweise richtig gefetzt wurde, und das kollektive Selbstlob, das ich letztes Jahr erfahren hatte, blieb dieses Jahr groesstenteils aus. Dafuer habe ich durch mehrere Zufaelle eine ganze Menge netter Leute kennen gelernt, die aufzuzaehlen ich am besten gar nicht versuche, weil ich ohnehin irgendjemanden vergessen wuerde.

Hier also unsortiert einige Sachen, die mir besonders gefallen oder mich besonders genervt haben:

Social Media Working for Journalism

Gesetzlicher Auftrag der Deutschen Welle ist unter anderem auch die Vermittlung deutscher Sprache und Kultur fuer Auslaender, und hierfuer werden mittlerweile auch soziale Netzwerke wie Facebook genutzt. Die DW nutzt Facebook in allen drei der klassischen Rollen sozialer Netzwerke: Als Rueckkanal, zur Vermittlung weitergehener Informationen bzw als Diskussionskanal, und ganz einfach als weiterer Distributionsweg fuer bestehende Inhalte.

Besonders die DW-Deutschkurse werden auf Facebook stark genutzt und kommentiert, wobei ich glaube, dass das eben hauptsaechlich am gemeinsamen Ziel „Spracherwerb“ der Nutzer liegt — und daran, dass zumindest die meisten Leute nicht wegen falscher Genitiv-Verwendung herumzutrollen anfangen. Die DW-Leute raeumten auch ein, dass „Smalltalk“-Themen wie die Interaktion mit der von ihnen erfundene Kunstfigut Harry Walkott deutlich mehr Kommentare anziehen als aufwaendig vorbereitete Features, und bei den Nachrichtenredaktionen insgesamt deutlich weniger kommentiert werde.

Generell sei auf Facebook wenig Moderation noetig gewesen — es mag am personalisierten Netzwerk liegen, man weiss es aber nicht so genau.

Wissensmanagement Studierender

Nicht das, was ich erwartet hatte, aber einige schoene Einsichten:

  • Fuer Liveevaluationen benoetigt man kein sauteures TED-System, sondern kann beispielsweise Hotseat (Uni Purdue) verwenden — Feedback via Twitter, Facebook, Browser oder Mobiltelefon. Muss ich mir nochmal genauer ansehen.
  • In Stanford war offenbar kein Geld fuer die flaechendeckende Aufzeichnung aller Vorlesungen vorhanden, also haben die Studierenden selber die Vorlesungen aufgezeichnet. Interessantes Konzept, wenngleich ich keine Quellen hierfuer gefunden habe.

Urheberrecht im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit

Der Vortrag des „Schockwellenreiters“ Joerg Kantel zog mit die hitzigste Diskussion mit sich, die ich auf der rp10 miterlebte. Zum Einstieg bezeichnete Kantel das Urheberrecht als ein Phaenomen der buergerlichen Gesellschaft, das mit ihr auch wieder verschwinden werde, und etwa ab dem Zeitpunkt folgten auf Zwischenfragen immer wieder Diskussionen, die von anderen Zuhoerern ausgebremst werden mussten, damit der Vortrag weiter gehen konnte.

Digitale Ware erfahre durch moeglichst grosse Verbreitung einen steigenden Nutzen (also Gebrauchswert) bei gleichzeitig abnehmenden Kosten (Tauschwert). Als steile Folgerung gelte also:

Gebrauchswert(n) → 0 (n→∞),
Tauschwert(n) → 0 (n→∞),
Gebrauchswert(n) ≥ Tauschwert(n)

Demnach sei geistiges Eigentum kein schuetzenswertes Gut, da ueberhaupt kein Tauschwert vorhanden sei und es sich deshalb gar nicht erst um ein „Gut“ handle. Zusammen mit seiner Vision vom bedingungslosen Grundeinkommen als Naehrboden fuer eine solche Kultur sorgte der Umstand, dass Kantel seinen Lebensunterhalt neben seiner Anstellung am MPI vor allem aus der Vermarktung seines „geistigen Eigentums“ als Buchautor bestreitet, fuer hitzige Diskussionen mit einigen Zuhoerern, die tags zuvor schon beim mixd-Vortrag geschimpft hatten.

Kantel stand letztendlich ein Zuhoerer mit schweizer Dialekt bei, der geistiges Eigentum als kollektiven Prozess hervorhab, fuer das ueberhaupt kein UrhG gelten duerfe — auch die Creative Commons seien nur ein Zwischenschritt. Und den Einwuerfen der Verwerter, wie denn der schwer arbeitende Musiker Geld verdienen solle, setzte er einen charmanten Schlusssatz entgegen: Wert entsteht nicht durch Leistung, sondern durch Nutzen fuer andere.

Bernd liefert

Ja :3

Schoenster Satz: Pr0n steht unter „Creative Cum-Ons“.

Ansonsten

Unibrennt und Entschwoerungstheorien kann ich irgendwie nicht zusammenfassen. Der Vortrag zu Swift River war vollkommen fuer die Katze, da der Referent „ein sehr entspanntes Verhaeltnis zu seiner Rolle“ hatte, wie ein anderer Zuhoerer leider sehr treffend bemerkte. Der Wilde-Trolle-Vortrag des Heise-Forenmoderators war im Wesentlichen eine Rekapitulation dessen, was Vetter tags zuvor schon gesagt hatte, und mit Coding for Data Journalism und Datenjournalismus habe ich ganz zum Schluss noch ein paar Anfangspunkte fuer Data Scraping zur Datenvisualisierung mitgenommen — siehe auch scraperwiki.com

Menschlich

Tolles Sozialisieren ist toll. Im Ernst: Die Leute und die Unterhaltungen mit ihnen haben ganz entschieden die rp10 zu dem gemacht, was sie fuer mich war: Gigantisch. Angefangen mit ganz zufaelligen Begegnungen auf dem Gang, in den Panels und im Hof ueber den Abend in der Muschi Obermaier bis hin zur Abschlussveranstaltung in der Kalkscheune — wenn ihr euch hier angesprochen fuehlt, seid ihr es auch: Riesiges Danke ♥

re:publica — Erstes Zwischenfazit

So, nun einmal chronologisch.

Anfang

Wieder mal die zur Gewohnheit gewordenen Endlosschlangen vor der Registrierung, da trotz zweier Barcodes auf den Tickets immer noch nicht maschinenunterstuetzt abgefertigt werden kann und auch die Schlangen nicht mit Gurt-Bandsystemen oder aehnlichem in geordnete Bahnen gelenkt werden koennen.

Die Keynote von Peter Glaser hat mich gespalten hinterlassen. Der Text war zweifelsfrei gut, den Vortragstil aber beschreibt @lachgas treffend:

Waere ein schoener Blogtext gewesen. Als Vortrag aber? Schade.

Revolution without Revolutionaries

Die eigentlich gar nicht existenten Twitter Revolutionaries: Gleichermassen nett wie treffend. Der Ausdruck sei vollkommen overrated, saemtliche Medien stuerzten sich auch in den unpassendsten Situationen auf Twitterer, um sie nun zu grossen Helden der Revolution hochzustilisieren. Diese erwartungsvolle Haltung locke nun auch Investoren und Finanziers fuer thematisch verwandte Projekte, was zu Dilemmata fuehre: Erstens fliesse nun zwar Geld, aber nicht zwangslaeufig in die richtige Richtung. Zweitens stuenden auch die digitalen Aktivisten vor der schwierigen Frage, ob sie lieber finanziell schlecht ausgestattet, dafuer aber definitiv unabhaengig, oder gut finanziert aber potenziell in ihrer Neutralitaet gefaehrdet sein wollen. Schoenes Zitat: „Give the[ activists] cheap tools to document government brutality“. Diretto? 😉

Praktische Antizensur (scusiblog)

War fuer 1215 angekuendigt, fing dann aber erst um 1230 an, weil Alvar und Florian erst noch den WRT mit aktiver DNS-„Sperre“ nach daenischem Provider-Original-Config-File einrichten mussten. Was dann eh fuer die Katz war, da wir nur zu sechst oder so da sassen und nur einer sein Netbook offen hatte, um festzustellen, dass das „censored.net“ gar nicht gefunden werden konnte. Trotz der darauf folgenden Wechslerei zwischen Impress, Shell und Browser war’s ein netter Rundgang durch die verschiedenen Sperrmechanismen vom geaenderten DNS-Eintrag ueber IP-Sperren bis hin zu den hochgepriesenen Hybridsperren und ihren Umgehungsmassnahmen. Was dann mit alternativen DNS-Servern, VPNs und HTTPS-Proxies in der Regel wenig spektakulaer war.

Aufgefallen: Viele „Geht ja gar nicht“-Argumente stimmen bei genauerer Betrachtung nicht. Natuerlich kann ein repressives Regime HTTPS unterbinden, um den Leuten anonyme Proxies zu verwehren. Die dann ausfallenden Banking- oder Firmenwebsites muessen dann eben auf eine Whitelist, und schon beschwert sich kaum einer mehr. Genauso auch das Argument, die Sperrhardware fuer Deep-Packet-Inspection muesste jedes Jahr verdoppelt werden, da der Traffic exponentiell ansteige — Moores Law gilt natuerlich auch fuer die Hardware, auf der Sperren laufen. Diese Punkte der Debatte scheinen fuer mich etwas stark vereinfacht, was irgendwann einmal zu Erklaerungsnoeten fuehren koennte.

Insgesamt aber eine nette Session in angenehmer Atmosphaere mit unerwarteten Einsichten — dass z.B. doch jeder einen Proxy anbieten koenne oder sogar solle, dass Alvars Insert Coin damals massiv von Surfern aus dem arabischen Raum auf der Suche nach Pornographie genutzt wurde, und dass Google Translate eigentlich auch ein feiner Proxy ist, wenn man z.B. deutsche Seiten von daenisch nach Englisch uebersetzt (probiert’s mal aus.)

Street Photography bzw. Udo Vetter

Wollte ich mir eigentlich ansehen, weil Wlada das bei byt macht und ich die Idee interessant fand. Vorab hatte ich extra nochmal per Mail angefragt, wie das denn ablaufen wuerde, ob ich meine Kamera braeuchte (hatte ich zuhause gelassen), etc. — ausgehend von der Antwort war ich davon ausgegangen, dass ich zumindest am Mittwoch zuhoeren koennen wuerde, wenn auch nicht aktiv am Workshop teilnehmen. War aber nicht so — die Teilnehmerzahl war auf 15 beschraenkt, und wer keine Kamera dabei hatte, wurde hinauskomplimentiert. Alternativ also ein wenig bei Udo Vetter zugesehen und erschreckt festgestellt, dass gefuehlte relativ grosse Teile des Publikums die banalsten Copyrightfragen offenbar als grosse Neuigkeiten auffassten. Jedenfalls, wenn man Twitter glauben darf.

mixd.tv statt Kathrin Passig

Eigentlich wollte ich nun „Wie man Leuten nichts beibringt“ ansehen, der Workshop 2 war aber schon 10 Minuten vorher hoffnungslos ueberfuellt. Wie sich hinterher rausstellte, war das ganz gut, denn erstens war der Vortrag wohl doch nicht so der Brueller, zum anderen habe ich so mixd.tv gesehen, und das ist nun schon nett gewesen.

Das Ganze ist sowas wie ein Desktop-Client, mit dessen Hilfe man Favoritenlisten von Youtube-, vimeo- und sonstigen Videos erstellen kann, die man dann auch mit anderen teilen und abonnieren kann. Die Videos werden dann automatisch „auf der Festplatte gecacht“, wie das schoen umschrieben wurde, und stehen auch offline zur Verfuegung. Ueber verschiedene Plugins (genannt „Magnets“) koennte man dann beispielsweise als Uni eigene Kanaele bereitstellen, oder aber auch die Videos der Mediatheken oeffentlich-rechtlicher Rundfunksender verwenden — und sie so ueber die Sieben-Tage-Grenze hinweg digital aufzubewahren.

Da ein arte-Mitarbeiter und offenbar auch noch diverse andere Leute aus der Verwerterecke zugegen waren, gab es hier mehrmals hitzige Diskussionen ueber Urheberrecht und juristische Probleme, was durch die (sicher unabsichtlich) etwas herablassend wirkende Moderation des Referenten noch gesteigert wurde, der Rechtsbruch im Namen der Innovation konsequent rechtfertigte und immer wieder den Vergleich mit dem Videorecorder oder VDR anstrengte. Nettes Zitat: „Wahrscheinlich war es juristisch hoechst unzulaessig, dass der Kolumbus damals so weit nach Westen gefahren ist.“ Naja.

Ich fand das irgendwann etwas akademisch: Solange arte z.B. seine Inhalte zum Streaming bereithaelt, wird auch irgendjemand die Moeglichkeit haben, ein mixd-Plugin zu schreiben, das eben diese Streams abgreift und auf der Festplatte speichert. Das mag unzulaessig sein, aber wenn der Markt das verlangt, wird es das wohl auch geben. Und dass arte sich furchtbar bemuehen musste, ein Lizenzmodell fuer ein Streamingangebot auf einem streamingfaehigen Fernseher juristisch zu rechtfertigen, ist fuer mich in erster Linie ein Argument dafuer, dass das Lizenzmodell am Arsch ist.

Nicht zuletzt: Wenn ich irgendwo bei den Oeffentlich-Rechtlichen was zu sagen haette, wuerde ich mixd kaufen. Weil genau so ein Tool fuer mich auch endlich den Mehrwert bieten wuerde, fuer den ich freimuetig, ohne Reue und ohne zu zoegern Rundfunkgebuehren bezahlen wuerde — im Gegensatz zum momentanen Unverstaendnis, warum ein Telefon gebuehrenpflichtig sein soll.

35mm-Videographie

Der Vortrag im Stil wieder wie im letzten Jahr. Also immer wieder herumschalten zwischen Slides, VLC und (sporadisch funktionierendem) Internet. Dafuer interessante Diskussionen, ob „schoene Bilder“ nun auch einen guten Nachrichtenbeitrag implizieren, wie sich unsere Sehgewohnheiten durch Youtube und HDTV veraendert haben, und ob die Demokratisierung der HD-Videoproduktionsmittel durch erschwingliche HD-videotauglichen Fotokameras ueberhaupt auch die Demokratisierung des Web-Videos mit sich bringe (Fazit: Weiss man nicht.)

Definitiv blieb bei mir aber wieder der Eindruck haengen, dass es „beim deutschen Webvideo“ mittlerweile nicht mehr nur hauptsaechlich an der technischen Qualitaet mangelt, sondern in erster Linie (und teilweise furchtbar schmerzlich) an gutem Storytelling. Und nachdem ich mich schon freuen durfte, dass es ein Vidcamp in Muenchen geben wird, wuerde ich mich auch ueber eine thematische Aufbereitung dort freuen.

Ansonsten hier mal wieder neue Leute getroffen, denen ich gleich followen musste. Der drei-Kameras-simultan-Aufbau da oben gehoert @icedsoul, und ich habe vollkommen uebersehen, dass Beetlebum im Publikum sass!!!1eins

Auf der Überholspur zum Stoppschild

Linguistische Aufbereitung der Internet-Metaphern durch MaHa, gewohnt unterhaltsam. Interessant die Frage, wie man als „Internet-Community“ selber entsprechend konnotierte Metaphern fuer ungewuenschte Dinge entwickeln und lancieren kann (analog zum „Nacktscanner“). Und abschliessend der Aufruf aus dem Publikum, man moege doch nicht alle Verwerter als „contentmafia“ in einen Topf stecken.

Abendprogramm

Lobo: Ging so.  Twitterlesung: War letztes Jahr besser, bis auf die englischen Tweets von Jeff Jarvis.