Archiv für den Monat: März 2010

Aussagenloses Beweismaterial

Es sind Geschichten wie diese, die mich an der Objektivitaet von Exekutive und Judikative zweifeln lassen: Einem 32jaehrigen Freiburger geht ein Strafbefehl zu, weil er im Rahmen der Anti-Nazi-Demonstrationen am 1. Mai 2009 einen Polizisten verletzt haben soll. Landfriedensbruch, so der Vorwurf, ein Strafbefehl ueber 600 EUR war dem Studenten bereits zugestellt worden.

Der wehrte sich und zog vor das AG Ulm. Der dortigen Richterin Katja Meyer genuegten zusaetzlich zu den polizeilichen Aussagen aber zwei Videoschnipsel, insgesamt „geschaetzte fuenf Sekunden lang“, um den 32jaehrigen schuldig zu sprechen — und das, obwohl auf den Sequenzen laut Verteidiger Oberhaeuser keine Gewalt seitens des Angeklagten zu erkennen war.

Der Kommentar von Rudi Kuebler in der SWP scheint demnach das einzige zu sein, bei dem man von Faeusten aufs Auge sprechen koennte.

Wie in Deutschland Entscheidungen gefaellt werden

Ich habe leider nur ein paar Mal in den Stream des pc10 reinsehen und -hoeren koennen, aber neben des Umstandes, dass in erster Linie ueber den Status Quo und kaum ueber Zukunftsvisionen diskutiert wurde, fiel mir ein Grundtenor immer wieder auf: Entscheidungen werden hinter verschlossenen Tueren gefaellt und „leaken“ erst dann, wenn die Sache quasi schon gegessen ist.

Jetzt koennte man das allein auf Netzthemen beschraenkt vermuten, und tatsaechlich findet man diese intransparente Entscheidungsfindung beispielsweise bei ACTA oder dem JMStV. Dem ist aber  nicht so.

Ich sass vergangenen Montag in einem Interview mit Prof. Michael Hoffmann und habe ihn zu seiner Sicht des Europaeischen Qualifikationsrahmen befragt. Wir sind dabei aber mehrmals zu Bologna und den Entscheidungsfindungsprozessen abgeschweift.

Jetzt muss ich sagen, dass ich seit einigen sehr interessanten und ausfuehrlichen Gespraechen mit Politikern und Ex-Politikern vieler Parteien im letzten Wahlkampf einiges gehoert habe, was mich Hoffmanns Story fuer 100% plausibel und alltaeglich halten laesst. Wenn  man solche Themen einmal bei einem Politcamp o.ae. ansprechen wuerde, koennte man vielleicht der vielbeklagten Politikverdrossenheit eher auf die Spur kommen.

Money Quotes folgen:

Da ist [..] eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden zur Umsetzung. Die werden durch einige wenige Leute geleitet — und da kommt jetzt etwas zum Tragen, was eigentlich für die Bildungspolitik in Deutschland typisch ist, und was uns auch die ganzen Probleme beim Bologna-Prozess beschert hat: Darüber entscheiden einige wenige Leute, die weder parlamentarisch kontrolliert, noch durch irgendwelche Interessensverbände legitimiert sind . Das wird einfach von denjenigen entschieden, und wie die Information jetzt weitergegeben wird, ist ganz in deren Entscheidungskraft.

[…] Ich habe das eigentlich erst so richtig wahrgenommen im vorigen Jahr bei einer Feier „10 Jahre Bologna“. Da hat einer der beiden, die für Deutschland das Bologna-Dokument unterschrieben haben, das war ein damaliger Staatssekretär namens Catenhusen, eine Tischrede gehalten und hat uns dann erklärt, wie das funktioniert hat. Der hat gesagt, er war beauftragt, zusammen mit einem Kollegen der Länder das zu unterschreiben, und dann hat er gesagt, damit mir niemand reinredet, hab ich die ganzen Unterlagen bei mir zu Hause im Schreibtisch eingesperrt, bis unterschrieben war.

[…] Das sind ganz wenige Leute, die darüber entscheiden. Jetzt bei der Umsetzung des DQR sind das andere als bei Bologna, aber wenn ich „die“ sage, dann meine ich ein paar fast anonyme Menschen, von denen man kaum herausbekommt, wer jetzt wirklich das Sagen hat.

Und Teil 2:

Die Macher in dem Prozess schicken am Tag vor der Kultusministerkonferenz die Entscheidungsvorlagen als PDF-Dateien in die Ministerien,  in der Größenordnung von mehreren 100 Seiten, und sagen dann, Änderungswünsche bis morgen neun Uhr. Und ansonsten wird das so als Entscheidungsgrundlage zur Abstimmung in die KMK gebracht.

Die meisten Minister wissen davon gar nichts. […]

Ich war mit einem Gespräch mit Minister Pinkwart in NRW, und wir hatten die ganze Problematik angesprochen. Vier oder fünf Tage später sollte eine Vorbereitungskonferenz sein […] Dann  fragte Pinkwart, wer geht denn von uns zu dieser Vorbereitungskonferenz? Betretenes Schweigen. Niemand. Sagt er, wieso nicht? Haben die gesagt, da ist sowieso schon alles entschieden, da haben wir keinen Einfluss mehr. Dann ist der explodiert. Der hat seinen Staatssekretär so klein mit Hut gemacht während der Besprechung. Weil er damals erstmalig erfahren hat, wie Entscheidungen für die KMK vorbereitet werden. Mit anderen Worten, ich habe miterlebt, dass ein zuständiger Minister erst im Gespräch mit uns erfahren hat, wie die ganzen Entscheidungen zustande kommen, und die Entscheidungsvorlagen. Der Minister kennt die Vorlagen nicht. der geht davon aus, dass seine hochgestellten Sachbearbeiter das schon richtig gemacht haben.

Ein vollstaendiges Interview wird voraussichtlich in der Geruechtekueche 1/ss2010 erscheinen.

//edit: Das war versehentlich Kopierpastete aus dem ungeschliffenen Transcript. Korrigiert und einzelne Passagen hervorgehoben.

Im Soziallabor

Keine Ahnung, wie wir darauf kamen. Jedenfalls sassen Eridy und ich abends nach einer Besprechung im BECI und hatten die spontane Idee, endlich auch selbst einmal Chatroulette auszuprobieren. Also diesmal so richtig, nicht nur mal anklicken und nach drei Bildern angeekelt die Seite schliessen. Das ist aber gar nicht so einfach, also jetzt nicht wegen ekeliger Chatpartner, sondern weil wir dann schliesslich jemandem aus Duesseldorf gegenueber sassen und keine Ahnung hatten, was wir nun tun sollten. Antiklimax pur.

Vielleicht haetten wir vorher das Chatroulette-Video von Casey Neistat ansehen sollen:

chat roulette from Casey Neistat on Vimeo.

Es musste also eine Inszenierung her. Wir wuerden dann wissen, was wir ueberhaupt vor der Kamera machen sollen. Und unsere Gegenueber wuerden uns zwei Kerle nicht sofort nexten. Und naja, irgendwie waren wir uns recht schnell einig, wie wir das angesichts unserer Hautfarben loesen koennen wuerden.

Die Reaktionen waren umwerfend komisch. Genextet wurden wir zwar immer noch, aber bei so etwa jedem zweiten sah man, kurz bevor das Gegenueber verschwand, die Gesichtszuege entgleisen, wenn das Signal der Augen in der Grosshirnrinde ankam. Vom Rest gab es Lacher, thumbsup und kurze Unterhaltungen. Wir haben dann Variationen eingefuehrt: Erre sitzt allein da, und auf einmal lehnt sich von hinten rechts die Kapuze ins Bild. Oder umgekehrt. Wir haben Gangsta-Rap-Posen und -Moves inszeniert, uns die „Rappin Klansmen“ genannt und insgesamt mindestens 15 Minuten lang mehr Spass gehabt, als ich vorher vermutet haette.

Hinterher ist mir dann auch klar geworden, was ich prinzipiell so faszinierend an Chatroulette finde. Es ist eigentlich etwa dasselbe, was mir schon immer beim Reisen in Bezug auf Hostels* aufgefallen ist: Man trifft wildfremde Menschen, erlebt irgendetwas gemeinsam mit ihnen — und dann sind sie weg, und man trifft sie nie wieder. Ich kann dieses Gefuehl schlecht beschreiben, aber es gefaellt mir wahnsinnig gut.

Ich muss mir dann mal neue Ideen fuer Chatroulette-Shows ausdenken.

* mit Ausnahme von HI-Hostels. Vielleicht habe ich eine schlechte Quote erwischt, aber ich war in bisher drei (+ einmal DJH) gewesen, die alle vergleichsweise furchtbar langweilig waren.

Fruehlingsmusik!

Okay, auf diesen Artikel musste ich wirklich lange warten — vorbereitet war der ja schon seit es Ende Februar so aussah, als wuerde es nun endlich Fruehling. Aber jetzt ist das endlich soweit, und deshalb kann ich jetzt ordentlich youtuben. Nicht erschrecken, das wird jetzt etwas anders, als gewohnt — aber passend zum Fruehling.

Toll, nicht? Besonders die „Oh happy we“-Stellen (ab 1.20 und 2.47) passen irgendwie optimal zu sonnigen Fruehlingstagen. Wer von dem Thema nicht genug bekommt, dem sei die Aufzeichnung der Candide-„Live on Broadway“-Inszenierung von 2005 empfohlen.

Die kann man sowieso nur empfehlen, weil dort Kristin Chenoweth ihre zwischen Betty Boop und Koloratursopran liegende Stimme voll ausspielt, und Patti LuPone die vermutlich beste vorstellbare „Old Lady“ gibt.

Videobeweis:


Die komplette Inszenierung gibt es zum einen auf Youtube, beginnend hier, und auch unterbrechungsfrei auf DVD (Partnerlink).

Strassenbahnvideos

Manchmal fasse ich mir ja schon an den Kopf.

Grundsaetzlich: Ich find’s richtig gut, wenn Journalisten einfach mal drauflos experimentieren und Zeug ausprobieren. Dabei kommt oft auch irgendein Unsinn heraus — das ist aber ueberhaupt nicht schlimm, sondern gehoert dazu. Fehler sind dazu da, gemacht zu werden, damit man daraus lernen kann.

Wenn man herausbekommt, dass irgendetwas nicht so berauschend ist, sollte man das aber halt nicht unbedingt nochmal machen. Als vor einem Jahr die Strassenbahnerweiterung nach Boefingen eingeweiht wurde, hat die SWP ein Video gemacht: Die gesamte Fahrt von der Donauhalle nach Boefingen und zurueck. Aus dem Fahrerfenster gefilmt. Zehn Minuten lang.

Okay, ist gemacht, kein Problem. Kann man sich drueber amuesieren, passt.

Dann aber heute, zum einjaehrigen Jubilaeum noch ein Video nach genau demselben Strickmuster zu machen — das ist dann doch etwas krass. Finde ich.

Schlechte Designs ueberdauern

Stolz bin ich ja nicht auf dieses Machwerk, aber irgendwie fand ich’s gerade schon unterhaltsam, dass der Notfall-OP-Kurs fuer Rettungsmediziner immer noch das Broschuerenlayout verwendet, das ich vor fuenf Jahren als Zivi der Uniklinik entworfen hatte. Mit Sicherheit kann ich’s zwar nicht mehr sagen, aber unter Umstaenden ist das sogar noch eines der Fotos, die ich damals extra dafuer zusammen mit Rosa von der Fotozentrale gemacht hatte. Puh…

Aktuell: Hosentaschenkamera

Nur so kurz zwischenrein: Ich habe mir ja vor ein paar Wochen die Kodak Zi6 recht guenstig gekauft, um eine immer-dabei-Videokamera mit HD zu haben, und sie hat sich bislang auch beim Poetry Slam relativ gut bewaehrt. Einzige Mankos aus bisherigen Erfahrungen: Nicht schlechtwettertauglich (wie bei dem Schneetreiben neulich festgestellt) und es gibt keine Anschlussmoeglichkeit fuer ein Netzteil.

Beides soll die Zx1, ebenfalls von Kodak, beheben. Das Teil ist spruehwassergeschuetzt (IP 43) und hat auch eine Hohlsteckerbuchse, um das Teil ueber laengere Zeit mit Saft versorgen zu koennen. Das allein waere kein Grund, das hier breitzutreten, aber bei Amazon gibt es die Kamera (samt Fernbedienung!) als „Deal der Woche“ fuer 69 EUR, (Partnerlink) was nur ganz wenig mehr ist, als ich fuer die Zi6 bezahlt habe.

Vielleicht ist das ja also etwas fuer den einen oder anderen 😉

Der rechtsfreie Raum. Teil n+1.

Es ist offenbar fuer viele Politiker schwierig, das Internet zu benutzen, ohne die dort aufgewachsenen zu vergraetzen. Da schickt das Sekretariat Martin Doermann beispielsweise ausgerechnet eine Einladung zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Internet an fachkundige 300 Leute — aber nicht ueber BCC, sondern offen im Adressfeld.

Das ist kein Einzelfall. Die Ulmer Gruenen-Stadtratsfraktion schien fuer mich bisher immer positiv aus der Masse herauszustechen, haben sie zusaetzlich zu ihrer regelmaessig gepflegten Website anscheinend auch eine Facebook-Fansite (die ich aber nicht finde), und sind mit dem etwas irrefuehrenden Namen „RathausUlm“ auch bei Team-Ulm und Twitter unterwegs.

Vor diesem Hintergrund war ich dann etwas erstaunt, als ich auf einmal den Rundbrief der Ulmer Rathaus-Gruenen bekam. Im ersten Moment dachte ich, dass der vielleicht ueber eine der Uni-Mailinglisten gekommen war, ein Blick in den Header verriet aber, dass die Mail offenbar direkt an mich adressiert war. Kein Problem, kann ja mal passieren, einfach den Abmeldelink anwaehlen und gut ist — wenn es denn eine Abmeldefunktion gaebe. Und ich dachte immer, das sei abmahnfaehig 🙂

Ich habe es mir dann nicht verkneifen koennen, eine abgeschwaechte Version des T5F als Auskunftsersuchen an den Absender zu schicken, um herauszufinden, woher denn die Daten kommen, und mitzuteilen, dass ich keine Newsletter mag. Angereichert mit dem dezenten Hinweis, dass der Gruenen-Rundbrief nicht so ganz den rechtlichen Anforderungen genuege und man doch die Hinweise von eco zu Onlinemarketing beachten moege, das Internet sei schliesslich kein rechtsfreier Raum, zwinker zwinker.

Folgende Antwort bekam ich zurueck:

Sehr geehrter Herr Kaufmann,

ein sehr interessanter Aspekt, den Sie ansprechen! Seit mehreren Wochen bekommen wir Ihre E-Mails, die eigentlich an die StuVe der Uni Ulm adressiert sind, in Kopie ungefragt ins Haus. Die Rechtslage ist uns bewusst, gilt für Sie aber ebenfalls, oder?

Daher wählten wir den unkonventionellen Weg, darauf aufmerksam zu machen….

Freundliche Grüße,

[…]

Ich muss zugeben, dass ich im ersten Moment so perplex war, dass ich tatsaechlich meine letzten Mails an die StuVe-Mailingliste durchgesehen habe, nur um sicherzustellen, dass ich nicht im Suff die Gruene Rathausfraktion ins CC genommen habe. Zu meiner Erleichterung war das aber nicht der Fall.

Blieb eigentlich nur die Option, dass die Gruenen sich selber auf die Liste gesetzt haetten und nun der Ansicht waren, einen Gegenschlag im universitaer-stadraetischen Cyberwar zu fuehren. Ich habe also dezent darauf hingewiesen, wie man Mails mit „[StuVe]“ im Betreff und dem typischen Mailinglistenheader erkennen und die notwendigen Schritte zur Abmeldung unternehmen kann. (Ganz nebenbei war an dieser Stelle auch meine Geduld am Ende.)

So einfach war es aber dann doch nicht. Der verantwortliche Gruenen-Stadtrat versuchte sich herauszulavieren, nachdem parallel auch die halbe FS-ET dabei war, Auskunftsformulare abzusenden, und nebenbei stellte sich heraus, dass eben dieser Stadtrat zwar seit Jahren mit seiner privaten Mailadresse subskribiert war, nicht aber die Fraktionsadresse. CC an die Adresse der Gruenen Fraktion gab es offenbar genau eine Mail, betreffend die geplante Tiefgarage, versandt am 17. August 2009.

Woher die ganzen privaten Mailadressen kamen, wie es die Gruenen schafften, sich die StuVe-Liste auf eine Dienstadresse zu abonnieren und warum sie den dort Aktiven „als Strafe“ ihren Newsletter schickten, anstatt sich einfach abzumelden, bleibt unklar — ein Interesse, herauszufinden, was genau passiert ist, scheint bei den Gruenen nicht gegeben zu sein.

Und auch ein Einsehen, dass das eine Scheissaktion war, ist nicht erkennbar:

sieh es als einmalige Übertretung, sachließlich ist Porovkation auch ein Weg…

Addendum: Der Artikel war noch im Entwurfsstadium, als HeBu die Geschichte noch ein wenig erweitert hat — der bekam naemlich schon im November ungefragt E-Mails und auf Anfrage die folgende Antwort:

„[…] wir nehmen jedoch an, dass öffentlich und nicht als „BCC“ eingetragene Empfänger von an uns gerichteten E-Mails in der Regel zustimmen, Infos zum selben Thema zu erhalten. Die Annahme ist sicherlich nicht allzu weit hergeholt.“

Manchmal juckt’s mich dann doch in den Fingern, die dunkle Seite zu beschreiten und strafbewehrte Unterlassungserklaerungen einzuholen…

Sehr geehrter Herr Kaufmann,

ein sehr interessanter Aspekt, den Sie ansprechen! Seit mehreren Wochen bekommen wir Ihre E-Mails, die eigentlich an die StuVe der Uni Ulm adressiert sind, in Kopie ungefragt ins Haus. Die Rechtslage ist uns bewusst, gilt für Sie aber ebenfalls, oder?

Daher wählten wir den unkonventionellen Weg, darauf aufmerksam zu machen....

Freundliche Grüße,

Michael Joukov.