Das Sendestudio, nicht nur im Rucksack

Bevor jemand meint, die Idee des direkt uebertragenden Fotografensystems sei bereits wieder gestorben: Ist sie nicht. Wir sind nur gerade noch nicht so ganz sicher, welchen Weg wir einschlagen sollen.

Auf der Zugfahrt nach Koeln und zurueck hatte ich neben der Korrektur von Uebungsaufgaben auch Zeit dafuer, mir die Aufzeichnungen einiger 26C3-Vortraege anzusehen, unter anderem die Nachbereitung der „Ereignisse des 12.9.“, und mir gefiel, was ich da sah. Also natuerlich nicht, nochmal aus unzaehligen Blickwinkeln Polizeigewalt zu sehen, sondern dass die Idee eines direkt uebertragenden Dokumentationssystems gut zu sein scheint. Neben dem FSA-Vortrag klang fuer mich auch im Street-Photography-Vortrag des dpd-Fotografen und dem spassig-peinlichen Unbild-Projektvortrag der Wunsch mit, manchmal auch mal direkt alle Fotos in Sicherheit zu bekommen, ohne eine Beschlagnahme befuerchten zu muessen.

Mit diesen Erkenntnisen begann aber noch einmal das Gruebeln, denn auch bei einem Feuerwehreinsatz neulich fielen mir einige Punkte auf, die ich vorher nicht bedacht hatte, und die die Umsetzung nicht einfacher machen werden:

  • Es ist sehr schwierig, zeitliche und raeumliche Ablaeufe im Nachhinein zu rekonstruieren, wenn nicht sofort mitprotokolliert wird, besonders wenn neue Ereignisse dazukommen, die der Aufmerksamkeit beduerfen.
  • Schriftliche Dokumentation erfordert die volle Aufmerksamkeit und nimmt Zeit in Anspruch.
  • Muendliche Dokumentation funktioniert relativ gut, wenn (mit Zeitcode) mitgeschnitten wird oder die Einsatzbegleitung (der Feuerwehr) die Meldungen mit Zeitstempel sofort ins Einsatztagebuch transkribiert.
  • Ich hatte den Eindruck, dass insbesondere bei der FSA-Aufarbeitung die Videoaufzeichnungen deutlich wertvoller waren, um schnelle Handlungsabfolgen nachvollziehen zu koennen. Bei Fotos waeren hier Serienbilder notwendig, um die Abfolge erkennen zu koennen.
  • Wenn ich Andy Mueller-Maguhn richtig verstanden habe, waren auch die Audiospuren der Filmaufzeichnungen im Nachhinein relativ wertvoll. Hier war man aber offenbar vielfach verleitet, auf die Audiospur die eigene Interpretation der Handlungen aufzusprechen, die mangels Ueberblick ueber die Gesamtsituation quasi immer vorurteilsbehaftet ist.

Da das Ganze nun als diretto im Rahmen unseres Anwendungsfaches umgesetzt werden soll, muessen wir uns jetzt anhand dieser Bedingungen erst einmal gut ueberlegen, was unsere Implementation am Ende koennen soll. Was ich mir so ueberlegt habe:

  • Zeitsynchronisierung, um auf jeden Fall immer korrekte Zeitstempel in allen Medien zu haben
  • Uebertragung beliebiger (vorerst einmal nicht gestreamter) Medien, was die Bandbreite hergibt, an ein Lagezentrum oder externe Speicher (Text, Bild), samt Metainformationen (Ort, Zeit, Ausrichtung, Prioritaet)
  • eventuell auch das Setzen von Cue-Punkten (Kamera ein, Kamera aus)
  • Vorausschauende Unterstuetzung von Smartphones, ohne momentan sonderlich viel Zeit darauf zu verwenden, da die Kameras immer noch zu schlecht sind und die Uebertragungsmoeglichkeit per MMS oder UMTS unkritisch ist
  • Spaetere Verfeinerung von Medien, bei denen Aufnahmeort und -Zeit nicht ganz sicher sind (vor Ereignis X, nach Ereignis Y)
  • Verschlagwortung der einzelnen Medien

…und letztendlich stellt sich nun auch die Frage, in welche Richtung das Ganze gehen soll. Meine urspruengliche Idee drehte sich ja nur darum, die Daten sicher zu verteilen, entweder per Ad-hoc-WLAN-Meshrouting oder per UMTS — der jetzige Entwurf laesst das konkrete Endgeraet aber erst einmal links liegen und fokussiert sich hauptsaechlich auf die Datenhaltung, um sowohl live als auch in der Nachbereitung Zusammenhaenge feststellen zu koennen.Benni haengt sich nun schon seit Wochen voll rein, um gerade dieses System hinzubekommen und ruft mich auch schon einmal Mitternachts an, weil er fuerchtet, gescoopt worden zu sein — und ich versteife mich dann wieder auf Detailfragen und Ideen, wie das Rucksackgeraet nun aussehen koennte.

Am Montag muessen wir den Projektvorschlag einreichen — mal sehen, was es im Endeffekt wird 😉

6 Gedanken zu „Das Sendestudio, nicht nur im Rucksack

  1. Claus

    Also ich wĂŒrde ja in die Cam eine WLAN-SD-Karte stecken, in den Rucksack ein Netbook mit GPS, UMTS und WLAN (als Accesspoint) und der Rest ist dann nurnoch Softwarebastellei. Netbooks gibts ja inzwischen mit realistischer 10 Stunden Laufzeit…

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    1. stk Beitragsautor

      Ja, so dachte ich das anfangs auch. Selbst _der_ Teil ist aber dann doch ein wenig komplexer, wenn man laenger drueber nachdenkt. Demnaechst mehr dazu 😉

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  2. Pascal

    @Claus Vermutlich wÀre, angesichts eines möglichen Wasserwerfer- und Schlagstockeinsatzes, dann aber noch ein entsprechend robustes GehÀuse notwendig?! Das Teil soll ja gerade in kritischen Situationen funktionieren.

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  3. Flo

    „Spaetere Verfeinerung von Medien, bei denen Aufnahmeort und -Zeit nicht ganz sicher sind (vor Ereignis X, nach Ereignis Y)“
    In dem Zusammenhang könnte es evtl sinnvoll sein einen GPS trace des Reporters aufzuzeichnen. Der kann entweder auch gesendet werden oder wird spĂ€ter offline mit den gesammelten Daten zusammengefĂŒhrt und könnte hilfreiche Informationen zur Rekonstruktion von Eventabfolgen bieten.

    ciao
    Flo

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