Dag van Cuijk: Mit Ach und Krach zur Via Gladiola

Freitag, 24. Juli 2009. Ich liege morgens im Bett und ueberlege mir ernsthaft, ob ich ueberhaupt aufstehen soll. Die ganze Nacht lang hat mein linkes Knie und das rechte Schienbein geschmerzt, und beim Toilettengang fuehlte sich das Knie an, als staechen tausend Messer von der Seite hinein. Andererseits bin ich nun schon 150 Kilometer gelaufen, und wenn ich den heutigen Tag — egal wie — ueberstehe, winkt das Viertageskreuz. Also noch einmal aufraffen.

Am Start treffen wir einen Laeufer aus Sachsen-Anhalt, der heuer das dreizehnte Mal mitlaeuft. Der meint, ich solle einfach draufloslaufen, die Schmerzen ruecken dann irgendwann in den Hintergrund. Genau das passiert auch. Auf den ersten 500 Metern lenken uns wieder die Nachtschwaermer mit Applaus ab, danach trenne ich mich wieder von Christian, da sein (ebenfalls laediertes) Knie noch belastbarer scheint. Wieder geht es durch das Gewerbegebiet in Richtung Sueden, nur sind dieses Mal tatsaechlich auch vereinzelt Zuschauer an der Strecke, die mit Beschallung und Discolichtern anfeuern.

Die ersten zwei Stunden kann ich mich prima ueber eine Gruppe blutjunger britischer KadettInnen ablenken, die schweinische Strophen zum besten geben:

Gesang von allen: „I used to work in Chicago in a large department store / I used to work in Chicago but I don’t work there any more“

SoldatIn: „One day, a lady came in for some nails!“

Alle: „Nails from the store?!“

SoldatIn: „Nails she wanted, a screw she got!“

Alle: „Yaaaaaay!“

SoldatIn: „…I don’t work there any more“

So geht das dann reihum, bis keinem mehr irgendwas versautes einfaellt, danach kommt dann „Lady in Black“, und so kaempft man sich durch. In der Morgendaemmerung ueberholt uns ein Politie-Fahrzeug mit Blaulicht, und aus der anderen Richtung faehrt eine Ambulanz mit Sondersignal vor: Ein Soldat einer anderen britischen Gruppe war zusammengebrochen und muss vom Rettungsdienst versorgt werden.

Direkt nach der Bruecke pausiere ich das zweite Mal und muss wieder mit meinem Knie kaempfen. Sobald ich einige hundert Meter laufe, spuere ich kaum mehr Schmerzen, nach jeder Pause fuehlt sich das Anlaufen aber an wie tausend Messer im Knie. Ein ehemaliger Versorger der US-Armee, mit dem ich mich bei der Pause unterhalten habe, bekommt Mitleid und gibt mir eine 400er-Ibuprofen mit, die ich mir fuer das letzte Stueck am Nachmittag aufbewahren will.

Die kommende Strecke ist unspektakulaer. Ich pausiere wenigstens einmal stuendlich und lege die Beine hoch, zwischen Overasselt und Nederasselt regnet es einmal kurz, ansonsten bleibt es — trotz angezeigter Unwetterwarnungen — trocken und sonnig. In Grave bin ich erleichtert, als ich mir ausrechnen kann, dass ich trotz vieler Pausen insgesamt im Schnitt 4 km/h zurueckgelegt habe. Wenn das so weitergeht, bin ich noch vor 1700 Uhr im Ziel, also eine gute Stunde vor Schluss der Zielregistrierung.

Zwischen Grave und Beers teilen wir uns die Strecke mit den Militaers, und die sind eine willkommene Ablenkung von den Knieschmerzen. Ich ueberlege mir schon, einfach nichts mehr zu trinken, weil das Anlaufen nach jeder Pinkelpause die pure Hoelle ist. „Push! Push! Push a little harder!“ presse ich mantraartig zwischen den zusammengebissenen Zaehnen hervor, einmal eine ganze Stunde lang am Stueck, um mich weiterzutreiben. Dann ist endlich Beers in Sicht, und alle englischsprachigen Militaergruppen posieren fuer Gruppenbilder vor dem mittlerweile mit unzaehligen Truppenaufklebern verzierten Ortsschild.

Zum zweiten Mal fuer heute muessen wir 50er nach Beers noch einmal fuenf Kilometer auf uns alleine gestellt marschieren, bis wir im Hauptort der heutigen Etappe, Cuijk, ankommen. Wie schon die vergangenen Tage donnern immer wieder Jagdflieger in tiefer Gangart ueber unsere Koepfe, heute ueberfliegt uns ausserdem ein AWACS-Flugzeug im tiefen Langsamflug. Ganz schoen beeindruckend. (Video von irgendeiner Bundeswehrkompanie)

Ich schleppe mich in Richtung Cujk, mittlerweile muss ich alle 30 Minuten Pause machen. In Cujk ist die Hoelle los: Die Marschroute geht durch ueber die Strasse gebaute Bierzelte(!), vorbei an jubelnden Menschenmassen. Dieser Tag gehoert uns allen, die noch dabei sind: Der Marschierer aus Sachsen-Anhalt hatte uns erzaehlt, dass man heute quasi alles machen kann und dafuer beklatscht wird: Polonaise durch Cujk, Leuten das Bier wegnehmen, egal. Es geht in Richtung Maas und riesiger Zuschauertribuenen und Livemusik, bevor es ueber eine militaerische Rollstrasse zur Pontonbruecke der Landmacht ueber den Fluss geht. Manche Laeufer sind morgens angeblich so schnell, dass sie an der Maas ankommen, bevor die Bruecke fertig aufgebaut ist. Ich gehoere definitiv nicht dazu, von den 50ern liege ich mittlerweile im hinteren Drittel.

zuschauer

Direkt nach der Maasueberquerung beschliesse ich, den Hulppost im Rastplatz an der Pontonbruecke aufzusuchen. Eine junge niederlaendische Militaeraerztin sieht sich mein Knie und Schienbein an und klaert mich auf, dass der 4daagse einfach „nicht gesund“ sei. Bei mir seien aber vermutlich einfach die Sehnen ueberlastet, sie gibt mir Eisbeutel und nochmal eine 400er-Ibuprofen und den Tipp, dass es jetzt nur noch 16 Kilometer schoene Strecke seien — ins Ziel sollte ich es also schaffen.

Ich mache noch einmal 15 Minuten Pause und kuehle die schmerzenden (und nun auch richtig heissen) Stellen. Trinkwasser auffuellen, Schmerztablette schlucken und auf den Weg. Nach wenigen Minuten sind die Schmerzen kaum mehr zu spueren, die Sonne scheint auf die wirklich herrliche Strecke, und ich fliege mit mindestens 5 km/h dahin und ueberhole sogar reihenweise andere Laeufer. Langsam werden die Zuschauerreihen dichter, in Mook und Molenhoek feuert man uns frenetisch an. Einmal muss der Lauf fuer Querverkehr unterbrochen werden, der niederlaendische Polizist steht zur nebenan abgespielten Sambamusik tanzend auf seiner Plattform und winkt abwechselnd Querverkehr und Laeufer passend zum Takt entlang, ich muss herzhaft lachen.

gladiola

Kurz vor Beginn der Via Gladiola kommen die Schmerzen langsam wieder durch und ich werfe die zweite Ibu ein, die ich morgens von dem Ami bekommen hatte. Jetzt laeuft es sich ohnehin wie im Rausch. Christian und ich waren schon bei der Anreise durch die St. Annastraat gefahren und hatten am Montag schon jede Menge aufgestellter Sofas und per Flatterband abgesteckte Claims gesehen. Nun stehen die Zuschauer hier sechs Reihen tief, halbe Bierzelte sind auf der Mittelinsel aufgebaut, die Menge tobt. Junge Frauen verteilen Gladiolen an die Laeufer – Christian will die Blumen nicht mitschleppen und verteilt sie wieder an Niederlaenderinnen am Strassenrand, die ihm dafuer um den Hals fallen. Hundert Meter weiter faellt wieder jemandem auf, dass er ja keine Gladiolen hat, und so beginnt das ganze von neuem.

kapellen

Die Militaergruppen schwenken nun aus, formieren sich neu und marschieren mit Musikkapellenbegleitung in Richtung Zieltribuene. Sambagruppen reihen sich ein und treiben mich mit fetzigen Rhythmen noch einmal an, als es zum Windsprung kommt. Die Gewitterwolken zieht es nun tatsaechlich in Richtung Boden, und auf einmal schuettet es wie aus Kuebeln. Mir ist das egal, nur noch eine halbe Stunde zu laufen, dann bin ich im Ziel. Auch die Zuschauer spannen einfach Schirme auf und trotzen dem Wetter. Zehn Minuten vor dem Ziel reissen die Wolken wieder auf, Sonnenschein. Die Fuesse sind nass, bei jedem Schritt schmatzen die Schuhe. Egal. Vorbei an den grossen Tribuenen, vorbei an den letzten Zuschauern, noch eine Kurve, dann kommt der Wedren, 1610 Uhr. Eigentlich koennte ich sofort rechts abbiegen und zu meiner Zielregistrierung gehen, aber nichts da: Ich laufe noch die 30 Meter extra, um unter dem grossen „Finish“-Banner durchzulaufen. Dann ab zur Zielregistrierung, anstehen, den anderen in der Schlange gratulieren, Karte abscannen lassen, gratulieren lassen, Kreuz bekommen.

finish

Ich wanke zurueck zur Unterkunft, breit grinsend, das Kreuz am Laufhemd. Christian liegt schon oben, wir gratulieren uns (grinsend) ich gehe duschen (grinsend), falle auf Bett (grinsend). Nur zwei Stunden ausruhen, dann in die Stadt, aufs Zomerfeest, mich feiern lassen.

Aber dann loest der Koerper die Schuldscheine ein, die er die letzten vier Tage ausgestellt hat. Gegen 2100 Uhr wache ich auf und will mich aus dem Bett schwingen — nichts geht mehr. Wir liegen beide in unseren Betten und wissen gar nicht, wie wir uns hinlegen sollen. Alles schmerzt. Wir lachen uns gegenseitig aus, wenn wieder einer mit den Zaehnen klappert, weil die Cool-Salbe so kalt ist, oder weil der andere vor Schmerzen wimmert.

Egal.

Auf der Heimfahrt ertappen wir uns dabei, wie wir Plaene schmieden, was man alles besser machen koennte, „das naechste Mal“.

„Das naechste Mal“?

Ja. So ein Kroenchen auf dem Kreuzchen, das waere ja was.

(Der urspruengliche Text wurde 2009 von mir geschrieben. Ich habe einige Jahre spaeter Formulierungen entfernt, die ich heute so nicht mehr waehlen wuerde).

2 Gedanken zu „Dag van Cuijk: Mit Ach und Krach zur Via Gladiola

  1. ms

    Wenn das Krönchen noch auf das Kreuzchen muss dann bitte nicht die Einschreibefrist verpassen!

    Wer die 4daagse das erste Mal absolviert bekommt nicht viel mit, beim zweiten Mal kann er sich an vieles erinnern, aber der dritten Teilnahme beginnt der Genuss!

    Kann ich unterschreiben 😉

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    1. stk Beitragsautor

      Dieses Jahr wird’s leider nix, der Kalender ist fuer den Sommer schon jetzt zu voll 🙁

      Das Kroenchen muss aber irgendwann noch drauf, definitiv!

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