Wer solche Freunde hat…

Man kann von Gewerkschaften halten, was man will.

Ich zum Beispiel habe frueher mit Gewerkschaften den Kampf fuer bessere Arbeitsbedingungen, angemessene Loehne und Gleichberechtigung verbunden. Dieses Bild habe ich auch heute noch im Kopf — aber mit Dampfmaschinen im Hintergrund.

In juengster Zeit scheinen sie den Anschluss verloren zu haben, die Gewerkschaften. „IG Metall“, „IG Bergbau, Chemie, Energie“, das klingt so nach Mitte des 20. Jahrhunderts. „ver.di“ als Dienstleistungsgesellschaft, das hoert sich schon moderner an. Theoretisch.

Ich war ja schon ein wenig irritiert, als ich auf der rp09 im Panel „Die Rolle des Staates in der digitalen Gesellschaft“ sass. Vorne, auf dem Podium, sass Annette Muehlberg vom ver.di-Bundesvorstand, die das Thema wohl ganz anders verstanden hatte als die meisten Zuhoerer. Die wollten naemlich, so jedenfalls mein Eindruck, ueber Netzneutralitaet, Datenschutz und den Netzanalphabetismus vieler Regierungsmitglieder diskutieren, waehrend Muehlberg auf e-Government herumritt. Das muss man ihr nicht uebel nehmen, das Thema ist ja ihr Fachgebiet. Ich habe aber einige rollende Augen gezaehlt, als sie zum wiederholten Mal auf den Einsatz von Open-Source-Software in der Regierung zurueckkam, obwohl die Diskussion laengst in eine andere Richtung gewandert war.

„Gegen Nazis“ ist immer gut. Fast.

Mehr als nur irritiert war ich aber gestern nach einer Unterhaltung mit Andy B., seines Zeichens Geschaeftsfuehrer von team-ulm. Wie ja bekannt sein duerfte, plant die NPD-Jugendorganisation am 1. Mai eine Demonstration in Ulm, was erstens fuer Wirbel und zweitens fuer ein Grossaufgebot an demonstrativer multikultureller Integration sorgt. Verschiedenste Organisationen uebertreffen sich gegenseitig mit mehr oder weniger tollen Ideen, wie man den Braunen die Stirn bieten oder zumindest demonstrieren kann, wie weltoffen selbst eine kleine schwaebische Grossstadt sein kann.

Die groesste derartige Aktion ist das Buendnis „Ulm gegen Rechts“, getragen unter anderem von den Staedten Ulm/NU und den lokalen DGB-Ablegern. Eine weitere Aktion ist „Zeig Gesicht gegen Rechts“, ausgedacht von ScanPlus und mitgetragen von team-ulm, Radio7, der Suedwest-Presse und dem Stadtjugendring Ulm.

Von ZGRR kann man nun ebenfalls halten, was man will. Ich selber halte nicht viel davon, die Gruende dafuer erklaere ich vielleicht einmal in einem separaten Artikel, wenn ich ausreichend schlecht gelaunt ist. Maria Winkler vom ver.di-Regionalverband hat den Vogel aber ohne Zweifel abgeschossen. So schreibt sie in einer E-Mail an alle beteiligten Verantwortlichen von ZGRR, sie habe in der vorigen Nacht erfahren, dass „auf der home-page von team-ulm pornografische, sexistische, faschistische und rassistische Einträge vorhanden“ seien. Sie sei dem Hinweis nachgegangen und habe feststellen muessen, dass „das Gaestebuch“ (sic) eine Vielzahl von „pronographischen“ (usw.) enthalte. Die Verantwortlichen bei TU gingen anscheinend sorglos „mit den gespeicherten Profilen im Gaestebuch um“ (sic). Das Buendnis Ulm gegen Rechts distanziere sich gegen die Inhalte, fordere die ZGRR-Verantwortlichen auf, den Link zu TU zu „sperren, solange diese Seiten mit pronographischen […]“ aufweise und werde sonst den Link auf ZGRR von der Ulm-gegen-Rechts-Seite entfernen.

Ja, Frau Maria Winkler, es gibt Nutzer auf TU, die in Gaestebuecher anderer Nutzer Bilder mit zuweilen pornographischen, sexistischen und manchmal auch rassistischen Inhalten einbetten. Tut mir leid, ich wuerd’s gerne verhindern, ich wuesste nur nicht, wie das funktionieren soll. Wenn man, so wie ver.di, nur statische Seiten ohne nennenswerten Nutzerinput betreibt, mag das Netz wie ein ausdruckbares Bluemchenwieseninternet scheinen. Wenn man aber zeitweise ueber 12.000 User gleichzeitig online hat, gestaltet sich das etwas schwieriger.

Das soll nicht heissen, dass nichts gegen solche Inhalte unternommen wird — dazu hat Frau Winkler ja auch schon Stellungnahmen von Team-Ulm und ScanPlus erhalten. Die Moderatoren sind aber mit darauf angewiesen, diese Inhalte von den Nutzern auch gemeldet zu bekommen. So haette Frau Winkler beispielsweise saemtliche von ihr erkannten „pronographischen“ (&c) Eintraege mittels des „Spam“-Buttons markieren koennen. Dann waeren sie bei den passenden Moderatoren gelandet und vermutlich schon lange nicht mehr in den betreffenden Gaestebuechern zu sehen. Stattdessen schreibt Frau Winkler boese E-Mails, mit denen der TU-Moderation nicht geholfen ist, und entfernt Links — weil sie offenbar nicht begriffen hat, dass sich in einem sozialen Netzwerk ein Querschnitt durch die Bevoelkerung tummelt, und dementsprechend dort leider auch ein paar Idioten unterwegs sind.

Wenn man boese ist, liest man noch viel mehr aus der E-Mail. „Homepage“. „Das Gaestebuch“. „Profile im Gaestebuch“. Klasse. So liefert man sich untereinander Grabenkaempfe, anstatt sich gegenseitig zu unterstuetzen — entweder aus schierer Berufsbetroffenheit, oder weil man einfach keine Ahnung vom Netz hat und offenbar auch erklaerungsresistent ist. Wer solche Freunde hat, braucht keine Nazis mehr.

5 Gedanken zu „Wer solche Freunde hat…

  1. augustheater

    Lieber Stefan,

    auf Deine schlechte Laune freue ich mich.
    Von meiner Seite: Ich frage mich immer, auf welchem Dampfer die Leute so sind. Mein „Novecento“, der war zeitlebens auf der „Virginian“ und fuhr immer zwischen Amerika und Europa hin und her. Einmal, ein einziges Mal wollte er von Bord gehen, schaffte es aber nicht, blieb jäh auf der Lanungstreppe stehen und kehrte dann um. Er blieb bis zu seinem Lebensende auf dem Schiff und ließ sich mit ihm in die Luft fliegen. Kurz vorher gestand er: „Ich, der ich nicht fähig war, von Bord des Schiffes zu gehen, ging – um frei zu werden – von Bord meines Lebens.“ Alle Sehnsüchte, die er hatte, hatte er in harter Arbeit gebannt.

    Schönes Bild – oder? Viele schütteln über „Novecentos“ Lebenseinstellung den Kopf. Doch die meisten sind ihrerseits ein Leben lang auf einem Dampfer, glauben aber sie seien frei. In Wirklichkeit sind sie besinnungslos und heteronom.

    Die Dampfer heißen zum Beispiel „Bürokratie“, „Nationalismus“, Religion“ oder „Schalke 04“.

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  2. Moritz

    Was meint die gute Frau denn jetzt mit „dem Gästebuch“?! Die eMeetings? Die einzelnen GB in den Profilen? Das Forum? Oder alles?

    Ich finde es immer wieder unterhaltsam, wie sich Leute über das Internet empören, die selbst nicht den Unterschied zwischen Browser und eMail-Clienten kennen. Aber wozu nachfragen, wenn man auch gleich meckern kann?

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  3. stk Beitragsautor

    @Heinz ich hoffe, ich bin meinerseits nicht auf so einem Dampfer gefangen. Die Vorstellung, es zu sein und es nicht mitzubekommen, erschreckt naemlich. Wobei, wenn andere an einem vorbeirudern und es einem zurufen… nungut.

    @Moritz: Ich weiss nicht, was sie meint. Ich weiss auch nicht, welches der ueber 400.000 Gaestebuecher sie meint. Haette sie es mitgeteilt, haette das Problem behoben werden koennen. Das ist ja das Problem, das ich mit Berufsbetroffenen habe.

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  4. Pingback: Ergaenzung | stk

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