Archiv für den Monat: Dezember 2008

First Night Boston

Wieder geht ein Jahr zu Ende. Eigentlich halte ich es mit Silvester etwa so wie mit meinem Geburtstag, Weihnachten oder Fasching: An sich ist das ein Tag wie jeder andere, nur erwartet jeder, dass das etwas ganz besonderes sein muss, mit furchtbar tollen Festivitaeten etcetera. Und wenn’s dann doch nicht so spektakulaer war, ist das etwas schlimmes. Nonsens.

Im besten Fall treffen wir heute abend bei der First Night in Boston wieder irgendwelche interessanten, skurrilen und/oder verrueckten Leute und erleben seltsame Geschichten. Und im schlimmsten Fall haben wir eben an der Bostoner Version der Kulturnacht teilgenommen und ein oder zwei Feuerwerke gesehen. Das wuerde mir vollkommen reichen 😉

Allen Leserinnen und Lesern ein zufriedenes und glueckliches neues Jahr!

Bauste dir halt mal ein Haus

Zeit, unseren Ausflug nach Newport zu rekapitulieren. Wir hatten uns ja ein Ticket gekauft, um The Breakers und noch eine beliebige andere „Mansion“ anzusehen. Diese Haeuser sind der absolute Wahnsinn. Auf dem Weg zur Bellevue Avenue, in der die meisten dieser Haeuser aus dem Gilded Age stehen, begegnen einem schon einige andere sehr repraesentative Gebaeude (teilweise zur Salve Regina University gehoerend), die einen ins Staunen versetzen — gegen die gewaltigen Bauwerke a la The Breakers, Marble House, Rosewood etc. verblassen aber selbst die anderen Villen.

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Im Inneren regiert naemlich der pure Luxus. Aufwaendig verzierte Decken, Wandteppiche, jahrhundertealte Kamine und Wandvertaefelungen, die aus franzoesischen Chateaus eingeschifft wurden, aus gewaltigen Marmorbloecken gehauene Badewannen, … ich kann das gar nicht alles wiedergeben, stoebert am besten mal ein wenig bei flickr herum und staunt. Raimar und ich konnten es natuerlich nicht lassen, uns vor einer der Mansions in Szene zu setzen. Auch wenn Raimar eher veraengstigt als arrogant-herablassend schaut, so wie das der Plan war :->

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Drinnen gab es dann schon wieder eine Zufallsbekanntschaft: Ich hatte ein wenig mit zwei aelteren Herren ueber die nach ueber 100 Jahren immer noch fantastisch plastisch wirkenden Oelgemaelde auf der Wand gestaunt. Einer der beiden, Robert, ist Mitglied der Preservation Society of Newport, die die meisten der Mansions verwalten und unterhalten, und er hatte seinen langjaehrigen Arbeitskollegen Matthew im Schlepptau, um ihm ein paar der Mansions zu zeigen. Robert fiel mein deutscher Akzent auf, und auf meine Antwort, dass ich aus Ulm komme, war er gleich begeistert: „Ah, der Schneider von Ulm!„. Hoppla, da kennt sich aber jemand aus 😀

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Auf der Aussenterasse haben wir die beiden noch einmal getroffen und gleich noch einmal einige Details ueber die Kalksteinverkleidung und die aufwaendigen Verzierungen an der Fassade erfahren. Und weil Robert vor einigen Jahren bei seiner Reise durch Europa so herzlich aufgenommen war, hat er auf der Stelle beschlossen, uns ueber seinen Mitgliedsausweis kostenlos ins Marble House zu bringen, damit wir mit unserem zweiten Eintrittskartenabschnitt zusaetzlich noch The Elms ansehen koennen.

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Nachdem wir mit Marble House fertig waren und uns von Robert und Matthew verabschiedet hatten, war es aber schon so spaet, dass wir beschlossen, einfach mal den Ocean Drive entlangzufahren, die Aussicht zu geniessen und einfach in den naechsten Tagen noch einmal nach Newport zu fahren, um unsere verbleibende Eintrittskarte einzuloesen und die Stadt ein wenig naeher zu erkunden.

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Abends wurde es dann noch unterhaltsam: Chris hat gerade Besuch von seinen Kumpels Eric und Knoppers aus Deutschland, und nachdem ungeplanterweise beinahe der gesamte Biervorrat bei gemuetlichem Beisammensitzen in Raimars Zimmer draufging, ergab es sich noch aus nicht mehr nachvollziehbaren Gruenden, dass Eric draussen trotz mehrfacher Warnungen Stinktiere gejagt und mit Chips gefuettert hat. Zu seinem grossen Glueck hat ihm das Stinktier das aber nicht uebel genommen :->

Bescherung

Gestern ist endlich mein Weihnachtsgeschenk von mir an mich selbst angekommen: The Visual Display of Quantitative Information von Edward Tufte und Presentation Zen von Garr Reynolds, dazu noch ein Paeckchen voller Freude von Thinkgeek.

Das Tufte-Buch ist ein richtiger Augenschmaus, vom Einband bis zur letzten Seite ein ansprechendes und wunderhuebsches Layout. Fuers Lesen war bisher keine Zeit (die beiden Buecher hebe ich mir fuer ein paar ruhige Stunden auf), die TV-B-Gone haben wir aber gleich einmal ausprobiert. Das huebsche kleine Teil sendet naemlich binnen einer knappen Minute den Infrarot-Fernbedienungs-Ausschaltcode quasi aller gaengigen TV-Geraetehersteller aus — in der Elektronikabteilung des Wal-Mart haben wir damit innerhalb weniger Sekunden etwa ein Viertel der riesigen Full-HD-Fernseher abschalten koennen. Spassig 🙂

Bilder hochzuladen gestaltet sich gerade etwas umstaendlich, ich bin naemlich bald am 200-Bilder-Limit von Flickr. Ich ueberlege mir gerade, wie ich das am besten umgehen kann.

Quasi-Renaissance-Antiqua

MasimoVignelli New York Subway Guide

Ich mag die Akzidenz-Grotesk sehr, viel lieber als Helvetica oder Univers. Schade eigentlich, dass sie kaum mehr verwendet wird (so ist jedenfalls mein subjektiver Eindruck) — in New York habe ich sie noch an und in einigen U-Bahn-Stationen gesehen, die noch nicht auch auf Helvetica umgestellt worden sind, aber ansonsten laeuft sie einem eher selten ueber den Weg.

Um so angenehmer war ich im Fruehjahr ueberrascht, als ich auf der Ulmer Bildungsmesse sowohl bei einem grossen lokalen Metallverarbeiter als auch bei der Bundeswehr Plakate und Stellwaende sah, auf denen anscheinend die AG Extended verwendet wurde. Ich sage „anscheinend“, weil ich mir im Nachhinein nicht mehr hundertprozentig sicher bin, ob es nun tatsaechlich die AG oder doch „nur“ die Helvetica Neue Extended ist — beim fluechtigen Hinsehen sind die beiden sich doch relativ aehnlich, besonders dann, wenn keiner der typischen Buchstaben zu sehen ist, anhand derer man die zwei problemlos unterscheiden kann.

Ganz sicher bin ich mir jedoch, dass mir die AG — ebenfalls wieder im „Extended“-Schnitt — in Chicago mehrfach ueber den Weg gelaufen ist. Und auch in Montreal setzt man auf Schriften aus Deutschland: Nicht nur dass die offizielle Stadt-Wortmarke und die Wortmarke der Station Centrale d’Autobus in Otl Aichers „rotis“ gesetzt wurden, im Busbahnhof trifft man die „alte Bekannte“ Akzidenz-Grotesk wieder. Verwechslung ausgeschlossen, diese „2“ erkenne ich ueberall wieder 😉

Mal schauen, ob die AG vielleicht doch noch einmal eine Renaissance erlebt — und alle Typographen bitte ich um Entschuldigung fuer den flachen Wortwitz im Titel 😀

Eigenheim fuer 150 Millionen Dollar

Mittlerweile sind Raimar und ich wieder auf dem Campus angekommen und waren heute erst einmal ausgiebig in Massachusetts im Wrentham Village einkaufen — Tommy-Pullover fuer 20 USD sind einfach zu verlockend, um da nicht zuzugreifen.

Morgen startet dann der erste „richtige“ unserer Tagesausfluege. Newport (Rhode Island) ist nur knapp zwei Autostunden entfernt, und dort werden wir uns einmal richtig luxurioese Eigenheime ansehen. Der Bau von „The Breakers“ hat 1893 den Gegenwert von heute rund 150 Millionen USD gekostet und eine Besichtigung der Räume gilt als das Highlight der Stadt. Das ist aber nicht die einzige Luxusvilla, und leider wird die Zeit morgen nie im Leben reichen, sie alle anzusehen, aber zumindest Marble House werden wir auch noch besichtigen.

Frohes Fest aus New York

Meine Hoffnung, dass das mit den Chaos-Reisen sich schon beim Hinflug erledigt haette, hat sich bislang nicht erfuellt — Chicago-Montreal war ja auch schon etwas „schwierig“, aber der Transfer Montreal-NYC hat das dann noch getoppt. Eigentlich wollten wir den letzten planmaessigen Greyhound um 2345 Uhr nach NYC nehmen, und in weiser Voraussicht waren wir schon gegen 2200 Uhr am Busbahnhof. Im Uebernachtbus haetten wir dann schlafen koennen und waeren morgens gegen 0800 relativ fit in New York angekommen. So war jedenfalls der Plan.

Zunaechst dachten wir, dass die scheinbar endlos lange Schlange fuer den frueheren Bus um 2230 ansteht, aber dann wurde uns bewusst, dass die 1. gar nicht alle in die paar Busse passen wuerden, und 2. die Schlange noch gaaaaaaaanz bis ans andere Ende des Terminals geht. Au Backe.

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Gegen Mitternacht waren wir dann immerhin bis zur Mitte des Busbahnhofs gekommen, aber auch das half nichts: Die ersten Leute in der Schlange bekamen noch einen Boarding Pass fuer den allerletzten Bus des Abends, der Rest wurde auf den naechsten Bus um 0745 Uhr vertroestet. Das haben nicht alle so ganz gelassen aufgenommen, teilweise flossen Traenen, und eine Passagierin bekam einen Schreikrampf, waehrend wir uns einen Platz fuer die Nacht suchten. In der Schlange hatten wir Rene aus Oberhausen kennengelernt, der in Kanada Work und Travel macht, und der sich ganz pragmatisch Tische und Baenke zusammengeklaut hat, aus denen man sich was halbwegs bequemes zum pennen basteln kann. Lange Nacht.

Die Busreise an sich war… interessant. Ja, das ist wohl der richtige Ausdruck. Unser jamaikanischer Fahrer war sowas wie ein Klassenfahrtbusfahrer, supernett und witzig („Wir fahren jetzt durch die Huegel in Richtung USA, und da fahren wir langsam. Da wohnt naemlich niemand, und wir wollen keinen Unfall bauen. Geht schlafen, Leute, es gibt dort wirklich NICHTS zu sehen“)

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Als naechstes die Kontrollen in Helmstedt-Marienborn an der US-Grenze… einschuechternd. DHS-Officer mit strengem Blick, hier ausfragen lassen („Woher kommst du, wohin willst du, was machst du dort, kennst du jemanden, warst du schonmal in den USA, warum?“), dort hinsetzen und nicht vom Fleck ruehren, jetzt im Gaensemarsch in den Bus, warten auf vier Leute, die wohl extra genau befragt werden. Mich kotzt das an, ehrlich. Ich werde so froh sein, wenn ich nach dem Rueckflug erst mal keine beschissenen Grenz- und Sicherheitskontrollen mehr ueber mich ergehen lassen muss und auf das Wohlwollen eines einzelnen muerrischen Immigration Officers angewiesen bin, um eine Grenze zu uebertreten. Schengen rules, aber hallo. Wie unser Busfahrer sagte: „Schaltet eure Handys aus, bevor ihr reingeht… die werden ungemuetlich, wenn man drinnen telefoniert. Naja, die sind sowieso immer ungemuetlich.“

Naechster Stop: Albany, NY. Meine Guete, sieht diese Stadt haesslich aus. Und die haesslichsten Postkarten der Welt gibt es dort auch. Vier Stunden spaeter endlich NYC, und da das Hostel ueberbucht ist, haben wir zwei Betten in einem Sechs-Bett-Apartment statt eines kleinen Zimmerchens bekommen. Der Blick vom Balkon(!) unserer zweistoeckigen(!) Bude entschaedigt dann fuer alle Strapazen 😉

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Frohe Feiertage an alle Leser!

Au Revoir, Montreal

Abgesehen von San Francisco hatte ich bisher kein Problem, eine Stadt zu verlassen, die ich besucht habe. Weisst schon, man hat viel gesehen, schoen wars, aber jetzt raus hier, was anderes sehen.

Montreal zu verlassen fuehlt sich dagegen wie Abschied von einem guten Freund an. Ich hoffe, ich kann irgendwann einmal hierher zurueckkommen.

Schneeparadies Montreal

So, hier nun die versprochenen Bilder von neulich nacht.

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Ich habe keine Ahnung, wie die Leute morgens an ihre Autos kommen und wie lange sie brauchen, um ihre Kiste freizuschaufeln.

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Aber anscheinend funktioniert das schon, denn am naechsten Tag waren diese Autos alle weg.

Aussergewoehnliche Umstaende erfordern aussergewoehnliche Massnahmen: Als ich auf dem Weg zum Olympiapark war, sind mir einige schwere LKW aufgefallen, die durch die Strassen gezogen sind. Ich habe mir erstmal nichts dabei gedacht, schwere LKW sind ja nun auch nicht so aussergewoehnlich in Nordamerika.

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Spaeter habe ich aber herausgefunden, was die transportieren: Schnee. Strassenraeumung sieht naemlich hier so aus: Zuerst wird gepfluegt und dabei die ganze Masse an den Strassenrand geschoben. Danach kommt eine dicke Schneefraese und wirft das meiste davon irgendwo in die Buesche (sofern vorhanden)

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Nun wird der Gehweg freigeschoben und ein anderer Pflug kratzt die komplette rechte Seite der Strasse bis zum Buergersteig frei.

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Anfangs habe ich mich gewundert, warum das alles dann wieder nach rechts geschoben ist — bis ich die letzte Schneefraese gesehen habe.

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Die nimmt naemlich den ganzen Rest und packt ihn in einen der grossen Sattelschlepper, der das Zeug dann aus der Stadt bringt. Krass.

Zufallsbekanntschaften

Uebernachtet man in einem Hostel, lernt man zwangslaeufig andere Reisende kennen, was natuerlich vollkommen genial ist — irgendjemand findet sich fast immer, der eine Runde Poker spielen, was essen gehen oder in eine Bar ziehen mag.

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Nun gehen Rai und ich also mit drei Maedels (2* Australien, 1* Irland) und einem Kerl aus Brasilien in ein Pub hier. Siehe Bild oben, auf dem Raimar unsichtbar ist. Der Abend ist sueffig und unterhaltsam, und am Tisch nebenan spielen ein paar andere Leute das oertliche Gegenstueck zu „Bauernpoker“: Einen Penny vom Tisch abprallen lassen und in ein Bierglas versenken. Umdrehen, mitmachen, ins Gespraech kommen, ja, ich komme aus Deutschland, Stefan, angenehm, wie mein Nachname ist? Ob ich Couchsurfer bin?

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Ja. Trifft man doch tatsaechlich Gaetan von Couchsurfing, der Raimar und mich eine Nacht lang hosten koennen haette (waere dann aber zu kompliziert geworden, deswegen haben wir das sein gelassen). So wurde dann der kurze Trip in den Pub (man muss ja morgens frueh aufstehen von wegen auschecken und so, jaja) doch nochmal ein paar Stunden laenger und sueffiger 😉

Ganz anderes Grossstadtgefuehl

Ich kann nicht schlafen (liegt wohl entweder am Dr. Pepper oder daran, dass ich nach dem Barausflug dick verschlafen hatte). Was liegt da also naeher als ein kleiner Nachtspaziergang mit der Kamera.

Wie anders doch Montreal im Vergleich zu Chicago ist! Wir sind hier quasi im Stadtzentrum, der Zentralbahnhof ist nur zwei Strassen entfernt, aber trotzdem ist es hier nachts um 0200 Uhr totenstill. Nur der knirschende Schnee unter den eigenen Fuessen ist zu hoeren, ab und zu das seltsame mechanische Schaltgeraeusch der Ampeln, und gaaaaanz selten einmal ein Auto oder ein Lastwagen irgendwo ein oder zwei Strassen weiter. Vollkommen ungewohnt, nicht staendig Autos oder heulende Sirenen zu hoeren. Arg kalt ist es dabei gar nicht, ich schaetze die Temperatur auf wenige Grad unter Null.

Fotos folgen.