Mit ‘Gesellschaft’ getaggte Artikel

Der Koenig ist los

Freitag, 27. August 2010

Sarrazin poltert mal wieder, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Aaron Koenig ihm beipflichten wuerde.

Hier deswegen mal drei Buchempfehlungen aus dem Sortiment der bpb, mit deren Hilfe man einerseits Wissen ueber diverse Tellerraender hinweg aufbauen, und andererseits sowohl Sarrazin als auch Koenig ein wenig besser verorten kann.

Zuerst einmal ist das “Der islamische Weg in den Westen” von Olivier Roy, der relativ ausfuehrlich darlegt, woher die von manchem wahrgenommene Fundamentalisierung islamischer Zuwanderer kommt. Menschen, die in ein fremdes Land kommen, und mit ihrer Kultur recht alleine dastehen, finden als gemeinsamen Nenner zur umma, zusammen mit Muslimen ganz anderer Kulturkreise. Kultur und Religion werden entkoppelt, und der Islam zum gemeinsamen, identitaets- und gemeinschaftsstiftenden Merkmal.

Zusammengehoerigkeitsgefuehl anhand einzelner gemeinsamer Merkmale ist an sich nichts neues. Aus Bayern, Friesen, Berliner und vielleicht sogar Oesterreichern werden irgendwie “Deutsche” (oder zumindest “Deutsch sprechende”), wenn sie fern der Heimat aufeinandertreffen. Ein Kamerad (dieses Wort schon!) des Cave City Fire Department hat mir damals einen blumigen Kommentar ueber die “Brotherhood of firemen all over the world” ins Reiseblog geschrieben.

Die Frage ist also, warum gerade islamische Einwanderer Parolen wie die Sarrazins und Koenigs hervorrufen. Koenig wird nicht muede, den Islam als politische Bewegung mit Allmachtsanspruch darzustellen, und auch die Keule vom islamistischen Terroristen, der gegen den Westen ankaempft, wird oft geschwungen.

Einen Realitaetscheck vermittelt “Was Terroristen wollen” von Louise Richardson, die Punkt fuer Punkt aufschluesselt, welche Faktoren dazu fuehren, dass selbst Kinder reicher Familien zu Bombenattentaetern werden. Spoiler: Gesellschaftliche bzw. kulturelle Entwurzelung, eine klare Abgrenzung zum Gegner, eine charismatische Fuehrungspersoenlichkeit und eine rechtfertigende Ideologie sind wichtige Eckpfeiler. Das kann man nun zwar ganz klar auf Religionen ummuenzen (und das geschieht ja tatsaechlich), Religionen sind jedoch immer nur Rechtfertigungsgrund, nicht ursaechliche Ausloeser. Oder, wie Franz Radermacher einmal in einem Vortrag sagte, wenn sich in Nordirland Katholiken und Protestanten die Koepfe einschlagen, hier an der Bayerisch-Wuerttembergischen Grenze aber nicht, muss die Ursache woanders liegen.

Das Buch schien mir stellenweise etwas holprig uebersetzt, das englische Original kostet aber auch mehr als doppelt so viel.

Der Tuerkei hat sich Koenig auch gewidmet. Naja. An der Oberflaeche gekratzt. Tiefergreifend und trotzdem leicht verstaendlich gibt es das fuer wenig Geld auf 128 Seiten von der bpb.

Last, but not least, hat sich die tagesschau-Redaktion ein Lob fuer dieses kleine Dossier verdient, das inhaltlich auf Sarazzins Behauptungen eingeht.

Wir schliessen mit Pispers. Weil’s passt.

Es ist 2010 hier, oder: Ueber Daisy, Wetterkatastrophen und warum frueher halt doch nicht alles besser war

Mittwoch, 03. Februar 2010

In den Diskussionen zur ausgebliebenen Daisy-Beinaheueberhauptnichtkatastrophe und den jetzigen Schneeverwehungen hoert man oft immer, dass es frueher ja auch schon viel mehr Schnee gegeben habe, und das auch immer irgendwie ging. “Frueher ging das auch” ist aber noch nie ein Argument gewesen. Frueher haben die Kinder auch unter Tage gearbeitet, und damals ging’s auch ohne Krankenversicherung.

Heute haben wir einfach einen anderen Lebensstandard, die erhoehte Mobilitaet hat unseren (vielfach zum Lebensunterhalt notwendigen!) Aktionsradius weit erhoeht und wir sind von den neuen Errungenschaften weitgehend abhaengig geworden. Frueher konnte man eben auch sein Haus noch wochenlang mit Holz oder Kohle heizen. Die heute vorwiegend genutzten Heizungen ueberstehen hingegen nicht einmal einen Stromausfall — der gefuellte Oelkeller nuetzt einem nichts, wenn der Brenner nicht anspringt, und ob bei laengeren Stromausfaellen das Gasnetz noch funktionieren wuerde, weiss ich auch nicht. Dieser Umstand ist auch nicht mal etwas typisch menschliches, sondern das ist — wenn man die mitwachsende Technik vor einem evolutionaeren Hintergrund sieht — sowas wie Koevolution, die es in der Natur ueberall gibt. Die Technik hat sich den geaenderten Beduerfnissen des Menschen angepasst, und der Mensch wiederum der Technik. Dafuer funktioniert die heutige Heizung eben auch energieeffizienter als der alte Kohleofen.

Die Schuld fuer liegen gebliebene Autos und unbefahrbare Strassen nun den sparenden — und sowieso chronisch klammen — Kommunen in die Schuhe zu schieben, ist natuerlich billig. Die Kommunen sind ohnehin diejenigen Behoerden, die zuerst gepruegelt und zuletzt irgendwelche Gelder bekommen, und der gestiegene Lebensstandard hat auch in anderen Belangen (kommunaler Brandschutz, Schulumlagen, etc.) zu hoeheren Kosten gefuehrt. Da ging es frueher auch anders, aber da hatte man auch noch keine Pressluftatmer und keine Werkzeuge zur patientenschonenden Rettung mit notfallmedizinischer Betreuung von Anfang an — und dahin moechte man eigentlich auch nicht wieder zurueck.

Als Fazit bleibt eigentlich nur, dass es eigentlich keinen Einzelverantwortlichen fuer die zeitweisen wetterbedingten Einschnitte in unser gewohntes Leben gibt. Durch unseren gewandelten Lebensstil sind wir ganz schlicht und einfach anfaelliger fuer Stoerungen — z.B. durch das Wetter — geworden. Oder anders gesagt, wir haben uns als Gesellschaft so angepasst, dass wir in einem engeren Toleranzbereich umso effizienter funktionieren.

Nein, “frueher ging das auch” ist wirklich kein Argument.