Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Die Redaktion, die ich mir wuensche

Donnerstag, 02. September 2010

Ueber das zu schimpfen, was einem nicht gefaellt, ist simpel. Einen besseren Gegenentwurf zu machen, faellt da schon deutlich schwerer. Anstelle weiterer Rants unternehme ich deswegen hier den Versuch, die Redaktion meiner Traeume zu skizzieren. Dass vieles davon Anleihen bei “Neuer Journalismus! Jetzt!” nimmt, geschieht nicht aus Faulheit, sondern weil ich die Forderungen dort voll unterstuetze.

Hier also, was ich gerne haette.

  • Eine Kultur, in der es vollkommen selbstverstaendlich ist, dass Artikelautoren ansprechbar sind und sich — namentlich erkennbar — an Diskussionen unter Artikeln, bei Twitter und moeglichst allen anderen Kanaelen, ueber die Feedback moeglich ist, beteiligen.
  • “Hinter den Kulissen”-Blogs, mittels derer Einblick in Interna gegeben wird, und zwar mit brutalster Offenheit, ohne Schoenrederei
  • Eine Seite, deren Ziel ein groesstmoeglicher Nutzen fuer den Leser ist, die schlank und fuer den Nutzer kinderleicht zu navigieren ist. Nachtraegliches Aendern von Ueberschriften, Klickstreckenrecycling, kurz: Alles, was den Nutzer zur reinen Klickhure degradiert, ist tabu.
  • IVW-Zahlen werden nicht angebetet. Scheiss auf IVW-Zahlen.
  • Zusammengefasst: Der Nutzen fuer den Leser steht vor allem anderen.
  • Generell: Ablaeufe, wie sie in der Blogosphaere ueblich sind. Aenderungen und Korrekturen werden fuer den Benutzer nachvollziehbar festgehalten, Titel werden nicht geaendert, der Autor ist erkenn- und kontaktierbar. Wie waers mal mit Trackbacks?
  • Ein Beitrag ist selten so fertig, wie er eingebunden wird. Die Story entwickelt sich sichtbar fort, auch unter Einbeziehung der Nutzer. Vielleicht funktioniert das ja sogar auch mit Videos.
  • Das CMS wird auf den (ermittelten) effizientesten Workflow zugeschnitten, nicht der Workflow auf das CMS. Generell wird Content-Management so weit und so gut wie moeglich automatisiert, damit sich der Mitarbeiter nicht als CMS-Sklave versteht und demoralisieren laesst. Falls “automatisieren” der falsche Ausdruck ist: Die Usability im CMS-Backend muss bestmoeglich sein. Quasi genau so wie am Frontend ;)
  • Erzaehlformen, die im Web moeglich sind, werden genutzt und mit ihnen so oft wie moeglich experimentiert. Kein Stillstand, staendiges Fortentwickeln, staendig neue Ideen, staendig Begeisterungsfaehigkeit. Semper melior!
  • Keine Dogmas.
  • Redakteure, Fotografen, Grafiker, VJs und Entwickler sitzen am selben Tisch, teilweise sogar (in Teilmengen) in derselben Person ;)
  • Falls es eine Printredaktion gibt, lebt sie nicht in einer Parallelwelt, sondern ist maximal einen Schreibtisch von Online entfernt. Wenn ueberhaupt.
  • Daten, die als Basis fuer Artikel dienten, werden in aufbereiteter Form zur Verfuegung gestellt. Wenn Nutzer daraus noch mehr stricken, wird das veroeffentlicht — unter ihrem Namen
  • Es wird berichtet, was interessant ist — und zwar unabhaengig davon, mit wem man kooperiert, oder wer Konkurrenz ist. Wenn die Marketingabteilung Advertorials haben will, sollen sie sie schreiben — und nicht damit die Redakteure aufhalten. Berichterstattung ueber ein Ereignis bleibt nicht aus, weil einem Werbekunden das nicht gefaellt
  • “Geht technisch nicht” ist keine Ausrede. Andere koennen es auch. Wenn etwas wider Erwarten nicht vorgesehen war, hat man hervorragende Entwickler, die das implementieren.
  • Bilder, Videos und interaktive Grafiken gehoeren gross, breit und eindrucksvoll gemacht und eingebunden. Wenn das Layout so etwas nicht vorsieht, ist es ein Scheisslayout.
  • Und, last but not least: Cut down the meetings.

Was habe ich vergessen? Wo bin ich naiv? Bitte, ernsthaft, Feedback!

PS: Wer erraet, wo quasi fast alles davon fuer mich erfuellt ist?

Crossmedia fatal

Mittwoch, 01. September 2010

Die SWP hatte heute ein zweiseitiges Feature ueber Stuttgart 21 in der Printausgabe. Seite 4/5, Filetstueck also, mehrere Themen jeweils aus Sicht der Befuerworter und der Gegner argumentiert.

Im Layout sieht das klasse aus. Die Texte aussen um erlaeuternde Grafiken zum raeumlichen Zusammenhang in Stuttgart selbst, zur Neubaustrecke Ulm-Wendlingen, eine Zeitleiste der Entscheidungen, Diagramme… wunderhuebsch.

Und was davon wurde fuer Online weitergesponnen, dem Medium entsprechend aufbereitet und eingestellt?

NICHTS!

Es gibt eine Einstiegsseite mit Bild, Teaser und Link auf eine Uebersichtsseite, auf der lieblos Links zu den einzelnen Texten geklatscht sind, die Texte sind lieblos in neue Artikel geklatscht, es gibt keine Karte, keine Grafik, kein Bild, nicht mal recyclete Klickstrecken, kurz gesagt, es gibt einen SCHEISSDRECK zu sehen.

Bis auf die rechte Spalte natuerlich, samt Twitter und Facebook und RSS, und Wetterbericht und Branchenbuch, und Nachtleben in Ulm, und Todesanzeigen.

Ich wuerde ja normal gar nichts sagen — ich weiss mittlerweile aus erster Hand, wie wenig Zeit man in einer Onlineredaktion neben Content Management und dem normalen Tagesgeschaeft fuer Sonderaktionen hat; dass man nicht mal eben ein Flashpaket aus der Luft zaubern kann, und ich weiss auch, in welchen Parallelwelten Print- und Onlineredaktion oft nebeneinander her arbeiten. Aber gestern abend ging es in einem Gespraech um genau solche Punkte, und waehrend ich auf bislang nicht genutzte Erzaehlformen, Experimente und volle Ausnutzung des Mediums aus war, hoerte ich immer nur “monetarisieren”, “kein Geld” und sonstiges Zeug, das mir Gaensehaut bereitete.

Ich glaube, ich geh mich jetzt besaufen.

Run and Gun

Sonntag, 29. August 2010

Prolog

Freitag, 17.xx Uhr: Bei den Eltern sitzen und feststellen, dass tags darauf eine Gruppe S21-Gegner nach Ulm kommen will, um “den Protest ins Land zu tragen”. Gruebeln.

17.38: Mail ueber den Redaktionsverteiler, da koennte man doch was machen. Warum nicht auch multimedial? Video? Wer hat Zeit?

17.51: Kollege fragt nach dem Zuiko 35/2.8 samt Adapter, das ich ihm fuer ein HDSLR-Video leihen wollte. In Ulm. Gna.

18.40–19.10: Mailinglistendiskussion, ob man ueberhaupt ueber den S21-Protest berichten soll. Beschliesse, den Widersprecher zu ignorieren.

19.20: Beschluss 1, Treffpunkt in Voehringen zwecks Objektivuebergabe, plus 50/1.8 und 28-70/2.8, um sicher zu gehen.

20.00: Beschluss 2, fahre morgen nach Ulm, um als One-Man-Show ein Soundslide von der Kundgebung zu machen. Dann faellt mir auf, dass ich gerade alle meine guten Objektive und den Zuiko-Objektivadapter verliehen habe. Gesichtspalme.

Resultat

(Direktsoundslidelink)

Naja. Ich habe den Windschutz fuer den Zoom H2 nicht mehr gefunden, was etwa ein Drittel der Aussenaufnahmen wegen des Windes ziemlich unbrauchbar gemacht hat. Alleine sowohl Audio aufzunehmen als auch Bilder zu machen, ist prinzipiell moeglich, bringt aber das Risiko grosser Text-Bild-Scheren mit sich, wie das hier auch passiert ist. Vor Ort war ich knapp 60 Minuten, die Aufbereitung im Quick-and-Dirty-Stil hat vielleicht eine gute Stunde gedauert, das ist alles sehr ertraeglich.

Insgesamt: Alles andere als hohe Kunst, aber immerhin nichts, wofuer man sich schaemen muesste.

Randnotiz: Die SWP hatte eine Volontaerin fuer die Berichterstattung abgestellt, die ich — vermutlich durch das Praktikum — zumindest vom Sehen her kannte, und mit der sich etwa folgender Dialog entspann:

“Sie sind auch von der Presse?”
“Ja. Ich kenn dich glaube ich. Du bist doch Volo im Print bei der SWP, nicht?”
“Ja. Bei der Suedwest Presse. Und du…?”
“Von Team-Ulm.”
“Ah, das ist doch dieses, aeh,…” [enteilt zum Interviewpartner]
“…euer Medienpartner. Genau.”

Wohl doch noch nicht soweit mit der Vernetzung. Damn.

Der Koenig ist los

Freitag, 27. August 2010

Sarrazin poltert mal wieder, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Aaron Koenig ihm beipflichten wuerde.

Hier deswegen mal drei Buchempfehlungen aus dem Sortiment der bpb, mit deren Hilfe man einerseits Wissen ueber diverse Tellerraender hinweg aufbauen, und andererseits sowohl Sarrazin als auch Koenig ein wenig besser verorten kann.

Zuerst einmal ist das “Der islamische Weg in den Westen” von Olivier Roy, der relativ ausfuehrlich darlegt, woher die von manchem wahrgenommene Fundamentalisierung islamischer Zuwanderer kommt. Menschen, die in ein fremdes Land kommen, und mit ihrer Kultur recht alleine dastehen, finden als gemeinsamen Nenner zur umma, zusammen mit Muslimen ganz anderer Kulturkreise. Kultur und Religion werden entkoppelt, und der Islam zum gemeinsamen, identitaets- und gemeinschaftsstiftenden Merkmal.

Zusammengehoerigkeitsgefuehl anhand einzelner gemeinsamer Merkmale ist an sich nichts neues. Aus Bayern, Friesen, Berliner und vielleicht sogar Oesterreichern werden irgendwie “Deutsche” (oder zumindest “Deutsch sprechende”), wenn sie fern der Heimat aufeinandertreffen. Ein Kamerad (dieses Wort schon!) des Cave City Fire Department hat mir damals einen blumigen Kommentar ueber die “Brotherhood of firemen all over the world” ins Reiseblog geschrieben.

Die Frage ist also, warum gerade islamische Einwanderer Parolen wie die Sarrazins und Koenigs hervorrufen. Koenig wird nicht muede, den Islam als politische Bewegung mit Allmachtsanspruch darzustellen, und auch die Keule vom islamistischen Terroristen, der gegen den Westen ankaempft, wird oft geschwungen.

Einen Realitaetscheck vermittelt “Was Terroristen wollen” von Louise Richardson, die Punkt fuer Punkt aufschluesselt, welche Faktoren dazu fuehren, dass selbst Kinder reicher Familien zu Bombenattentaetern werden. Spoiler: Gesellschaftliche bzw. kulturelle Entwurzelung, eine klare Abgrenzung zum Gegner, eine charismatische Fuehrungspersoenlichkeit und eine rechtfertigende Ideologie sind wichtige Eckpfeiler. Das kann man nun zwar ganz klar auf Religionen ummuenzen (und das geschieht ja tatsaechlich), Religionen sind jedoch immer nur Rechtfertigungsgrund, nicht ursaechliche Ausloeser. Oder, wie Franz Radermacher einmal in einem Vortrag sagte, wenn sich in Nordirland Katholiken und Protestanten die Koepfe einschlagen, hier an der Bayerisch-Wuerttembergischen Grenze aber nicht, muss die Ursache woanders liegen.

Das Buch schien mir stellenweise etwas holprig uebersetzt, das englische Original kostet aber auch mehr als doppelt so viel.

Der Tuerkei hat sich Koenig auch gewidmet. Naja. An der Oberflaeche gekratzt. Tiefergreifend und trotzdem leicht verstaendlich gibt es das fuer wenig Geld auf 128 Seiten von der bpb.

Last, but not least, hat sich die tagesschau-Redaktion ein Lob fuer dieses kleine Dossier verdient, das inhaltlich auf Sarazzins Behauptungen eingeht.

Wir schliessen mit Pispers. Weil’s passt.

Streuschuss

Dienstag, 24. August 2010

Gesichtspalmenmoment des Tages: Die monatliche Pressemitteilung von “Schwaebische Alb Tourismus” (Agovis wie im Original), wo ich mich zusammen mit geschaetzt 200 anderen Adressaten im Klartext im To-Feld befinde — und da muss ich jetzt einfach mal auszugsweise die Domain Parts zitieren:

eur.army.mil
austria.info
frankenpost.de
neue-oz.de
darmstaedter-echo.de
mopo.de
ksta.de
dpa.com
adac-reisen.de
mdr.de

Falls also jemand einen Mailverteiler fuer so ziemlich alle Reiseredaktionen Deutschlands braucht… m(

Rundumschlag

Dienstag, 24. August 2010

Links. Einfach nur Links. Alle ansehenswert.

Gute Nacht!

Oh Hai, I’m in ur privaxy, creating lickwid feedback!

Montag, 23. August 2010

Ich hatte neulich die Aufgabe, jemandem das aktuelle Problem der Piraten mit LQFB zu erklaeren. Im Endeffekt kam dabei eine Parabel heraus, ueber die ich dann kindisch lachen musste, weil sie bildlich vorgestellt einfach famos ist:

Man stelle sich die — sehr heterogene — Gruppe der Piraten vor, die vor dem Bollwerk der privaten Daten steht, um sie gegen boese Eindringlinge zu verteidigen. Einer Teilgruppe ist langweilig, sie hat eine clevere Idee fuer mehr Mitbestimmung in der Politik und zieht durch die Gassen, um geeignete Wege dafuer zu finden — um dann irgendwann ueber die Transparenzgasse am Seiteneingang der persoenlichen Daten zu landen und etwas in der Art von “Junge, das waer ja ein Ding” zu rufen.

Dementsprechend kann man sich dann auch die Irritiation der Privacy-Verfechter vorstellen, als auf einmal hinter ihnen die Fenster aufgehen und die LQFB-Vorreiter strahlend herauswinken.

Kleiner Einwurf in Sachen Netzneutralitaet

Samstag, 21. August 2010

Was mir gerade zu der Debatte eingefallen ist: Ist die “vollkommene Neutralitaet” in Telekommunikationsnetzen ueberhaupt Status Quo?

Ich meine mich zu erinnern, dass mein Kreisbrandinspektor mir einmal erzaehlt hat, dass seinem Mobilfunkanschluss in Ueberlastsituationen bevorzugt eine Leitung zugewiesen werde — begruendet damit, dass besondere Fuehrungskraefte im Katastrophenschutz im K-Fall auch bei ueberlastetem Netz noch eine Chance zur Kommunikation per GSM haben sollen.

Der Umstand, dass auch er manchmal kein Freizeichen bekommt, relativiert die Vorstellung fuer mich ein wenig. Aber so bedingungslos war die Gleichbehandlung wohl dann doch nicht.

(Ich vermute, hier gerade Aepfel mit Birnen zu vergleichen)

Ende der Sympathiestrecke

Donnerstag, 19. August 2010

Ueber den schwaebischen Aufstand gegen das Prestigeprojekt Stuttgart 21 gibt es im Netz viel zu lesen — beispielhaft der Artikel der SZ, der wunderbar aufzeigt, warum hier auf einmal eine Masse zutiefst buergerlicher Schwaben zum ersten Mal an Sitzstreiks teilnimmt.

Bislang hatte ich die ganze Protestwelle nur am Rande verfolgt — dass man nun auch in Ulm Mobilisierungsaufrufe findet, finde ich dann aber doch interessant. Bleiben wir gespannt, was da noch kommt.

Ulm goes Freiheit statt Angst 2010

Mittwoch, 18. August 2010

Ich liebe es, wenn irgendetwas trotz Chaosorganisation wie von selber laeuft. Die Mensa der uulm wird seit gestern beflyert, und heute hingen auch Plakate fuer die Freiheit statt Angst 2010 zwischen O27 und M27.

Bleibt also, nochmal im Netz aufzurufen: Fahrt hin, bastelt euch schoene Transparente — und wenn ihr nicht teilnehmen koennt, verbreitet die Kunde, haengt Plakate auf oder spart euch einen Fuenfer vom Munde ab. Ich wurde ausserdem von den Ueberresten der Ulmer AK-Vorrat-OG mit mehr Flyern als noetig ausgestattet, d.h. wer hier noch Bedarf hat, kann gerne etwas abhaben.

Zugegeben, die Logistik nach Berlin kann “mal eben” fuer eine Demo zum Problem werden. Claus’ Auto scheint mittlerweile gut gefuellt, es gibt aber noch weitere Interessenten — unter Umstaenden wird es die Tage noch eine “offizielle” Mitfahrkoordination geben, bis dahin nehme ich aber gerne Fahrangebote und -gesuche von/bis Ulm in den Kommentaren entgegen.

Und wer mehr als nur den Samstag in Berlin verbringen will, sei beispielhaft auf das Symposium “Verbotene Filme” verwiesen — oder auf die droelf Millionen anderer Dinge, die man an einem Wochenende in Berlin so anstellen kann.